Celle / 2020

Hannover Hauptbahnhof Hangout. Auf dem Weg nach Celle sammle ich Eindrücke.

Ich finde es immer angenehm, wenn Menschen nach nichts oder zumindest nach wenig riechen. Auf der Zugfahrt fällt mir wieder auf, warum das bei mir so ist. Männer mockern gerne schweißig. Dieser Moschusdunst. Nasenpieken. Flachatmen. Zu nachlässig geduscht. Oder gar nicht. Unterhemd von gestern nochmal angezogen. Unterbuxe. Die Socken. Immer noch zu oft zu den Sandalen. Frauen mockern gerne nach Parfumtümpel. Tränentreibend. Toxisch. Dicht. Weil das viele, das sie auftun, immer zu viel ist. Beide Sorten Müffler sind schlimm. Und beide Außerarten saßen mit mir im Abteil nach Hannover.

Weit vorne und damit beispielgebend finde ich auch in dieser Hinsicht wieder polnische Frauen. Im Querschnitt betrachtet, sicher, aber doch merkbar. Sie riechen gerne nur ganz leicht nach Seife. Ganz ganz leicht, Sie nehmen es kaum wahr, es riecht nach einer ganz normalen Handwaschseife. Die am Stück. Ohne alles. Ganz leicht. Das zu empfinden, wenn eine an Ihnen vorbeiläuft, ist angenehm, zumindest wenn Sie Deutschland sozialisiert hat. Düfte sind hier so selten dezent.

Im Abteil des Zuges vorhin habe ich exakt eine Minute lang einer Frau dabei zugeschaut, wie sie genüsslich in der Nase bohrte. Sie tat es mit einer Leidenschaft, die ich anerkennen muss. Etwas schien sich weit oben verhakt zu haben in der kleinen Nase. Sie versuchte es mit dem kleinen Finger statt des Zeigefingers. Mit dem kommt sie da tiefer rein. Hin. Her. Dann dockte der Fingernagel an das Stück. Kurze Kreisbewegung und sie hatte es. Am Nagel hängen. Da schaute sie zu mir. Ich strahlte sie an. Und sie strahlte zurück. Ja wer bin ich denn? Kein besserer Mensch. Ich pople doch auch, wenn auch nicht an Orten, an denen mir jemand dabei fasziniert wie ich es war zuschauen kann.

Sie denken, Sie haben Probleme? Haben Sie nicht. Der Typ, der mir in der Hannoveraner Hauptbahnhofhalle an Krücken entgegengehumpelt kommt, hat Probleme. Hals unnatürlich verdreht, eine Gesichtshälfte gelähmt, Matschauge, Bein steif. Sie haben keine Probleme. Ich habe auch keine. Ich beschwere mich, dass sie in der Hannoveraner DB Lounge, in der ich die eine Stunde bis zum Umsteigen überbrücken muss, nur Cola Light und nicht Cola Zero haben. Wir haben keine Probleme. Man nennt uns auch Ersteweltwichser. Luxusmimimihonkis. Weil das, was wir Probleme nennen, vollkommen egal ist.

Das Internet in der DB Lounge ist lahm. Und ich nehme das hin. Weil hier Deutschland ist. Und in Deutschland ist das Internet immer lahm. Wäre ich irgendein Travelpussyreiseführer, würde ich das als Warnhinweis für Touristen da reinschreiben. Achtung. Hannover. Internet lahm. Achtung. München. Internet lahm. Düsseldorf. Bamberg. Prora auf Rügen. Achtung, Internet lahm. Sie warnen ja auch vor der Regenzeit in Mali, die von Juni bis September dauert. Und an der kann auch keiner was machen. Die Regenzeit muss man auch hinnehnen.

Eine kurze Durchsage der Deutschen Bahn lässt mich lange schmunzeln: „Meine Damen und Herren, beachten Sie bitte EC Nummer 27317 von Wumpe nach Celle – heute circa 15 Minuten später. Grund dafür ist eine Verspätung im Ausland.“ Und wie klein und erbärmlich diese Erklärung wirkt. Zum Glück ist die Deutsche Bahn die pünktlichste aller pünktlichen Bahnen dieser Welt und kann aus ihrer Position heraus ganz locker und bequem auf das ständig verspätete Ausland verweisen. Weiß ganz Europa. Und wenn hier in Deutschland Verspätung ist, dann ist es das Ausland, das uns schon wieder mutwillig ausbremst. Wahrscheinlich die Schweiz. Oder Österreich.

Die Felder in Niedersachsen, durch die ich mit der S-Bahn fahre, sind noch deutscher als Deutschland. Ich habe kein Internet. Null Empfang. Nicht mal Edge. Oft nicht mal an den kleinen Bahnhöfen der kleinen Städte, deren Namen ich sofort vergesse, wenn das Signal zum Türenschließen tönt.

Als ich in Celle ankomme ist es dunkel. Weil der ICE aus Berlin Verspätung hatte. Ewig sinnlos in Spandau rumstand. Und sie die Hälfte des Zuges gestrichen haben. Was Chaos allerseits auslöste. Und weil ich zu spät nach Hannover kam, durfte ich achthundert Stunden lang S-Bahn über niedersächsische Felder fahren. Lehrte. Burgdorf. Ehlershausen. Celle. Ich bitte um ein Messer. Ich möchte mir Schmerzen zufügen, weil ich hier sein muss in dieser Leere. Lehrte. Öde. Nach Celle gibt es von Berlin aus keine Flugverbindung. Das prangere ich an.

Und da bin ich nun. Tot, töter, Celle. So ein Kundenbesuch in einer Kleinstadt in der niedersächsischen Provinz klingt nach Strafe. Disziplinierungsmaßnahme. Wer hat was ausgefressen? Zu viele Spesen verballert. Die Vorzimmerkraft vom Vorstand geschwängert. Den AMG gegen die Laterne gefahren. Ja? Wer ist der Delinquent? Bitte ab nach Celle. Celle klingt schon wie Knast. Knastcelle. Ich wusste bisher nicht, welche Städte es in Niedersachsen noch gibt außer Hannover und Hannover ist schon schlimm, so als Stadt. Würde ein Muster gesucht für eine schlimme, mit Nachkriegsbauten, Beton, Grind und vor allem mit Taubenkot zugeschissene Stadt, dann muss es Hannover werden. Hätte ich in Hannover aufwachsen müssen, hätte ich mich selbst in der Leine ertränkt, wegen, weil, nun, Hannover halt. Die Stadt war nur einmal cool, wirklich nur einmal, das war 1995.

Celle. Spielhallen. Grill- und Pfannenhaus. Eine Sparkasse. Ein Billardcafé mit dem Namen „Interpool“ (haha). Ich hänge in Celle nicht tot über dem Zaun, sondern hirntot in einem traurigen Hotel am Arsch des Dorfes. Es ist 22 Uhr. An einem Wochentag. Es gibt hier draußen kein Bier. Nix. Kein einziges Bier ist hier mehr zu erwerben. Ich setze mich in meiner Verzweiflung mit Mütze, Schal und der Notreserve Gras, die ich für solche Fälle, in denen kein Ausweg erscheint, im Kosmetiktäschchen vorhalte, an den blöden kleinen Fluss, den sie hier haben. Doch mir wird nur kalt und ich gehe schlafen.

Am nächsten Tag werde ich sehen, dass Celle tatsächlich eine schmucke Altstadt hat. Voller Pizzerien. Einen französischen Garten. Schlosspark. Alles schön. Aber egal. Schönheit ist langweilig. Schöne Dinge interessieren kein Schwein. Ich finde schöne Dinge meistens ätzend. Quasi zu schön um sie zu mögen. Schöne Altstädte zu beschreiben spielt in der Liga von Bloggern, die Blumenbeete fotografieren. Oder neu abgeschliffenen Stuck. Gemälde. Silberkannen. Bergpanoramen. Ich mag den Verfall lieber. Deswegen gefällt mir irgendwie auch mein Hotel. Und der grindige Celler Vorort, in dem es steht.

Sie haben hier eine Straße mit dem Namen Bullenberg. Leider ist in dort keine Polizeidienststelle beheimatet. Das hätte feinen Humor bewiesen. Wäre ich Polizeipräsident, hätte ich genau das forciert. Einfach so. Weil es so schön dope wäre.

Auf einer Kreuzung steht ein dicker fetter BMW verkeilt herum und kommt nicht zurecht. Es ist einer aus OHV und ich muss lachen. Ein Kennzeichen als Diagnose. Autofahren. Die aus OHV. Sie können es nicht. Nirgendwo.

Celle hat einen Arno-Schmidt-Platz. Ich habe Arno Schmidt nie verstanden, musste ihn aber im Deutschunterricht interpretieren. Besser als die Note 4 wurde es nie. Aber der von allen Dingen des Lebens und vor allem von seinen Schülern desillusionierte Menschenhasser von Deutschlehrer hatte sichtbar Spaß. Grüße an dieser Stelle. Ins Grab. In dem du vermutlich inzwischen den Dünger statt den Zuchtmeister mimst.

Der Termin, den sie mir für die Celler Geldscheißer reingedrückt haben, ist fade. Fade wie die Stadt. Fade wie das Wetter. Fade wie die Deutsche Bahn. Fade wie etwas fade sein kann. Ich habe mir wieder zwei Tage Deutschlandunterwegs um die Ohren gehauen wegen drei Stunden stumpfem Reden über die Nichtigkeiten, aus denen solche Reisen immer bestehen. Das Menscheln. Beschnuppern. Entlausen. Kumpelheucheln. Zähne zeigen. Jovial sein. Den spielen, der ich auf keinen Fall bin.

Seit dieser Klimascheiße soll ich weniger Auto fahren, sagen die sadistischen Reisebuchungstratschen aus dem Borgwürfel, dem klügsten aller schönsten Arbeitsplätze dieser Erde. Also bin ich jetzt immer öfter noch länger unterwegs als sonst. Zu oft mit der großartigsten aller Deutschen Bahnen. Zwei Tage im beruflichen Zeitfresserorkus für drei Stunden Hirntodgerede. Blubb. Weg. Verbrannt. Verbraten. Verbraucht. Tick Tack. Verschwende dein Leben, haben Jugendapologeten früher mal getönt, und ich habe es mir anders vorgestellt.

Ich wollte gar nie so werden. So … nie da. So viel unterwegs. Westdeutschland. Norddeutschland. Süddeutschland. Seelenlose Hotelzimmer. Einsame Biere an den Hotelbars. Mit müden Augen in Kleinstadtkneipen. Restaurants. Oder schmierigen Imbissen, die als letzte der Art um 23 Uhr noch etwas Zusammengekratztes zu Essen aufbieten. Hotel nach Hotel. Rezeptionszettel ausfüllen. Reisen Sie geschäftlich? Kann das Frühstück auf die Rechnung? Sie können auch unsere Sauna nutzen. Und den Wäscheservice. Alles da. Laufband. Minibar. Der fleischfarbene Fön. Die sich gleichenden Abende mit brummender Badlüftung und den warmen Sepiafarben der immergnädigen Beleuchtung. Sonnenuntergang hinter den Bäumen der Felder. Speckige Vorhänge oder klemmende Jalousien. Escort aufs Zimmer oder Wichsen unter der Dusche, wenn ich zu müde für Gesellschaft bin. Ich wollte nie so werden. So … nie da. Mein Vater war so. Nie da. Der hat gefehlt. Wie ich meinem Kind fehle, wenn ich wieder aus dem Fenster eines Hotels auf Wiesen, Gärten, Dächer, Lüftungsrohre schaue. Dem Kind, das jetzt Herzchen über den Messenger schickt. Fotos. Mir schreibt wie die Schule war. Dass es bald Halbjahreszeugnisse gibt. Schreiben muss. Nicht erzählen kann. Und mir schreibt, dass ich fehle. Der Papa. Der fehlt. Wieder. Denn ich bin es inzwischen, der das mit dem Nichtdasein macht und dem es nicht gelingt, das zu steuern.

Alles das für das. Was ich immer mache, wenn ich unterwegs bin. Das Blödsinnerzählen. Das Händeschütteln. Jovial sein. Immer der sein, der ich sein soll. Das kann ich. Ich kann Ihnen vorgaukeln, dass ich Ihr bester Kumpel bin. Sie werden mich vermutlich mögen. Die Leute mögen mich meistens. Ich bin sehr gut in der Lage, mich auf fast jeden einzustimmen. Ich fange Signale auf, ordne sie richtig zu und spiegle sie. Das führt dazu, dass die da auf der anderen Seite des Tisches mich mögen. Und wenn sie mich mögen, macht sie das aufgeschlossen. Zugänglich für das was ich will. Und dafür bekomme ich Geld. Viel mehr als würde ich in Berlin am Telefon Scheiße erzählen. Ich bekomme Geld für Hamburg. Für Bochum. Augsburg. Dresden. Saarbrücken. Stuttgart. Rostock. Bremen. Und immer wieder Frankfurt Frankfurt Frankfurt. Ich spiele gut den, der ich sein soll. Ich kann diese versteckten Wünsche, die Menschen so haben (Anerkennung, Kumpanei, Verständnis, stärkeres Selbstvertrauen, das Bedürfnis nach Sicherheit, die starke Schulter, einfach nur ein Ohr), sehr schnell erfassen und bedienen. Ich bin alles und oft ganz anders als noch eine Woche vorher in einer anderen Stadt. Jovial. Hart. Verständnisvoll. Kumpelig. Überkorrekt. Laissez-faire. Best Buddy. Oder irgendetwas anderes. Ich stelle mich in Sekunden auch auf Sie ein. Versprochen. Und Sie merken normalerweise nicht, dass Sie mir vollkommen egal sind. So wie ich Ihnen vollkommen egal bin, ich weiß das ja, ich spiele das Spiel seit vielen Jahren und bin immer noch da.

Manchmal mache ich es zu gut. Dann nehmen meine Gegenüber die Dinge, die ich gebe, zu ernst und melden sich für Berlin an. Wollen vorbeikommen. Denken, ich sei jetzt ihr echter Kumpel. Best Buddys. Einer, der versteht. Es sind einsame Atome, die mit Einsamkeit nicht zurecht kommen und sich immer irgendwo, an jemandem, festklammern müssen. An Frauen. An Leuten wie mir. Oder herkömmlichen Strichern. Wenn sie das tun, muss ich zusehen, dass ich aus der Nummer rauskomme. Weil ich das alles doch nur gespielt habe und nicht mit dem einsamen Geldanleger Hans-Werner aus Düsseldorf, Hannover-City oder Sindelfingen, Herne, Mühlheim an der Ruhr oder Chisibubikaio an der Theke irgendeiner Pinte landen und mir seine weinerlichen Geschichten aus seinem fahrlässig gegen die Wand gefahrenen Leben anhören möchte. Frau weg. Kind weg. Kollegenschweine. Ach nein, ach nein, Termine Termine Termine, ach die Zeit, die ich nicht habe. Sage ich dann, wenn mir einer zu nahe kommen will. Ich bin quasi nie da. Und das ist alles gelogen. Denn ich möchte niemanden von diesem Vormittag in Celle später auf meinem Sofa zuhause sitzen haben. Ich möchte auch niemanden von den Dresdner Vormittagen dort sitzen haben. Oder den Münchener. Bottroper. Kasseler. Was ich da mache ist nur der Job. Damit verdiene ich den Gruyère für das Abendbrot. Hände schütteln. Scheiße labern. Kumpel sein. Jemanden darstellen, der ich gar nicht bin. Was immer noch besser ist als Callcenter. Oder Versicherungen verscheuern.

Aber eine schöne Luft haben sie hier. Celle. Dorf. Besser als Berlin. Berlin stinkt. Und schöne Laufrunden können Sie hier machen. Go for it. Feldwege. Schotterwege. Winzige Dörfer ohne Menschen. Alles da. Außer Autos. Dafür Hunde. Ohne die geht es nicht. Und da steht schon einer. Sieht den Läufer. Nimmt Witterung auf. Ich sehe die Bastardbrut sogar grinsen. Und dann kommt er gerannt. Irgendeine Frau brüllt irgendwas, aber der Hund hört natürlich nicht, weil er grottig erzogen ist. Mir bleiben keine Möglichkeiten, ich muss stehenbleiben, abwarten, als was der Köter mich sieht. Das können zwei Dinge sein. Beute oder Spielkamerad. Bin ich Spielkamerad, springt er nur an mir hoch, macht mich dreckig und nervt mich ohne Ende. Bin ich Beute ist es schlecht. Dann muss ich hoffen, dass er mich nur stellt und nicht beißt wie die Dogge vor ein paar Jahren, die mir bei meiner Laufrunde von hinten springend in den Unterarm biss, worauf der Besitzer zu Protokoll gab, dass das ja meine Schuld sei, weil ich ja bei meiner Lauferei so mit dem Arm gewackelt habe und dies provoziere so einen Hund nun mal. Müsse ich wissen. Und abstellen. Dann passiere das auch nicht mehr.

Alter Schuh. Scheiß Schuh. Der Himmel klart früh auf nach dem kalten Provinznachtregen und ich unterhalte mich beim Frühstück mit einer gutaussehenden Rothaarigen über, egal, Kaffee, Frühstücksbuffets, das Unterwegssein in fremden Städten, die guten dampfenden Brötchen, die sie hier haben, und freue mich, dass sie mich das ganze Gespräch über anstrahlt. Später werde ich im Spiegel sehen, dass mir ein feierliches Stück Blauschimmelkäse im Bart hängt, das aussieht wie Rotze. Hallo Welt, hier bin ich, als Erheiterung und sicher eine dankbare Anekdote für Teeküchengespräche.

Gegessen? In Celle? Habe ich einen grässlichen Döner irgendwo am Bahnhof. Vergessen wir den. Kein Gastrotipp heute. Bedaure. Ernstlich.

Doch, das war Celle. Mehr war nicht.