Gedankensudelei 01/20

Um den Jahreswechsel herum hat der sich selbst in die Überflüssigkeit sendende öffentlich-rechtliche Rundfunk endgültig jede Contenance verloren und mit dem Eigentor der umweltfickenden Omasau sein letztes verbliebenes Klientel (wenn man bündnisgrüne Mandats- und Hoffnungsträger mal beiseite lässt) verprellt. Schauen Sie zu den Ablegern ins Internet, direkt zum WDR oder hören Deutschlandfunk, dann scheint immer öfter durch: Alt ist scheiße. Weiß ist scheiße. Mann ist scheiße. Wenn ich das richtig verstehe, senden die Identitären jetzt umlagefinanziert.

Was keiner mehr begreift ist, dass sich die elementare Konfliktlinie immer noch dort befindet, wo sie sich immer befunden hat: Zwischen oben und unten und nicht zwischen Alt, Jung, Braun, Gelb, Weiß, Mann, Frau, schwul, unschwul, Bigosz, Döner oder Kartoffeln. Die grünwählende Biopastinake mit den peruanischen Naturfliesen da oben in ihrem für die flockige halbe Million ausgebauten Dachgeschoss, für das zwei Wohnungen zusammengelegt wurden, während unten der letzte Mieter im Block aus seinem 60qm-Loch raussaniert wird, ist gar nicht der Freund. Irren Sie sich da mal nicht. Die Biopastinake sitzt jetzt da oben. Beim Geld. Bei der Medienmacht. In den Gremien. Und scheißt nach unten. Wie sie immer nach unten scheißen. Von da oben. Was eine unmoderne, aber immergültige Binse ist. Die nur keiner mehr kennt. Denn das Land ist zu borniert und braucht immer Backpfeifengesichter, auf die es eintreten kann. Und wenn es nur online ist. Oder auf einer Frequenz, der keiner mehr zuhört, außer wenn sie sich gegenüber denen daneben benimmt, von denen sie so selbstverständlich die Gebühren für ihren Kuchen einfordert.

Etwas stört mich am Zeitgeist im Moment. Wir lernen derzeit wieder durch ständige Wiederholung, dass die Identität bestimmt, ob jemand etwas sagen darf oder ob er besser niedergebrüllt wird. Dass es darauf ankommt, wer in welcher genetischen Schublade sitzt, wonach sich in der Folge bestimmt, ob es zählt, was gesagt wird. Oder es wird postuliert, dass jemand einfach nur zu alt ist, um mitreden zu dürfen. War mal überwunden. Das Skalieren von Wertigkeit nach Identität. Und einmal nicht aufgepasst ist alles wieder da. Das Abschätzige. Das Kategorisieren. Demütigen. Und Aussortieren. Aus einer mich überraschenden Ecke, die ich mal für aufgeklärt und progressiv hielt. Doch das gilt nicht mehr. Alt. Weiß. Oder Mann. Sie halten jetzt besser die Backen. Zu allem. Denn selbst als Wartender im Vorraum vom Weddinger Jobcenter, auf dem Sie sich monatlich die Stütze abholen, oder bei dem Wetter draußen in einem keimigen Zelt unter der S-Bahn-Unterführung in der Straße der Pariser Kommune sind Sie im Zweifel immer noch zu privilegiert.

Was noch? Hier: Rechts dreht frei, weil Sachsens Justizministerin früher mal in einer Punkband Bass gespielt hat. Eine ehemalige Bassistin also. An dem für eine Punkband unbedeutendsten Instrument. Ich bin nicht beeindruckt. Sie würden mich beeindrucken, würden sie Dirk Jora zum Innenminister machen. Aber deshalb so ein Rad am Drehen? Kräh Kräh? Eine Justizministerin am Bass? Langweilig.

Musikfrage: Gibt es da draußen eigentlich noch irgendwen, der wie ich bei einbrechender Dunkelheit stumm zu einer Flasche Rotwein das gesamte Album von Tom Schilling durchhören würde? Wahrscheinlich nicht. So etwas fällt wieder nur mir ein. Außerdem finden Sie sowieso niemanden, mit dem Sie bei Musik zusammen schweigen können, weil die, die das mögen, wie ich alleine irgendwo hocken und Tom Schilling hören. Statt Menschen. Wir Atome.

Woar. Dudelsack. Irgendein Affe spielt in meinem Block Dudelsack bei offenem Fenster. Ich habe hier echt alles inzwischen. Schlagzeugkinder. Geigenkinder. Trompetenzwerge. Fucking Flöten. Sogar einen verschissenen Chor. Und keiner kann es. Prenzlauer Bergs musikalische Erziehung ist Folter. Und die Eltern sind früherziehungstechnische Amokläufer.

Und überhaupt Scheißmusik. Überall im Bezirk hängen Plakate an den Stromkästen von einem Typen mit YouTube-Link und was mache ich? Ich klicke da drauf. Und Sie jetzt auch. Selber schuld. Wenn Sie wissen wollen, was wir hier im superfancy Berlin den ganzen Tag für Kacke produzieren: Bitte sehr. Das. Warum? Weil wir Berlin sind. Und nein, wir wissen auch nicht was das soll. Aber wir wollen Geld dafür.

Radfahrer (auf Berlindeppenhonkdeutsch: Radfahrende) können jetzt auch kein Rechts vor Links mehr, das bedeutet, Sie müssen in einer 30er-Zone nicht nur nach rechts schauen, sondern auch nach links für den Fall, dass Ihnen wie mir unterwegs mit dem Auto eine Frau auf ihrem Lastenfahrrad die Vorfahrt nimmt und Sie anschreit, wie Sie dazu kommen, sie zum Ausweichen zu nötigen. Es stimmt einfach immer wieder, an jeder Ecke, von jeder Wand, von Straße zu Straße und Bezirk zu Bezirk: Berlin ist eine außergewöhnlich gestörte Stadt mit enorm vielen gestörten Menschen.

Ich war mit einem Kumpel und ein paar anderen Gestalten Pizza essen. Was immer öfter passiert ist, dass mitten im Essen irgendjemand reinkommt und Ihnen die Ohren volldudelt. Mit Handzuginstrument. Banjo. Zimbel. Tröte. Was nervt. Schon in der U-Bahn jeden Tag und erst recht beim Essen. Aber natürlich schmeiße auch ich was in den Hut. Wie alle. Ich bin ja höflich. Deppen wie ich sind der Grund, warum die Musikzimbler damit immer weiter machen.

Der einzige im Saal, der bei dem Idiotenmelken nicht mitmacht, ist mein Kumpel, nennen wir ihn Fred. Fred schüttelt den Kopf, als ihm der Hut unter die Nase gehalten wird. „Hat nicht gefallen?“ wird insistiert. „Nein“, sagt Fred. „Hat mir nicht gefallen.“ Und der Zimbeltrötentyp zieht angesäuert ab, wonach die Frauen am Tisch damit beginnen, Fred zu bearbeiten. Das kannst du doch nicht sagen. Das geht doch nicht. Der hat sich doch Mühe gegeben. Was hast du denn für ein Problem? Doch Fred sagt nur stumpf noch einmal: „Hat mir nicht gefallen.“

Was ich mitnehme: Seien Sie mehr wie Fred. Ich werde wieder mehr wie Fred sein. Ich habe mich zu sehr vom allgemeinen Gesellschaftsweichgespüle anstecken lassen, vom Zeitgeist, in dem nie mehr irgendwer irgendwem die schonunglose Wahrheit sagen darf. Weil man das nicht macht. Weil das nicht mehr geht. Die Musik war scheiße. Hat genervt. Trotzdem geht der Typ mit locker einem Zwanziger für die zehn Minuten Zimbel Zimbel hier raus, weil alle abdrücken. Alle außer Fred. Der auch Leuten abzunehmen empfiehlt, wenn sie partytönen, dass sie sich fett fühlen. Der die drei wahren Dinge sagt: Weniger fressen. Mehr bewegen. Aufhören zu jammern.

Ich mag Fred. Fred ist Personaler. Und Fred hat Berliner Nixblickerabiturienten vor sich, denen weichgespülte Kuschelkekslehrer ein ganzes Leben lang erzählt haben, dass sie großartig sind. Egal welche Noten sie haben. Sofern sie überhaupt Noten haben. Und dass sie auch dann noch großartig sind, wenn sie nur ein trauriges Berliner Bretterabitur haben, über das sich Personaler aus dem ganzen Bundesgebiet den Arsch weglachen, wenn sie mal einen von den ungebildeten Supernulpen zu einem Vorstellungsgespräch einladen, um festzustellen, dass er selbst einem Brandenburger Mittelstufenabsolventen keinen Teelöffel hoch das Wasser reichen kann. Aber hey, Bussibärchen, wir sind hier alle supi. Wir sind alle total toll. Bis wir mit dem Kopf auf der Gehwegplatte aufschlagen, weil wir denken, dass wir fliegen können, so wie es uns die Empowermentaktivisten in den runtergerockten Berliner Schulen immer erzählt haben.

Soweit mein Berlin. Das alles führt zu nix. Denn wenn alle dem, der in der Pizzeria mit seiner Tröte schief rumtrötet, sagen, dass er ganz toll war, obwohl er gar nicht toll ist, glaubt der am Schluss selber noch, dass er ganz toll ist und kommt immer wieder und immer öfter und bringt auch noch seinen schief zimbelnden Kumpel mit und den Schwippschwager mit der Geige, der es auch nicht kann, und am Schluss wird in jeder Pizzeria alle zwanzig Minuten von verschiedenen Leuten schief getrötet, gegeigt und gezimbelt, weil es sich lohnt, obwohl es nervt, so dass ich mir die Pizza irgendwann besser mit nach Hause nehme, weil das der einzige Ort geworden ist, an dem ganz sicher keiner schief trötet, geigt oder zimbelt.

Was noch? Kloppicontent. Mit Icke. Ich habe Ada beim Warten auf die U2 aus Langeweile mit meiner tränenschwarzen seelischen Schlagseite gefüttert. Fucking Ada antwortete mir mit der Empfehlung, dringend Hilfe aufzusuchen und listete mir unter der Telefonnummer der Seelsorge fürsorglich Links zum Thema Suizidprävention auf. Leider brauchte die U-Bahn, vor die ich springen wollte, hauptsächlich, um mir nie wieder windschiefe Tröten, Geigen und Zimbeln zu meiner Pizza anhören zu müssen, noch fünf lange Minuten, in denen mich Videos von lustig fickenden Erdmännchen stabilisieren konnten. Erdmännchen sind super. Wäre ich Ada, würde ich den von mir Suizidgefahrdiagnostizierten Videos von fickenden Erdmännchen einblenden. Dann gäbe es weniger Störungen im Betriebsablauf.

Ich habe den ersten Blog wiedergefunden, den ich jemals las. Das war vor, keine Ahnung, 2009 oder so. Hier: Der Typ mit der Raucherecke. Schön, dass der noch da ist. Der hat mich quasi repolitisiert damals, als ich nur Koks, E, Nutten, Speed, Saufen und Mülleimer aus der Verankerung treten im Kopf hatte. Naja, ein wenig repolitisiert zumindest. Vorübergehend. Denn Politik nervt inzwischen nur noch. Sehr inzwischen. Siehe oben. Ich habe ein Politikoverload in my brain. Kreisch. Krakeel. Panik. Ständig geht die Welt unter. Was war denn kürzlich, als dieser Trump einen iranischen General mit einer Rakete in seine Einzelteile hat zerlegen lassen? Totale Hysterie im strunzdummen Internet. Dritter Weltkrieg! Dritter Weltkrieg! DRITTER WELTKRIEG! Alarrma! Und was is‘? Nix. Läuft weiter. Alles wie immer. Ich frühstücke ein Marzipancroissant, unter meinem Fenster nölt eine Biomütter mit nasaler Leierstimme ihr Kind an und die alte Merkel regiert auch immer noch wie schon seit 800 Jahren. Dieses Geblöke immer: Nutzlos. Folgenlos. Hirnlos. Schnatter, Blök und Bla. So laut sie können. Und am Ende leben wir doch weiter.

So. Newsflash. Kommen wir zu was Wichtigem: Mein Treppenhaus stinkt immer noch nach Pisse. Da es regelmäßig gewischt wird (fuck Kehrwoche), muss jemand die Pisse in irgendeiner Ecke regelmäßig erneuern. Vermutlich die Airbnbspacken, an die bei uns im Aufgang inzwischen jeder zweite sein vollgewichstes Sofa vermietet. Möglich auch, dass die Pissecke einfach nie gewischt wird. Kann auch sein. Hätte ich einen Köter, würde ich ihn da hinkacken lassen. Warum? Keine Ahnung. Einfach so. Um die Sache zu komplettieren.

Bum Bum. Geböllert habe ich mit dem Kind zu Silvester als wäre es das letzte Mal. Wird es voraussichtlich auch sein. Denn die Staatsorgane bereiten wieder den Boden für das was sie planen. Bum Bum Bum schade drum. Ich weiß nicht, ob es diese Reihenfolge sein wird, aber nach dem Böllerbann werden sie das Tempolimit auf Autobahnen vorbereiten. Die 2 Euro den Liter Benzin. Citymaut. Fleischsteuer. Sperrstunde. Gegängel folgt Gegängel, weil sie so gerne gängeln. Bis wir alle endlich befriedet bei veganen Schnittchen vor dem Fernseher sitzen, aus dem Annalena die Flugscham predigt, einen Smoothie statt Whisky trinken und uns freuen, dass es so schön ruhig geworden ist in unserem Sonnenblümchenbiedermeier. Und dann werden sie gewonnen haben, die hässlichen Brot-statt-Böller-Birkenstocklehrerspacken, die ich in der Schule so gehasst habe. Zirp Zirp. Zwitscher.

Das natürlich ebenso gerne böllernde Kind und ich sind zu Silvester aus Prenzlauer Berg emigriert, weil hier bei den Scheiß Ökos keiner mehr böllert, sondern alle nur blöd kucken mit ihren bräsigen Dreckswunderkerzen in der Hand. Wir gingen nach Tempelhof. Zu den Türken. Die böllern so gerne wie wir. Ich würde zehn von meinen superwoken feinstaubhysterischen Prenzlmüttern sofort gegen einen Türken mit Böllern tauschen. Ach was zehn, besser hundert. Tausend. Alle.

Was waren das übrigens noch für Zeiten um das Millennium herum, als die Vietnamesen bei mir im Block, die auch schon längst weggentrifiziert sind, mit einem roten Sack voller Sprengmittel einen kapitalen Straßenbaum in sein elendes Abknicken gesprengt haben. Komische Zeit jetzt. Ich komme mir so langsam vor wie der letzte Mensch auf der Erde, der versucht, möglichst niemanden mit irgendwas zu gängeln, dem aber ständig von anderen gesagt wird, was er tun soll, wie er sein soll, wie er leben soll, wie anderen ihn haben wollen. Denn auch über Messenger wurde ich aus verschiedenen Richtungen mit null lustigen Bildchen …

… zum Thema Nichtböllern zugeballert, so dass ich beschlossen habe, für jede Aufforderung zum Nichtböllern, egal woher, eine Megaböllerbatterie vom Lidl extra zu kaufen. Es wurden 16 davon (dämliche Hundebildchen zählen doppelt). Weil Ihr Eiferer einfach den Arsch offen habt. Ich kann euch nicht leiden. Keinen von euch Pfaffen. Prost Neujahr. Am Arsch die Missionierung. Boom Boom. Auf dass mein Dispo kotzt.

Einen noch: Sie mögen die Grüne Woche? Dann gehen Sie schnell nochmal hin, denn die Superaktivisten haben des Berliners Lieblingsfressmeile zum Abschuss angepeilt.

Hier, sagen Sie, suchen Sie auch eine Wohnung in Berlin und finden keine? Versteh ick nich. Beziehen Sie doch eine der vielen tausenden vom supersozialen Berliner Gendertoilettensenat neu gebauten bezahlbaren Wohnungen. Glumpf Glumpf hahaha. Ja, schlechter Scherz, ich weiß. Scherze sind Nullerjahre. Galgenhumor auch. Denn der Senat baut nicht, sondern staatsverwaltet den Bestand, woraus jeder mit klippschulvolkswirtschaftlichem Halbwissen folgern kann, dass bei stark steigender Nachfrage bei nur leicht steigendem Angebot der Preis steigt. Und wenn es nur der Preis in der zwangsläufigen Schattenwirtschaft ist. Warum sie also nicht für die breite Masse bauen, sondern nur den Bestand und dabei nicht einmal die immer noch quer durch die Stadt geschissenen Oberklasseneigentumswohnungen für hässliche Reiche regulieren, weiß kein Mensch. Gehen Sie weiter. Und scherzen bitte im Keller weiter. Zu sehen gibt es hier nix.

Oder doch. Ja. Eines wäre mir dann doch noch wichtig und es ist ausnahmsweise ganz ernst gemeint: Was bei den ganzen Diskussionen über das Berliner Mietwohnungselend nicht vergessen werden darf, ist, dass die SPD den Wohnungsmarkt der Stadt mit voller Absicht ruiniert hat. Ja, doch, es war die SPD. Nein, kein Witz. Genossenschaften privatisiert. Ganze Blöcke verkloppt oder abgerissen. Sozialen Wohnungsbau geschleift. Und Luxuseigentum über Luxuseigentum genehmigt. Es ist mir unverständlich wie man sich jetzt da oben hinstellen und immer noch so tun kann, als ginge einen das alles gar nichts an und man könne ja nichts dafür, dass wir jetzt in der Stadt Wohnungsnot und Mietmondpreise haben. Nochmal, damit das nicht vergessen wird: Es war die SPD. Mit Links. Die in den letzten knapp 20 Jahren mehrmals eruptiv und ohne Rücksichten mit dem Chlorreiniger durch Berlins Sozialgefüge gewischt haben. Das ist das Kranke an der Geschichte. Die CDU hätte sich die ganzen Sauereien, den ganzen Kahlschlag im Wohnungswesen, nicht getraut, aus Angst, dass ihnen die Stadt um die Ohren fliegt. Und deswegen ein drittes Mal: Es war die SPD. Die regiert hier seit 2001, auch wenn das keiner auf dem Schirm hat. Seit 2001. Länger sogar als die Merkel. Ohne dass sie je irgendwer abgewählt hat.

„Schade, leider dumm“ habe ich vor inzwischen knapp sechs Jahren geschrieben. Boar war das frustrierend damals. Ich bin sehr froh, dass ich keine Auszubildenden mehr einstellen muss. Denn die meisten sind immer noch so dumm, dass Sie nach einem Tag mit sechs Gesprächen in Folge jedes Mal schwer depressiv Kopf voraus vom Dach des Borgwürfels springen wollen. Das ist auf die Dauer nichts für mich. Ich bin sowieso schon latent suizidal.

Sowieso der alte Blog. Keine Ahnung, ob Sie sowas interessiert, wahrscheinlich nicht, aber ich hatte früher auch andere Blogs, darunter auch ein vergleichsweise klickträchtiges mit sehr vielen täglichen Zugriffen, für das man mir irgendwann sogar wegen Reichweite und so dauernd Geld geboten hat, um dort werben zu dürfen (worauf ich nie geantwortet habe, ich hasse Werbung, Werber sind das Letzte, ich zahle sogar Geld, damit Sie das hier werbefrei lesen können, weil Werbung Augenkrebs ist).

Als irgendwer einen Text aus diesem Ding hier, auf dem Sie gerade lesen, mal auf eine völlig unnötige 25.000 View-Hafenrunde durch Twitter genudelt hat, schrieb mir einer, der früher schon auf dem alten Ding las, dass er Zweifel hat, ob ich überhaupt ich bin oder nur ein Trittbrettfahrer auf dem alten Highway, weil sich der Mist hier teilweise ganz anders anhört als früher.

Nun habe ich gar keine Lust darauf, mich dauernd selbst zu erklären, weil ich mich dazu für bei weitem nicht wichtig genug finde, aber einmal geht vielleicht schon. Nur einmal. Warum also habe ich den alten Blog im Januar 2017 einfach so wort- und erklärungslos gekillt? Das ist gar nicht einfach zusammen zu fassen. Ich versuche es mal so: Weil ich am Ende ganz zuletzt nur noch Erwartungen erfüllt habe. Den Textautomat gab. Zu oft das schrieb was andere gerne lesen möchten. Weil ich ja inzwischen wusste, was zog. Und es auch eine Weile geil fand, die immergleichen Erregungsknöpfe zu drücken, die immer wieder so ein Ding hoch- und rundgehen ließen. Ich habe testweise sogar ganze Textbausteine variiert, einfach aus Spaß, um zu sehen, ob das jemand merkt (nein, merkt keiner), Buzzwörter, Trigger, stupide Abziehbilder immer wieder neu eingeflochten, und das Zeug wurde geklickt wie blöd, durch Facebook genudelt, Twitter, Telegram, Linklisten, klick klick klick mich fett. Trump. Charlie Hebdo. Breitscheidplatz. Uli Hoeneß. Im Kokainrausch runtergerotzte Disstracks an andere Blogger, die das nicht immer verdient hatten. Oder einfach irgendwelche Zufallsrants gegen irgendwen. Irgendwas. Scheißegal. Klick. Klick. Klick mich doch fett.

Und dann hat es ganz plötzlich nur noch genervt. Alles. Die Erwartungen. Die Stöckchen, die immer irgendwer hinhält. Das Nölen, das Nötigen und der immer irgendwie unterschwellige Zwang, Leute bedienen zu müssen. Die stupiden Bierzeltgröhler. Die Schenkelklopfer. Die bornierten Politschranzen. Wie sie mir auf den Sack gingen. Die Mahner. Ratschläger. Die-mit-dem-Jugendamt-Droher. Die Trolle. Die pikierten „Das war jetzt aber zu viel des Guten“-Leierkästen. Kommentare, Kommentare, noch mehr Kommentare. Zuschriften über Zuschriften über Zuschriften. Und dann die Typen, die komplette Texte irgendwohin kopiert und mit Werbung unterlegt haben, um ein paar Kröten mit geklauten Federn zu machen. Oder die Agendasetter, die das Zeug ungefragt und vor allem ungewollt als Kronzeugen für irgendwas vor ihren Politkarren gespannt haben. Zu viel Geschrei. Zu viel Publikum. Und zu viel Interaktion, die jeden Introvertierten schon tagsüber zu Geschäftszeiten überfordert und erst recht abends nach Feierabend, in dem ich mich ursprünglich eigentlich nur aufmerksamkeitslos schreibend selbst vor mich hin therapieren wollte. Doch das ging nicht mehr. Wegen des zu lauten Gekrähes. Der vielen Post vieler Vielschreiber. Und überhaupt zu vielen Zugriffen. Am Ende fünfstellig jeden Tag. Ich bin nicht eitel genug, um das toll zu finden. Das Tun zuletzt war nur noch unbefreiend wie Schreiben nicht sein sollte.

Beispiel? Gut. Einer der letzten Texte auf dem alten Ghul war der hier. Über den Breitscheidplatz. Nachdem mich tagelang Leute vollgenölt haben, warum ich denn nix dazu schreibe. Zum Attentat. In Berlin. Sie würden doch gerne was lesen. Weil doch jeder was schreibt. Und man könne doch nicht nichts dazu schreiben. Also habe ich das gemacht. Der Bestellautomat hat die Bestellung abgearbeitet. Irgendwas geschrieben. Mit irgendwelchen Versatzstücken. Ein paar Buzzwörtern. Bla Bla. Und zack, das Ding flog. Dabei ist das wirklich ein Scheißtext. Runtergerotzt. In der Nachschau noch blöder als damals nach dem Klick auf den Veröffentlichen-Knopf. Und dann sitzen Sie abends da, ballern sich einen an und fragen sich plötzlich, was Sie da eigentlich machen. Und für wen. Und was das noch soll.

Und dann hatte ich ganz plötzlich keinen Bock mehr. Das blöde dicke Ding mit seinem Kometenschweif aus Internetirren hinten dran musste am Schluss einfach nur noch weg und ich tat es ein paar Wochen später mit einem nach langer Zeit endlich wieder zufriedenen Grinsen bei einer Flasche Rotwein exakt am Tag von Donald Trumps Inthronisierung (auch schon wieder 3 Jahre und 5 Tage her), was mir irgendwie passend erschien, pick pock, zwei Klicks im Dashboard, eine Bestätigungsnachfrage, wollen Sie das blöde Ding wirklich löschen, echt jetzt löschen, Fragezeichen, clickelifuck und hinfort mit irgendwas um die 1.400 Texten in den Orkus, aus dem ich sie nur einen Tag später in eine Nische hochgeladen habe, um ohne Gekrähe irgendwann, wenn mir der Sinn danach wieder wachsen würde, weitermachen zu können.

Ich fand das Löschen voll gut. Und finde es immer noch. Weil das Not tat. Sein musste. Mir Freude gemacht hat. Und ich habe es ohne egomanische Verabschiedungsrede oder einen unnötigen Rundumschlag gegen irgendwen in die Tonne geklickt, mit Absicht anders, als es andere Schreiber gerne machen, die sich sonst alle Nase lang immer wieder irgendwo verabschieden und dann doch wie der Narziss, der es nicht lassen kann, irgendwo publikumswirksam und vor allem eitel wieder auftauchen. In die Kloschlange wollte ich mich nicht stellen. Weil ich selbstbefriedigende Verabschiedungsreden und bornierte Rundumschläge zum Speien finde. Weil wir am Ende wirklich alle sehr egal sind. Nicht wichtig sind. Sie nicht. Ich nicht. Niemand. Und ganz am Ende sowieso niemanden unser dummes Gewäsch am Arsch juckt. Wir bewirken nichts. Niemand. Gar nichts. Und das war schon immer so. Und der Gedanke hat komischerweise etwas Befreiendes. Weil plötzlich kaum irgendwas mehr irgendeine Rolle spielt. Schon gar nicht das Internet. Das ganze Gepose. Das Krakeelen. Die Schwanzvergleiche. Und die Avatare, unter deren Bannern wir segeln.

Wenn Sie hier jetzt auch Erwartungen haben, die Sie erfüllt haben möchten, so tut mir das leid. Ich erfülle keine Erwartungen mehr, vergessen Sie das, ist mir egal, ob Ihnen das hier gefällt oder nicht gefällt oder ob das früher geileres Lametta war oder ob irgendwas jetzt mal überhaupt nicht geht oder ob Sie sich erregen oder Ihnen die Füße einschlafen oder ob Sie denken, das ich nicht ich bin, sondern jemand völlig anderes, ist mir egal, Sie müssen hier nicht lesen, wirklich nicht, ich suche immer noch keinen Fame, keine Klicks und Ihr Geld will ich auch nicht. Und ein Buch habe ich auch immer noch nicht zu verkaufen. Ich mag es, hier nur dumm meine Runden vor den zehn, fünfzehn oder keine Ahnung wie wenigen Leuten zu drehen und mit den paar von denen, die ich meine Freunde nenne, im Offside zu Wedding regelmäßig Bier zu trinken. Unbeachtet. Irrelevant. Mit viel weniger Reichweite als früher. Abseits der Hauptstraße. Sowieso auf keinen Fall im Mittelpunkt. Weil ich schon gegen Geld beruflich genug auf Bühnen und in Mittelpunkten stehe, ohne dass die Chance darauf besteht, dass ich das jemals mögen werde. So viel Rampensau muss für dieses kleine Leben reichen.

So. Gut jetzt. Es schüttelt mich nun ernsthaft. Zu lang geworden, der Kram. Diese doch eitler als beabsichtigt daherkommende Selbstreferenz. Nabelschau. Bloggeronanie. Ich geh‘ mich gleich mal duschen und schrubben bis ich in Bächen blute, aber vorher verlinke ich endlich mal wieder (und um irgendwie aus dieser schrägen Kurve rauszukommen) eines meiner Lieblingsblogs: Die Tochter des Arthurs nämlich. Besessen vom Essen. Mag ich sehr. Die Frau und den Inhalt, den sie fabriziert. Ich koche auch die meisten ihrer Dinge nach, wenn auch oft nur für mich selbst, da das Kind entweder gerade nicht da ist oder so etwas Grandioses wie Auberginen-Zitronen-Risotto nicht mag. Dafür kam Spaghetti Alfredo total gut an. Nudeln. Butter. Parmesan. Kinder eben. Da machze nix.

Zur Glotze. Auf Netflix habe ich eine Serie namens Grimm zu Ende gekuckt (die sie inzwischen abgesetzt haben). Sie haben dort ein Monster namens „Hexenbiest“, das alleine durch Willenskraft Dinge geschehen lassen kann. Motoren explodieren. Wände zerbröseln. Köpfe platzen. Geil. Kopfkino. Ich könnte mit dieser Gabe die hässlichen Berliner Fahrradfahrer von ihren Mobberböcken fallen lassen. Den ganzen Tag. Von meinem Balkon aus. Plonk. Einen nach dem anderen. Plonk Plonk Plonk. Haha. Nein. Chill. Geht ja nicht. Weil es Telekinese nicht gibt. Und das ist sehr schade. Ich hätte sicher großen Spaß damit.

Dann hat Netflix noch ein Brett veröffentlicht: Die zwei Päpste. Unerwartet intensiv, riesig gespielt, schlicht berührend. Und ich bin null religiös. Vor Lachen geplatzt bin ich bei der Szene, in der der Papst am Telefon ein Flugzeug buchen will.

„Name?“

„Bergoglio. Jorge Bergoglio.“

„Like the pope?“

„Oh … well, yes.“

„Postcode?“

„It’s Vatican City.“

„Yeah. Very funny.“

(klick)

Brüller.

Und dann war da noch The end of the fucking world. Ein gestörtes neurotisches Pärchen eiert angeekelt durch die Welt und passt nicht so richtig rein. Großartig depressiv und toll gespielt. Sie haben gute Laune? Lassen Sie das sein. Es bringt nix. So wie die beiden habe mich als Jugendlicher gefühlt. Ein Irrlicht. Deplatziert. Asynchron.

Netflix-Scheißdreck des Monats ist auf jeden Fall Wir sind die Welle. Statt Tatort: Aktivistenfernsehen jetzt nicht nur bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern neu auch beim Streamingkönig. Die ersten drei Folgen kommen je als erhobener Zeigefinger daher und sind auch noch bräsig umgesetzt. Kot statt Böller. A complete waste of time. Da kann ich ja gleich auf tagesschau.de gehen. Zum Schluss wird’s leicht besser, wenn die Gefahren des ideologieverblendeten Fanatismus herausgearbeitet werden, aber so richtig retten kann es das Werk beim besten Willen nicht. Was mir so auf den Sack geht, ist wieder diese unbedingte superdeutsche Ernsthaftigkeit. Kein Augenzwinkern. Keine Zwischentöne. Wir oder die. Sowieso die Konstellation: AfD-Polizist tritt gegen superwoke Ökojugendliche an. Platter geht kaum. Deutsche Serien kranken sowieso allzu oft an der Eindimensionalität ihrer Figuren gepaart mit dem traditionell hölzernen laienhaften Schauspiel, was mich wie immer sehr schnell anödet. Hier auch.

Ein riesengroßer Netflix-Scheißdreck ist auch 6 Underground. Sie müssen dazu wissen, dass ich Ryan Reynolds verehre. Ich würde ihm jederzeit mit meinen hochgelobten vollen Lippen einen blasen bis er in meinen Mund kommt und dann würde ich einfach weitermachen bis er noch einmal in meinen Mund kommt. Ehrlich. Und das jeden Tag, wenn er mag. Sie sehen, ich mag den Mann. Aber 6 Underground ist der totale Schrott. Eine Verschwendung. Ihm unwürdig. Nutzloser Trash.

Konzerttechnisch war ich kurz vor Silvester bei Berliner Weisse. Im Kreuzberger SO 36. Bei einer Band, die sich von allen absurden Nazivorwürfen den absurdesten eingehandelt hat. Denn da können sie FCK NZS-Shirts tragen wie sie wollen – Mök Mök Mök – aber huhu, aber hallo, aber – jetzt kommt’s – die singen auf Deutsch und haben Weisse in ihrem Namen! ElfEinsEinhundertelfAusrufezeichen! Alerta! Weisse! Da steht Weisse! Das können nur Nazis sein! Puh. Man reiche mir ein Messer zum Ritzen. Blep Blep, ich will weg aus diesem Land. Es spinnt. Dreht komplett hohl. Oder hey, hallo, ich will auch mal, gugge, wir haben in Weißensee einen See, der „Weißer See“ heißt. Völlig klarer Fall, Sherlock: Es ist ein Nazistadtteil mit einem Nazisee. Kann mal jemand eine Onlinepetition aufsetzen?

Vor mir beim Konzert stand ein Typ mit riesigen Segelohren. Und ich wollte ihm so sehr an die Ohren schnippen. Wie früher dem Andreas, der in der Schule vor mir saß. Schnipp. Klack. Und nochmal. Schnipp. Klack. Dessen unglaublich riesige Ohren flatterten immer so schön zurück, wenn ich das tat. Aber nein, ja doch, kriegen Sie sich wieder ein, wir tun das nicht mehr. Wir sind ja jetzt erwachsen. Vernünftig. Megaseriös. Trotzdem. Schnipp. Klack. Wie es mich juckt. Wie es wohl wäre? Ob seine Ohren auch so zurück flattern wie damals bei Andreas?

Und dann war ich noch bei den üblichen Verwegenen: Static Means und Fliehende Stürme. Im Potsdamer Archiv. In dem ich zuletzt als Jugendlicher Ende der 90er war. Meine Güte, es ist immer noch charmant verratzt. Stinkend. Keimig. Zugetaggt. Dichtgequarzt. Nicht mit Staatsmillionen so eklig endsaniert wie das ebenfalls Potsdamer Waschhaus, von dem aus die Bonzen aus den benachbarten Restaurants und den Cayennes im bewachten Parkhaus rüberlugen wie in ein Affengehege. Glas. Glatte Flächen. Saubere Klos. Muss die Stadt Potsdam, die Bundesrepublik Deutschland oder die EU viel Geld gekostet haben und sieht jetzt aus wie ein biederes Jugendhaus in Wanne-Eickel. Glückwunsch. Wenn Wanne-Eickel überhaupt ein Jugendhaus hat. Egal. Mein Anliegen: Bitte sanier‘ mir keiner das Archiv.

Dort nach Potsdam zu kommen war im Übrigen schwer genug, denn die Berliner Pestbahn, die den S-Bahn-Verkehr versucht zu betreiben, spulte wieder ihre größten Erfolge ab: Störungen im Betriebsablauf. Zugausfall. Eine Verspätung. Und mein Zug fuhr nur bis Babelsberg, kein Mensch weiß warum, wonach ich die restlichen drei Kilometer ein Taxi nahm. Dass die Verantwortlichen für das nie endende Nahverkehrsgewürge immer noch unser Geld einstecken als hätten sie es verdient, dabei schaffen sie es seit zehn Jahren nicht, eine S-Bahn würdevoll zu betreiben, verstehe ich nicht. Ich möchte gerne vernünftig sein, doch ich kann nicht. Ich möchte die Verantwortlichen mit Fackeln und Mistgabeln zur Stadt hinausjagen, nach Brandenburg, wo die Wölfe im Wald wohnen. Geht aber nicht, denn wir kommen mit der S-Bahn gar nicht erst so weit.

Static Means haben I consider nicht gespielt. Ich prangere das an.

Und weil das alles nicht reicht, war ich beim Emergenza-Wettbewerb für Nachwuchsbands im Nuke Club, dem alten K17, das aus mir unbekannten Gründen noch nicht von aus Bad Bevensen hergezogenen Neuanwohnern ins Jenseits geklagt wurde. Was bei solchen Vorausscheidungen von Bandwettbewerben immer das Problem ist, ist, weil es auf einem Publikumsvoting fußt, dass diejenige Band gewinnt, die am meisten Anhänger rankarrt. Mir liefen ganze Familien samt Oppa und Omma über den Weg, denen von ihren Enkeln gezeigt wurde, wie man richtig mit Smartphone abstimmt. Eine zu kleine Familie hat vermutlich die großartige Jackie Faraoui (ja, es ist RnB, ich weiß, mir egal, ich bin genrefluid), die an dem Abend völlig unverdient ausschied. Sie können die Songs der jungen Frau bei Amazon kaufen. Verlinke ich nicht, googeln Sie selbst. Oder nehmen Sie besser den Bandcamplink oben. Die sind nicht ganz so greedy wie Amazon.

Natürlich ist die Ringbahn nach den Konzerten und einigen Stunden besoffenem Tanz zu despressiver Musik auf dem ersten Floor nachts um 2, als ich nach Hause wollte, komplett zusammengebrochen. Klar. Die S-Bahn. Berlin as Berlin can. Ich musste mal wieder ein Uber nehmen. Wenn die Aktie von Uber steigt, liegt das an mir. Aufgrund der Berliner S-Bahn, die ich bezahlen muss, aber die ihren Job nicht kann.

So. Saufen war ich heuer in der Tegeler Hafenbar und habe nach einer halben Flasche Red Label mit Frauen, die bestimmt doppelt so alt waren wie ich, aber trotzdem hautenge Lederhosen tragen mussten, was mir Angst machte, zu einer Band getanzt, die auf der Bühne Britney Spears gecovert hat. Mr. Walker macht das möglich. Ich war so voll, dass ich in der S-Bahn von Tegel nach Hause doppelt gesehen habe. Vor mir sah ich zwei Arschlöcher mit plärrender Boombox sitzen, dabei war es nur eines.

Und ich war auch essen und das hier:

heimlich treu, Fusion, Mitte: Der Ottomotor der Restauranttesterblogs hat wieder etwas empfohlen. Huhu, ambitionierter Laden. Sie kommen dort im Menü mit ein wenig Wein und Limo nicht unter 200 Euro für zwei Personen weg, allerdings sind es auch 12 „Dishes“, so nennen sie ihre Portionen zum „Sharen“. Es ist ein sehr angenehmes Lokal vom Ambiente, aber als Konzept „Wir sharen die dishes“ ist doch recht aufgesetzt. Ich teile, wenn ich teilen will, was ich meistens tue, nur als vorgezeichnetes Konzept ist es dann doch eher irritierend. Für die sichtlich angestrebten Sterne wird es sowohl kulinarisch als auch servicetechnisch nicht reichen, denn für das Essen fehlt der letzte Rest Raffinesse, der einem Tim Raue zumindest von außen betrachtet mit links gelingt. Abgesehen davon entglitt den drei Frauen vom Service das nur halb besetzte Restaurant zu sehr als dass es mit der Restaurantoberklasse im Moment was werden kann. Bei dem Preisniveau, das sie hier abrufen, wird es für mich dann doch besser eher wieder Tim Raues Brasserie. Solide. Verlässlich. Immer ganz souverän an der Spitze.

papaya, thailändisch, Charlottenburg: Ich fresse mich borgwürfelauswärtsterminbedingt gerade durch die Thais der Kantstraße. Der hier ist okay, mehr nicht, und das sieht der da kaum anders. Bemerkenswerter als das mir kaum in Erinnerung bleibende Essen war, dass ich zwischen zwei sabbelnden verwachsenen Deutschen saß, die jeder gerade eine sichtbar aus dem Internet bestellte Südostasiatin ausgeführt haben. Sie machen sich keine Vorstellung. Der eine offenbar pensionierter Geschichtslehrer sabbelte er sein nicht deutsch-muttersprachiges Gegenüber mit der Geschichte der Wittgensteins, der Hohenzollern und der Rolle von Marlene Dietrich im Dritten Reich voll, der andere, so grau wie der aussieht aus einer der Senatsverwaltungsbeamtengräber, quälte seine Herzdame mit entnervenden Landschaftsbeschreibungen von seinen geschäftlichen Ostasienreisen. Ich erwog vor lauter Mitleid einen Heiratsantrag an alle beide, weil sie den beiden Sabbelbacken stumm freundlich lächelnd zuhörten, ohne sie offenbar wie ich an den Ohren zum Lokal hinaus- und in einen Bauschuttcontainer hineinzerren zu wollen. Der Fall ist klar, Watson: Zwei notgeile, aber vollkommen zurecht einsame Wichser winken mal wieder mit dem Aufenthaltstitel. Und dann gleich zwei davon. Einer links. Einer rechts. Was ist das hier für ein Lokal? Der Vorhof zur Eheanbahnung? Schickt das Vermittlungsinstitut die alle zum ersten Kennenlernen hier her? Freakig, ehrlich.

Kreuzburger, Burgerbude, Kreuzberg: Ich weiß echt nicht, warum eigentlich noch irgendwer zu McDonalds geht. Diese ganzen kleinen, oft fest aus türkischer Hand betriebenen Kleinbutzen und -ketten pulverisieren den alten Silberrücken. Gut. Natürlich gut.

Korea-Haus, koreanisch, Wedding: Das beschissenste koreanische Essen meines Lebens. Trockener verbrannter Lachs auf einem lausigen hartgegerbten Reisbett mit räudig zerkochtem Gemüse, das alles zusammen nach nasser Pappe schmeckt. Was soll der Scheiß?

Palsta Wine Bar, finnisch, Neukölln: Jetzt gentrifizieren sie auch noch das letzte ehemalige Kackloch von Neukölln. Da hinten am Arschausgang vom Tempelhofer Feld. An dem Sie früher besser nicht nachts ohne Gasknarre nach Hause gelaufen sind. Jetzt Häppchen. Weinchen. Und diese tollen stylishen Glühbirnen mit dem verspielten Glühdraht drinnen, die jetzt jeder hat. Essen ganz nett, aber teuer. Na gut. Immerhin sollen hier im Kiez mal Eigentumswohnungen entstehen. In meinem alten Neukölln. Drum friss, alter Saufadel in deiner letzten Eckkneipe, friss deine Bolätte. Bald wohnst du nicht mehr hier.

Huh. Und das war schon der Januar. Mehr war nicht.