Ich komme heute nicht mit, Charlotte

Sie greift zum Bier und fährt mit der Zungenspitze über ihre Lippen. Charlotte. Sie mag ihren Namen nicht. Verdammt ihre Eltern dafür. Lotte nennen sie manche. Sie bevorzugt Charly, auch wenn das wieder so gewollt klingt.

Ich treffe heute zum ersten Mal auf Charlotte. Ich weiß gar nicht, wer sie mitgebracht hat, hier in Kreuzberg, hier in dem Club, in dem wir uns heute feiern, viel trinken, alle, auch Charlotte, viel tanzen, bei Bro Hymn von Pennywise einen kleinen Moshpit begründen, der angepisst neben uns äugenden AStA-Gesichtern gar nicht passt, weil wir rempeln, tanzen, pogen. Ausrasten.

Charlotte hat ein gesegnetes Lachen. Es ist so ein Lachen, das von ganz tief unten kommt, eines mit viel Herz, lauthals, ansteckend. Ich mag das. Menschen wie Charlotte mag ich sofort.

Bier trinkt sie. Ich nicht. Ich bleibe wie immer beim Scotch. Dazu Cola. Das findet sie seltsam. Wieso ich kein Bier trinke will sie wissen. Zu oft Toilette, zu wenig Wirkung, erkläre ich mich. Das findet sie einleuchtend und strahlt mich an.

Charlotte hat selten gesehen perfekte Zähne. Gerade aufgereiht, nicht zu groß, nicht zu klein, eine perfekte Reihe, enorm weiß natürlich. Ich habe eine große Schwäche für schöne Zähne. Sie sind genau wie gepflegte Fingernägel ein Zeichen dafür, dass sich jemand im Griff hat. Sie zeigen, dass sie weiß was sie da tut. Dass sie sich nicht gehen lässt.

„Bock auf die Bar?“ fragt sie mich. Bier in der Hand. Es dürfte ihr fünftes sein. Charlotte kann gut saufen. Rumprollen. Lauthals lachen. Ich kann gar nicht anders als ihr zu folgen, so dass ich mich an der Bar wiederfinde, links von mir irgendwer, den ich kenne, der aber keine Rolle spielt, rechts von ihr auch irgendwer, der ein Gespräch mit ihr beginnen will, das sie abblockt, in dem sie sich zu mir dreht, ihre rechte Hand auf dem Tresen, die wie zufällig meine berührt und dann so bleibt, in der Berührung, zu lange, aber sehr schön, das merken wir beide und ziehen deshalb unsere Hände nicht zurück, weil das unpassend wäre.

Natürlich wissen wir beide, was wir da nebenher machen, während wir uns über banale Dinge unterhalten. Wie den Cheeseburger, den wir nachher bei der Butze nebenan zusammen essen wollen, weil unvernüftiges Essen nachts um 2, wie wir beide finden, zu unserer Menge Alkohol am Besten passt. Uns reinlaufen würde. Nach vorne bringen würde in dieser Nacht, die, so wie wir das sehen, noch lange nicht vorbei ist.

Da funktioniert was mit Charlotte und mit mir. Wie man das nennt ist mir egal. Verbindung. Gleichklang. Verstehen. Wir reden über die Drogen, die wir nehmen. Darüber können wir erstaunlich schnell leicht reden. Berliner Eltern 2020, grinst sie und ich verstehe. Der Spagat zwischen den Dingen. Geld reinkarren. Wohnung zahlen. Die Verantwortung. Und dann der Spaß, von dem man immer noch nicht lassen mag. Darüber reden wir. Charlotte und ich ticken gleich. Verstehen was wir meinen. Ohne uns noch mehr von uns zu sagen.

Da stehen wir und umkreisen einander. Irgendwer quatscht sie voll, irgendwer quatscht mich voll, worum es geht ist egal, da sie meinen Blick auffängt, eine Sekunde, zwei, dann über alle Maßen vernünftige drei und vier lange Sekunden. Wir wissen es beide. Ihr Zucken am Mundwinkel. Das angedeutete Lächeln. Den Blick, den sie zu spät von mir weg dem Schnacker neben ihr zuwendet. Ich mag diese Phase. Sie ist besser als der Sex, der kommen wird. Ich mag die Erwartung. Die Spannung. Das in der Schwebe stehen. Ich versuche das so lange wie möglich auszureizen. Ziehe die Phase lang. Denn das profane Rein und Raus zieht zu oft wieder nur Probleme nach. Vergebliche Erwartungen. Das Kramen nach einem Überzieher. Der Gummigeruch. Danach die Leere. Der Versuch, etwas, das nicht zu rationalisieren ist, trotzdem zu rationalisieren. Und zuletzt immer die Frage wie wir jetzt verbleiben. Wie wir weiter machen. Erwartungen ja oder doch nicht. Machen wir was aus den Dingen oder gehen wir wieder jeder in den eigenen Sonnenuntergang.

Wenn es dumm läuft, kommt die Enttäuschung schon sehr früh nachdem wir die Türe zu ihrer Wohnung oder zu meiner hinter uns geschlossen haben. Sie riecht nach dem stundenlangen Tanzen übel zwischen den Beinen. Oder ich stinke unter den Achseln. Oder ich bin zu besoffen, um irgendwas zum Laufen zu bringen. Oder sie schläft ein. Oder hat Einhornbettwäsche. Eine Diddlmaus. Und einen Zaubertroll. Auf dem Nachttisch. Direkt neben dem Kratzbaum für die zwei überdrehten Katzen, die sie Pupsi und Schnupsi nennt und die vor lauter Eifersucht erst mal eine Vase, einen Kerzenständer sowie ein kapitales Bücherregal umwerfen. Dort in ihrem beschissenen Kinderzimmer im Dachgeschoss vom Haus ihrer Eltern. Und Mama schläft unten. Sie ist oft schnell da. Die Ernüchterung. Das alles, was hinter dem Knistern, nach der Erwartung, dem Schwebezustand kommt, mag ich meistens nicht. Ich mag dann flüchten. Und verschwinde gerne noch in der Nacht, was wieder Verletzungen verursacht, in der Folge übel genommen wird und was sowieso wieder niemand versteht. Dann lieber dieser Schwebezustand. Hier. Jetzt. Gerade. Das Umkreisen. Das kleine angedeutete Lächeln. Die Hand, die ein paar Sekunden zu lange meine berührt. Ihre Schulter an meiner. Das Wissen, dass sie es weiß.

Wir sind Eltern 2020. Sie hat ein Kind. Ich habe auch ein Kind. Ihre Chancen für feste Beziehungen unterscheiden sich von meinen. Ihre gibt es kaum, weil es kaum Männer gibt, die mit einer wie Charlotte irgendeine verbindliche Bindung eingehen mögen. Da kann sie noch so schön mit ihren schönen Zähnen lachen. Das kommt daher, weil der Alltag in solcher Konstellation noch schneller kommt als sowieso schon. Du-hu? Kannst du Lennart vom Sport abholen? Kannst du Lennart zum Sport bringen? Kannst du Lennart? Lennart? Lennart?

Die Chancen von mir haben wenig mit dem zu tun wer ich wirklich bin, sondern mit dem was ich darstelle. Sie machen sich zu einem großen Teil an meinem Kind fest. Väter mit Kind in mittlerem Kindesalter sind in Elternkreisen sehr gut angesehen und gelten als gute Partie ohne irgendetwas dafür tun zu müssen. Setzen Sie sich mal als bindungsloser Vater mit Kind in eines dieser Spielemüttercafés, auf die Bank eines Spielplatzes oder einfach nur irgendwo im Park auf eine Bank. Wenn Sie nicht gerade aussehen wie Hobo der Hurzelzwerg, angezogen sind wie ein importierter Klimaaktivist und stinken wie ein besoffener Lenbachplatztourist morgens um fünf, sind Sie nicht lange alleine. Sie bekommen sehr schnell Anschluss. An alleinerziehende Mütter, die automatisch denken, dass Sie ein guter Mensch sind. Die Ihnen einen ganzen Strauß Vorschusslorbeeren überreichen ohne dass sie wissen, wer Sie eigentlich sind. Weil Sie offenbar Verantwortung übernehmen. Sich nicht verpisst haben. Einen kleinen Menschen großziehen. Vielleicht stimmt das ja und Sie sind ein guter Mensch oder auch nicht, egal, Sie haben auf jeden Fall einen Bonus und wenn Sie nicht gerne alleine sind, dann werden Sie nicht lange alleine sein. Nicht wenn Sie ein Kind in Obhut haben.

Ja, das ist unfair. Sehr unfair sogar. Sagt Charlotte nicht, doch ich merke es. Die ganze Zeit schon. Wir haben jetzt drei Uhr. Hier in Kreuzberg. Ich muss in den Norden der Stadt, sie in den Osten. Und ich habe entschieden, alleine in den Norden zu fahren. Heute noch nicht mit in den Osten zu gehen. Es zieht. Der Nachtwind kommt wieder aus Hellersdorf. Wir haben Winter in der Stadt. Taxen fahren vorbei ohne dass einer von uns winkt. Da stehen wir in der Muskauer Straße. Voreinander. Dann ineinander. Umarmt. War schön mit dir. Mit dir auch. Jetzt wäre genau der Moment für den Kuss. Der Abend, die Nacht, einfach alles gäbe es her. Darauf lief es hinaus. Sekunden vergehen. Dann noch eine. Zwei. Ich atme ihren so exakt dosierten Duft ein. Dann aus. Schlaf gut, sage ich. Dann löse ich mich.