Exegese des Treuepunkts

Neulich in Wutausbruchhausen:

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Treuepunkte. Treuepunkte. Treuepunkte. Mir rieselt der Kalk aus dem Ohr. Drei-, vier-, fünfmal die gleiche Frage in der Woche, sinn- und hirnlose Konversation, von oben angeordnetes Interesse an einer Sammelleidenschaft, die mir schon immer dort vorbeigeht, wo noch nie die Sonne schien.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Treuepunkte? Geht’s noch? Ich bin der untreueste Kunde der Welt, in der glitzernden Konsumwelt so treu wie eine alte Hafennutte. Wer billiger und/oder besser ist, den nehm‘ ich. Haha. Das kann jeder sein, Rewe, Lidl, der Schmuggelzigarettenvietnamese. Nix glop. Ich untreu. Keine Punkte halten mich bei euch, ihr könnt mir nichts schenken, weil ich nichts haben will.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Nein! Zur Hölle damit. Ich sammel keine Treuepunkte! Mein Hirn ist schon längst totgefragt, matschig gequasselt, also sammel ich ausschließlich schlechte Laune wegen Menschen, die überflüssige Konversation an einem Ort betreiben, an dem …

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

… Konversation prinzipiell nervt – Taxi, Kasse, Scheißhaus, Brötchentheke, quatschen, immer nur quatschen, sie quatschen mit einer Vehemenz, als hinge ihr Leben davon ab.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Manchmal möchte ich von allen, die mich den ganzen Tag über blöde Dinge fragen, Voodoo-Puppen basteln. Die spieße ich dann zuhause auf dicke fette Fleischgabeln, penetriere sie mit Bunsenbrenner und Kneifzange und beklebe sie am Schluss mit Panini-Sammelbildchen von der letzten WM. Und danach reibe ich mich mit Nutella ein und führe im Bastrock mit Aluminiumhut auf dem Kopf zusammen mit meinem einzigen Freund, dem von mir eigenhändig aus hochwertigem Lidl-Hackfleisch geformten Mettigel, einen Regentanz auf, bevor die netten Jungs von der Bonhoeffer-Nervenklinik wieder mit dieser lustigen Jacke vorbeikommen.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Uff.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Seufz.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

So weit bin ich also schon gekommen, waidwundgeschossen von der täglichen Fragerei, ob ich denn Treuepunkte sammle. Sammle ich denn? Na klar, seit gerade eben, ich habe es mir anders überlegt, ihr habt gewonnen, logo, was sonst, ich klebe die ganze Klokabine meiner Gummizelle damit voll, weil ich mit dem billigen Plunder, den ich für diese blöden Treuepunkte bekomme, überhaupt nichts …

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

… anfangen kann. Mein ganzer Keller steht schon voll mit Scheißdreck, ich kann gar nicht mehr so schnell wegschmeißen wie ich kaufen muss. Kaufen Kaufen Haben Haben, ach, hört mir doch auf, geht mir doch aus der Sonne mit diesem veralteten 50er-Jahre-Rabattmief, den keiner mehr sehen will. Ehrlich, keiner, ich habe noch nie jemanden erlebt, der sich …

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

… an der Rewe-Kasse freut und sagt „Ja bitte, unbedingt Treuepunkte, die sind so toll, ich freue mich so sehr“, nix, niemand, nicht mal die Omma, die vor mir an der Kasse immer ihr Portemonnaie auf den Kassenscanner entleert, nicht mal die will die blöden Punkte haben, hat sich auch schon abgewöhnt, „Nein danke“ zu sagen, sondern grummelt nur noch in Fraktur vor sich hin.

„Sammeln Sie Treuepunkte?“

Aufhören, Rewe, aufhören. Wenn ihr tatsächlich ein paar Patienten habt, die ernsthaft zuhause ein Rabattmarkenheft in der Küchenschublade haben, in das sie die vielen Treuepunkte einkleben, bis es voll ist und sie ihr Topfset abholen können, weil sie sonst in ihrem kümmerlichen Leben kein Erfolgserlebnis haben, dann nervt doch wenigstens nicht die Mehrheit der Kunden damit, die einfach nur in Ruhe einkau …

„Sie sind unsachlich.“

Bitte was?

„Hören Sie auf. Sie sind unsachlich.“

Wer sind Sie denn?

„Der Sachliche.“

Ach so. Sachlich? Sie wollen es sachlich? Kann ich nicht, gehen Sie zum Bezirksamt, da gibt’s aktenordnerweise Sachlichkeit, aber bitte, gut, ich versuche es anders:

Hallo Kinder, ich bin der Herr Zimmermann und neulich hab‘ ich mir bei Rewe ganz viel Hackfleisch für meinen Mettigel gekauft, mit dem ich immer meinen Regentanz aufführe. Der Mettigel ist nämlich mein bester Freund. Leider war die Alufolie für meinen schicken Hut alle und jetzt können die Außerirdischen meine Gedanken kontrollieren. Aber das macht nix, dann kaufe ich einfach neue, weil die sind da alle total nett bei Rewe, jaja, und Nutella ist ganz viel total toll lecker. Vor allem im Gesicht. Und auf meinem Bauch. Und in meinen Ohren. Mjam mjam. Nur ich weiß gar nicht, was ich mit den vielen Treuepunkten machen soll, nach denen man mich jeden Tag fragt. Ich klebe die jetzt immer hinten bei mir auf den Kofferraum von meinem Volvo, der steht hinten in meinem Kleiderschrank neben der Gulaschkanone für den ZDF-Fernsehgarten, bei dem ich demnächst meinen großen Durchbruch haben werde. Aber meine Freunde aus dem Schachclub lachen mich aus und nennen mich einen Dummian, weil die sagen, dass ich gar keinen Volvo in meinem Kleiderschrank haben kann, weil der Aufzug momentan kaputt ist und der Volvo ohne Schneeketten die Treppe nicht hochkommt. Die Arschis.

„Guten Morgen. Jochen. Ich bin ihr Pfleger. Sammeln Sie Tranquilizer?“

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