Lost in Słubice

Willkommen in Polen. Serdecznie witamy am anderen Ufer von Frankfurt an der Oder. Ich mache einen Stopp. Überlege, was ich mitbringen kann und finde nichts hier auf dem Bazar in Słubice, von Kleingeistern immer noch liebevoll „Polenmarkt“ genannt, der seit Jahren leidenschaftlich seinen unvermeidbaren Niedergang pflegt.

In den 90ern war der Markt so etwas wie der Topf voll Gold für Schnäppchenjäger und Geizknödel und war folgerichtig überlaufen. Für harte Deutsche Mark konnten Sie dort so ziemlich alles erwerben: Von der Kalaschnikow über Nazi-CDs bis zu artengeschützten Reptilien, wahrscheinlich auch eine neue Leber, einen Spenderhoden, einen neuen Hypothalamus, ausgestopfte Kängurus oder Schrumpfköpfe, wenn Sie danach gefragt hätten. Für den Normalbürger, an derlei Unterthekentand nur selten interessiert, reichten die Waren oberhalb des Ladentisches in Form von Kippen, gefälschten Markenklamotten und natürlich Fusel.

Den klassischen Brandenburger haben Sie in Berlin bis in die Nullerjahre hinein daran erkannt, dass er stolz sein rosa T-Shirt mit schräg verlaufender Seitennaht zur Schau stellte, von dessen Hühnerbrust in großen goldenen und sich nach einer Woche schon teilweise ablösenden Buchstaben „Adidas“ oder „Nike“ leuchtete. Dazu trug er eine verwaschene „Levis 501“ mit zwei verschieden langen Beinen, gerne auch mit Loch in der linken Arschbacke und Turnschuhe mit der Aufschrift „Fila“, die schon vorsorglich undicht wurden, bevor sie den Markt verlassen haben. Dann schnallte er sich noch die goldene „Rolex“ mit den lächerlichen Glasperlen ums Handgelenk und versuchte damit, im inzwischen auch schon längst geschlossenen Knaack Club zu Berlin Eindruck zu schinden, in dem er dann jedoch leider nur von jedem, der was auf sich hielt, ausgelacht wurde. Ja, Kinder. Es sprach der Opa von den Nullerjahren, seiner großen Zeit.

Aber egal. Der Markt in Słubice war – wegen billig – entsprechend beliebt und seine Gänge daher vollgestopft mit Dumpfhirnen aller Couleur, die hier in ihren bunten Bermuda-Shorts und ihren unvermeidlichen Tennissocken in den Kunstledersandalen mit der harten Währung als Backup endlich mal die dicken Eier markieren konnten, die sie noch nie hatten. Und was stolzierten sie da durch die Gänge wie Lüderitz selig, handelten das minderwertige „Chiemsee“-Hemd noch von 5 auf 4,50 Mark runter, so substanzlos selbstherrlich in ihrem lange vergessen geglaubten Kolonialherren-Habitus und im Geiste schon wieder mit Pickelhaube auf dem Quadratschädel die alten Ländereien in Besitz nehmend, großmäulig wie überall wo so ein Dumpfhirn das Ausland heimsucht, hier noch schlimmer, weil er sich erst gar nicht im Ausland fühlte, denn immerhin war Słubice mal deutsch. Meine Güte, war das eine üble Zeit. Komische Gestalten, einer dumpfer als der andere, ehrlich.

Das mit dem schrägen Publikum ist mit dem Beitritt Polens zur EU 2004 nicht besser geworden, es kamen jetzt nur viel weniger Besucher, weil die wirtschaftliche Erholung meines schönen Heimat- und Ihres schönen Nachbarlandes mit entsprechend steigenden Preisen auch bei der Markenpiraterie dazu führte, dass die Dummdödel mit ihren Kröten nun plötzlich nicht mehr so einfach auf dem Bazar die dicken Großverdiener markieren konnten. Und da standen sie nun sinnlos mit ihren leeren Einkaufstaschen in den Gängen herum und beschwerten sich lauthals darüber, wie teuer nun alles geworden sei. Und die Polen kamen nun immer öfter rüber zu Kaufland auf die deutsche Seite und kauften die Waschmittelregale leer. Weil das so schön billig war in Frankfurt an der Oder. Zumindest billiger als in Polen. Hallo Paybacktime. Man sieht sich tatsächlich immer zwei Mal. Heute oben, morgen schon unten. Und dann wieder umgekehrt. Es hat das Weltbild von einigen in Schieflage gebracht. Oder zurecht gerückt.

Anfang 2007 fackelte dann jemand den Markt ab und nach dem Wiederaufbau fanden sich noch weniger Kunden ein, was aber wohl nicht am Wiederaufbau lag, der deutlich aufgeräumter und sauberer als früher daherkam. Allein das Konzept „Ramsch für Billig Cash“ funktionierte je weniger, desto mehr sich die Lebensverhältnisse hier in der Grenzregion zwischen Słubice und Frankfurt an der Oder anglichen. Denn Billigplastikschrott für die prekäre Masse gibt es mittlerweile auch in allen Pfennigläden auf deutscher Seite und viele Lebensmittel sind in Deutschland mittlerweile so viel billiger als in Polen, dass der Konsumtourismus nicht nur bei Waschmittel inzwischen in die andere Richtung stattfindet und die Polen die deutschen Lebensmittelmärkte leerkaufen, was viele dort ärgert, weil der Umstand, dass Deutschland jetzt das Billigland ist, für sie eine unzulässige Umkehrung ihrer geistigen Ordnung darstellt.

Ich selbst kann auf meiner Durchreise eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen. Es ist wirklich so und sollte jedem, der mit Menschen aus anderen Kulturkreisen agiert, als Mantra im Hinterkopf bleiben: Man sieht sich wirklich immer zwei Mal im Leben. Alles kann sich auch mal umdrehen und der Polacke vom Busch hinter der Oder ist jetzt eben kein Bittsteller mehr und agiert durchaus selbstbewusst. Fährt auch die dickeren Autos. Baut die größeren Häuser. Und auch wenn das in manche Provinz, aus denen ich immer noch die alten Polenwitze von früher höre, immer noch nicht vorgedrungen ist: Der Pole klaut schon lange keine Autos mehr. Das besorgen jetzt die Weißrussen. Die den Volkswagenbulli mit dem polnischen Kennzeichen vom polnischen Parkplatz in Bydgoszcz klauen und nach Minsk verschieben. Sagen mir die Polen. Hu? Höre ich da einen Brandenburger lachen? Ja, Karma. Die Bitch. Sag ich doch. Alles holt jeden irgendwie ein. Immer. Auch die Polen.

Das Angebot auf diesem komischen, irgendwie asynchron in der Zeit stehen gebliebenen Bazar hat diese ganzen Veränderungen der letzten Jahrzehnte gar nicht erst zur Kenntnis genommen und sich im Laufe der letzten 20 Jahre nicht substanziell der Marktlage angepasst, seine Preise hingegen schon. Was sie hier tun ist quasi klassisch am Markt vorbei zu produzieren und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man das noch lange so weiter machen kann. Es liegt ja eigentlich auf der Hand: Ein „Hilfiger“-Hemd für 20 Euro lockt einfach niemanden mehr über die Frankfurter Stadtbrücke, wenn es sich das Ding nach der dritten Wäsche so verformt und verfärbt, dass sich der Frankfurtoderdödel damit sogar in der Großraumproletendisco von Eisenhüttenstadt lächerlich macht. Und der Fusel in Form des in Polen traditionell guten Wodkas und andere Dinge des täglichen Bedarfs haben mittlerweile problemlos das Preisniveau Deutschlands erreicht, dass ich mir den Belvedere auch im Internet bestellen und die Wurst beim polnischen Wurstverticker kaufen kann, den es inzwischen auch in Berlin gibt. Auch dafür lohnt sich die Fahrt nicht.

Und natürlich gibt es auch die Nazi-CDs immer noch, aber seinen die unterirdischen Instinkte ansprechenden Hirnfick holt sich der internetaffine Netznazi heute bequem von den Sharing-Seiten in Übersee, dafür muss er nicht mehr nach Polen. Dafür nicht. Für anderes auch nicht. Für nichts eigentlich. Außer möglicherweise für die Kippen, die sind im Vergleich zu Deutschland immer noch günstig und bestehen auch nicht aus diesen Stängchen mit ukrainischer Stahlwolle, die hier in Berlin gerne von den flink rennen könnenden Kippenvertickern, die es zumindest am S-Bahnhof Greifswalder immer noch gibt, angeboten werden. Aber auch das wird sich im Zuge der EU-weiten Harmonisierung der hohen Endpreise relativieren und dazu führen, dass es der alte Bazar wahrscheinlich nicht mehr lange machen wird. Das Ding ist jetzt schon optisch stehend k.o. Aus allen Rahmen und auf jeden Fall aus der Zeit gefallen. Ein Anachronismus aus vielen Marktständen, bei denen einfach keiner mehr was kaufen mag und der es so lange nicht merkt bis er endlich schließen wird.

Und es wird egal sein.