Klamotten kaufen…

… ist schwere Arbeit. In jedem Einkaufszentrum haben Sie 50.000 Klamottenläden für Frauen und exakt einen für Männer, wenn Sie New Yorker, H&M und andere Glitzerkinderklamottenverticker aus Erwachsenseingründen beiseite lassen wollen.

Der eine Laden für Männer in einem klassischen Einkaufszentrum ist meistens ein aus den 70ern des letzten Jahrtausends herbeigeflogener staubiger Herrenausstatter mit Anzügen für dröge Borgwürfelbewohner, die kurz vor dem Tod anfangen, Golf zu spielen. Ich trage das auch ohne Golf zu spielen. Ich muss das tragen. Individualität dürfen bei uns im Borgwürfelpuff, dem Paradies der Selbstverwirklichung und des niemals prämierten Arbeitgebers des Jahrhunderts, nur Frauen bringen. Als Mann schießen Sie sich schon mit einem rosa Hemd zum schwarzen Anzug komplett ins Aus. Grau. Hellblau. Maximum. Light Green ist schon verwegen. Mein rosa Hemd trage ich jetzt abends in der Transenbar am Nolli, wenn ich faltige Haut in Glitzerkleidern, die ihre sich zunehmens nicht mehr erfüllende Sehnsucht ins Mikrofon wimmert, beklatschen muss, aber sicher nicht mehr zur Arbeit. Das Womensplaining der versammelten Frauen, die mir sagen, dass das nicht geht, jenes nicht geht und das da auf gar keinen Fall, hat mich in den Rückzug gesabbelt. Ich trage jetzt auch wieder grau. Hellblau. Light Green, wenn ich rebellisch sein will.

Das Problem heißt Casual für Männer. Für einfach mal so anziehen. Bürotaugliche Alltagstextilien. Sie sind weitgehend Fehlanzeige. Entweder sind sie schlumpfig, kommen als irgendeine mutierte Form von Mallotzeurlaubsklamotte daher, bunt, umherflatternd, schlicht peinlich, oder sie sind steif wie die Etikette der katholischen Kirche. Anzug. Anzug. Nochmal Anzug. Seien Sie Mann. Seien Sie wie alle. Seien Sie Anzug.

Dazu kommt, dass sie in den für Frauen und Männer gemischten Läden die Klamotten für Männer immer verschämt irgendwo in der hintersten Ecke von irgendwelchen Unisexklamottenanbietern verstecken, die dazu noch aussehen wie Ballermann, Rumänien und Hermannplatz in einem. Ich kann dort nicht einkaufen. Es macht mich kaputt.

Es ist so: Will ich Klamotten finden, die nicht automatisch vintage-verratzt braun-beige hippieesk daherkommen und in denen ich aussehe wie ein Lurch (H&M) oder Klamotten, die nicht kegelartig auseinandergehen, schief werden oder einfach nur billig aussehen als wäre ich ein klassischer Clochard aus einem Henry Miller-Roman, der nur noch mühsam die Fassade wahrt (C&A), oder Klamotten, die gleich wieder Hunderte an Euro kosten und mit denen ich aussehe wie ein siegelringtragendes pinguineskes Mitglied der Jungen Union (Herrenausstatter), muss ich suchen, weit fahren. Bei mir in Prenzlauer Berg gibt es nichts vernünftiges mehr, nur noch indische Gewänder, filzig-vegane Schuhe, die aussehen wie solche, die von prekären Panflötenindianern auf dem Alexanderplatz getragen werden, oder eben lousy H&M, New Yorker oder – wenn ich endlich aufgesteckt habe – eben ein staubiger Herrenausstatter.

Viel bleibt da nicht. Herrenmode ist entweder schnöselig oder Jack-Wolfskin-Grün-Braun-ist-die-Jägerkluft-artig. Eat it.

Okay, Lederwaren bleiben da noch, die allerdings in Prenzlauer Berg ausgerottet sind. Schlicht keine Nachfrage mehr. Weil sie Tiere dafür killen und gerben und das hier bei den Bratzen meiner Nachbarschaft nicht mehr geht. Und hier sind wir nun, denn P&C geht auch noch. P&C ist erträglich, was Männermode betrifft. Ich habe bei P&C sogar eine Kundenkarte, obwohl ich Kundenkarten hasse wie kaum etwas anderes. Denn würde ich von jedem Dienstleister, der mir eine Kundenkarte an die Kimme heften will, eine annehmen, bräuchte ich einen Leiterwagen, den ich jedes mal beim Einkaufen hinter mit herziehen müsste, um ja keine potenzielle Kundenkarte zu vergessen. Wahrscheinlich bräuchte ich sogar einen Tieflader, für den ich dann wieder keinen Parkplatz bekommen würde. Teufelskreis. Also lehne ich Kundenkarten ab, was wieder keiner versteht und als Ergebnis dessen ich quälende minutenlange Diskussionen an Kassen führen muss, warum ich keine Kundenkarte der Espressobar, des Smoothiepuffs oder des Kekspizzaaufbäckers will.

Bei meinen Klamotten für die Freizeit bin ich eigen. Dafür was zu finden ist nicht weniger schwer. Entweder trage ich Autonomenstyle (schwarzen Hoodie, schwarze Hose, Kampfstiefel, Skimütze) oder, wenn es dann doch zivilisierter sein soll, irgendetwas zwischen Borgwürfel und Jägerschlurch. Etwas, das nicht zu teuer ist, aber trotzdem ein wenig schnieke aussieht, wenn auch nicht zu schnieke für diese auf keinen Fall schnieke Stadt. So irgendwas in der Mitte. Etwas Feines, zu dem ich aber auch weiße Chucks tragen kann. Um meinen auf jeden Fall rebellischen Geist auch optisch nach außen zu tragen. Haha. Nein, Scherz, niemand rebelliert mehr mit Kleidung. Niemand. Ich auch nicht.

Ich mag meinen P&C. Der Typ aus dem Obergeschoss errät immer wieder verlässlich meine Hosengröße, eine für mich unmerkbare Information, die ich zwei Sekunden nachdem meine EC-Karte durch den Sensor gezogen wurde vergesse und dann beim nächsten Einkauf wieder nicht weiß.

Der Typ ist cool, denn er ist selten. Er gibt mir meine Würde wieder, weil er eben kein schnodderiger Besserwisser ist, kein Ich-bin-eigentlich-Künstler-und-hier-zu-arbeiten-ist-unter-meiner-Würde-Schnösel und kein teppichhändlerartiger Ich-dreh-dem-Dummkopf-das-Teuerste-an-Über-den-Tisch-Zieher ist.

Ich glaube, ein Laden für vernünftige Männerklamotten mit Stil zu einem akzeptablen Preis jenseits von Junge Union, Kinderglitzerkack, Borgwürfelpinguinschmock und 1-Euro-Grabbelkiste wäre eine Marktlücke. Nicht? Ja? Machen sie einen auf?


Ein alter Text, den ich vor – keine Ahnung – neun Jahren oder so auf der untergegangenen Bewertungsplattform Qype zum Klamottenladen Peek & Cloppenburg geschrieben habe. Er hat, obwohl ich ihn im Vergleich zu anderen wirklich harmlos finde, Beschwerden wegen der wenigen Kraftausdrücke wie „Kack“ (huhu, ja, schlimm, heul doch) nach sich gezogen, so dass ich auch ihn wie andere damals mehrmals umformulieren musste, auf dass er von unterbezahlten Onlineaufpassern nicht gelöscht wird. Hier ist er aus chronistenpflichtigen Dokumentationsgründen und der schlichten Vollständigkeit halber wieder.

Letztlich war dieses ganze Melden, Gängeln und Löschen auf diesem einzigen Social Media-Portal, auf dem ich jemals angemeldet war, der Grund, dann doch irgendwann endlich einen Blog aufzumachen und mich nie wieder irgendwo bei einem Portal anzumelden, auf dem andere darüber wachen, was ich schreiben darf und was nicht. Bisher sehe ich nicht, dass sie die Leute hier bei diesem Bloganbieter gängeln, aber vielleicht kommt das ja noch, wenn sie mit Facebook, Twitter und keine Ahnung was noch fertig sind, wer weiß das schon, wann, wo und vor allem ob sie irgendwann mit dem ganzen Kanalisieren aller möglichen Ecken, in denen sich Menschen äußern, aufhören werden…