Saarbrücken / 2019

 

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Saarbrücken an einem Montag. Der Borgwürfel, des Universums sympathischster Arbeitgeber und sprudelnder Quell von Manna und Glückseligkeit, möchte, dass ich in Saarbrücken der seligen Kundschaft Scheiße erzähle. Im Gepäck habe ich die Crėme de la Crap der blasierten Schnöselköpfe aus der Frankfurter Partnergruft. Der Berliner Scheißequatscher trifft somit auf die Frankfurter Scheißequatscher, um die scheißequatschanhörenden Saarländer mit Scheiße vollzuquatschen. Willkommen in meiner Welt. Korrekt, damit kann man Geld verdienen und ich verstehe es auch nicht.

Die Reisebuchungstratschtanten des Borgwürfels Reisebuchungstratschtantenstelle haben wieder eine unmögliche Verbindung gebucht: Einen Flug bis Frankfurt, dann wegen Netzwerken und Zusammengehörigkeitssimulation das Rendezvous mit den Frankfurter Schnöselköpfen und gemeinsam tatsächlich mit dem Zuckelregionalexpress durch die grottenlangweilige Pfälzer Provinz in eine Stadt, in der ich noch nie war, nie hin wollte und mich mit Händen, Füßen und Kopfnüssen dagegen wehren werde, jemals wieder dort hin zu müssen.

Zum Glück kommt auf der Strecke ab und zu ein Tunnel, auf dass es schön dunkel wird und ich die stupide Landschaft nicht mehr sehen muss. Dafür werde ich seekrank von dem Geruckel, Gezuckel und Geschwanke des Bummelzugs. Wer hat diese windschiefen Schienen verlegt, auf denen der Zug durch die Schluchten schleicht? Die französische Besatzung? Napoleon? Die Wehrmacht? Und wer hat sie instand gehalten? Vermutlich niemand. Internet gibt es hier auch keines. Sie haben weder Zug-WiFi noch mobilfunktechnisch irgendwas über Edge hinaus. Auf meinem Smartphone steht zwar 4G, doch das ist nicht nur ein dreister Euphemismus, sondern eine dreiste Lüge, denn bei der Zumutung von Downloadgeschwindigkeit, die selbst ISDN mit Kanalbündelung aus den 90ern des letzten Jahrtausends weit unterbietet, habe ich das neue Tool-Album von einer russischen Sicherungskopienwebseite bei der Ankunft in Saarbrücken noch nicht fertig geladen bekommen. Ich bin faktisch von der Welt abgeklemmt hier in diesen Schluchten Richtung Saarbrücken. Blind und taub. Keine Verbindung irgendwohin. Ich fahre durch lauter netzmäßge Täler der Ahnungslosen hunderte von Kilometern die ganze Pfalz entlang. Brandenburg. Mecklenburg. Pfalz. Oder Rückseite vom Mond. Überall regiert der Keine Verbindung e.V.

Der Vorteil von Deutschlands internetmäßigem Dauertrauerspiel ist, dass ich leider das Notebook nicht mit dem Firmennetz verbinden und somit nicht arbeiten kann, was aber nur ein kurzer Sieg ist, denn den ganzen liegengebliebenen Scheiß darf ich später im Hotelzimmer nachbereiten anstatt sofort nach dem Einchecken saufen gehen zu können. Danke, Merkel.

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Aber es ist sowieso alles egal, denn ich könnte eh weder arbeiten noch mir das Tool-Album anhören, denn die versammelten Schnöselköpfe Frankfurts betreiben das, was sie am besten können: Kommunikation. Sinnlose Kommunikation. Nichtigste Kommunikation. Und ich hasse Kommunikation, zumindest mündliche. Plappernde Menschen sind mir ein Gräuel und ich habe bisher noch kein Kraut gefunden, das sie auf Abstand hält. Nicht dass ich es nicht versucht hätte. Klar habe ich das versucht. Mit verschiedenen Methoden sogar. Ich habe sie versucht, reaktiv totzusabbeln mit den größen Nichtigkeiten meines bekackten Lebens, Restaurantbesuche, Wettervorhersage, Stuhlgang, nur hat das nichts genutzt, sie haben sich gefreut und nur noch mehr von ihren eigenen Nichtigkeiten erzählt.

Als Nächstes habe ich mich von den Sabblern einfach sukzessive desinteressiert abgewandt, wenn klar war, dass der Wortmüllwasserfall die nächste halbe Stunde nicht mehr versiegen würde, aber das brachte auch nix, denn sie folgten mir plappernd oder platzierten sich weiterplappernd genau so, dass ich sie wieder anschauen und weiter zuhören musste, so lange bis ich betete, dass mir die Ohrmuscheln endlich mit Eiter zuwachsen. Was leider nie geschah.

Dann habe ich irgendwann einfach nichts mehr gesagt und sie mit ausdruckslosem Gesicht angeschaut, aber auch das bringt sie nicht zum Schweigen, denn sie reden trotzdem einfach immer weiter, so dass statt mir auch eine Schaufensterpuppe, ein dressierter Affe oder ein Haufen abgenagter Rinderknochen dort sitzen und diesem ganzen Informationsmüll vieler kleiner sinnloser Leben zuhören könnte. Ernährungsvorlieben. Der neue Carport. Nachbars Hund. Die Titten der Neuen vom Empfang. Bla bla bla. Solchen Menschen ist völlig egal wer ihnen da gegenüber sitzt. Ein Chihuahua. Peppi der Clown. Ein Sack Mehl. Rasenmäher. Briefkasten. Meine tote Oma. Egal. Hauptsache sie haben einen Adressaten. Darum geht es. Um einen Rezeptor. Nur um einen Rezeptor. Der ihren Auswurf absorbieren soll.

Ich kann Ihnen nicht mal sagen, was mir die Schnöselköpfe aus dem überflüssigen Frankfurt auf der überflüssigen Fahrt durch die überflüssige Pfalz ins überflüssige Saarland so alles erzählt haben. Ich habe das alles bereits zwei Sekunden nach dem Eintritt der Schallwellen in mein Ohr vergessen und ich arbeite gerade meditativ daran, zukünftig mein Hirn komplett vom Ohr abzukoppeln und den Kopf so zu dressieren, dass er die ganze Zeit nickt und in zustimmenden Tonfall „Mmmh“, „Mmmh“, „Mmmh“ sagt. Den Unterschied merken die nie.

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Ich habe bei den Reisebuchungstratschtanten des Borgwürfels Reisebuchungstratschtantenstelle angemerkt, dass ich in diesem Jahr wieder häufiger in absoluten Bruchbuden untergebracht wurde und dass ich doch gerne mal wieder etwas aufenthaltsästhetisch Wertvolles für meine umherschweifende Powerpointrobotnikseele hätte. Das Arschkriechen, das die kleinen dicken Pseudodiktatorinnen vor ihren kleinen dummen Buchungsportalen so gerne haben, habe ich mit einer Tonne Haribo Colorado von Lidl und zwei kapitalen Kilo handgeröstetem Super-Craft-Fairtrade-Fuckbrain-Duttspanier-Coffee untermauert, den ich bei einem dieser superhippen unbehandelten Holzvertäfelungskaffeeröstern in Prenzlauer Berg gekauft habe, deren scheißteuren handgemahlenen Kaffee aus den löchrigen Deutsche-Bundespostsäcken die buchenden Boulettenbomber auf ihren doppelt verstärkten Drehstühlen am Liebsten mögen.

Und was hat das gebracht? Sie haben mich in einem Biohotel untergebracht. In einem Biohotel! Und das mir! Ein Biohotel! The Fuck! Es triggert mich in den Wahnsinn und ich bekomme schon am Eingang zu diesem Ding unbändigen Bock darauf, aus Prinzip zwei Kilo Massentierhaltungsminutenschnitzel für Dreifuffzig vom Lidl dort reinzutragen und sie als Aktionskunst im Badezimmer aufzuhängen – essen würde den Schrott selbst ich nicht. Ich möchte so unbedingt eine Gummibärchenspur von den überall rumliegenden mahnenden Umweltflyern in mein Zimmer legen. Einen Heizpilz und einen Kohleofen ins Hotelzimmer schleppen und beides gleichzeitig anwerfen, die ganze Nacht laufen lassen und dabei das Fenster aufmachen. Und ich muss unter allen Umständen mit Foie Gras ein Anarchie-A an die Wand schmieren. Einfach nur als Zeichen. Eines ohne Sinn. Um mich zu spüren. Weil ich dagegen bin. Wogegen ist egal, immer schon egal, Hauptsache ich mache das Gegenteil von dem, was alle wollen, und wenn alle um mich herum gerade wollen, dass auch ich so superkorrekt, hyperaware und megawoke wie sie werde, dann bekomme ich einfach nur aus Prinzip so unstillbaren Bock, das gerade nicht zu sein. Und es tut mir nicht leid. Ich kann nicht anders. Und ich krieg das auch nicht raus. Ich bin so. Und ich bleibe auch so. Weil mir das so Spaß macht. Weil mir das immer schon so Spaß gemacht hat. Also wo bitte bleibt mein Dry Age-Tomahawk? Ich möchte es roh fressen. Ohne Besteck. Ich schäle es mir auch selbst aus dem Rind. Mit einem Kochlöffel.

Was an dem Biohotel außer der überall von Wänden, Fensterglasfronten und Flyerständern trommelfeuernden Ermahnungen bio sein soll, verstehe ich nicht. Gut, sie verkaufen hier das Superweltrettungswasser Viva Con Aqua, das sie in Kreuzberg statt aus dem Wasserhahn zu saufen für viel Geld kistenweise weggluckern, und natürlich die ehemalige Dutthipster- und jetzige Hausfrauenbrause fritz kola, aber egal. Greenwashing ist Trend. Hauptsache Label. Wir sind grün. Und teurer als die anderen, also buchen Sie jetzt. Doch egal. Was interessiert mich das. Ich zahle das nicht, sondern der, der mich für die ganze Kasperei hier bezahlt. Und am Ende des Tages will ich hier nur pennen, nicht den Betreiber heiraten.

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Später merke ich, was hier auf jeden Fall bio ist: Sie haben hier eine Viertelklopapierrolle neben dem Scheißhaus hängen und sonst gar nichts. Das reicht gerade mal für einmal kacken. Beim zweiten Mal dürfen Sie sich ausziehen und in die winzige Dusche steigen, um sich mit der Brause die Rosette sauber zu brausen. Sehr gut. Das ist meganachhaltig. Es sterben für meinen Suffschiss keine Bäume hier in Saarbrücken. Dafür verstopfen mandelgroße Kackebröckchen den Duschabfluss, aber hey, hallo, man muss auch Opfer bringen. Hören Sie auf zu heulen. Ich kann es doch auch nicht ändern.

Vor meinem Biohotel steht eine dicke fette Kirche. Und ich denke noch boar, Scheißkirche, wehe du bimmelst morgen früh, wehe. Und doch. Aber klar. Sie bimmelt. Natürlich bimmelt sie. Volle Kelle. Um sechs Uhr in der Früh. Tau. Zu Berge. Stehen mir die Haare. Ich hasse euch. Wem nutzt das? Jeden Scheiß verbieten sie inzwischen. Alles. Jeden Scheiß. Gängeln jeden wie blöd. Aber das Bimmeln lassen sie so. Versteh ick nich.

Abends in der kleinen Biolobby kommt kommt mir einer entgegen, der exakt so aussieht wie Loriot. Erst will ich mich freuen, dass ich Loriot treffe, dann fällt mir ein, dass Loriot tot ist. Und dann freue ich mich eben nicht. Stimmt. Ich habe Loriot vor einigen Jahren noch im Admiralspalast gesehen. Balkon Mitte. Sie haben ihn stützen müssen. Was gegeben wurde weiß ich nicht mehr. Bestimmt Max Raabe oder so. Ich glaube, im Admiralspalast wird nur noch Max Raabe gegeben. Jeden Tag. Jahr für Jahr. Bis sie Max Raabe irgendwann mumifiziert raustragen. Loriot jedenfalls kann da nicht mehr hin. Der starb ein paar Monate später.

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Saarbrücken. Ich schaue mich um. Atme ein wenig Atmosphäre. Flair. Spielotheken. Schäbige kleine rotbeherzte Puffs mit runtergerockten Markisen. Pfandhäuser. Benzingeruch. Westdeutscher Sichtbeton. Und Tauben ohne die geringste Angst vor mir. Ich kann sie einfach wegtreten und sie kommen immer wieder angeschissen. Diese kleinen ekelhaften fliegenden Ratten. Abknallen. Was ich immer sage: Einfach abknallen. Tauben nerven einfach nur. Man kann sie nicht einmal essen, weil man von ihnen Magenpest und Hodenlepra bekommt. Und weil man sie nicht essen kann und Abknallen aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen mit hohen Geldbußen strafbewehrt ist, werden sie immer mehr. Auch hier in Saarbrücken. Eine ganze Stadt vollgeschissen von Tauben.

Ich sehe Trinkhallen an Trinkhallen. Karlsberg Urpils ist das Bier, das sie hier trinken. Überall. Die ersten lungern da schon morgens um sieben vor den Hütten rum. Pils in der Pfote. Und ich freue mich kurz das erste Mal, seitdem ich hier bin: Endlich normale Leute.

Jetzt weiß ich im Übrigen auch, wo die ganzen Althippies hin sind. Also die mit den langen welligen grauen Haaren, den hedonistischen Hirschgulaschschmerbäuchen, den Filzlatschen und den braun-grünen Westen. Sie sind alle hier in Saarbrücken. Was sie da machen weiß ich nicht, vermutlich in einer Band spielen, buffen oder Bildzeitungen anzünden. Nochmal: Endlich normale Leute.

Saarbrücken ist eine komische Stadt. Irgendwie so seltsam in der 80ern stecken geblieben. Von der Architektur her. Dem Flair. Den Leuten. Um mein Hotel herum gibt es viele zerbrochene Träume und zerschossene Biographien zu sehen, die wir in Berlins superfreshen Quartieren schon längst in den Untergrund gentrifiziert haben. Alkoholiker. Junks mit Nadel. Gesichtstätowierte Schläger. Ein Stricher spricht mich an. Und irgendwer, der glaubt, ich würde auf der Straße meine Dinge des täglichen Bedarfs erwerben, möchte mir ein Tütchen mit irgendwelchem hellbraunen Zeug – es könnte mies gestrecktes Heroin sein, keine Ahnung, ich habe das Zeug nie genommen – verkaufen. Hey. Hallo. Was ich sage. Endlich normale Leute. Ich geh‘ mir dann mal mit der Fitnessstudiokarte was von dem zurechtmachen, was ich mir aus Berlin mitgebracht habe. Aber nein. Ich bin nicht besser als die da rumlungern, kein Stück, sondern höchstens auf eine andere Weise demolierte Retourenware, die in einem anderen Meer als sie umhertreibt. Treibgut sind wir alle. Und ich fühle mich denen dort um mein Hotel herum stets näher als denen, vor denen ich in zwei Stunden schon in einem auf Maß genähten Anzug meine nie so einstudiert wie sie sind wirkenden rhetorischen Purzelbäume ableisten werde.

Saarbrücken. Außer meinem Biohotel ist an dieser Stadt nun wirklich gar nichts hip. Oder modern. Fresh. Auch nur irgendwie cool. Null. Kein einziger Männerdutt in town. Keine Cinnamon-Gorgonzola-Birne-Wocochinos. Und ich muss mein Essen nicht wie in Berlin-Mitte bei supercoolen gesichtsblechverblendeten Brandenburgbratzen auf Englisch bestellen. Ich muss es doch nochmal sagen: Endlich. Normale. Leute.

Straße um Straße begegnen mir Pfandhäuser über Pfandhäuser über noch mehr Pfandhäuser. Ich sehe schon, da rechnen welche damit, dass sie wieder gut zu tun haben werden die nächsten Jahre. Ja, stimmt. Seltsame Stimmung im Moment. Wo Sie auch hinschauen. Die Pessimisten unken von Stürmen und die sonst immer zuversichtlichen Optimisten sind seltsam still. Haben Sie sich auch schon einen dicken Norwegerpulli gekauft? Oder Konserven? Eine Urinaufbereitungsanlage für den Keller?

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Ich habe zwischen der zum Gähnen routinierten beruflichen Scheißequatscherei ein wenig Zeit, es gelang mir auch, die sabbelnden Frankfurter Schnöselköpfe auf einem bräsigen Marktplatz mit bräsigen Marktständen voller Holzbretter, Fellen und Seifen zu verklappen, und sehe mir das an, was sie in Saarbrücken Altstadt nennen. Der feudal daherkommende Ratskeller des stattlichen Rathauses St. Johann bietet täglich 50% auf alle Cocktails to go. Das ist traurig. Nein, nicht traurig, es ist vielmehr unwürdig. Für einen Ratskeller.

Vor dem unwürdigen Ratskeller steht ein Jugendlicher blöd in der Gegend herum. Er fotografiert mich. Ich fotografiere zurück. Er lacht. Ich auch. Was das soll weiß ich nicht. Vielleicht habe ich Essen im Bart und lande auf einer dieser superunwitzigen Internetseiten voller Popupklickmichfettwerbung, in der sie Leute mit Essen im Bart öffentlich ausstellen. Oder noch schlimmer: Sie machen mit mir eine Klickstrecke bei Bento.

Ich sehe einen Kosmetiksalon, der „Fettweg mit Kälte“ verspricht. Versteh ick nich. Wie wär’s denn mal mit Fettweg mit Sport? Kost‘ nüschte. Schuhe an und los. Fett verbrennen. Oder einfach weniger fressen. Verbrennt weniger Geld als dieser Salon.

Und weil es der komischen Dinge nie genug sein kann, verkauft in der Obertorstraße einer „Original Berliner Gemüse Döner“. Na klasse. Hat es der Mustafakram bis an die französische Grenze gebracht. Als Berliner Spezialität. Gratulation. Immerhin verkaufen sie kein Eisbein.

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Zurück im Biohotel nervt es mich weiter. Kein Klopapier mehr. Die Türe geht schlecht aufzuschließen. Es sind winzige spartanische Asketenzimmer mit Blick auf lauter Lüftungsrohrgebläse. Ich habe Gebläserauschen die ganze Nacht. Immer unterbrochen von einem Arsch, der französischen Hip Hop in Wandwackellautstärke aus seinen arschgefickten Bässen bollern lässt. Und ich habe psychedelische Wandgemälde über meinem Bett, bei denen ich froh bin, kein LSD einstecken zu haben. Meine Güte, ich stelle mir vor was da los wäre. Psychoejakulat in Serie aus meinem kaputten Hirn. Ich hasse LSD. Ich beherberge zu viel vergrabene Vergangenheit, die dann wie ein eitriger Pickel hochploppt und ich aufpassen muss, dass sie mich nicht irgendwo einweisen. Nein. Das würde nicht gut gehen. LSD in Saarbrücken. Wahrscheinlich würde ich auf die gebläserauschenden Lüftungsrohrrotorblätter springen, Schimpansengeräusche machen und versuchen, ein eingebildetes Abbild meiner beschissenen Mutter in einem Lüftungsschacht zu versenken. Will ich nicht. Niemand will das. Ich bleibe besser bei Cannabis aus dem Verdampfer zum Einschlafen. Cannabis. Mein sicherer Hafen. Hält mich warm. Macht mich weich. Mein Verdampfer heißt Crafty, ein schönes Ding und ich kann es per App steuern. Hier, bitte, kein affiger Affiliate-Geldbettellink, sondern googeln Sie selbst. Eine schöne Erfindung. Sie können im Hotelzimmer kiffen ohne dass jemand irgendwas riecht und wegen Ihnen am Ende noch die Polizeivollzugskräfte rufen muss. Toll.

Ich versöhne mich zuletzt doch noch dem Biohotel, wenn auch erst am nächsten Tag, denn das Frühstück, das sie hier haben, ist ohne Einschränkung phänomenal. Eingeräumt. Zugegeben. Ehrlich anerkannt. Mit Freude. Das Klientel weiß schon wie man gut isst. Endlich mal keine keksigen Aufbackbrötchen, keinen geschmack-, charakter – und seelenlosen Billigkäse, kein miniverpackter Lebensmittelmüll. Und sie brühen mir hier frisch ihren sensationellen Kaffee auf und das versöhnt mich dann doch wieder ein wenig mit dem Feind und ich höre meine superawaren megakorrekten Bionachbarn aus Prenzlauer Berg hämisch aus der emissionsneutralen Gruft lachen. Bald ist er es. Bald ist er einer von uns. Wir kriegen ihn. Wir kriegen ihn noch dazu, Birkenstock zu tragen.

(Kriegt ihr nicht)

Doch schnell wird es wieder anstrengender als mir gut tut, denn am Tisch neben mir diskutieren zwei Ökovetteln mit ihren quäkenden Quietschleierstimmen Politscheiße. Namentlich den Brexit. Sie tun es zeitgemäß hysterisch natürlich und ich muss ihnen zuhören, weil ich neben ihnen sitze. Was ich höre ist, dass die Welt mal wieder unter geht. Weil ein Staat ein bürokratisches Gebilde verlässt. Drama as drama can. Nein. Ich verstehe die ständige Dramatisierung aller möglichen Sachverhalte nicht. Aller. Doch. Aller Sachverhalte. Alles was passiert ist im Moment mindestens Armageddon. Egal was. Es muss dieser ständige Drang nach Aufmerksamkeit in einer völlig überdrehten Onlinewelt sein, die sich nach all diesen Jahren fest in den Gemütern eingekalkt hat, so dass sie alle gar nicht mehr anders können als Kreischen. Ich kann mir das nicht anders als mit dem Informationsüberfluss erklären. Wer in diesen Zeiten nicht immer und ständig aufs Neue laut aufquiekt, wird nicht gehört. Gelesen. Bemerkt. Und verkauft keine Clickelifuckbanneranzeigen. Und das färbt ab, denn auch für die Frauen neben mir ist der Umstand, dass eine übersichtliche Menge an Bürgern samt Staat solch ein doch sehr willkürliches Gemeinschaftsgebilde verlässt, das erste Anzeichen des Untergangs aller Dinge, vermutlich in letzter Konsequenz der Anfang vom Ende der Zivilisation. Für mich nicht. Nix. Ich werde mich den Gegebenheiten anpassen. Allen, die kommen werden. Wie der Mensch das grundsätzlich kann. Möglich, dass ich ab nächstem Jahr ein Visum für London brauche. Und wenn das so ist, dann werde ich mir ein Visum besorgen, bevor ich fliege. Oder eines bei der Einreise in Heathrow ziehen. So. Mehr passiert voraussichtlich nicht. Und wenn doch, dann kriegen wir das hin. Hier in Prenzlauer Berg haben sie 1945 in den letzten Kriegstagen bei Bäcker Siebert immer noch Brot aus der Türklappe verkauft, als die russischen Panzer schon die Bornholmer Straße raufgerollt sind. Was soll denn da noch kommen? Wir werden leben. Niemand geht unter. Meine Güte, kriegt euch ein.

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Ich habe das erste Mal in meinem Leben saarländisch gegessen. Im Stiefel. Ich wusste gar nicht, dass das Saarland eine eigene Küche hat. Ich hätte vermutet, dass man hier schnöde das benachbarte Frankreich kopiert, doch nein. Es gab „Gefillde“, das sind Kartoffelklöße mit einer Hackfleisch-Leberwurstfüllung, dazu Speckrahmsoße und Sauerkraut. Sicherlich mussten dafür wieder Tiere ihre Leber, Lende oder Hinterhesse lassen und bei Vollmond von kerngesunden Allgäuer Sennerinnen besungene Chiasamen sind auch anderswo, aber das finde ich gut so. Ich esse wirklich gerne Tiere. Alle. T-Bone-Steaks. Lämmchen. Alle möglichen Fische. Eure Kaninchen. Ich würde auch Hunde, Frettchen und Meerschweinchen essen, gäbe es die irgendwo als Braten entfellt zu kaufen. Und ich mache damit auch immer weiter, für immer, egal wie viele Steuern ihr darauf plant, egal welche Sanktionen ihr hässlichen kleinen Missionare dafür vorseht und es ist mir auch völlig egal, ob ich mir das Zeug irgendwann beim nigerianischen Schwarzhändler unter der Bösebrücke besorgen muss, absolut egal, notfalls züchte ich Tauben, rupfe sie und werfe sie auf den Grill. Und die Ratten aus dem Keller hinterher.

„Schmeckt es denn?“ fragt eine Freundliche. Ich antworte mit „Urst geil“ und möchte mir sofort das Maul mit Salpetersäure auswaschen. Urst. Ich. Sage das sonst nicht. Aber dieses gefüllte Zeugs ist wirklich urst geil. Superurst.

Zudem brauen sie ein urst geiles Zwickel, das so urst geil ist, dass ich mich damit urst geil besaufe. Damit folge ich einer langen Tradition. Ich bin auf Borgwürfelreisen des Abends stets rotzebesoffen. Und das so gerne. Weil mich das so schön einlullt, sanft macht und mir hilft, die Leute zu ertragen, mit denen ich es zu tun habe. Die Frankfurter. Die Kunden. Die Banker. Private Kapitalgeber. Controllerfuzzis. Spesenritter. Tratschtanten. Hurensöhne. Berliner. Hamburger. Schwaben. Saarländer. Alle.

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Oh doch. Das war schon wieder Saarbrücken. Mehr war nicht.