Frau Süßenbach heißt nur so

Auf diesen Gehwegplatten stehend habe ich Frau Süßenbach zum ersten Mal geküsst. Lange bevor der Terror kam.

Frau Süßenbach konnte gut küssen. Frau Süßenbach konnte charmant sein. Frau Süßenbach konnte aufmerksam sein. Sehr zuvorkommend. Sanft. Dort auf diesen Gehwegplatten stehend nicht gesehen habe ich Frau Süßenbachs anderes Gesicht.

Das andere Gesicht zeigt Frau Süßenbach erst, wenn sie sicher ist, dass sich ihre Position gefestigt hat. Wenn sie eine Zahnbürste in Ihrer Wohnung hat. Oder sogar einen Schlüssel für Ihre Wohnung. Wenn sie Ihnen ihre Eltern vorgestellt hat. Wenn sie Ihre Freunde kennt. Und die ersten Telefonnummern von ihnen gespeichert hat.

Frau Süßenbach ist jemand, der sich zügig einnistet. Ein Netz webt. Aus dem Sie ohne Verluste und doch erhebliche Wirkungstreffer nicht mehr herauskommen. Frau Süßenbach wickelt Sie erst ein. Setzt Wegmarken. Pflöcke. Webt und webt. Versteckt ihre Schäden. Versteckt ihren Kontrollzwang. Ihre Eifersucht. Ihre Bosheit. Ihre Psychosen. Solange bis sie sicher sein kann, dass Sie Schaden nehmen werden, wenn Sie das Netz durchschneiden und von ihr fortgehen wollen.

Frau Süßenbach kostet natürlich auch Geld. Es gibt bei Frau Süßenbach fünf fixe Termine im Jahr, zu denen Geschenke nötig sind. Von dem Namenstag bis zum Valentinstag. Dem Tag des Zusammenkommens. Geburtstag natürlich. Und Weihnachten. Wenn Sie essen gehen, zahlen Sie. Immer. Alles. Viel davon. Den Hugo. Den Grand Reserva. Den Veuve. Den Rosé. Und irgendwann zahlen Sie dann auch das Futter für die Katzen. Offiziell ist es eine Leihe, Sie verleihen immer wieder mal eben etwas für Frau Süßenbachs Dinge des Bedarfs. Was Sie nicht wissen: Es ist eine Leihe, die Sie nie wiedersehen werden. Verbuchen Sie das am besten gleich zur Übergabe als Schenkung. Wöchentlich an manchen Monaten. Klamotten. Schuhe. Sinnlose Dekoration. Nanu Nana. Blumen. Immer wieder Essen. Und Katzenfutter, Katzenfutter und immer mehr Katzenfutter. Und Streu. Das Zeug ist teuer.

Natürlich hat Frau Süßenbach Katzen. Zwei davon. Frauen wie Frau Süßenbach haben immer Katzen. Frau Süßenbach hasst sie. Sie sind aber dennoch wichtig. Wichtiger als Sie. Wenn Frau Süßenbach die Wahl hätte, Sie einzuschläfern oder ihre Katzen, würde sie keine Sekunde zögern. Frau Süßenbach würde Sie einschläfern.

Wenn Sie merken, dass Frau Süßenbach ein so dichtes Netz um Sie gewebt hat, so dass es nicht mehr möglich ist, sich spontan abends mit Ihren Freunden in der Kneipe zu treffen ohne dass Teller durch die Küchenluft fliegen, werden Sie vermutlich versuchen, ein klärendes Gespräch zu führen.

Und es wird nichts bringen. Frau Süßenbach wird Sie beschuldigen, sie zu hintergehen. Sie wird schreien. Sie wird Sie beschimpfen. Sie wird Sie auffordern, der Spätkaufangestellten, die Sie beim Abkassieren des Sechserträgers Bier einen Bruchteil zu lange angeschaut hat, die Fotze zu lecken. Na los. Leck sie doch. Los leck sie. Geh runter und leck sie.

Fotze. Ja sicher, Frau Süßenbach sagt Fotze. Und Kimme. Und Schaft. Und Arschficker. Mieses Schwein. Pimmelgesicht. Schwuchtel. Kackvogel. Und Frau Süßenbach schmeißt dazu Teller. Ihre Teller aus Ihrem Küchenschrank natürlich. Was die mal gekostet haben ist egal. Sie können ja neue kaufen.

Wenn Sie merken, dass Gespräche nichts bringen, werden Sie wahrscheinlich versuchen, sich zu trennen. Zumindest wenn Sie Stolz haben. Wenn Sie keinen haben, bleiben Sie und leiden weiter. Jeden Tag. Ich bin dafür nicht gemacht. Ich kann so einen Weg nicht auf Dauer gehen.

Sofern Sie sich trennen, erklärt Ihnen Frau Süßenbach den Krieg. Den totalen Krieg. So wie mir.

Frau Süßenbach wird Ihnen seitenlange E-Mails mit Vorwürfen schreiben. Täglich eine. Manchmal zwei. Wenn Sie eine Mailbox bei Ihrem Provider haben, wird Frau Süßenbach Ihnen quälend lange Monologe mit Vorwürfen draufsprechen. Frau Süßenbach wird Sie darauf einen Wichser nennen. Einen Hurenbock. Einen Arschficker. Und danach wird Sie Ihnen sehr plastisch in einer bemerkenswerten Detailtiefe beschreiben wie sie den Schwanz ihres Nachbarn deepthroatblasen wird, bis er in ihren Mund kommt. Sie wird bei Ihnen auf der Arbeit anrufen und die Tiraden immer wieder von vorne abspulen. Hurenbock. Arschficker. Nachbars Deepthroat.

Wenn Sie das ignorieren, denn was sollen Sie solchen Tiraden auch entgegensetzen, wird Frau Süßenbach vor Ihrer Tür stehen. Sie wird Sie beschimpfen, wenn Sie von der Arbeit kommen. Sie wird auch mal auf Sie eindreschen. Oder spucken. Niemand wird Ihnen helfen. Auch kein Nachbar, der an Ihnen vorbeigeht und die Tür aufschließt während Sie versuchen, Frau Süßenbach abzuwehren. Kennt man ja. Frau Süßenbach wird schon einen Grund haben warum sie das tut. Trifft bestimmt keinen Falschen. Ist sicherlich ein Arschloch, der Typ, auf den sie da los geht. Der wird das schon provoziert haben.

Dann bestellt Frau Süßenbach ein paar Dinge für Sie. Auf Rechnung. Plastikpuppen. Sexspielzeug. Eine Menge Pizza. Und Grünes Curry mit Reis. Das alte Mobberding. Scheiße bestellen, mit dem der Empfänger der Dinge viel Abwehrarbeit hat. Es zu regeln macht ernsthaft eine Menge Arbeit. Und bringt Ärger. Genervte Minijobber stehen an Ihrer Haustüre mit Dingen in der Hand, die Sie nicht haben wollen. Sie versuchen Erklärungen. Es folgen Dispute. Und mehr Arbeit. Das will sie so. Sie können dazu ruhig mal beim Abschnitt der Uniformierten vorsprechen, um sich zu erden wie die Dinge so stehen, wenn Sie über viele Wochen unter solchem Beschuss stehen. Nur tun wird sich nichts. Kein Beweis. Niemand beantragt richterliche Entscheidungen wegen einer Pizzabestellung. Oder zweien. Oder drei. Was? Mobbing? Echt jetzt? Ach bitte. Sie sind der Mann. Regeln Sie das. Regeln Sie Ihre Probleme bitte selbst.

Wenn Frau Süßenbach merkt, dass sie bei Ihnen nicht weiterkommt, wird Sie die Telefonnummern abklappern, die sie von Ihren Freunden hat und wird eine Menge Dinge erzählen, die Sie in einem möglichst schlechten Licht dastehen lassen. Dass Sie ein Frauenfeind sind. Dass Sie sich durch Berlin gevögelt haben. Dass Sie sich von ihr haben aushalten lassen. Dass Sie nie Geld haben. Dass Sie knausrig sind. Und dass Sie ein praktizierender Satanist sind. Nochmal: Ein Satanist. Ohne Ironie. Dann überlegen Sie wie Frau Süßenbach auf so etwas kommt und erinnern sich, wie sie Sie als Satanisten beschimpft hat, weil einmal Rammstein bei Ihnen im Auto lief. So schnell geht das und Sie haben ein unappetitliches Label, das an Ihnen haftet wie Teer. Die Situation driftet gegen Ende des Feldzugs vollkommen ins Absurde ab, bei dem Sie sich fragen, wer den Scheiß glauben soll.

Oh doch. Einige Ihrer Freunde werden das ganze Zeug glauben. Und mit Ihnen brechen. Sich verleugnen. Keine Zeit mehr haben. Nicht zurückrufen. Und sie werden mit Frau Süßenbach ins Bett gehen. Sie haben nach Frau Süßenbach weniger Freunde als vor ihr, was nicht schlimm ist, weil jene, die gingen, keine Freunde waren. Frau Süßenbach wischt quasi einmal feucht durch.

20%.

20% waren es bei mir. Die mich aus dem Telefonspeicher gelöscht haben. Ich weiß nicht, ob das viel ist. Vielleicht hat sie bei anderen bessere Quoten, ich kann Ihnen das nicht sagen, ich weiß sowieso nicht wie es heute um sie steht.

Am Ende der quälenden Monate gehen Frau Süßenbach für ihren Feldzug dann doch die Mittel aus, so dass sie in einem letzten Aufbäumen versucht, Ihre berufliche Existenz zu beschädigen. Es versucht. Um zu schauen wie weit sie kommt. Sie kam nur bis zum untauglichen Versuch. Sie kam damit nicht durch. Ich hatte Glück.

Wenn Sie jetzt merken, dass Ihre Frau Süßenbach meine Frau Süßenbach ist, wird es zu spät sein. Dann werden Sie das Programm durchlaufen, das wahrscheinlich jeder durchläuft, der den Fehler macht, nicht schnell zu verschwinden. Der aus irgendwelchen Gründen, Einsamkeit, Verliebtheit, beginnende Hörigkeit, nicht das Weite sucht. Der es nicht geschafft hat, die Entwicklung der Dinge früh genug zu erkennen. Der keine Reißleine gezogen hat. Oder besser: Gleich die Finger von ihr gelassen hat.

Wenn Sie schon drin sind im Netz: Viel Glück. Ohne Glück haben Sie keine Chance.


Sie brauchen nicht zu googeln. Der Name ist zwar ideell angelehnt, jedoch sehr wesentlich geändert. Heißen Sie Süßenbach und sind eine Frau, dann hatten wir trotzdem nichts miteinander zu tun.

Sowieso ist die ganze Nullerjahrenummer verarbeitet, aufgearbeitet, schichtweise sortiert und in Schubladen gesteckt, die Wunden sind genäht, es ist einfach nur an der Zeit, die Sache aufzuschreiben, um sie nicht zu vergessen.

Was mich am meisten überrascht hat, war meine Überforderung mit dem Dauerfeuer. Ich praktizierte eine Art Duldungsstarre, die nur nach außen hin wie souveränes Ignorieren aussah. In Wahrheit war ich überfordert. Hilflos. Komplett handlungsunfähig. Nicht in der Lage, auch nur irgendwie darauf zu reagieren. Ich habe erst danach Routinen entwickelt, um einer Wiederholung vorzubeugen. Um schnell Reißleinen ziehen zu können. B-Pläne. C-Pläne. Ich habe auf kleine Zeichen geachtet. Brandmauern gezogen. Bin beim ersten Zweifel lieber auf Abstand geblieben. Schlicht vorsichtig geworden. Und es hat geholfen. Vergleichbares in dieser Schwere ist danach nie wieder passiert.

Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, das hier irgendwo zu verbreiten oder zu verlinken, weil superpersönliche Entblätterungsscheiße immer gerne betroffenheitstriefend geteilt und verlinkt wird, wäre es mir recht, wenn Sie es ließen.