Lost in Bornholmer St.

Der Morgenschiss der kommt gewiss und wennet erst am Mittach is.

unbekannter Trinker an der Theke des Pub 82

Irgendwann nach Mitternacht gleichgewichtsversage ich die Bornholmer Straße entlang in der fehlgeleiteten Annahme, hier sei irgendwo noch was los. Doch nur nix. Leerende Gähne. Alles zu. Wonach ich mir vorkomme wie in Gießen. Wiesbaden, Heilbronn oder in der Wüste Gobi. Doch was ist das hier? Hausnummer 82. Licht. Tür abgeschlossen. Scheiße. Da sitzen doch welche. Klopf Klopf. Tür öffnet. „Komm‘ rinn!“

Na herrlich, was ist das denn? Vor mir eine Kneipe wie früher: Verraucht, versoffen, verlebt und gemütlich. An der Theke sitzen runtergerockte Gestalten, die ich in Prenzlauer Berg für längst ausgestorben gehalten habe, Menschen mit Charakter jenseits dieser geleckten Gesundheitsapostel, die meinen Bezirk regieren: Kippe im Maul, Molle in der Hand, was ist hier los, bin ich aus Versehen drüben in Wedding gelandet, nein, es ist Prenzlauer Berg und so wie mir scheint residiert an diesem geheimen Ort im Untergrund der vorletzte verschworene Rest Bieradel, den es überhaupt noch hier gibt.

Sie beäugen mich zunächst kritisch, als wäre ich ein bioahornbirkensaftiges Weizenkeim-U-Boot, ausgesandt, diesen Ort der Lasterhaftigkeit, des Vollsuffs und des Kippenqualms in Prenzlauer Berg auszuforschen, zu beleuchten, bewerten, darüber einen Bericht an das spaghettihaarige Bezirksselleriekomittee zu schreiben, damit diese Fehlgeburt der Sünde endlich auch durch ein toscanisches Kresse-Rucola-Cafe auf Ayuvedabasis mit queerfeministischer Yoga-Ecke ersetzt werden kann. Oder durch eine esoterische Heilpraktikerkrabbelgruppe für gestörte Kinder mit bescheuerten Doppelnamen.

Als sie sehen, dass ich als erstes eine Lage Klaren bestelle, weil ich es so mache, wenn ich irgendwo neu bin, ändert sich die Stimmung. Ich bin nicht der Feind, soviel ist jetzt klar. Hier läuft Neue Deutsche Welle. Natürlich. Was sonst? Trip-Hop-Chillout-Chupamunga-Freejazz gibt es ja sonst schon überall im Bezirk.

Was ich trinke ist Pennerglück. Jägermeister. Goldkrone Cola. Egal jetzt. Dann einen Likör-Knockout, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, der aber irgendwas mit dem BFC Dynamo zu tun hat und sich kotzt wie Stacheldraht. Dynamoknaller? BFC-Bomber? Kein Plan wie der heißt, doch er schmeckt nach Cassis. Kommt krass, wenn Sie den direkt zu Bier trinken, aber ich merk‘ ja eh nix mehr, nicht einmal, dass ich mich mitten in einer BFC-Kneipe befinde, BFC, der Hooligan-Club in Berlin, nach dessen Spielzeiten ich meine S-Bahnfahrten plane, um mit dem Kind möglichst nicht in die Meute kahlrasierter dicker tumber Bombenjackenträger zu geraten, bevor die Bullen an der Landsberger Allee den S-Bahn-Wagen stürmen.

Komisch, nur die hier sehen gar nicht aus wie die BFC-Hools aus der S-Bahn, älter gediegener, wahrscheinlich noch aus Ostzeiten BFC-Fans und bleiben nun dabei. Entspannt lehne ich mich zurück und trinke weiter, während Nena ihre alten Knaller zum Besten gibt: Heute ist Vollmond und die Nacht ruft nach mir, komm mit wir tanzen und ich küss‘ dich dafür.

Die Zeit rast. Immer wenn es schön ist rast die Zeit. 2.30. 3 Uhr. 3.30. Irgendwann tanze ich wirklich, doch da bin ich nicht der einzige.

Jetzt gibt es Wodka. Dann Whisky. Und noch Havanna Club obendrauf. Noch ne Molle. Und noch ne Molle. Schalala. Verlieben Verlorn Vergessen Vorbei. Der Wolle Petry. Haha. Irre. Schon Jahre nicht mehr gehört. Ist der auch schon tot? Ich weiß es nicht. Shot. Jägi. Shot. Noch’n Jägi. Wolle Petry. Molle Jägi. Jetzt dreht sich die Welt. Und ist bunt. Bling Bling. Wo ist das Klo? Da? Nein, Damenklo. Egal, scheiß der Hund drauf, muss auch so geh …

(…)

Etwas brummt. Nebel. Meine Augen sind verklebt, mein Atem stinkt nach toter Ratte, mein Kopf fühlt sich an wie Indien. Wo bin ich? Wessen Couch ist das? Ist das eine Flugzeugturbine in meinem Kopf? Ich kenne dieses Zimmer nicht. Fenster. Grauer Himmel. Dezemberregen. Das marode Fenster ist angeklappt, es rauscht von draußen. Ich stehe auf und schaue raus. Kalt. Plattenbau. Ich bin in Friedrichsfelde. Sechsspurige Schnellstraße. Irgendwo weit im Osten. Mindestens zehnter Stock. Holy fuck. Fucked me. Mein Kopf. Eine leere Flasche Jameson und ein geplünderter Kasten Krombacher stehen rum. Im Pizzakarton liegen mehr Kippen als im Aschenbecher daneben. Ich und wer auch immer haben hier wohl weitergezecht bis nichts mehr übrig war. Und ich weiß nix mehr davon.

Langsam ohne einen Laut sammle ich meine Klamotten ein, die überall im Zimmer verstreut herumliegen, werfe einen Blick auf den schnarchenden Menschen auf dem Teppich, dessen massive Gestalt sich unter einer schmierigen Wolldecke abzeichnet und an dessen Gesicht ich keine Erinnerung mehr habe, und schleiche mich nach Hause.


In Erinnerung an den in diesem Jahr in den Orkus gentrifizierten Pub 82 in der Bornholmer.