Erzieh‘ mich doch, Fleischwarenfachverkäuferin

Es ist Rewe. Der berühmte Rewe in der Schievelbeiner – Center of the Biohansel, hier am Arnimplatz, Home of the Holzspielzeug und der ungespritzen Biomütter – tanz deinen Namen für mich, Baby.

Und mittendrin in diesem Supermarkt voller Bio Bio Fairtrade Fickmichnies steht eine Frischtheke – und dahinter eine Unglückliche. Davor ich mit Kind.

„100 Gramm Fleischwurst, 150 Gramm von der ungarischen Salami und zwei Lagen Parmaschinken bitte.“

„Noch etwas?“

„Ein wenig Roastbeef bitte. 200 Gramm.“

„Noch etwas?“

„Nein, danke.“

(…)

„Sagen Sie, gibt es keine Scheibe Wurst mehr für Kinder auf die Hand? Steht es so schlimm?“

„Sie können ja von Ihrem Bestellten etwas abmachen.“

„Sehr freundlich, gerne, machen Sie doch bitte ein Stück Parma ab.“

„Sie können doch dem Kind kein Parma geben.“

„Kann ich wohl.“

„Aber das ist doch nichts für das Kind.“

„Doch, total. Ich schwöre.“

„Denken Sie an diese kleine Leber, was die alles verarbeiten muss. Die kann doch das ganze Fleisch und das Salz noch gar nicht gebrauchen. Das können Sie dem Kind nicht geben.“

„Iwo, das ist kein Problem, die Leber vom Kleinen kann das ab. Gestern gab es Käsefondue mit extra fettem Analogkäse aus der Industriepflanzenfetthölle, kein Bio weit und breit, heute zum Frühstück einen Mettigel nur aus fetten Schweinen und vorhin zu Mittag ein Eisbein mit Brühwürstchen aus garantiert unökologischem Anbau, gedreht aus alten Gäulen und verseuchten Truthähnen auf totgespritztem Zombiegemüse aus dem Tiefkühler.

Und für morgen haben wir dann die Fleischabfallreste vom Dönerladen auf der Schönhauser aufgekauft, aus denen wir morgen dann zusammen mit dem alten Industrieweißbrot vom Lidl ein paar richtig fiese Buletten machen. Lecker Lecker. Ich freu mich schon. Ach ja, aber weil Sie das bestimmt interessiert: Den selbstangesetzten Eierlikör vor kurzem hat das Kind nicht so ganz vertragen, wahrscheinlich lag es am Brennspiritus für den Ansatz, ich glaube, wir satteln auf Korn um oder gleich auf schottischen Whisky, weil man so ein Kind besser so früh wie möglich an Gutes heranführen sollte, nicht wahr, das muss er einem schon wert sein, der Wonneproppen …

… oder nicht? Nein?

… meine Güte, Ihr blödes Gesicht. Ehrlich. Sie sollten mehr lachen, aber dazu müssen Sie in diesem Bezirk wohl erst mal einen Stollen zu den Graswurzeln graben. Geben Sie mir noch drei von den fetten Schinkenpolnischen mit, da steht das Kind besonders drauf. Und danke, das war es dann. Und ja, ich bin genauso froh wie Sie, dass ich gleich gehe. Grüßen Sie mir die Dinkelkeksgruppe in der Haferkita, ich komm‘ bald mal wieder vorbei und reiche frische Hot Dogs und Doppeldönerteller mit Pommes durch den Zaun. Küsschen.“

 


Altes Ding. Aus 2012. Eines der ersten unreflektierten Ausrasterdinger, die ich mir nach einem Arnimplatzpesteckensupermarktbesuch aus dem Hirn geschrieben habe als ich zu merken begann, dass Ausrasterdinger schreiben total Spaß macht. Schlappe sieben Jahre her. Das Kind konnte gerade laufen und ich habe fast jeden Tag in purem Hass erstarrt erduldet wie irgendwelche übergriffigen fremden Mütter und Omas mir vorgeschrieben haben, was ich mit dem Kind darf und was nicht, ohne mich zu fragen an ihm rumgetatscht haben, ungefragte Ratschläge in Reihe zum Besten gaben und am laufenden Band so getan haben als wäre mein Kind ihr Kind und ich gar nicht da. Doch das ist vorbei. Ich habe das Kind ohne größere Schäden durch die ersten üblicherweise schweren und charakterprägenden Jahre gebracht ohne dass es jetzt lebendige Mäuse im Kinderzimmer häutet und sie im Mörser zu Blutbrei zermanscht, um sich danach damit einzureiben, also kann das alles nicht so schlecht gewesen sein was ich als Vater so vor mich hin erziehungsdilettiert habe. Um mich und das Kind ist es vergleichsweise ruhig geworden und das meiste ist nicht erzählenswert, weil das Kind damit beginnt, seine eigenen Dinger zu drehen, an denen ich immer seltener teilhaben soll. Gut, wenn man einen Blog hat und ab und zu mal in der alten Scheiße wühlen kann. Sie. Werden. So. Schnell. Groß.