Berlin-Mitte. Geld frisst Hirn frisst Contenance

Berlin-Mitte. Umlaufbahn Hackescher Markt. 20:50 Uhr. Eigentlich kann niemand, der in dieser Stadt bei Verstand ist, hier noch hingehen. Wenn Sie Glück haben, treffen Sie nur auf Touristen, sinnlos im Weg rumstehend, entweder zum Kotzen sanierte oder zum Scheißen neugebaute Architektur bestaunend, Berliner Luft in Dosen kaufend, mit Smartphone in der Hand auf Google Maps starrend gegen Laternenpfähle rennend und die Außenwelt durch das Objektiv erlebend, von der sie 4.078 Bilder schießen, von denen sie kein einziges je wieder anschauen werden.

Aber die tun ja nix. Die Touristen. Die stehen nur rum. Wie zwei Öltankgötzen.

Schlimmer ist die woher auch immer hier gelandete Schickeria, die den Ort annektiert hat anstatt weiterhin in Sylt vor sich hin zu schnöseln: Blasierte Schnepfen, aufgedonnert, behighheelt und in Erwartung, das jeweilige Umfeld müsse ihnen, egal wo sie sich gerade befinden, einen roten Teppich ausrollen und danach den Boden küssen, auf dem sie gelaufen sind.

Dos Palillos. Weinmeisterstraße. Die kochen hier nicht nur, die zelebrieren, die zaubern, die künstlern. Und von der Homepage schnöselt es mir entgegen:

der selbe name, die selbe begeisterung,
beinahe dasselbe konzept,
eine andere stadt, andere gesichter,
sein eigener styl, seine eigene persönlichkeit,
eine andere atmosphäre, unterschliedliche dekorationen,
dieselbe ernsthaftigkeit, dieselbe illusion.

Stil mit y. Okay.

Ich schaue mich um. Berlin-Mitte wie es jetzt ist. Offensichtlich reiche, wenn auch nicht immer schöne Menschen. Viel Cartier. Viel Faltencreme. Viel Bleaching. FDP-Gesichter beeindrucken ihre Barbies. Ein Sohn beeindruckt seine künftige Erblasserin, die aussieht wie seine Uroma. Von irgendwo in der Mitte brüllt ein ungezogener Amerikaner mit fettigen Haaren sakebesoffen unflätiges Zeug in die Runde und hält das für Konversation. Fick Fäck Fuck Fucking Wankers Bloody Shit Crip Crup Crap Bastard Retard. Reich kombiniert mit Arschloch. Berlin-Mitte. Deswegen bin ich nicht gern hier.

Auftritt eines aufgetakelten, schon stark angejahrten Groupiegesichts (ein Groupie der Rolling Stones 1980), heute faltig, dafür umso mehr affektiert, im Domina-Look, weil sonst nichts mehr geht, solariumsendstadiumsgebräunt, Häuptling Lederepidermis, und lautstark, absichtlich, auf Effekt ausgerichtet, zum Publikum kommunizierend. Es ist 20:50 Uhr.

„Ich habe reserviert. Für 20:30 Uhr.“

„Gerne. Wie ist Ihr Name?“

„Schnepfenkopf-Hirntod. 20:30 Uhr.“

„Das tut mir leid, hier steht, dass Sie für 20.00 Uhr reserviert haben, den Tisch haben wir leider schon anderweitig vergeben.“

„Ich habe für 20:30 Uhr reserviert, es nicht nicht mein Problem, wenn Sie nicht zuhören können!“

„Ich werde mal schauen, ob ich Sie noch irgendwo unterbringen kann.“

„Ich will nicht irgendwo untergebracht werden, ich habe einen Tisch für 20:30 Uhr bestellt. Nein, ich setze mich nicht irgendwo hin. Komm, Ingrid, wir gehen woanders essen…“

Als ob das noch nicht reicht, betritt jetzt auch noch Ingrid das Podium, die sich bisher dankenswerterweise zurückgehalten hat. Noch älter als die Domina, noch mehr Falten, noch affektierter und jetzt pöbeln sie beim Abgang von der Bühne im Duett, welche Unverschämtheit es ist, eine Reservierung für 20:30 Uhr in einem vollbesetzten Lokal nicht noch 20 Minuten aufrecht zu halten, bis die Herrschaft beschließt, zu dinieren.

Ich war mir noch nie so sicher: Sie haben natürlich für 20:00 Uhr reserviert, aber da es nicht angehen kann, vor der niederen Dienerschaft dieses Lokals die eigene Unzulänglichkeit bzw. die Peinlichkeit, dass man sich diesesmal mit dem Wartenlassen verpokert hat, einzugestehen, muss so ein Auftritt her. So versichert sich der neue Geldadel, dass er noch lebt und immer wieder im Recht ist.

Ich wünsche mich spontan nach Neukölln. Hermannplatz. Hasenheide. Irgendeine Eckkneipe. Menschen treffen.

Dann steht ein Pinguin im Raum. Verflucht sei ich Nicht-Stammgast, der ich in der Nähe des Ausgangs platziert wurde. Es ist ein Pinguin. Mit verzogenem Nachwuchs, der jetzt schon mit 11 Jahren das gelangweilte Erbengesicht von jemandem spazieren trägt, der nie um etwas wird kämpfen müssen. Haben nicht reserviert. Verstehen nicht, warum nicht einer vom Pöbel, ich in meinen schmutzigen Chucks zum Beispiel, unverzüglich aus diesem Raum entfernt oder wenigstens mit anderen in irgendeiner Ecke zusammengepfercht wird, um Platz zu schaffen für die, die alles Recht der Welt haben, jetzt, hier, wenn sie es so entschieden haben, zu speisen. Hat er noch nie erlebt. Sowas. Sagt er. Der Alte. Der Junge kuckt nur blasiert.

Berlin-Mitte. Der Tod wird auch sie treffen. Er darf es gerne es beim Scheißen tun.


aus dem Jahr 2012, in Erinnerung an das leider geschlossene dos palillos.