Mein altes Neukölln

Ich bin immer noch gerne in Neukölln. Ich komme da her. Wer aus dem bioseligen Biedermeierparadies Prenzlauer Berg trotz der einschlägigen Reisewarnungen aus dem Reformhaus-Kurier und der Weizenkeim-Depesche eine Reise ins Zentrum des ganz doll übel beleumundeten und in den Scheißzeitungen dieser Stadt fast täglich gedissten Bezirks Neukölln tut, der kann was erleben. Und zwar eine ganz andere Welt oder vielmehr ein ganz anderes Universum.

Ich stehe Silbersteinstraße Ecke Karl Marx. Meine alte Hood. Der Mastdarm des Bezirks. Und was sehe ich dort beziehungsweise sehe ich nicht?

Ich sehe hier immer noch schön speckige Altbaufassaden ohne tuntig türkisen oder rosa Tütü-Investorenhonigtopfanstrich, den ich aus Prenzlauer Berg kenne, verwittert und kaputt, mit all diesen vielen symptomatisch düsteren braun-beigen Treppenhäusen, die zu Zeiten eines Reichspräsidenten Ebert das letzte Mal weiß gestrichen wurden, und ihren markant scheppernd-metallenen Winkelleisten auf den gebohnerten Stufen, ich sehe heruntergekommene Innenhöfe, manchmal noch mit Einschusslöchern der Roten Armee in den bröckelnden Wänden, früher absolut unverkäufliche Immobilien – verlebt, dreckig und von Abgasen zerfressen, dafür mit viel Seele und unbestreitbar volksnaher als die heile pastellfarbene Fassadenwelt im Prenzlauer Elfenbeinberg.

Doch auch solche Objekte sind begehrt inzwischen, seit der Kontinent ins Betongold flüchtet. Sie kaufen hier alles, jeden Schuppen, jede Parzelle, jede Hinterhausbutze, jedes Dreckloch. Nur ganz so einfach wie bisher haben sie es nicht mehr, denn seit kurzen weinen sie, krakeelen sie, die Käufer, die Trusts, die Fonds, die Wohnrauminvestoren. Weil die Stadt aus Verzweiflung über die Folgen ihrer eigenen Politik bald die Mieten einfriert, oder deckelt, wie sie es nennen. Ich mag so richtig nichts daran schlecht finden, denn wenn die Immobilienlobby weint, kann es so schlecht nicht sein für diejenigen, die nicht oben im Bonitätsranking stehen, nein nein, wenn Makler glaubhaft winseln, kann das nur gut sein für die breite, im Zweifel prekäre Masse, die nicht kaufen kann, sondern mieten muss. Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann aus prinzipiellen Gründen kein Mitleid mit Immobiliensäcken haben, ich kann einfach nicht. Die haben ja auch nie welches mit mir. Und ich mag sie nicht, diese Gestalten, die auch schon bei uns im Block durch die Treppenhäuser schleichen, um bei den gar nicht mal wenigen Eigentümern, die wir bei uns im Block reininvestiert bekommen haben, klingeln und fragen ob sie denn verkaufen mögen, stehen bei mir im Mitleidsleidsranking ganz unten. Ich kann einfach nicht, ich kann sie nicht bedauern. Und das tut mir nicht leid.

Wir haben bei uns nur noch einen weiteren Mieter im Block. Einer, der noch auf seinem alten DDR-Vertrag sitzt und bei dem sie fast greifbar darauf warten, dass er endlich stirbt, so dass sie auch seine Bude sanieren und gewinnbringend verscheuern können. Nebenan hat sich vor ein paar Jahren einer aufgeknüpft. Ein früherer Mieter. Saniert. Miete erhöht. Dann Räumungsbescheid. Vor der Türe stand der Vollzieher. Sie haben die Wohnung aufgemacht und da hing er dann. Jetzt ist seine Wohnung desinfiziert, runderneuert, schick angemalt und irgendwer wird sie schon gekauft haben. Und niemand weiß mehr wie der Typ hieß, der da hing. Ich weiß es auch nicht, ich weiß nur, dass da einer hing. Solche Geschichten stehen nicht in den Exposés, solche Geschichten erzählt man sich an den Mülltonnen.

Aber weil der Berliner Senat der Berliner Senat ist, werden sie all die Mietendeckelei, die sie nun als übereifrige hektische Verzweiflungstat wie ihren lächerlichen Frauenfeiertag durch ihre Gremien und Instanzen peitschen, bestimmt verbocken, indem entweder ihr ganzes Mietendeckelgesetz verfassungswidrig wird oder – viel wahrscheinlicher – sie jetzt nach den kurzen Aufflackern von Hyperaktivität wieder fünf Jahre nichts tun und schon gar nicht bauen, bauen und bauen und uns allen danach, wenn ihr Mietendeckel ausläuft, die Stadt sozial und gesellschaftskittmäßig komplett um die Ohren fliegt. Aber ich mag das dennoch nicht schlechtreden, denn man muss tatsächlich schon froh sein, wenn sie da oben in ihrem Senat doch mal etwas Soziales tun und nicht wieder etwas Identitäres für alle ihre vielen lauten Minderheiten.

Was sehe ich hier in Neukölln noch? Alles. Alles was ich so mag und was kein Stück korrekt ist. Spielhöllen, Spelunken, zwielichtige Bars, Puffs, keimige Eckkneipen mit Spitzengardinen und ihren gelb-grünlichen und quadratisch gemusterten 70er-Jahre-Nostalgie-Fenstern, Import-Export-Moneylaundry, so ein verlebter kleiner Mikrokosmoswaschsalon, aber schon punktuell erste Ansätze des Krebsgeschwürs in Form dieser teuren Klamotten-, Bio-, Designer- oder Yogi-Chai-Cinnamon-Gorgonzola-Kürbiskuchenläden mit ihren vielen überflüssigen Dingen, die nur der statusbewusste Prenzlauerberger Biohansel, großmäulig aus Leinfelden-Echterdingen in das hier im Herzen Preußens ausgebaute Dachgeschoß eingeschwebt, für seinen Schwanzvergleich mit dem Nachbarn aus Nürtingen-Neckarhausen braucht.

Ich sehe in Neukölln zwischen den mittlerweile auch hier wie in Wedding vermehrt flanierenden Ganzkörperverschleierten immer noch irritierend gutaussehende Frauen und keines der aus Bionadeland bekannten verbissenen humorfreien Ökogesichter, keine Filzteppichstolas und Naturbast-Gesundheitslatschen; ich sehe hier aber auch immer noch ultrascheiße aussehende Säufer mit lila Pockengesicht, vergilbten Tennissocken in den Badelatschen und vollgestrullertem Jogginganzug an der Hausecke lungern, mit ihrer obligatorischen Morgenmolle in der Hand lauthals gegen die Ungerechtigkeit der Welt, den Köter der Fotze aus dem Dritten oder die Kürzung der Stütze anbellend – Volk, das in Happy Hippo Bionadeland abseits des S-Bahnhofs Schönhauser Allee, an dem sie tatsächlich gegen alle Gentrifizierungsregeln überwintern, als nahezu ausgestorben gilt.

Was ich noch sehe sind so Typen, die sie überall früher noch echte Kerle genannt haben, solche Männer im ursprünglichem Sinne, solche Typen mit grimmigem Blick, Narben, Brustbehaarung, breiten Schultern und gerne mal mit Kevin-Kuranyi-Bart, silberrückengleich ruhend in sich selbst ohne die devote Schlagmichnicht-Haltung ganzkörperrasierter superawarer Prenzlauerberger Butterweichkekse, die ich gerne mal einen Meter hinter ihrem superwoken Filzdrachen herdackeln und leise einen alten Schlager von Roger Cicero oder den Toten Hosen vor sich hinsummend deren fair gehandelte Filzklamotteneinkäufe schleppen sehe, die sie obendrein bezahlt haben. Nix davon in Neukölln. In Neukölln gibt es kein bleiernes Müttermatriarchat wie bei mir vor der Tür. Ehrlich, wie jemand auf die Idee kommt, solche Gestalten wie die Vogelscheuchen in meiner Nachbarschaft zu schwängern und ihnen fortan als ewig zu disziplinierendes Backpfeifengesicht zu dienen, ist mir ein Rätsel. Ich entwickle immer den Impuls, den traurigen Kerlen zum Schwulwerden zu raten, denn Schwulwerden hat unabweisbare Vorteile, aber allein, es ist zu spät. Sie haben diese Vetteln schon geheiratet. Kirchlich natürlich. Und wenn sie den ehelichen Fußfesselbund auflösen, fliegen sie aus der Bude und latzen der Alten ihren Unterhalt trotzdem weiter. Von Bad Freienwalde an der Oder aus. Kurz vor Polen. Wo die letzte für sie bezahlbare Wohnung zu bekommen war, damit die Alte weiterhin im schicken Kollwitzkiez wohnen kann. Das sind ihre Aussichten. Quasi keine. Diese dressierten Hündchen sind nicht mehr als Knastbrüder mit Lebenslänglich, wenn auch ohne Hoffnung auf vorzeitige Entlassung. Ich warte auf den ersten, dem eine von den frauenbewegten Vetteln ein Schleifchen um den Hals bindet. Ich fände das passend. Es würde das Bild abrunden.

Was ich in Neukölln immer noch sehe, sind diese vom Leben und dessen Widrigkeiten, Höhen, Tiefen sowie Schlaglöchern und Erdrutschen gezeichneten Gesichter, die mir wortlose Romane erzählen, in ihrer Zerrissenheit in Boomtown Prenzlhill, meinem glattgebügelten Hirseregal, völlig unbekannt, oft aber sehe ich auch einfach nur finster ungesund anmutende Verbrechervisagen, denen ich schon damals besser nicht in der Angstraumunterführung an der Karl-Marx-Straße oder auf dem verdreckten Klo des nächstgelegenen Balkanpuffs dummgekommen wäre.

Was ich hier vor allem nicht sehe und erst recht nicht vermisse sind die durchgeknallten Fahrradsalafistennazis auf den Bürgersteigen meiner Lastenfahrradhölle von Bezirk. Keiner von denen zu sehen. Nicht einer von denen kommt mir hier als Fußgängermobber entgegen geschossen. Wahrscheinlich haben die alle vom örtlichen Ndrangheta-Koksverticker einmal ordentlich auf die Fresse bekommen, weil sie ihm einmal zu oft die süßen weißen Tütchen aus der Hand gefahren haben.

Und was ist noch sehe ist und es wirkt, als ich das hier schreibe, wie aus einem historischen Freiluftmuseum geklaut: Es gibt tatsächlich noch Raucher. Wirklich. Also echte Raucher. Mit echten Zigaretten Marke Ernte oder HB oder Pall Mall meinetwegen freilebend und hemmungslos umherquarzend bis die verkohlte Krebslunge pfeift. Überall. Kenne ich nicht mehr. Rauchen ist in Pregnant Hill quasi ausgerottet – der Kinder wegen. Und CO2. Awareness. Und es ist halt auch nicht gesund. Und gesund sind sie bei uns in einem Ausmaß, dass auch die Ratten in den Kellern vor Langeweile ins Koma fallen.

Hier in Neukölln kann ich noch mittagessen für unter 10 Euro. Nicht gelogen. Ich werde auch 2019 noch gut satt für einen Fünfer. Oder sogar weniger. Und natürlich haben sie guten Kebab da. Und Dürüm. Mit ordentlich geschichtetem Fleisch, das auch nach etwas schmeckt, so irgendwie nach Paprika, Minze, Zimt und irgendwelchen obskuren importierten Geheimgewürzmischungen, in der Gesamtkomposition mit dem Gemüse so frisch wie direkt aus dem Garten von Onkel Ekrem, dem freundlichen türkischen Händler nebenan, der immer noch mit seiner Ehre für die Qualität seiner Waren bürgt. Und das vermisse ich schon. Das Nichtabgehobene der Dinge. Bei uns machen sie aus einer Ansammlung von Obstständen immer gleich einen hippen Holzspielzeugbärlauchbiowichsewochenmarkt mit dreifachen Preisen für jeden Mist. Bei uns ist immer gleich alles Attitüde. Gehabe. Gepose. Greenwashingshaltungsgeprotze. Hier nicht. Hier kaufe ich einen Apfel. Und dann beiße ich da rein. Mehr ist nicht.

Gutes Brot bekomme ich hier auch, im Zweifel türkisch, und gut, frisch, buttrig, nicht der übliche geschmacklos abgehangene Billig-Fladenbrot-Mist, mit dem sie seit Jahren ganz Ostberlin überschwemmen. Und wenn jetzt einer von meinen bekackten Nachbarn mit seinen ekligen Birkenstockpantoffeln an den warzigen Füßen und der immerblöden Max-Giesinger-Gedächtnisfrisur angeschissen kommt und fragt, ob des Bio isch was die da anbieten, dann ziehen wir ihn von seinem bonzigen Lastenfahrrad und bewerfen ihn mit dem Ausschuss von Onkel Ekrems Tomaten, den der für solche Fälle unter der Theke in einer Kiste sammelt.

Aber ja, sie kommen schon. Lauern schon. Bauen schon. Eröffnen schon. Die ersten Hostels. Der erste fucking Denns Biomarkt ist auch schon da und sucht Einzelhandelsfachverkäufer und Einzelfachverkäuferinnen und Einzelhandelsfachverkäuferdiverse für die, die jetzt hier herziehen werden in mein altes Rattenloch von Gegend. Das geht jetzt los. Bald kriegt auch Onkel Ekrem die Gewerbemiete nicht mehr zusammen. Bald verpisst sich die Spielhalle. Der türkische Nussladen. Zuletzt der Puff. Dann kommt die vegane Boutique. Ein senatsfinanzierter feministischer Leseladen. Der eklige Mütterzimtkaffee. Und Mareikes Karottenkuchen. Warum Mareike? Keine Ahnung. Wer Karottenkuchen verkauft, muss Mareike heißen. Und aus Gießen kommen. Genauso wie alle Mareikes stricken. Auf dem Balkon Biokresse anbauen. Und ihre Kinder zum Singen und Klatschentöpfern zu Montessori schicken, damit sie in Ruhe im Yogazentrum Sri Chinmoy anhimmeln können. Solche Mareikes. Abziehbildmareikes. Homöopathiekäuferinnen. Übermütter. Hafermilchtrinkerinnen. Die sie jetzt auch bald in Neukölln haben werden. In den Dachgeschossen. In den Ladenzeilen. Am Telefon. Wenn sie um 22:05 die Polizei rufen, weil der letzte elende besoffene Penner, der immer noch nicht nach Brandenburg rausgentrifiziert wurde, unten die Nachtruhe nicht einhält.

Damit beende ich meine Runde in der Ringbahnstraße. Fragmente von Erinnerungen fackeln ihr Feuerwerk ab. Ich spiele Musik in mein Ohr. Der melancholische Kieztrip, der tägliche Wandertag, meine eigene Dampferfahrt, ein entspanntes Jump and Run.

Ich muss wieder weg. Weiterziehen. Meine Silbersteinstraße hinter mich lassen. Meine Ringbahnstraße. Die Karl-Marx. Die ich alle nicht wieder sich selbst überlasse ohne doch noch einen letzten Döner zu ziehen. Was eine Scheißidee ist. War. Blöd. Der Wunderlampedöner. Vermutlich der einzige Döner hier, der es nicht kann. Was der da macht, hätte sich hier früher keiner getraut. Kaltes Brot. Brackige Soße. Ödes Gemüse. Und dabei starke Schwächen in der Handhabung, ein Großteil des über das Fleisch geschichteten Gemüses inklusive des superinnovativen Rucola landet bereits vor dem ersten Reinbeißen auf der ab dato unbenutzbaren Serviette.

Desaster.

So geht das los.

Erst werden die Döner schlecht.

Dann kommt Denns Biomarkt.

Und morgen macht Mareike schon ihr Café auf.

Bis irgendwann auch Mareike Platz machen werden muss. Für reichere Erben. Oligarchen. Und den höheren Dienst der unzähligen Behörden, die sie uns von Nordrhein-Westfalen aus in die Stadt scheißen.

Cut. Schnitt.

Tschüss.

Tschüss Neukölln.


Marcello