Jetzt lach doch mal

Some people feel like they don’t deserve love… they walk away quietly into empty spaces trying to close the gaps of the past.

Jon Krakauer


Es ist November und ich habe schlechte Laune.

Das ist manchmal so. Und wenn es so ist habe ich gar keine Lust mehr so zu tun als hätte ich gute Laune. Dann bin ich des Grinsens überdrüssig, satt, bedient, ich bin durch damit, leergegrinst. Dann sitze ich am superblankgewienerten Glasschreibtisch und schaue neutral auf den Monitor. Eine Hochglanzbroschüre. Mein Smartphone. Ausdruckslos. Desinteressiert. Maximal gelangweilt. Nicht. Gut. Drauf. Und dann passiert folgendes: Menschen kommen vorbei und fordern mich auf, fröhlicher zu sein. Doch mal zu lachen. Weil sie es nicht ertragen können, dass jemand mal nicht grinst. Nicht witzig ist. Nicht fröhlich. Oder happy. Kein Lilalaunebär. Und von der Aufforderung fröhlicher zu sein bekomme ich mit jedem Satz, den sie mir ins Büro werfen, noch schlechtere Laune.

Dabei chille ich nur. Ruhe in der Gegend herum. Mache eine kurze Pause vom Grinsefuck. Atme zumindest einmal durch. Mit Melancholie als Wolldecke.

Kuck doch nicht so böse, höre ich dann oft. Kuck doch mal freundlich. Und der Knaller: Jetzt lach doch mal. Lach doch mal. Hallo! Jetzt lach doch mal. Meine Güte lach jetzt!

Und ich will wie immer eigentlich einfach nur meine Ruhe, aber das geht natürlich nicht, weil immer einer angeschissen kommen muss, um mir mitzuteilen, wie er mich gerne hätte. Wie ich in seinen Augen sein soll. Nicht so griesgrämig. Nicht so negativ. Nicht so wie sie hier auf diesem Parkett die Leute nicht sehen wollen. Hallo. Du-hu. Lach doch mal. Huhu. Kieks. Kecker. Bruhaha.

(Fresse)

Einmal kam das auch von irgendeinem Fremden. Von so einem alten Arschloch irgendwo an einer Ampel, einem Typen, den ich nicht mal kannte und der mich wie alle notorisch übergriffigen Menschen nicht interessierte. „Lächeln!“ bellte der strahlend zu mir. Aus dem Nichts. Von der Seite. Überrumpelnd. Doch ich habe ihn ignoriert. Ich ignoriere Berlins Irre immer. Weil Berlins Irre Legion sind. Was denkt der sich? Dass ich mich freue, dass ihm mein Gesicht nicht gefällt und daher dankbar für eine Aufforderung zur Glücklichseinsimulation bin, die mir am Arsch vorbei geht? Dass es hilfreich ist, irgendeinen Fremden zum Grinsen aufzufordern, nur weil ihm Arschgesicht das besser gefällt? Und warum läuft der nicht einfach vor einen Bus? Oder lässt sich von einem abbiegenden Laster überfahren. Das, und nur das, würde mich möglicherweise zum Lächeln bringen.

Aber nein. Aber ja. Ich kenne das alles natürlich. Mir ist das ja nicht fremd. Affenfelsen. Gegrinse. Soziale Kontrolle. Wer im Borgwürfel, meinem supi Lilalauneskunk von Arbeitsplatz, nicht dauerhaft grinst, der fällt auf. Gute Laune wird erwartet und die bringt auch jeder mit. Ich ja auch. Den ganzen Tag geht das so, es ist kaum zum Aushalten: „Aahahaha hast du gelesen, die Silvie van der Vaart ist nicht mehr Single. Hat sich sogar verlobt! Ahahaha, das mit Rafael war aber auch so schade. Der ist sooo süß. Kuck mal hier in der Bild ist ein Foto von ihm oben ohne. Ist der nicht süß? Ach, Herr Zimmermann, Mensch was kucken Sie denn wie drei Tage Regenwetter? Lachen Sie doch mal!“

Manchmal gibt es aber auch Situationen, in denen Sie auf keinen Fall lachen dürfen, auch wenn Sie furchtbar gerne lachen würden. Wenn der bis über die Stufe seiner Unfähigkeit hinaus beförderte Chef sich zum Beispiel in Kitzbühel, Davos oder Scheißmichweg das Steißbein gebrochen hat und wie ein sterbender Flamingo vor ausladendem Auditorium darüber lamentiert. Dann darf man nicht lachen. Darf man nicht. Nein. Alle finden das furchtbar traurig und kondolieren artig. Fast alle.

Ich laufe manchmal, wenn die Matrix Schluckauf hat, nicht synchron mit dem Borgwürfel. Wenn alle anderen grienen und so tun als hätten sie sich unendlich lieb (was sie gar nicht haben), dann möchte ich, dass sich die Erde auftut und sie verschluckt, verdaut und in den Weltraum ausscheißt. Zusammen mit der unvermeidlichen Bildzeitung. Promiflash.de. Und 104.6 RTL Hitradio mit dem nie sterben wollenden Arno und seiner hirntoten Morgencrew gleich mit, was in diesem Puff an allen Ecken hoch und runter läuft.

Ich habe einen anderen Humor als alle anderen. Ich mag keine Witze aus der Mottenkiste von Fips Asmussen. Keinen Arno und den Morgenshit. Keine Blondinenwitze. Keine Türkenwitze. Keine Männerwitze. Keinen dummen Seite 3-Scheiß aus der B.Z. Keinen Klatsch. Keinen Tratsch. Keine Gespräche über das debile Fernsehprogramm, dumme Netflixserien, Kochduelle und noch dümmere Castingshows. Ich weiß weder, wann Dieter Bohlen zuletzt gefurzt noch wann Heidi Klum zuletzt was gegessen hat. Ich weiß weder wer mit wem noch wer mit wem nicht mehr und wer mit wem niemals. Für Menschen, die Smalltalk hassen wie die Hipster Audiostreams ist der Borgwürfel eine Tortur. Keine Situation, in der seicht gebaute Gestalten nicht Sinnloses besprechen, herumwälzen, besabbeln und und debil belachen müssen. Fahrstuhl. Warten auf den wie immer warten lassenden Chef beim Meeting. Kaffeeküche. Kantine. Sogar auf dem Scheißhaus an der Pissrinne. Na? Auch ne Hose mit Knöpfen? Is doof, ne? Ich bin ja mehr so der Reißverschlusstyp. Aber ich habe mir jetzt wieder mal Jeans von Diesel gekauft. Blabla blaaaa. Supp Supp Träller. Erschieß mich einer bitte. Dann habe ich es hinter mir.

So. Tell me, in a sentence, who you are.

Nobody.