Wiesbaden / 2019

Auf der Fahrt vom Frankfurter Flughafen nach Wiesbaden sind sie alle wieder da. Die Stinker. Und die Sabbler. Stinker und Sabbler. Und beide hasse ich. Und beide finden mich trotzdem immer. Und gesellen sich zu mir. Es ist übrigens völlig egal wohin ich fahre, denn sie folgen mir. Oder sie wissen wo ich hin will und sind schon vorher da. Und winken mir zu. Mit ihrem schlechten Atem. Der Achselnässe. Und ihren nie vom Plappern ablassenden Mäulern.

Die Sabbler haben den Vorteil, dass ich sie ausblenden kann. Ich drehe meinen Ohren einfach den Störgeräuschzugang ab, indem ich die Musik aus dem Player aufdrehe. Das geht mit der Nase leider nicht. Selbst wenn ich mir Ohrstöpsel in die Nase schiebe, was ich einmal tatsächlich in einem Ausbruch von Übermut gepaart mit blankem Hass auf den Stinker neben mir, der sich vermutlich verweste Leichenteile in die Hose gesteckt hat, gemacht habe, kommt der üble Geruch stinkender Mitfahrer im öffentlichen Transportwesen trotzdem durch. Und das verstehe ich nicht. War das früher so schlimm? So wie heute? Haben die früher auch so gestunken und ich habe es nur nicht gemerkt? War ich womöglich zu besoffen? Zugekokst? Oder war mir das alles mehr egal? Ammoniak. Schweiß. Uralter Kaffee. Penisgrind. Und Fuß. Wir haben 2019. Das gute alte Deo kommt aus der Mode. Duschen sowieso. Und Pfefferminz auf jeden Fall.

Von der freundlichen Hotelfachfrau bekomme ich empfohlen, meine Laufrunde im Kurpark hinter dem Wiesbadener Kurhaus zu machen. Für eine Betonhölle wie Wiesbaden geht das in diesem Kurpark gut, wenn auch leicht bergauf, was ich aus Berlin wieder nicht kenne. Wir haben kaum Steigungen bei uns im Bundeshauptstadtslum. Heute bin ich vergleichsweise schnell und schließe zu einem in seinem seltsamen Laufstil ausgesprochen komisch umherschwankenden Zweimeterschlacks auf, der mein Tempo läuft. Wir ziehen uns die fünf Kilometer gegenseitig aufwärts. Dort scheint er zu wohnen und die Wege trennen sich.

Auf dem Rücklauf zum Hotel komme ich in ein Starkgewitter mit Starkregen (ja sicher, ganz klar: Klima. Apokalypse. Hallo?). Die Leute sagen, bei Gewitter solle man sich nicht unter einen Baum stellen, doch ich stelle mich jedoch auf jeden Fall unter einen Baum, um nicht noch nasser als sowieso schon zu werden. Es passiert nichts. Ich überlebe. Scheiß auf Fake News.

Im Hotel angekommen begrüßt mich die freundliche Hotelfachfrau ein zweites Mal. Als ich, durchnässt wie ich bin, bemüht ironisch lächelnd sage „War jetzt nicht meine beste Idee, sofort loszulaufen.“ wird die Freundliche sofort devot und kreidebleich: „War keine gute Idee von mir?“, weil sie es ja war, die mir den Kurpark für die Laufrunde angedient hat. Meine Güte, für das Wetter kann sie doch nichts, was ich ihr auch sage und mal wieder versuche, einen anderen Menschen, der sich völlig überflüssig in den Staub wirft, zu empowern. Ehrlich, ich hasse es so sehr, wenn sie so devot sind, nur weil ich der bin, der hier in diesem Hotelpuff den Aufenthalt bezahlt. Wer macht diese Leute immer nur so kaputt, bricht ihnen das Rückgrat, wer lässt sie so werden wie sie sind, so unterwürfig, so wurmwindig, das zerstört mich am Boden, ich will nicht, dass die so sind, ich bin vielmehr der, der so gerne Augenhöhe mag, aber sie nie bekommt. Was ist das nur? Entweder haben Sie andere Menschen auf den Knien oder sie spucken auf Sie von oben. Ich finde Menschen hochgradig seltsam. Die meisten von ihnen sind mir so fremd.

Natürlich ist das Hotel, in das mich die Reisebuchungstratschen vom Borgwürfel einquartiert haben, zur Abwechslung mal wieder räudig. Es liegt an einer sechsspurigen Megapolishauptverkehrsstraße. Mit Dauerhupen. Mööök Mööök Mööök. Der Wiesbadener hupt wegen jedem Scheiß. Rote Ampel. Grüne Ampel. Gelbe Ampel. Fahrradnazi nicht auf dem Radweg. Fußgänger nicht schnell genug über die 2-Sekunden-Grünphase der Fußgängerampel. Sonne blendet. Regen setzt ein. Eingewachsener Zehennagel. Nölende Ehefrau. Rosette juckt. Egal. Mööök. Mööök. Mööök. Das Hupen wird schon irgendwie dabei helfen, die Lasten dieser Welt zu ertragen. Ich bin mir sicher, dass die ganze Huperei für irgendwas gut ist. Es muss so sein. Sonst würden sie es nicht tun.

Mein Zimmer stinkt nach Wiesbadener Betonstadtverbrennungsmotorpest. Am Dunstabzug meines Badezimmers hängen keine Wollmäuse, sondern kapitale Wollmammuts. Und für eine Halbliterflasche stilles Vöslauer Wasser rufen sie 3,80 ab, worauf ich aus purem Unwillen umständlich aus dem viel zu kleinen Wasserhahn trinke. Mein Hotelzimmer ist scheiße. Wiesbaden ist scheiße. Ich will hier nicht sein.

Bei den fetten tratschenden Reisebuchungsbüroschnepfen zu schleimen und sich ihre idiotischen Nutzloserehemanngeschichten anzuhören bringt es ganz offensichtlich nicht mehr. Sie zeigen trotzdem ab und zu ihre Instrumente, die aus beschissenen Zimmern in beschissenen Löchern bestehen. Ich muss die Reisebuchungstratschen in einem nächsten Schritt ganz direkt bestechen, mit Kuchen. Pralinen. Oder einer Dreihunderterpackung Marsriegeln von der Metro. Wie der Pawlowski, der schäbige Hund, der mit ganzen Blechen an Kuchen da oben antritt. Ich werde nachziehen müssen. Auf dass ich mal wieder ein paar Komfortkategorien höher rutsche. Nur womit besticht man die am effizientesten? Nusspralinen vermutlich. Mit Füllung. Geistreicher Genuss in Nuss. Können die brauchen. Deren Geist endet momentan noch bei der letzten Staffel von Desperate Housewives.

Frage: Warum liegen in den Hotelzimmern Westdeutschlands immer Bibeln rum? Warum nicht auch ein Koran? Eine Thora. Ein Veganersachbuch. Die Streitschrift für das Fliegende Spaghettimonster. Oder besser gar nix. Ich kann Religionen nämlich leiden wie Darmkrebs.

Ich bin hier in Wiesbaden, um Scheiße zu erzählen. Die neuen Benchmarks zu promoten. Shitholebullshit an stumpfe Menschen zu bringen. Muss Sie nicht interessieren. Ist scheiße. Taugt nix. Lauter nutzlose Worte ohne Mehrwert. Im Endeffekt geht es nur darum, dass wieder einer irgendwo hin fährt, um den Frankfurter Blödmännern, -frauen und -diversen zu zeigen, dass die Berliner Blödmänner, -frauen und -diversen sie nicht vergessen haben. Bla Bla Bla. Völlig egal was ich da vorne erzähle. Ist es immer. Hirntotes Geseier mit Powerpoint. Inzwischen kann ich den ganzen Müll auswändig runterbeten, es ist fast so als säße ich feixend neben mir und schaute mir beim Labern zu. Auch die Fragen, die kommen, die immer kommen, immergleich, kenne ich schon und muss vorsichtig sein, dass nicht bemerkt wird wie mich die immergleichen Fragen nerven, muss aufpassen, dass ich nicht so abgefuckt abgewichst rüberkomme und den Fragesteller ausreden lasse anstatt, was immer mein sofort aufkommender Reflex ist, mitten in seinen Satz reinzugrätschen mit „Jahaha kenn ich schon die Frage, hab‘ ich schon drauf gewartet, die kommt immer, aaalso, mit dem Pipaportfolio verfickt es sich wie folgt…“

Was ich da immer erzähle ist tatsächlich völlig egal, heute dies, morgen das und übermorgen hol‘ ich der Königin ihr Kind, es interessiert keine Sau, denn ich schaue sowieso immer in die immergleichen toten Kuhaugen und sie werden schon in zwanzig Sekunden vergessen haben was ich vor zehn Sekunden erzählt habe. Was wir Businesskasperköpfe hier tun ist wie gegenseitiges Entlausen auf dem Affenbaum. Eine Zusammenkunft. Social Shitcrap. Bla Bla. Hauptsache Spesen verballern. Wichtigmachen. Aufplustern. Kimme kraulen. Den Affen machen. Und abends zusammen saufen. Ich bekomme Geld dafür, vergiss das nicht, liebes Gewissen, vergiss das nie, das hier ist dein Job, er soll nicht Spaß machen und schon gar nicht ehrlich sein, sage ich mir morgens vor dem Hotelbadspiegel beim Rasiergelverteilen, nicht vergessen, sie bezahlen dich für so etwas. Dafür bezahlen sie dich. Ernsthaft. Für sowas. Nochmal: Vergiss das nicht.

Ich bin ein Mensch fast ohne irgendwelche Talente, eigentlich kann ich gar nix, außer dem wohltemperierten Einsatz dessen, von dem andere mir sagen, dass man es Charisma nennt: Ich kann die größte Scheiße mit einem glaubhaften und auch reservierte Menschen öffnenden Enthusiasmus erzählen, der mir manchmal selber Angst macht. Ich nehme Menschen für mich ein, die ich ganz persönlich für mich gar nicht einnehmen will, damit sie dem, der mich bezahlt, gewogen bleiben. Dann abstrahiere ich, sehe das Bühnenstück als Spiel und mich als eine Art Clown, der vor teigigen Männern und klapperdürren Frauen Räder schlägt und Konfetti wirft bis jene, vor denen ich performe, ihr Schauspiel das nächste Mal anderen Menschen vorführen und wir unter allen Strichen einfach nur müffelndes Geld verpulvern, von dessen Existenz da draußen an Orten, an denen richtig und vor allem ehrlich gearbeitet wird, keiner was weiß.

Dabei spielt es gar keine Rolle, welches Stück wir spielen, wer heute den Clown und morgen das Publikum mimt und wie es heißt oder wer heute im Saal sitzt und wer nicht und was am Ende eines solchen immer zu quälenden Tages dabei herauskommt. Sie bezahlen mich, dass ich Dinge erzähle, die mir maximal egal sind, wobei ich nie so wirke als wären sie mir egal. Mehr passiert da nicht.

Das ganze Theater hat etwas Künstlerisches, ja, doch, es ist eine perverse Art von Kunstform, ausgesprochen krank, wenn nicht gar behandlungsbedürftig, wenn ich darüber nachdenke, doch, nein, tue ich nicht, denke ich nicht, weil ich mich, wenn es soweit ist und ich beginne, mich vor lauter Selbstreflexion stundenlang duschen zu wollen, wieder ganz schnell ablenken lasse von… oh! Da! Ein aufziehbarer Affe mit Zimbeln als GIF im Gruppenchat! Wahnsinn. Mit Zimbeln! Dengel Dengel Dengel Dengel. Irre. Und – wow! – das Hotel hat mir einen Voucher gegeben. Für einen Cocktail. Im Hotelrestaurant. Es hat bei Google 4,7 Sterne. Hallo! Ein Cocktail!

Weil Karma keine Hure, sondern eben einfach nur das Karma ist, hat mir ein Vogel auf den perfekt sitzenden Anzug geschissen. Frische weiße Vogelscheiße ist nicht spontan entfernbar. Doch Wiesbaden hat einen Peek nebst Cloppenburg. 200 Euro. Neuer, einigermaßen sitzender Stangenanzug. Unbedingt ohne Streifen. Danke sehr. Ich werde den als Spesen abrechnen und wenn sie mir das wieder rausstreichen, suche ich den nächstgelegenen Vogel und beiße ihm den Kopf ab. Weil Vendetta.

Da ich wieder einmal vergessen habe, mir Unterwäsche einzupacken, muss ich welche kaufen. An der Kasse zahle ich wie fast immer inzwischen mit Smartphone. „Also des würd isch net mache. Des wird alles iwwerwacht.“ quäkt mir eine mir völlig unbekannte hessische Frau von der Seite in den Zahlungsvorgang. Ja. Danke. Wertvolle Positionierungen habe ich immer gern. Vor allem unnachgefragt. Und so folgenlos. Denn natürlich zahle ich mit dem Ding da in meiner Hand. Mir scheißegal, wenn die NSA weiß, dass ich gerade Unterhosen gekauft habe. Oder der BND. Oder Ursula von der Leyen. Die Krankenkasse. Rossmann. Oder die Verkehrsleitstelle. Scheißegal. Ich kann der NSA gerne ein paar Geruchsproben der Unterbuxen nach Maryland schicken. Für ihre Einweckgläser. Oder machen die das heute nicht mehr?

Entdeckung: Sie haben in Wiesbaden noch Erotikläden mit Wichskabinen. Die jemand nach jedem kabinenvollwichsendem Wichser auswischen muss. Wie nennt man diesen Job, habe ich mich immer gefragt. Wichsewischer?

Ein Döner verkauft einen Döner für 4,50 und nennt es ein Eröffnungsangebot. In Berlin trauen sie sich bei der Eröffnung kaum 3 Euro zu. 2,50 schon eher. Wiesbaden ist echt voll reich.

Es stinkt. Die Stadt Wiesbaden stinkt nach Abgasen ohne Ende. Es ist eine vollständig für den Autoverkehr optimierte Stadt. Die schlicht stinkt. Nur der Kurpark stinkt nicht. Sonst stinkt alles. Nach Verbrennungsmotor.

Sie wollen in Wiesbaden eine Straßenbahn bauen. Natürlich gibt es Proteste. Es gibt ja inzwischen immer Proteste, egal wegen was. Ich glaube, man könnte es mit einem Helikopter Bargeld über Wiesbaden regnen lassen, es würde sich trotzdem eine Gruppe zusammenfinden, die eine Onlinepetition dagegen in die Welt gebären würde. Wegen, keine Ahnung, Klima. Oder Gender.

Allein die Proteste gegen die zu bauende Straßenbahn verstehe ich nicht, denn die Busse hier sind grauenhaft. Sie wackeln. Bremsen abrupt. Stehen. Fahren übel um Kurven. Und stehen. Und fahren. Und dann stehen sie wieder. Und mit dem Auto stehen Sie noch viel mehr in den vielen Staus herum. Bitte. Hand aufs Hirn. Ich bin kein Grüner, aber …

Ich lande, weil Wiesbaden mich zu Tode langweilt, auf einem Weinfest in der blankgeleckten grottenlangweiligen Altstadt. Mit Musike. Tschingderassabum. Uftata. Dann La Bamba. Komisch, La Bamba spielen sie auch in der Berliner U-Bahn. Nur sind es da Rumänen. Oder Kosovaren. Und keine Hessen.

Auf dem Weinfest zu essen gibt es Flammkuchen. Und Nierenspieß. Auf beides habe ich keinen Bock, also gehe ich sehr nobel essen. Zu Ottos Nobelrestaurant in die Rheinstraße. Mit der Packung mit meinen neuen Unterbuxen in der Hand, weil mir im Unterhosenfachverkaufsladen keiner mehr eine klimafickende Plastiktüte geben wollte. Scheiß Ökos. Die Pest. Jetzt laufe ich mit Unterhosen in der Hand durch Wiesbaden und setze mich, Unterhosen in der Hand, in Ottos Nobelrestaurant, wobei ich die Packung neben dem Bier auf dem Tisch platziere, damit jeder sieht, dass ich Unterhosen gekauft habe.

Doch egal. Alles egal. Mich kennt hier keiner und die, die mich kennenlernen werden, werden mich zwei Stunden nach meiner Abreise schon vergessen haben. Gut. Gut. Ja. Otto hat ein gutes Lokal. Fünf Gänge 59 Euro. Da werden die graubehemdeten Spesenabrechnungszombies wieder wissen wollen wofür das war. Öhm. Pfft. Well. Was hatten wir lange nicht? Strategiebesprechung. Mit irgendwem aus Frankfurt, der, wenn er in Berlin dick essen gehen wird, mich als Referenz für seine überzogenen Spesen angeben wird. Hand wäscht Hand. Und so. Laufen die Dinge. Laufen sie immer. Immer schon.

So. Schicht.

Das war Wiesbaden. Mehr war beim besten Willen nicht.