Ach, war die Straße blockiert?

Ja. Astrein. Super. Wirklich super gemacht. Was seid ihr superwichtig. Alle. Ein paar Straßen blockiert. Ein paar Brücken. Ein paar Umwege ist der Berliner gefahren. Verständnisvolle Bullen schreiben Überstunden. Und die Hauptstadtpresse schreibt wie immer freundlich zugeneigt.

Mehr war nicht. Mehr bleibt nicht von dem, was sie Rebellion nennen und dann doch nur als ein kurzer Karnevalsklamauk daherkommt, was den Berliner gar nicht mehr juckt, weil wir hier jeden Tag Karneval haben. Ja. Tut mir leid, aber sowas zieht nicht. Jeden Tag laufen hier komisch angezogene Leute herum und wollen etwas. Der Weltuntergang ist oft dabei. Die Harmlosesten von denen sind noch die Zeugen Jehovas an jeder Ecke, die zumindest niemanden nerven, weil sie nur blöd da rumstehen und eine Broschüre, die nie einer haben will, in den uninteressierten Berliner Herbst halten. Merkel ist auch oft dabei. Als Thema. Als Adressatin. In der Ringbahn fährt seit Monaten ein Brüller mit, der in den Wagen einsteigt, in einer zwei Stationen andauernden Litanei die alte Merkel disst und dann wieder aussteigt. Mehr passiert nicht. Und keiner steigt drauf ein. Junge Türken lachen, ein paar polnische Bauarbeiter diskutieren ihre Fugenbreiten ein wenig lauter und der Rest stellt den Regler für die Musik am Smartphone hoch. Bis der Brüller wieder aussteigt. Mehr passiert nicht. Wir sind Berlin. Jeder will dauernd irgendwas und nervt die Leute mit wahllosem Sermon. Betonkopfstalinisten. Datenschützer. Hütchenspieler. Red Nose Day. Tierschutzvereine. Fünfzehntausend Unterschriftenlistensammler. Überfremdungsbesorgte. Spielplatzretter. Schulsystemreformierer. Historische Gehwegplattenerhalter. Baulückenbebauungsgegner. Die traurige SPD. Dazwischen einer, der 2019 immer noch Papierabos für eine Illustrierte namens Berliner Morgenpost verkloppt und dann schlurft spätnachmittags auf der Fahrt nach Hause wieder ein Brüller in die Bahn, der irgendwas von Merkel, Besatzungsregime, Multikultimischung, EU-Finanzoligarchenenteignungsverschwörung und akuter Systemkrise lallt. Boar was ist der laut. Deutschland geht den Bach runter! Zahlemann und Söhne! Und Merkel sitzt im Kanzleramt und schlürft Champagner! Puh. Boar. Jo, is gut, lall doch woanders weiter, du Fisch.

Ich hatte noch nie einen Reptiloidengläubigen in der S-Bahn. Sehr schade. Für so einen würde ich die Musik im Ohr tatsächlich mal leiser stellen. Reichsbürger. Salafisten. Chi Gong-Klangschalenaktivisten in orangen Gewändern. Die fehlen mir auch noch. Wenn die noch kommen, habe ich meine Verstrahltensammlung komplett. Ein Leben in Berlin und du bekommst sie alle. Das ganze Vollidiotenquartett. Und jeder will was.

Tut mir ja auch leid, aber wir kennen das alles. Was ihr da macht. Kennen wir. Alles. Ständig. Wir kennen euch alle. Haben euch alle schon hundertfach gesehen. Und wir nehmen das alles hin. Jeden Tag. Immer schon. Jeden Sprallo. Jeden Verstrahlten. Jeden Missionar. Jeden Eiferer. Und wir blenden die alle aus. Suchen Umwege. Fahren Vermeidungsstrategien. Trainieren Attitüden, damit uns diese Typen ja nicht rauspicken und ansprechen. Und gähnen leise, wenn nochmal einer kommt und was will. Dafür waren einfach schon zu viele da. Dafür kommen auch immer wieder zu viele neue davon. Denn schon am Tag, nach dem ihr euch endlich ausgetobt habt, kommen schon die nächsten Tröter daher. Pandabärenretter. Tierschutzparteigänger. Religiöse. Ernährungsfreaks. Wieder die SPD. Und da hinten an der Ecke stehen ein paar Gestalten von Scientology. Wenn die irgendwann genug Leute zusammen bekommen, setzen die sich bestimmt auch irgendwo hin und wollen irgendwas. Und selbst die halten wir aus. Die umfahren wir auch. Stellen die Musik lauter. Fragen Google Maps wie man die Stellen, an denen die sitzen, am besten vermeidet. Und bitte, ja, wir finden es auf jeden Fall gut, dass das alles hier geht. Dass das jeder darf. Und auch macht. Wir sind nämlich Berlin. Das geht klar für uns. Hier bekommt jeder sein Örtchen. Jeder sein Podest im Speakers Corner. Deshalb ist das alles, was ihr den ganz Tag lang so alles wollt, fordert, herbeikrakeelt, für uns nur Teil einer einzigen Kakophonie, ein Rauschen, das jeder ausblendet wie die Laubbläser jetzt zum Herbst wieder, deren Existenz sich auch keiner erklären kann, aber die es trotzdem gibt.

Und ganz ehrlich, eure pathetische Sprache, checkt die mal. Rebellion. Blockieren. Berlin lahmlegen. Puh. Nichts für ungut, aber das war es jetzt schon? Ein paar gesperrte Brücken. Ein unbefahrbarer Kreisverkehr. Einmal im Pulk vom Alex zur Siegessäule. Naja. Da macht jede Kurdendemo mehr Lärm, ehrlich. Also bitte. Für so eine martialisch angekündigte Rebellion muss mehr kommen. Mehr Beseelte, mehr Nötigung, mehr Nerverei, Besetzungen, Absetzungen, Gegenkabinett, ein eroberter Rundfunksender, wenn die nicht sowieso schon alle für euch funken würden, mehr, mehr, unbedingt mehr von allem, was Rebellion ausmacht. So ein bisschen rankleben an eine Straßenlaterne, den Asphalt oder wegen mir an die CDU-Parteizentrale ist zwar Nötigung, sicher, und irgendwer wird sich schon finden, der sich darüber aufregt, aber es ist doch irgendwie lame. Und eine Anzeige für das Antragsdelikt erstattet hier in Berlin auch keiner. Niemanden juckt das, wer sich wo für wie lange ranklebt. Denn morgen schon klebt der Nächste irgendwo.

Was von euren paar Nervtagen bleibt ist nur Karneval. Und der läuft sich leer. Wie sich jeder Karneval irgendwann leerläuft. Ich kann nicht für die anderen sprechen, die ihr erreichen wollt, aber mich erreicht ihr null. Weil das was ihr da wollt mir inzwischen nach all den Jahren nur noch zu den Ohren rausquillt. Weil mir hysterische Gruppendynamik suspekt ist, erst recht wenn ich fühle, dass das alles choreographiert, von Professionellen gesteuert, finanziert, gepusht und von den üblichen Medientröten im üblichen Trommelfeuer propagiert wird. Das macht mich misstrauisch. Ihr seid mir sowieso viel zu menschheitszentriert. Dabei ist die Menschheit nicht mehr als Schimmel. Schimmelbefall auf der Erdoberfläche. Oder eine üble Krebszellenwucherung. Null erhaltenswert. Es gibt schlicht zu viele von dieser Sorte. Zu doof sie alle. Zu rücksichtslos. Zu antiempathisch. Und nicht umprogrammierbar. Das kriegt ihr nicht raus. Keiner hat das je aus der Masse der Mutanten rausgekriegt. Und ihr seid am Ende auch nur Egoisten mit einer egoistischen Agenda, die ihr, gäbe man euch die Hebel in die Hände, rücksichtslos durchdrücken würdet. Ihr seid ja schon beim Versuch. Mit Geld im Rücken. Einer Lobby. Konzernen. Und Medienmacht. Und angeschlossenen Lehrern, die kleine Grundschüler einfach so als Projekttag verbrämt zur Klimademo ans Kanzleramt karren, obwohl die gar nicht wissen was das Theater soll, aber sich auf jeden Fall freuen, dass der Unterricht dafür ausfällt.

So richtig sexy ist das alles nicht, was ihr in die Welt dauerschleifenpromotet. Ich höre die furchtbare Sprache, die ihr sprecht, sehe die Attitüde, die ihr zur Schau stellt und es schüttelt mich vor eurem Umgang mit jedem, der mit dem, was gerade aus allen euren Rohren krakeelt wird, nicht so einfach fremdsynchronisiert übereinstimmen mag. Da helfen auch keine zum Jahrestag aufgewärmten bigotten Schwüre auf Fünferartikel oder Lobreden auf den schon längst totgetwitterten Pluralismus, den schon lange keiner mehr aushalten mag.

Ich muss mir immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass ihr möglicherweise gar nicht die Mehrheit seid, auch wenn mir das oft so erscheinen mag. Ich sitze hier in meinem biederen Eiapopeiabezirk Prenzlauer Berg und denke immer, dass die ganze Republik so bräsig bündnisgrün ist wie mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Block, aber das ganze Getue hört schon oben irgendwo auf Höhe Indira-Gandhi-Straße auf, wenn das Komponistenviertel ausläuft und die alten schmucklosen Aufbauprogrammbauten beginnen. Die übel beleumundeten Plattenquader. Die vom Senat zur Räumung angepeilten Datschen der alten Sturköpfe aus Ostzeiten. Hohenschönhausen. Und dahinter kommt Brandenburg. Da wohnen die, die ihr erst recht nicht mehr versteht. Dort fahren sie mit dem Auto zur Arbeit. Weil dort sonst nichts fährt außer das eigene Auto. Und dort draußen macht ihr keinen einzigen Stich. Doch, schon, ziemlich sicher sogar ist es so und mein stinkreicher supergrüner Prenzlauer Berg ist gar nicht die Welt. Und erst recht nicht der Nabel davon. Und was da irgendwo im Regierungsviertel bezahlt, unbezahlt oder hingekarrt vor sich hin sitzstreikt, ist von einer kritischen Masse zu weit entfernt, um irgendwem mit Macht in den Händen Angst um seine Macht zu machen. Flugscham. Fleischscham. Plastikscham. Neuseelandbraeburnäpfelscham. Fahrt doch einfach mal raus nach Brandenburg und erzählt denen davon. Und findet dabei heraus, ob die da noch Mistgabeln in den Scheunen haben. Und Teer. Federn möglicherweise. Von den Gänsen. Die sie mästen, köpfen, aufschneiden, ausnehmen und zu Weihnachten in den Bräter hauen. Wenn die garantiert heteronormative Großfamilie zusammenkommt.

Und hier bei mir? In Bionadeland? Läuft alles wie immer. Nur dass die superkorrekten Aktivisten meiner superkorrekten Nachbarschaft jetzt einen neuen Sport entdeckt haben: Sie haben offenbar registriert, dass sie die Leute außerhalb ihrer Bubble nur genauso nerven wie so ein normaler Merkelbrüller in der S-Bahn, drehen die Nervschraube deshalb noch ein wenig weiter und melden jetzt ganze achtstündige Demonstrationen beim Amt für ordentliche Öffnung an, um die Hauptverkehrsadern den gesamten Tag dicht zu machen. Hauptverkehrsadern, die ich normalerweise befahren muss, um das Kind von irgendwo abzuholen. Wow. Okay. Tatsächlich ein bisschen nervig, zugegeben, aber auch das kriegen wir hin. Berliner Allee, Schönhauser Allee, Klimadingsdaaktionstag. Blockiert doch was ihr wollt, ist mir doch egal, ob da jetzt die MLPD die Straße dicht macht, eine Fahrradlobby, BFC-Hooligans oder irgendein anderer Superaktivist, der wieder irgendwas Superaktivistisches von uns will, ihr bekommt mich immer noch nicht aus der Ruhe, wir sind nämlich Berlin, ihr hyperaktiven Zugereisten, wir gähnen da wirklich nur, denn wir haben noch jede Sekte ausgesessen, jeden Verstrahlten ignoriert und sind noch jedem mutwilligen Hindernis aus dem Weg gegangen. Wir kriegen das auf jeden Fall hin. Wir kriegen auch euch hin. Ihr habt euch die falsche Stadt ausgesucht für euren Endzeitflash.

Euch wird hier auch kein Polizist wie erhofft wegen der von euch verkündeten Wahrheit von der Jannowitzbrücke knüppeln, denn wir haben hier gelbwestenbewehrte polizeiliche Kommunikationsteams, die für den Umgang mit allen möglichen Spinnern geschult sind, die wie Prenzlauer Berg-Mütter zum Yogazentrum seit vielen Jahrzehnten immer wieder nach Berlin geiern und sich hier die Durchsetzung ihres Begehrs erhoffen. Die superawaren Kommunikationsteams bekommen jede Hellersdorfer Glatzendemo befriedet, selbst den Berliner autonomen Ersten Mai und die Mauerparker Walpurgisnacht haben sie kleindiskutiert. Da werden die doch ein paar witzig verkleidete Klimasektierer abmoderieren können. Und beeinträchtigt ist hier in Berlin auch niemand von irgendwas. Hier funktioniert sowieso nichts. Wir führen ein Leben in permanenter Beeinträchtigung. Wir haben hier mit der Berliner S-Bahn den europaweit größten Verkacker im öffentlichen Verkehrswesen. Rolltreppen, Fahrstühle, Bürgersteige, Brücken und zuletzt die Straßen sind kaputt, kaputter und am kaputtesten, die BVG steckt alle mögliche Energie nebst Ressourcen in superunwitzige Werbekampagnen, ein megaunwitziges Twitterteam und natürlich Frauenförderung und dünnt gleichzeitig wie ein Weltmeister in unserer wachsenden Stadt die Takte aus als gäbe es dafür Fleißsternchen ins Taktausdünnungsheft. Und die Ampelschaltungen der Straßen werden hier seit vielen Jahren schon mutwillig so in Reihe geschaltet, dass jedes Auto möglichst lange dumm in den vielen Staus herumsteht. Aus Erziehungsgründen.

Und gerade weil hier nichts funktioniert und noch nie funktioniert hat, sind wir die ganzen Beeinträchtigungen schlicht seit wir Kinder sind stoisch gewohnt und wundern uns nur noch, wenn es mal glatt läuft. Nachts um zwei oder so. Wenn die Aktivisten schlafen. Und kein Politikerkorso die Stadt zwischen Tegel und dem Adlon sperrt. Oder nicht gerade mal wieder Marathon ist. Skatenight. Fahrraddemo. Fanmeile. CSD. Hochzeitsautokorso. Kulturenkarneval. Oder ihr. Scheißegal. Deshalb muss ich euch leider enttäuschen. So wichtig seid ihr gar nicht. Sondern nur eine Beeinträchtigung mehr. Ein Strich auf der Strichliste der städtischen Nervereien. Das sitzen wir aus. Und Google Maps sagt uns wie wir trotzdem rüber nach Steglitz kommen. Oder nach Adlershof. Kreuzberg. Hohenschönhausen. Zum Kaffee. Zum Bier. Zum Kuchen. Glückwunsch, wir brauchen fünf Minuten länger als sonst, aber bitte, wenn es euch Freude bereitet, kein Problem, ehrlich, alles gut, wir helfen gerne.