Der Brunnen des Grauens

Wozu Menschen fähig sein können, wenn man sie lässt, sieht man hier: Mitten auf dem Alexanderplatz ragt der Brunnen des Grauens wie ein rostiges Geschwür aus den Eingeweiden dieses misshandelten und dann liegengelassenen Ortes. Er ist in seiner himmelschreienden Widerwärtigkeit so hässlich, dass man Eintritt dafür verlangen könnte, würde er in einem Monstrositätenkabinett voller anderer Verwachsungen wie dem Persiusplatz, dem Bunker in der Pappelallee, dem Pankower Düsterknast, dem Einkaufsrömertopf oder diesem armen Gebäude mit den entsetzlichen Riesenblumen an der Fassade auftreten.

Dieses rostige Brunnending, jene groteske Karikatur eines Bauwerks, ist die eitrige Krone auf dem Furunkel, der sich Alexanderplatz nennt und nur noch dem Namen nach etwas mit dem Platz gemein hat, der einst mit dem ebenso misshandelten Potsdamer Platz einer der schöneren der Hauptstadt war und vor dem man heute nur noch weglaufen möchte, wenn man nicht gerade zufällig zu Saturn oder Primark, diesen beiden traurigen Massenabfüllidiotentouristenmärkten, oder einfach nur umsteigen muss.

Ab abends bis in die Frühe gehört der Ort den Krakeelern, jenen der aggressiven Sorte, die mit fordernd ausgebreiteten Armen auf Sie zurennen oder gleich Dinge werfen, drei, vier verschiedene Boomboxen plärren gepitchte Kackmucke in die Nacht, die Elite der suffblöden Arschgeigen dieser Stadt trifft sich hier zum Arschlochsein mit jenen, die tagsüber am U-Bahnhof und nachts oberirdisch ihren schieren Wahnsinn in die Welt brüllen und mit leeren Flaschen und Unrat um sich schmeißend die perfekte menschliche Begleitung zum architektonischen Elend abgeben.

Hier haben sie schon mal einen totgetreten. Einige abgestochen. Vermöbelt. Geschubst. Gemobbt. Und niemand kann überrascht gewesen sein. Jeder, der von der S-Bahn zur U2 oder einer der über den Platz schleichenden Straßenbahnen muss, weiß das. Meide nachts den Brunnen. Meide die Leute, die da sitzen. Gehe einen Bogen.

Auch wenn ich mich wiederhole: Hier in unmittelbarer Anliegerschaft zu diesem, wenn Sie mich fragen, abstoßendsten aller gefahrengeneigten Berliner Ekelplätzen, können Sie nicht mal mehr irgendwen, dessen Meinung über Sie Ihnen nicht egal ist, übernachten lassen. Das tun Sie niemandem mehr an, an dem Ihnen was liegt. Ich habe auswärtige Gäste des Borgwürfels, meines unfassbar verehrungswürdigen Arbeitsplatzes aus Seide, Manna, Milch und Honig, und ja, ich sagte das schon mal irgendwo, aber egal, früher gerne im Park Inn am Alexanderplatz untergebracht. Möglichst weit oben. Weltstadt. Überblick. Urban. Visitenkarte. Bla. Das ging früher noch. Das ging bis etwa Anfang der Zehnerjahre noch. Jetzt mache ich das schon ein paar Jahre lang nicht mehr. Asiaten. Araber. Franzosen. Polen auch. Ich quartiere sie alle anderswo ein. Gendarmenmarkt. Fischerinsel. Gerne Kurfürstendamm. Inzwischen empfehle ich Besuchern tatsächlich, wenn sie mich fragen, abends doch besser nicht mehr zum Alexanderplatz zu gehen. I recommend not to be there after dark unless you need to change trains. It is not very nice there. I apologize. Und nein, es ist eigentlich nicht meine Art und ich bin sicher weitab vom Hysterieufer gebaut, aber Hinweise wie diesen gebietet schlicht die Gastfreundschaft.

Dabei mochte ich den Ort mal gerne. Bevor die Angelegenheiten gekippt sind.

Auch die Alibipolizeiwache am Rand des Platzes hat gegen die latent gewaltschwangeren Atmosphäre des aufenthaltsästhetisch völlig wertlosen Platzes wenig ausrichten können, außer die Gewalt phasenweise in die Angstraumunterführung Richtung Karl-Liebknecht-Straße, neben die Rathaus Passagen oder nach hinten zum Marx-Engels-Forum zu verlagern. Ob in der komischen polizeilichen Baracke tatsächlich irgendwer arbeitet, konnte ich noch nie sehen, sie ist mit Fensterlamellen sichtverblendet und ich habe nie irgendwen dort rein- oder rausgehen sehen. Wahrscheinlich sitzen drinnen nur Schaufensterpuppen, ein Putzroboter und ein skelettierter Hund, den irgendwer beim ersten und letzten Großreinmachen vor ein paar Jahren dort vergessen hat. Hey, bitte, na klar, wir sind Berlin, Superhauptstadt und Serienweltmeister der Simulation, in der irgendwelche Leute in Strickpullovern in der Abendschau so tun als würden sie regieren, in Wirklichkeit aber lieber twittern, wie unsicher sie die Parks finden, für die sie plüschgepolstert in die Bürgermeistersessel alimentiert verantwortlich sind.

Aber so ist das. Ich muss irgendwo den Anschluss an die Dinge verloren haben. Verstehe nicht mehr wie man sich da hinstellen, effektlos durch die Welt twittern und dann festgemauert in unzähligen Gremiensitzungen einfach immer so weiter nichts machen und das so völlig normal finden kann. Heute tritt niemand von denen mehr für irgendwas zurück, weil niemand mehr für irgendwas verantwortlich ist, selbst wenn er in eine Verantwortung gewählt wurde und dafür so viel mehr Geld bekommt als jeder, der für einen Bruchteil dessen in Senionenheimen verklebte Ärsche abwischt, auf Baustellen in der Sommerhitze staubige Wände hochzieht oder auf zwanzigköpfige terroristenzellige Kleinkinderrasselbanden aufpasst, was ich keine zehn Minuten ohne dass Sie mich nach Reinickendorf in die Anstalt einliefern können aushalten würde.

Puh.

Vielleicht werde ich einfach nur langsam alt, aber ich glaube weder, dass die Dinge einfach sich selbst zu überlassen, wie das in allen möglichen anderen Angelegenheiten die Berliner Linie ist, für diesen chronisch toxischen Ort die Lösung ist noch auf Dauer gut geht. Aber das bin nur ich aus meiner nichtswissenden Froschperspektive, möglicherweise gibt es in diesem Rathaus, von dessen Fenstern aus selbst der, den sie hier Regierenden Bürgermeister nennen, das Elend vor seiner Haustüre nicht aus seinen Augen radieren kann, eine längerfristige Strategie, einen Plan, einen Zweck, dem dieses ganze Sichselbstüberlassen der gesellschaftlichen Stadtbaustellen dient, und ich durchschaue es einfach nur nicht, das kann sein. Vielleicht fehlt mir nur der Weitblick. Das visionäre Verständnis für die Zusammenhänge. Die weitsichtige Klugheit, die es für solche Masterpläne braucht. Möglicherweise bezwecken sie tatsächlich etwas damit und ich kann es nur nicht erfassen. Denke nicht zuende. Und schon gar nicht vom Ende her. Das ist wirklich möglich, vielleicht sogar realistisch.

Und bis der große Plan, den sie bestimmt haben, endlich zu seiner Ausführung kommt, dient der Brunnen, dieser Quasimodo aller scheußlichen Bauwerke, denen, die dort nachts vegetieren, wie althergebracht als überdimensionaler Müllcontainer, sie lassen Flaschen schwimmen, Taschentücher, Büchsen, Damenbinden, Essensreste, Kotstückchen schippern lustig im uringelben Wasser und ab und zu mal kotzt einer der Säufer ein surreales Brockenmuster auf den ganzen Jammer.

Manchmal, wenn der Stadt mal wieder das Geld fehlt, hat er nicht einmal mehr Wasser, dieser räudige, Brunnen genannte Blechhaufen. Dann steht er überflüssig herum wie ein Eunuch im Puff und der ganze Unrat des Umfelds hat nicht einmal etwas, auf dem er schwimmen kann.

Leider viel zu selten fasst sich mal einer ein Herz und schüttet Waschpulver in den Brunnen. Dann wird der Schandfleck gnädig eingeschäumt und ich sehe nur noch seine widerwärtigen Klauen arthritisartig oben aus dem Schaum senkrecht dem Himmel drohend emporragen wie eine rostgewordene Blasphemie. Dann sprechen die bräsigen Berliner Onlineportale von Vandalismus, anstatt den tieferen Sinn – die reinigende Intention der Aktionskunst – zu goutieren, diese wunderbare Ästhetik, den grässlichen Ghul einfach im reinen weißen Schaum verschwinden zu lassen. Sie tun dabei seltsam empört so, als ob an diesem steingewordenen architektonischen Vandalismus überhaupt noch Vandalismus betrieben werden könnte – als sei der Schrotthaufen nicht schon durch seine reine Existenz Vandalismus pur.

Nein, wirklich. Sie können hier an diesem Ort gar keinen Vandalismus mehr betreiben. Nicht hier. Sie können ja auch Menschen nicht zweimal umbringen. Tot ist tot. Und hässlich ist hässlich. Ich plädiere ganz einfach für weiträumig absperren und sprengen. Rückstandslos. Nachhaltig. Einzäunen, Dynamit drunter und – fump! – weg mit dem Brunnen. Kaboom! Selbst für die Altmetallsammlung ist dieses optische Inferno, diese Ausgeburt an abstoßender Unansehnlichkeit, völlig unbrauchbar, weil niemand, der seine fünf Sinne noch beisammen hat, diese Missgestalt an sich nehmen würde. Könnte ja sein, dass das, was den Brunnen befallen hat, ansteckend ist.

Ja, so machen wir es, wenn nicht für uns, dann im Interesse der Kinder, deren von Zustand Restberlins schon genug malträtierte Seelen beim Anblick des Brunnenghuls noch mehr Schaden nehmen können: Sprengen und die Reste meinetwegen danach in den Weltraum schießen, um potenzielle außerirdische Invasoren prophylaktisch in die Flucht zu schlagen. Denn niemand wird einen Planeten erobern wollen, der solch komprimierten Horror zu erschaffen in der Lage ist. Boom. Sprengen. In die Luft jagen. Wegballern. Kawumm. Als Mahnung. Als Beitrag zur öffentlichen Hygiene, die die Verantwortlichen hier an diesem Ort so wenig interessiert wie überall außerhalb des Regierungsviertels. Dann sollte man irgendwas mit Aufenthaltsqualität dort hinbauen, einen Grünstreifen, mit Bänken, auch um den ständigen mobilen Ranzfressbuden und ihrer wertlosen sowieso viel zu teuren Nullnahrung die Grundlage zu entziehen, auf dass sich irgendwann doch mal was zum Besseren wende auf diesem armen alten missbrauchten und dann doch immer wieder sich selber überlassenen beschissen hässlichen Alexanderplatz.