Mitte stinkt

Mit mir könnt ihr’s ja machen. Denkt ihr euch. Na klar. Mit mir geht das. Um die Zeit sowieso. Es ist irgendwann nach Mitternacht. Ich bin voll. Voll wie eine Regentonne nach einer dieser spätsommerlichen Sintfluten, dicht wie ein Eimer, kübelfett, strunzstramm. Nach flaschenweise Pils und gläserweise Cuba Libre setzt irgendwann zwangsläufig der nächtliche Suffhunger ein, dann muss es Fett sein. Und Salz. Salz und Fett. Fett und Salz. Je fieser desto besser.

Ich bin heute nacht in Mitte unterwegs. Berlin-Mitte. Torstraße. Touristenstall. Schnöselcity. Immobilienfritzenparadies. Meine Güte, ist das nobel geworden hier am Rosa-Luxemburg-Platz. Was machen sie nur aus meiner Stadt. Glatte Glasfassaden. Dumme Designerläden. Beschissene Boutiquen. Ich überlege kurz, ob ich vor ein Schaufenster kotzen soll. Man muss eine Gegend auch mal ein wenig abwerten, finde ich. Sich dem Trend entgegenstellen. Gegengentrifizieren. Die Dinge ein wenig downgraden.

Doch ich lasse es in einem kurzen Aufschein von Anstandsrest sein und gehe lieber etwas essen.

Ich hätte doch reihern sollen.

Oder was anderes essen sollen. Blätter vom nächsten Baum zum Beispiel. Oder Gras von den Straßenbahngleisen.

Denn mit mir kann man es ja machen. Ich bin besoffen. Strunzedicht. Ich merk‘ eh nichts mehr. Das sieht man auch. Und riecht man. Ich stinke nach Fusel wie der Spritti, der mich morgens vor Arbeit immer in der S-Bahn begrüßt. Ohne Zähne. „Wilff tu eie Schrrrraschen naschallah?“. So wie der fühle ich mich jetzt auch. Die Schläfen pochen schon in Einstimmung auf das, was morgen kommen wird. Die Hölle. Tageslicht. Leerer Kühlschrank. Brummen. Später der entnervend gut gelaunte Pizzamann an der Türe, der das Überleben sichert.

Doch halt, ich bin noch nicht völlig vernebelt, ich bemerke doch noch was. Und zwar den Scheiß, den sie mir hier an dieser räudigen Falafelbude auf der Torstraße in die Hand gedrückt haben, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere wie viel ich bezahlt habe. 4 Euro? 5? 18? Habe ich Wechselgeld bekommen? Weiß ich nicht mehr. Meine Schuld. Bin ja dicht. Und was ist das nur wieder hier? Knusperdünnes Mini-Brot, viel kalter Eisbergsalat, vom Blech gekratztes keksiges Schawarmafleisch – auch kalt -, massenhaft weiße Soße, die nach gar nichts schmeckt, Soße, die mit dem reichlichen Fett des Fleisches das Brot in Sekunden durchweicht, so dass ich eine Soßen-Fleisch-Spur mit Eisbergsalatfetzen bis zum U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz lege, vor dem für Berlin viel zu gut aussehende französische Touristinnen in seltsam neongelb und -rosa Barbiepuppenpumps stehen und mich anlachen. Oder wahrscheinlich lachen sie mich aus, weil ich gerade vor lauter Erstaunen über diese für Berlin viel zu schönen Menschen mit Soßenklecksen im Bart fast gegen einen Abgrenzungspoller gelaufen bin. Eher das. Sicher sogar. Aber egal. Das ist das Gute am Alkohol. Die Dinge werden zunehmend egal. Hallo Welt. Ich bin jetzt hier der S-Bahn-Penner und sie schauen mich an wie ich sonst den. Mit diesem „Du-bist-okay-ich-bin-okay-aber-bleib-bitte-auf-Abstand“-Blick. Ich kenne den. Ich kann den sonst selbst. Und praktiziere den auch. Und jetzt weiß ich sogar wie er wirkt.

Und ich schwöre, lan, ich kann alles im Gehen essen: Pizzaecken, Döner, Glutamatpfanne, egal, alles, jahrelange Übung, oft mit einer Hand, Pils in der anderen, jedoch an diesem durchgeweichten Stück Schawarmazumutung scheitere ich mit einem ganzen Blasorchester nebst Panflötenindianern als Begleitung. Ich habe gerde zwei Mal abgebissen, da löst sich das Drecksteil auf und verteilt sich auf meiner Hose, hängt mir in Wichseoptik am Bart fest, läuft mir die Hand zum Unterarm hinunter und beglückt zuletzt den heruntergekommenen Berliner Asphalt. Die Französinnen lachen zu Recht. Würde ich auch machen. Ich sehe aus wie ein schiefer Penner, der sich mit Sahne eingeschmiert hat. Und das Beste ist: Das bin ich im Moment sogar. Ich bin Teil der Kulisse. Für die sie bezahlen. So wollen sie Berlin haben. Diese Leute wollen sie sehen. Die Verstrahlten. Die Heruntergekommenen. Abgerissenen. Zugedröhnten. Eimerdichten. Mich.

So ist die Lage kurz nach zwei an der Torstraße. Geld weg. Immer noch Hunger. Die Zumutung von Essen auf dem Asphalt. Fast gegen einen Poller gelaufen. Von Französinnen gedemütigt. Und immer noch dicht wie ein Eimer.

Ich mache mich notdürftig mit der soßenverschmierten sinnlosen Serviette sauber, da sprechen mich Touristen aus Süddeutschland an.

„Ei guckemol, dendo, frochämol dendo, ey duuuu! Woischdu wo’s zom Träsor gäht? Mir müsse do no!“

(Die letzten paar noch nicht demolierten Zellen meines Hirn raufen sich zusammen und überlegen: Tresor, Alter, der meint den alten Tresor, den gibt’s doch schon ewig nicht mehr, Leipziger Straße, Techno, Drogen, verpeilte Freaks, 90er, wenn die das Ding meinen: Zugemacht, aber das ist dort wo die herkommen wahrscheinlich noch nicht angekommen, die denken auch bestimmt, in Berlin steht die Mauer noch und wir haben immer noch kein fließendes Wasser hier, leben wie die Affen in Abbruchhäusern mit Plumpsklo und spritzen uns gegenseitig Ecstasy in die Ohren – und den Nachfolger des alten Tresors im alten Heizkraftwerk an der Jannowitzbrücke können die nicht kennen, das öde Ding kennt keine Sau und schon gar nicht diese Vögel hier, dazu kommt, dass das sichtbar Menschen sind, die der Alkohol dumpf und aggressiv macht, denn sie rücken immer näher, werden immer lauter, prolliger, ekliger, Hilfigerhemdwichseralarm, ich muss was unternehmen, ich muss …)

Sie insistieren: „Onnen Buff! Gips do än Buff??!“ „Fickeeeeeeeeen!“ „Hahahahahahaaaaaaaaa!“ „Olé Olé Kallsruuuuuh! Schalalalalalalaaaa! Fickeeeeeeeeeen!“

Fickmichdochweg. Nie ist eine Zirkuskanone zur Hand, wenn ich eine brauche. Ich würde die Arschgesichter so gerne in die Umlaufbahn schießen. Und zwar in die vom Saturn.

„Ja klar, kein Problem, ihr geht da hinten links, dann geradeaus, am Rosenthaler Platz steigt ihr in die U8 Richtung Wittenau, steigt am Gesundbrunnen in die Ringbahn, fahrt eine Station bis Wedding, dann mit der U6 bis Alt-Tegel, dort in Fahrtrichtung oben links und immer geradeaus bis ihr Wasser seht. Da seid ihr dann schon.“

Ich lächle kurz verbindlich, verschwinde im U-Bahnhof und wünsche den Heute-Definitiv-Nicht-Fickern aus Kallsruh auf meiner Fahrt nach Prenzlauer Berg viel Spaß am Tegeler See mitten in Alt-Tegel – dem Freiluft-Altersheim von Berlin, in dem seit fünf Stunden außer dem Nachtdienst der Methusalem-Apotheke überhaupt gar nichts mehr auf hat, nicht mal ein prekärer Döner.