Würzburg / 2019

Die Anreise nach Würzburg beginnt holprig. Denn mein Anschlussintercity fällt kurzfristig aus. Als Ersatz erhalte ich von einer schwäbischen Reiseverkehrskauffrau („Oh, des sieht aber schlecht aus mit denne Verbindunge…“), um meinen Termin halten zu können, eine Regionalbahn in irgendein fränkisches Nest und von dort eine Superfahrt mit einem als Schienenersatzverkehr bezeichneten uralten Zuckelbus nach Würzburg. Ballyho, Bahn. Du bist ein Argument für jedes Auto.

Die Regionalbahn bis zur fantastischen Busfahrt, auf die ich mich freue wie sonst auf nichts in der Welt, hat einen abgedunkelten „Führerraum“. Gnihihi. Führer ist wie Penis. Immer wenn das einer sagt, muss ich lachen. Neulich hat ein Bauherr maximal uninteressierte Bekanntschaften durch seinen langweiligen Rohbau geführt. Das war so lange sehr öde bis einer nach dem Verbleib des Bauherren fragte, der gerade unvermittelt in einem Kellerverschlag verschwand, und jemand mit „Der Führer ist da vorne rechts“ antwortete. Allgemeine Heiterkeit. Führer. Er hat Führer gesagt. Gnihihi. Penis.

Um den Tausch meines Erste Klasse Intercitytickets gegen den unglaublich alten verrotteten Dritte Welt-Provinzzuckelbus zu verdauen, möchte ich mich im örtlichen DB-Reisezentrum kurz setzen, doch es ist nur noch ein Platz neben einer genervt schauenden jungen Frau frei. Während ich noch überlege, ob es übergriffig ist, wenn ich mich dort direkt neben ihr hinsetze und ob sie möglicherweise eine von diesen supermodernen Twitterneurotikerinnen ist, die dann sofort denken ich wölle irgendwas von ihr, nur weil ich mich neben sie setze, setzt sich ein fetter schwitzender Mann mit Gummibärchentüte und nassen Rändern unter den Achseln neben sie. Fein. Ich habe da hinten einen McDonalds gesehen. Geht auch.

Sowieso ist heute Chaos im Deutschebahnland. Verspätungen treffen Ausfälle treffen Verspätungen. 55 Minuten. 35 Minuten. 80 Minuten. Und „Fällt aus“. Nicht nur ein Zug, gleich drei. Ein Familienvater mit Zwergen voller Koffer im Anhang hält mich in der Bahnhofshalle an, klagt sein Leid, weil die einzige Rolltreppe nach oben zu den Gleisen kaputt ist. Wie das denn sein kann. Was die Bahn sich denn dabei denkt. Und was er denn jetzt meiner Meinung nach tun soll. Ich frage mich gerade, warum der gerade mich mit seinem Sermon zulappt, da wechselt er das Thema. Sein Zug. Er ist ausgefallen. Was er denn jetzt machen soll. Welchen Zug er nehmen soll. Was die Bahn gedenkt, für ihn jetzt zu tun. Da kommt mir ein Verdacht: „Sie halten mich für einen Bahnmitarbeiter, richtig?“ „Sind Sie keiner?“ „Nein, bedaure. Ich arbeite in einem Borgwürfel, werde dafür bezahlt, komischen Menschen komische Dinge zu erzählen und versuche, nach Würzburg zu kommen.“ „Entschuldigung, Sie sehen so aus, wegen Ihrem weißen Hemd.“ zieht er den Dativ dem Genetiv vor. Aha. Memo: Garderobe überdenken. Rosa Hemd erwägen.

In meinen Bus von diesem Umsteigenest nach Würzburg setzt sich natürlich ein ekelhafter Schweiß- und Grindstinker direkt neben mich und ich fühle mich gleich wie in Berlin. Die Kombination heute ist Schweiß, Laufsocke und Kimmengrind mit einem Schuss Ammoniak. Es ist unerträglich. Es gibt für mich nichts schlimmeres als stinkende Menschen. Achseln. Füße. Maul. Egal. Mockern bringt mich an den Rand aller Dinge. Ich setze mich ganz nach hinten. Doch es hilft nix. Der Stinkegrind zieht bis durch den Bus in die letzte Ritze. Der nächste Bus käme in einer halben Stunde, deshalb halte ich aus und bleibe sitzen. Atme flach. Zähle Minuten. Es sind 35 Kilometer bis Würzburg. Ich habe einen Termin.

Kaum in der Altstadt von Würzburg angekommen, grinst mich ein dicker fetter Birkenstock-Store an. Huhu. Dachtest du, du könntest entkommen? Aber nein, huhu, hier ist der Hausfrauenchic. Bah. Göbel. Überall sind diese Ökolatschen inzwischen. Wirklich überall in diesem Land. Birkenstock. So deutsch wie irgendwas deutsch sein kann. Wahrscheinlich verhält es sich bei Birkenstock wie mit den Nazis. Wenn man die lange genug ignoriert, gehen die weg. Oder werden mehr. Keine Ahnung.

Hätte ich eine Freundin, Frau oder irgendsoetwas genderdingens Vergleichbares und die würde mit solchen Birkenstocklatschen angeschissen kommen, würde ich sie wählen lassen, wer rausfliegt: Entweder

1. die Birkenstocklatschen oder

2. sie und die Birkenstocklatschen.

Ich habe bei den Reisebuchungstratschen im Borgwürfel, meines unfassbar philanthropischen Arbeitgebers, ganz klar zu wenige Ärsche geleckt, deswegen wurde ich in letzter Zeit immer in vergleichsweise drittklassigen Hotels ohne einen Hauch von Stil oder Komfort eingebucht. Daraus habe ich gelernt und stand nun in den letzten Tagen öfters mal mit der Kaffeetasse im Büro der Reisebuchungstratschen, um mir deren Geseier über mangelhafte Ehemänner, nichtsnutzige Kinder und völlig verblödete Haustiere anzuhören. Und dabei verständnisvoll zu nicken. Das Ergebnis ist, dass ich in Würzburg in einem Oberklassehotel mit Gym, Spa, Klimaanlage, Free Drinks und lustigen Snacks aufs Haus eingebucht bin. Ja. Sicherlich. Und ob ich eine Hure bin. Und was für eine. Es geht immerhin um eine Klimaanlage. Und Free Drinks. Snacks! Hallo?

Frühstückspreise in Hotels sind grundsätzlich absurd. In vielen Hotels, in die mich der Borgwürfel einbucht, wird locker zweistellig für irgendso ein kleines Kackbuffet abgerufen. Aufbackbrötchen, charakterloser Aufschnitt, ein paar einfolierte Minimuffins und meistens bitterer saurer Kaffee. 10,90. 13,90. 14,90. Einmal 16,90. Ich meine hey, mir ist das ja voll egal, da das sowieso der Borgwürfel zahlt, dessen Finanzen mir sowas von vollkommen egal sind, aber ich würde privat nie ein Frühstück auf eine Übernachtung draufbuchen. Dann lieber ein Bäcker umme Ecke. Kaffee. Brötchen. Am Stehtisch. Und gut. Denn was werfe ich früh denn maximal ein? Körnerbrötchen, zwei Scheiben Käse, bisschen Obst. Kaffee, sicher. Gibt es bei jedem Dorfbäcker am Stehtisch für drei, maximal vier Euro. Für was also 13,90?

Was mir auf jeder Geschäftsreise auffällt: In den Hotels Westdeutschlands sind die Aufgaben oft nach Herkunft verteilt. Der Service ist voll in osteuropäischer Hand. Polen. Tschechen. Immer öfter Ukrainer. Nichts zu beanstanden. Fleißig, freundlich, kein Ding. Am Front Desk sitzen oft Araber, angeleitet gerne von einer resoluten Türkin oder einer bärbeißigen Deutschen. Natürlich gibt es auch hier nichts zu beanstanden. Freundlich, schnell, Rechnung stimmt auch immer. Passt. Vielen merken Sie an, dass sie noch nicht lange hier sein können, es hapert mit dem Deutsch, aber das wird schon. Wenn Integration überall so bruchlos flutscht funktioniert wie offensichtlich im Hotelgewerbe, bin ich allerfeinster Dinge.

Völlig kaputt macht mich im Übrigen die um sich greifende Unterwürfigkeit des Personals gerade bei den großen Hotelketten. Manchmal verneigen die sich sogar, wenn ich abends ins Restaurant gehe. Senken den Kopf. Machen einen angedeuteten Diener. Ich entwickle immer eine kapitale Lebenskrise, wenn das jemand macht. Ich brauche Augenhöhe, bitte. Rücken gerade. Ich gehe da wirklich seelisch den Bach runter, wenn ich so etwas sehe. Manche mögen das mögen, ich lehne das ab.

Die großen Ketten nerven mich auch mit gnadenlosem Greenwashing. Sie greenwashen quasi wie entfesselt. Überall Ökobelehrung, schlimmer als tagesschau.de, huhuuu, wir sind nachhaltig, wir unterstützen Regenwaldprojekte, unsere Schokolade ist fair gehandelt, kuck mal hier auf dem Scheißhaus ist dein Wassersparknopf, den du fünfmal drücken musst bis deine Kackwurst endlich untergeht, und hier an der Tür des Badezimmers meines Würzburger Hotels hängt ein großes Schild, dass ich das Pflanzen von Bäumen unterstütze, wenn ich mein Handtuch einen Tag mal nicht auf den Boden werfe, auf dass es gewaschen wird. Fuck Bäume. Ihr könnt mir jetzt langsam wirklich mal den Darm hinaufklettern mit eurem Ökodauergetröte und eurer analfixierten Vorschriftenreiterei. Denn natürlich werfe ich genau deshalb alle fünf vorhandenen Handtücher auf den Boden. Auch die unbenutzten. Und den Waschlappen hinterher. Auf dass kein einziger Baum wegen mir gepflanzt werden wird. Weil ihr mir ganz einfach überall inzwischen so hart auf den Sack geht.

Mein Fitnessstudio hat auch in Würzurg eine Filiale. Ich finde es wie immer witzig, dass alle Trainer sofort Haltung annehmen, wenn ich mit meinem Berliner Fitnessstudioausweis irgendwo auswärts auftauche. Sie denken nämlich dann, ich wäre ein Undercoverkontrolleur. So ein Typ, den das Franchiseheadquarter schickt, um zu inspizieren, ob das auch hier in ihrer Provinz auch alles superkorrekt nach Corporate Design abläuft. Was für ein dämliches Theater. Den Front Desk-Oberhonki vor mir habe ich gerade von außen noch gesehen, wie er lustlos auf seinem Smartphone Fortnite gedaddelt hat. Und als er meinen Berliner Ausweis sieht, wird er plötzlich ganz emsig. Möchte mir alles zeigen, jede dumme Maschine, die Umkleiden, Scheißhäuser. „Und dort hinten ist der Wasserspender. Oben die Treppe rauf haben wir noch einen.“ Ich möchte dann immer rufen „Schnauze jetzt! Ich bin kein Kontrolleur. Es müssen wegen mir keine hyperaktiven Beine ausgerissen werden. Meine Güte.“ Ich bin kein Würzburger, aber auch ganz sicher kein Kontrolleur. Der kommt um sie zu gängeln. Und der heute abend noch einen fiesen Statusbericht an meinen Supervisor absendet über die schnarchigen Schlümpfe hier in Würzburg. Doch nix zu machen. Ich kann noch so freundlich lächeln, sie werden sich erst wieder entspannen, wenn ich geduscht und umgezogen die Filiale verlasse. Franchisehorror. Ich würde mich lieber selber mit einem Medizinball fisten als in so einer Bude zu arbeiten.

Mein geschäftliches Gegenüber hier in Würzburg ist ein Mockermaul. Er mockert aus dem Hals nach einer Mischung aus altem Kaffee, zerstoßenem Anis und einer am Verwesen begriffenen Rattenleiche. Leider lädt er mich zum Mittag ein. Dann zum Kaffee. Dann in seine Praxis. Dann will er mich noch zum Bahnhof fahren, dabei bin ich schon seit Stunden damit beschäftigt, nicht in Ohnmacht zu fallen, gelbgrün wie ich im Gesicht bin. Stinkende Menschen sind mein Untergang.

Gut gegessen habe ich in den Weinstuben Juliusspital. Wildschwein. Fränkische Bratwurst. Blutwurst. Leberwurst. Frisches Brot mit Butter. Leichtes Essen für den Spätsommer. Dazu die sensationell guten Weine des Weinguts. Lassen Sie sich von mir dahergelaufenem Halbpolen die Wahrheit an die Pumpe legen, dass deutsche Weißweine im allgemeinen Querschnitt einfach großartig sind. Die besten der Welt. Sagt eine Leber, die sich auskennt. Nachteil: Sie haben kein Bier in diesen Weinstuben. Dafür umfassbar große Portionen von auf gut fränkisch verwursteten Schlachttieren, an denen mein kleingefasteter Berliner Magen schwer zu arbeiten hat.

Wenn es am Bahnhof mal schnell gehen soll, essen Sie bitte nicht im Bahnhof drin, denn hier in Würzburg ist alles dort nur nutzloser Franchisekettenmist und damit grauenhaft, inklusive der mir schon von dem Trip nach Heilbronn bekannten Asiahung-Kette und ihrem Eimeressen, das in 30 Sekunden fertig ist. Laufen Sie besser 400 Meter in die Bahnhofstraße zum Bistro Saigon. Weil es sich lohnt. Viel frisches Gemüse, viele Frühlingszwiebeln, viel Koriander. Wer das mag, isst hier gut.

Gesoffen habe ich in der Alten Mainmühle. Weißwein. Deutschen. Selbstredend. Den von hier. Silvaner. Was ist der gut. Natürlich war es zu viel davon und natürlich war am nächsten Tag ein wenig Chemie gekoppelt mit einem wirkungsvollen nicht weniger chemischen Zauberpulver nötig, um die übliche öde Präsentation vor der buckligen Kundschaft ohne Ausfälle hinter mich zu bringen. Aber nein. Kein Ausfall. Ich doch nicht. Der Roboter robottet. Und robottet. Weiter. Immer weiter.

Vermutlich kein Geheimtipp mehr: Sie können dort auf der alten Mainbrücke einen sogenannten „Brückenschoppen“ zu sich nehmen. Für nen Fünfer bekommen Sie ein bis zum Rand volles Weißweinglas, mit dem Sie mit anderen seligen Säufern auf der Brücke abhängen und in aller Öffentlichkeit saufen können. Großartig. Natürlich wollte ich eigentlich stramm wie ich eh schon war ins Hotel zurück gehen, habe es aber nicht getan, sondern habe noch zwei Schoppen auf der Brücke hinterhergekippt. Als ob das vorher nicht schon gereicht hätte. Maßlos. Maßloser. Ich. Das war immer schon so. Und tut mir nicht leid.

Das war Würzburg. Mehr war nicht.