Tanz den Doppelcheeseflip

Mittags in Berlin-Friedrichshain. Mir ist noch nicht schlecht genug. Der Tag lief noch zu glatt. Gerade eben unter der S-Bahn-Brücke Frankfurter Allee musste ich nur zweien der üblichen fünf Abofallengeier der Umweltschutzvereine ausweichen, die mich hier immer zu slalomesken Ausweichmanövern nötigen, die jeden Skiweltmeister dazu bringen würden, sich erst zu ritzen und dann vor eine S-Bahn zu werfen, auf dass die Verkacker von der Berliner S-Bahn endlich wieder Notarzteinsatz anzeigen können wie eigentlich jeden zweiten Tag zum Berufsverkehr, was insoweit endlich ausnahmsweise mal stimmen würde und nicht wie sonst nur schnöde als Ausrede für den maroden Wagenpark oder die verrotteten Weichen und Signale genommen wird.

Wink. Flyerschwenk. Da kommt sie schon angehüpft, die grinsende Spendendrückerstudentin. Grün wie Flip der Grashüpfer. „Hallo Du-huhu-hu, heh bleib mal stehen, möchtest du-hu die Umwelt schützen?“ „Ja, unbedingt, ich würde Sie gerne in der Biotonne entsorgen, wenn Sie mir nicht aus der Sonne gehen.“ Ja, so geht es, so mache ich es immer, ich pöbele diese zum Reihern aufgesetzt fröhlichen immer wanzig duzenden Arschgesichter einfach an, wenn sie mir direkt in den Weg flippen. Wobei heute ein ruhiger Tag ist. Ich habe sie heute bisher nur zweimal zurückmobben müssen, die Geier, aber auch die blöden Zeitungspapierdrücker mit ihren Berliner Morgenpestabos haben heute offenbar auch Urlaub, keiner da, keine Trompetencombo bläst La Cucaracha in der S-Bahn, kein Student drückt mir Zettel für eine Pumperbude, den neuesten Bioladen oder das verschissene Lollapalooza in die Hand und auch der drecks Hütchenspieler, der auch 2019 immer noch reihenweise Idioten zum Abziehen findet, ist nirgends zu sehen. Seltsam ruhig, die üblichen Nervsäcke, oder erst gar nicht da, all jene, die nur deshalb auf der Welt sind, um mir Sodbrennen in den Magen zu schießen. Selbst die Punks vor dem S-Bahnhof mit ihren stinkenden Hunden und ihrem sonst großen versoffenen Maul sind heute seltsam in sich gekehrt. Keiner pöbelt, niemand rempelt und sogar die Fahrradfahrer scheinen heute nicht so richtig Bock darauf zu haben, mich vom Bürgersteig zu säbeln. Keiner will meine Unterschrift, keiner mein Geld, niemand geht mir heute auf den Sack. Das ist nicht meine Stadt. Was ist hier los? Das geht so nicht, das ist nicht das Berlin, das ich kenne. Haben die jetzt alle vernünftige Jobs? Konzilianz gelernt? Und wohin jetzt bitte mit meiner Aggression? Wo lasse ich die ab? Wen darf ich reaktiv anranzen? Etwa den Brückenpfeiler da? Der hat mir nichts getan. Und ist hundert Jahre alt. So etwas tut man nicht.

Was ich jetzt brauche, um mir die Laune angemessen zu verhageln, ist ein Cheeseburger, am besten dieser ekelhafte Doppelcheeseburger von der traurigen kleinen McDonaldsbutze um die Ecke vor dem Ringcenter, die zwar keinen übel versoßten McRib hat, mich aber trotzdem wieder in die angenehme Lage versetzt, die ganze Welt endlich so zu hassen wie es ihr zusteht. Ring Center. Mäck. Und da ist er auch schon, dieser Widerling, das Papier knistert und klebt schon vor lauter räudig-orangem Industriekäse zusammen, ehe ich das traurige Ding überhaupt sehe. Und dann erscheint er, der goldene Ranz, doch nein, es ist nur der pissegelbe Käseklumpen, herausgeflossen aus dem Knautschklops und in bizarren Stalagmitenskulpturen am Knisterpapier erstarrt. Das Ding ist hässlicher als jede Prenzlauer-Berg-Mutter mit goldenen Birkenstockpantoffeln.

Und auch er ist da, mein ewiger und unvermeidlicher bester Freund bei McDonalds, der Fettfilm obenauf, auf dem Brötchenghul, schmalzig-schlotzig lacht er mich aus („Hahaha! Gotcha! 2,39 für Nichts du Depp!“) und versucht nicht einmal, irgendwie sympathisch oder sogar appetitlich zu wirken, so dass er so herrlich zu dem gesamten zermatschten gelb-roten Verkehrsunfall in meiner Hand passt, der heute oben auf dem Brötchen, über der explodierten Ketchupmasse, eine Falte vorweist als habe jemand ein Eselsohr in den Nahrungsmittelabfall machen wollen – vielleicht um ihn irgendwann wieder zu finden in dem Haufen anderer Fettklopse, die in der Warmhalteschiene vor sich hin schmoren, bis ein Verrückter kommt und sie isst. Einer wie ich. Der diesen Müll da frisst.

Doch er kann ihn jetzt nicht mehr finden, der Eselsohrmacher, denn ich habe ihn jetzt oder besser ich habe ihn nicht mehr, denn ich habe ihn gefressen, den Fettsack, komplett samt Eselsohr, und er hat mich nicht einmal satt gemacht, der Arsch, denn es ist wie immer: Ich habe noch mehr Hunger als vorher und muss mir bei Subways nebenan noch ein fades Instant-Pappebrötchen mit Conveniencemüll und zwei Meter weiter bei Nordsee eines dieser totfrittierten Fischmüllfilets im Industriebrötchen hinterher werfen.

Barks.

You can get it if you really want – es ist soweit: Müll essen hilft. Mir ist schlecht genug. Und das muss auch so sein, denn ich habe noch einen Nachmittag voller sinnloser Zusammenkünfte mit sinnlosen Menschen an sinnlosen Orten zu überstehen, zu denen mich ein sinnloser Arbeitsvertrag verpflichtet. Keine Ahnung wie lange ich noch gute Miene zu diesem ganzen gruseligen Maskenball voller Herrn Müllers machen kann. Vielleicht ist auch heute der Tag und ich kotze denen meinen Mittagspausenmüll einfach so mitten auf den Konferenztisch. Direkt auf diese braune Ledermappe mit den sorgfältig kopierten und getackerten Handouts, die ich nicht mehr sehen kann, weil in denen sowieso jedes Mal die gleiche Scheiße steht, die eh keiner liest und für die sowieso wieder nur irgendein Praktikant irgendwelche frisierten Zahlen aus dem letzten Jahr durch neue frisierte Zahlen aus diesem Jahr ersetzt hat, was auch keine Rolle spielt, weil es bereits in ein paar Monaten neue frisierte Zahlen geben wird, die auch keinen interessieren, weil im Grunde scheißegal ist, was in irgendwelchen Handouts drin steht, weil ich niemanden kenne, der die Scheißdinger überhaupt aufschlägt.

Ich habe das Fischfilet von Nordsee gar nicht aufgefressen. Es war selbst mir zu schlimm. Ich habe es in der Bodenplatte des Konferenzraums versenkt, in der die Netzwerkstecker verklappt sind. Die öffnet nie jemand, weil außer den IT-Schlümpfen keiner weiß, was Netzwerkkabel sind. Wenn alles so läuft wie ich mir das vorstelle, wird mein Freund, das remouladenbewichste Fischfilet, spätestens zum nächsten Meeting übermorgen gegärt haben und diesen geistlosen Büroglaskastenkonferenzraum für wohltuend viele Wochen unbenutzbar machen. Das verschafft mir wieder Zeit. Zum Rumfahren. Mir Scheißdreck von Kunden anhören. Mit irgendeinem Penner vom Vertrieb in einem Hipstercinnamonwocochinocafé vor mich hin zu keimen, atmen, fressen, Kaffee zu saufen, Zeit abzusitzen. Bis sie den Raum endlich entlaust haben und die Scheiße von vorne los geht.