Stuttgart / 2019

Und dann ist auch noch Stuttgart.

Die Reisebuchungstorten aus dem Borgwürfel, dem Germanys Brainfucked Crackmodel aller deutschen Arbeitgeber, haben mich in einem selbst für ihre Verhältnisse bemerkenswert schrottigen Hotel eingebucht. Nebenan sind ein Puff, ein depressiver Matratzenladen, zwei stinkende Pommesbuden und mehrere Idiotensuffkneipen voller Idiotensäufer, in denen sie nur Dinkelacker, diese üble halskratzige Brühe, ausgeben und deren Publikum nicht so aussieht als würde ihnen die üble Halskratzigkeit noch irgendwas ausmachen. Der Duschkopf meines Badezimmers ist angegammelter druckloser Schrott und die Armaturen sind aus dem letzten Jahrtausend, oder dem vorletzten, keine Ahnung. Der Badspiegel hat eine abgebrochene Ecke, an deren Rand es genauso rostet wie an den Schrauben, mit denen der Spiegel halbgar an der fahlen Wand unter der Neonröhre befestigt ist. An der Schranktüre hängt ein alter trockener Popel und unter meinem Bett liegt unentdeckter Unrat vom Vorübernachter. Es ist eine Snickersverpackung und ein Wattestäbchen. Nicht mal für eine billige Klimaanlage hat es gereicht, so dass ich das Fenster zur abgaspestverseuchten Stuttgarter Innenstadthauptstraße öffnen muss, um den fiesen muffigen Teppichmocker des Zimmers zumindest ein wenig zu mildern.

Ich bin reisebuchungstechnisch offenbar am unterem Ende der Reputationsskala angekommen. So geht es nicht weiter. Vor zwei Wochen erst das Hotelelend in Heilbronn, jetzt dieser Clusterfuck hier in Stuttgart. Ich muss mal wieder bei den dicken blöden Max-Giesinger-hörenden kuchenfressenden Reisebuchungstorten Ärsche lecken gehen, ich war lange nicht mehr dort vorstellig, mit dem Kaffeebecher in der Hand, dummschwafeln, mir Nullwertfakten anhören und mich vollgackern lassen, auf dass ich auch endlich mal wieder gehobene gut gelegene oder wenigstens funktionierende Hotels bekomme wie der Pawlowski, der blöde Sack, der entweder eine von den Sabbeltorten vögelt oder sie mit betriebsboulevardesken Neuigkeiten, der Währung, mit der hier bezahlt wird, füttert. Wahrscheinlich bringt der Arsch auch jedes Mal Kuchen mit, auf dass die Torten noch fetter und seine Hotels noch besser werden.

Der Typ, der neben mir in dieser fiesen Hotelhütte haust, fickt entweder jemandem in einer unglaublichen Lautstärke die Beckenknochen zu Mehl oder holt sich in unglaublicher Lautstärke einen runter. Ich steuere als direkte Aktion gegen den nachbarlichen Powerficker Pornhub auf meinem Tablet an, mache die Lautstärke auf Anschlag und spiele ein Video mit einer Domina ab, die einem speckigen Typen mit Eselsmaske und dicken roten Pickeln auf den Arschbacken ihren Absatz in die Rosette drückt, worauf er quiekt und grunzt. Zu wenig später treffe ich meinen Nachbarn, als er gerade aus seinem Zimmer kommt. Wir schauen uns kurz aus allen möglichen Konzepten gebracht an. Er ist alleine, also hat er sich niemanden aufs Zimmer bestellt, sondern augenscheinlich tatsächlich laut onaniert. Mich amüsiert der Gedanke, dass er auch mich und meine quiekende Pornhubeinlage gehört haben muss und überlege kurz, ihn zu fragen, wie er es geschafft hat, zu dem sexuell sterilisierenden Geräuschinferno des stilettogefickten Pickelkönigs überhaupt seine Socke zuende zu besamen.

Als ich kurz nach dieser Begegnung unentschlossen vor einem der schäbigen Puffs stehe und überlege, ob ich reingehen oder es lassen soll, spricht mich einer an, der gerade von dort leicht schief aus dem Wollpullover glotzend durch die Tür tritt: „Do kosch di sogar opisse lasse.“ „Ja prima, danke. Sehr brauchbare Information.“ antworte ich dem derangierten Schwaben und lasse ihn stehen. Eigentlich flüchte ich mehr.

Der Puff heißt Dreifarbenhaus und liegt beachtlich zentral. Sonst verklappen sie, lassen wir Hansestädte einmal außen vor, ihre Bordelle gerne in Industriegebieten. Weit draußen. Und dann noch weiter. Zwischen einer Ziegelei und einem Badewannenverticker. Vor der Kläranlage und hinter einem Fliesenmarkt. Wohin Sie dann ein allwissender Taxifahrer hinfahren und von wo er Sie auch später wieder abholen muss, was umso schlimmer ist, wenn der per Taxiapp bestellte Fahrer eine Frau mit Elektroauto ist, die Sie wegen Awareness, Genderpopender und Dings nicht direkt vor den Puff dirigieren können, wonach Sie schnell einen unverfänglichen Ort in der Nähe googeln und den Rest von dort laufen. Was? Mir passiert? Aber nein. Nie. Habe ich gehört. Von irgendwem. Keine Ahnung. Kenn ich nicht den Typ. Können wir das Thema wechseln?

Ich habe mir in meinem ganzen Leben noch nie jemanden ins Hotelzimmer bestellt. Warum habe ich das eigentlich noch nicht gemacht? Ist es die Angst vor den allwissenden Hotelfrontdeskangestellten hinter ihren Tresen? Ihren Blicken? Das Wissen um die offensichtliche Bestellung? Das zu befürchtende Schmunzeln beim Checkout?

Als ich am Abend für die Suche nach Bier den Aufzug verlasse, schaue ich kurz irritiert, denn vor mir steht eine irritierend gutaussehende Frau, die irritierende zwei Meter hoch ist. Ich bin deswegen kurz neben der Spur, weil große Frauen recht selten gut aussehen und schon gar nicht so gut wie diese hier. Sie schaut auf mich herunter und sagt „Grüß Gott.“ Mit glockenheller Frauenstimme. Es ist demnach wohl keine Transe. Ich bin für einen Moment sehr beeindruckt, verliebe mich sogar kurz, dann fange ich mich wieder und gehe zu einem der vielen Tresen der für das schwer reiche Süddeutschland einen Tick zu schäbigen Innenstadt.

Ich bin einer von diesen einsamen Tresentrinkern, die lautlos am Tresen trinken und Szenerie einatmen. Nachdenken. Treiben lassen. Mal nichts steuern möchten. Augen auf und stumm sein. Die nicht kommunizieren mögen. Niemanden beeindrucken müssen. Damit können viele nicht umgehen und sprechen mich an, wollen Anknüpfungspunkte finden, Tagesgeschehen wälzen, Merkel bashen oder auch nur Ballast bei mir abladen. Aha, auf Durchreise? Öfter hier? Gschäfdlich? Wie fändsch Schduagard? I bän ja au viel onderwägs. Und dann beginnt er auch schon mit seinen Erzählungen von vielen Reisen. Kopenhagen. Brüssel. Marienburg. Berlin auch. Hach Berlin isch halt scho Berlin. Entweddr liebsches oder haschdes. Sagt er. Während ich ihn anschweige, damit er wieder geht.

Ich bin nichts lieber als alleine für mich an solchen Vorabenden meiner Auftritte in fremden Städten, doch sie lassen mich so selten. Immer wollen sie reden. Und immer mit mir. Und es ist immer viel, das sie erzählen wollen. Und wenig, das sie wissen wollen.

Es sind viel zu oft dickliche, kleine, ganz tief drin traurige Männer jenseits der 40, was immer noch besser ist als junge Frauen, die mir zweieinhalb Stunden lang ohne Atem zu nehmen eine detailfreudige Exegese ihres zum Sterben langweiligen Lebenslaufs vorleiern. Mit mir als Trichter. Und die Sie anschweigen können so lange Sie wollen ohne dass sie jemals ihre Überflüssigkeit bemerken und gehen.

Ich suche nicht die Aufmerksamkeit. Davon habe ich stets zu viel. Jeden grottigen Tag.

Ich suche die Abgeschiedenheit. Davon habe ich immer zu wenig.

Da das nie jemand versteht, muss ich andere entweder unhöflich stumpf anschweigen oder mich umständlich erklären. Beides ist Arbeit.

Als ich den Laller endlich mit meiner Einsilbigkeit an die Backe eines anderen armen Irren getrieben habe, lese ich in einer der Telegramgruppen, in die man mich immer unverlangt addiert, auf dass ich mir hirnlos weitergeleitete Gifs, mit Blumengedecken verzierte Facebooksinnsprüche, superunwitzige Wackelvideos oder irgendwas von Jan Böhmermann einwerfe, dass jemand dort einen Link zu diesem Jauchenblog hier gepostet hat und sich über das was er da lesen musste aufregt. Ich frage mich, wie der Gruppenchat auf diese sinnlose Ecke des Internets gekommen ist, lese, dass sie sehr engagiert diskutieren und nach dem dritten Bier beteilige ich mich daran. Boar is das ein Arsch. Was glaubt der wer er ist. Was für eine infantile Kackscheiße. Und alles schwarzweiß. Whoop Whoop. Das Resultat ist selbst für mein Level eine ganz schön große Nummer auf der Skala meiner dissoziativen Identitätsstörung.

Dass sie nicht wissen, dass ich es bin, ist gruselig. Dass ich glaubhaft eine beliebige Position, sogar gegen mich selbst, einnehmen kann, ist es noch viel mehr.

Das Internet ist skurril. Ich kann sein was ich will, oben, unten, orange, grün, rund, eckig; und im Grunde ist das alles scheißegal.

Was ich in Stuttgart sehe ist ein dickes fettes Architekturshithole. Stuttgart verklappt seinen Bahnhof unter die Erde und nennt das Stuttgart 21. Natürlich wird die ganze Sache sehr viel teurer und dauert länger. Denn es ist die öffentliche Hand, die hier baut. Aber hey, wer bin ich, der hier urteilt. Ich komme aus dieser Stadt mit der durchgenudelten Dauerwitzfigur von Nichtflughafen, für den keiner verantwortlich ist und schon gar keiner verantwortlich gemacht wird.

Stuttgart hat unfassbar viele Burgerläden. Und es sind fast überall diese üblichen auch in Berlin verbreiteten schwarz-weiß gehaltenen Butzen, die den Schmock namens McDonalds irgendwann sicherlich rein aufgrund ihrer schieren Masse in die Pleite treiben werden. Teilweise hat Stuttgart drei solcher Burgerbutzen in einem Block. Wer isst die ganzen Dinger alle? So viele Abschreibungs- und Geldwäschevorgänge kann doch eine einzelne Stadt gar nicht generieren.

Und es gibt eine Dönerkette, die heißt „Ützel Brützel“. Betrieben von Türken. Ich überlege kurz, ob man darüber schmunzeln darf und entscheide mich dafür. Grenzwertig, sicher, aber doch, Satire darf alles.

Auf dem Abendspaziergang sehe ich in einer halben Stunde alleine drei „Hans im Glücks“. Hans im Glück ist diese Burgergrillbarkette mit diesem debilen Birkenwald im Gastraum, die ich noch nie besucht habe, weil das Publikum von außen schon so maximal behämmert aussieht, dass ich mich ununterbrochen ritzen möchte. Blasierte Schnepfen. Blöde Gockel. Versicherungsregionalleiternulpen. Und Bankkaufmannarschgesichter. Eine BWLer-Hölle. Voller Birken. Ich hasse so eine aufgesetzte Konzeptscheiße mit aufgesetzten Konzeptarschgeigen schon von außen. Würde ich da drinsitzen, müsste ich quasi ohne Pause gegen den Impuls ankämpfen, diese geleckten Businesskasperabziehbilder mit ihren Bausparvertragsreklamefressen einen nach dem anderen über die akkurat polierten Franchiseholzhocker zu spannen und sie mit den glücklichen Birkenstämmen zu penetrieren.

Ja. Ja doch. Der Therapeut sagt, ich soll mehr auf die positiven Dinge achten. Das tue ich auch. Hier: Sie haben in Stuttgart schwarze Taxen. Was mächtig toll aussieht. Aus Übermut bestelle ich eines davon und lasse mich damit einmal auf den Killesberg und zurück fahren. Einfach weil das Taxi schwarz ist. Und weil es mit Benzin fährt.

Immer wenn ich Berlin verlasse und in Süddeutschland unterwegs bin, fällt mir auf, wie gut Frauen aussehen können und ich erwäge kurz, mal wieder etwas Abstand von meiner jetzt schon einige Jahre sehr bewährten Schwulennummer zu nehmen, lasse dann aber doch alles beim Alten. Eine weise Erkenntnis, die mich dieses komische Leben einfacher, günstiger, selbstbestimmter und ohne allzu viel Drama hinter mich bringen lässt, lautet, dass Männer mir zwischenmenschlich signifikant weniger Probleme bereiten. Kosten. Nutzen. Relation. Aufwand und Ertrag. Einfacher kann eine Rechnung nicht sein. Und ich mag Dreitagebärte wirklich gern.

Auf dem Rückweg zum Hotel komme ich stinkbesoffen noch einmal am Dreifarbenhaus vorbei. Der Gang durch die Etagen, an deren Türen die Huren stehen, hebt naturgemäß jedes Selbstwertgefühl. Hallo Süßer. Komm her, Süßer. Na Hübscher? Schnucki? Auch wenn jedem fünfjährigen Mia-and-Me-Fan, jedem dressierten Affen und sogar einem Berliner Abiturienten klar sein muss, dass hier nichts ernst gemeint ist, schon gar keine Komplimente so gemeint sind wie sie gesagt werden, keine Geste aufrichtig ist und kein Satz die Wahrheit wiedergibt, so wird mir jedes Mal, wenn ich durch ein Laufhaus gehe, um dann oft einfach ungefickter Dinge wieder zu gehen, sehr bewusst, wie sehr ich Huren mag, wie sehr ich, wenn sich doch mal die Gelegenheit ergibt, das Gespräch mit ihnen mehr schätze als das abgewichste Geschrubbe zwischen meinen Beinen. Ich fühle mich ihnen auf eine sicherlich sehr kranke Art nah. Seelenverwandt, wenn Sie das wundgerittene Wort mögen. Morgen schon werde auch ich Dinge sagen, die ich nicht meine, Hände von Menschen schütteln, die ich nicht mag, und Einladungen nach Berlin aussprechen, von denen ich hoffe, dass sich schon zehn Minuten später keiner mehr an sie erinnern wird.

Als ich am nächsten Tag nach dem Weg zu dem Ort frage, an dem ich meine übliche öde Akquiseschau vor feistem Publikum, ihren halbvollen Kaffeetassen und den traurigen Billigkeksrestetellern darbieten darf, gerate ich in einen bizarren Dialog: „Ei do nämmetse die S-Boh Richdung Bagdad bis Bad Kannschdad und schdeige do aus.“ „Richtung Bagdad?“ „Hanoi. Bagdad.“ „Bagdad. Irak?“ „Back! Nang! Back! Nang!“ „Ah.“

Bagdad. Backnang. Ich werde noch Tage über diesen wunderbaren Wortwitz vor mich hin schmunzeln.

Ich werde Bagdad niemals mehr Backnang nennen können. Bagdad liegt östlich von Stuttgart. Es sieht auf Google Maps so klein aus, dass die Chance, in Bagdad jemals zu Menschen sprechen zu müssen, die ich nicht mag, denkbar gering ist.

Sehr gut gegessen habe ich in einem seltsamen chinesischen Restaurant namens Sonnengarten in der Christophstraße, das keine Webseite hat. Es ist eines von den Restaurants mit einer deutschen Karte für schlumpfige Arschgesichter und einer chinesischen Karte für die harten Eier. Steht zumindest im Internet. Ich frage nach der chinesischen Karte und sie verneinen. Ich bekomme sie nicht. Ich sehe nicht chinesisch genug aus.

Hemmungs- und vor allem maßlos gesoffen habe ich in einer Gaststätte namens Lehen, was angesichts des Auftritts als Vortragsaffe vor Zuhöreraffen am nächsten Tag in besonderem Maße unclever war. Früh. Tau. Zu Berge. Kopf. Glieder. Nacken. Arschbacke. Mir tut alles weh, als ich Monkeyboy vorne zwischen Flipchart und Leinwand herumtanze und die anderen Schlumpfpinguine mit meinen Zahlen entlause. Kurze Pause. Paracetamol. Viel Kaffee. Ein wenig scharfes weißes Pulver für die Schleimhäute. Auf der Basis marschiere ich gut gelaunt ohne zu schwitzen bis in den späten Nachmittag, an dem mich endlich der Zug von Stuttgart 21, diesem bizarren baustellengewordenen Geldgrab, von hier weg zurück Richtung Berlin-Gesundbrunnen bringt.

Das war Stuttgart. Mehr war nicht.