Gendarmenmarkt

Puh.

Was sagt man jetzt dazu?

Besser nichts, besser essen gehen, auch wenn das wieder lästerliche Völlerei ist und so gar nicht in die Blütezeit der vielen neuen Zeloten passen mag. Lutter & Wegner ist eine Bank. Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt. Wenn ich mal gesichert gut essen mag, dann hier.

Die Schnöselunterhaltung ist auch eine Bank, sie ist garantiert und gibt es kostenlos dazu. Heute sitze ich neben einem optischen Oberstudienrat, der vergeblich versucht, seinem gelangweilten völlig verzogenen Kretin von Sohn eine Lektion in gutem Essen zu erteilen, das dieser nur angeödet runterwürgt als wäre es das Schlimmste, das ihm diese an Zumutungen so reiche Welt je zugemutet hat. Ein wenig Slapstick blitzt auf, als er irgendwann sein Basecap aus schierem Protest seitlich dreht, was zunächst eine Bitte und dann einen fürchterlich verdrucksten und jeden direkten Konflikt vermeidenden Disput folgen lässt, der ihn auf wortreichen Umwegen dazu zu bringen versucht, die Mütze doch abzunehmen oder wenigstens anständig zu tragen. Es bleibt erfolglos. Die Mütze bleibt. Das ganze Essen lang. Der Oberstudienrat seufzt und resigniert. Perlen. Vor die stolzen Eichen. Schräg. Ich sehe so ungerne Erwachsene an ihrer Brut scheitern. Es ist so würdelos.

Linker Hand hat die Vollversammlung der Erbschleicher die steinalte und immer noch nicht sterben wollende Erbtante hierher ausgeführt und versuchte sich gegenseitig beim Bücklingsrennen auf der Schleimspur auszustechen, um eine möglichst günstige Position im vermutlich absichtlich unsicheren oder gar noch nicht einmal geschriebenen Testament zu erreichen. Für alle diese üblen Charakterverwachsenen wurde das Adjektiv ‚erbärmlich‘ erfunden, sie leben es, schwitzen es aus, jeder sieht es als hinge ein großes mit blinkenden Glühbirnen versehenes Schild über ihren Köpfen: Erbärmlich.

Der steinalte Scheintote im vollen Ornat und Wichs nebst Siegelring mit seiner gekauften wachspuppenendstadiumsoperierten Escortlady, die seine Urenkelin sein könnte und nur russisch spricht, was ihm aber egal ist – er doziert trotzdem auf deutsch über die Fehlentwicklung der Politik von Frau Merkel im Kontext zur transatlantischen Allianz im Zuge der historischen Einigung Europas unter Berücksichtigung des ungeordneten Brexits -, setzt zuletzt halbrechts den bizarrsten Glanzpunkt unter die Schnöselversammlung in diesem – ja, doch – gemütlich eingerichteten Gastraum, dessen Wand zu meiner Freude neben anderen Gestalten, die ich entweder nicht kenne oder nicht mag, ein Portrait von Sven Marquardt ziert. Passend unpassend. Und deshalb gut gemacht.

Sven Marquardt ist mir vor einiger Zeit Ostseestraße Ecke Prenzlauer Allee begegnet. Ich habe ihn zunächst für den Obdachlosen gehalten, der hinten immer bei Rewe vor der Tür sitzt und der sich freut, wenn ich ihm neben dem Geld auch ein Bier oder eine kühle Dose Colajack in die Hand drücke. Der Obdachlose hat sich entweder mal gesichtsgepierct oder anderweitig verstümmelt, was entweder gewaltig schief ging oder einfach nur altersbedingt vor sich hin gärt und wuchert. Er hat kaum noch Zähne, ehemals lange und jetzt ausfallende Haare und eine ungesunde offene Wunde an der Wange, deren Ränder sich schwarzgeschwollen wölben; die Teller seiner Ohrtunnel sind schon entfernt und haben diese traurigen löchrigen tiefhängenden Ohrläppchen hinterlassen, von denen eines ausgefranst und von blutigem Schorf überwachsen ist. Ich habe ihm noch nie jemanden was geben sehen und gebe allein schon deshalb mehr als sonst, aber eigentlich nur deshalb, weil ich weiß, dass der da nicht mehr lange sitzen wird, dass der schon in absehbarer Zeit nirgendwo mehr sitzen wird. Dass der einer der vielen hier in Berlin Gestrandeten ist, den sie demnächst schon irgendwo namenlos verscharren werden.

Sven Marquardt. Ostseestraße Ecke Prenzlauer Allee. An der Ampel. Mit seinen Ketten klappernd. Ein freilaufendes Fossil der wilden 90er, das inzwischen niemand mehr durch die Talkshows schleift wie vor zehn Jahren noch. Alt ist er geworden. Ich glaube, dass Altwerden und Blech in den mitten ins Gesicht gestanzten Löchern keine gute Kombination ist, die ein Altern in Würde durchführbar werden lässt, wobei das immer noch besser ist als sich ungepierct, dafür in Windeln im siebten Stock eines geistlosen Plattenbaus kurz hinter der Stadtgrenze einzukacken und darauf zu warten, dass der Pfleger versehentlich mal das schlossbewehrte Fenster nach dem Lüften auflässt, so dass man die Dinge endlich in die eigenen Hände nehmen kann. Würde ist auf jeden Fall relativ.

Weil ich Langeweile habe, lese ich im Internet, dass der Sauerbraten von Lutter & Wegner einen Sauerbratenpreis gewonnen hat. Natürlich hat er das völlig zu Recht. Er ist großartig. Und das sage ich, der Sauerbraten noch nie ein positives Stück abringen konnte. Ich finde Sauerbraten normalerweise schlicht überflüssig wie Tofu. Hässlich wie Gin. Und doof wie Facebook.

Bleibt nur noch die Frage, welcher Kleingeist eigentlich Sauerbratenpreise vergibt. Und warum. Und was das soll. Wahrscheinlich ist das der Kumpel von dem, der auch die beste Bratwurst Berlins prämiert. Der der Cousin von dem ist, der den Preis für den dicksten Eber von Hönow auslobt. Der in der Straße von dem wohnt, der eine Olympiade um die grünsten Eier von Königs-Wusterhausen auf die Beine stellt. So Kleingartenfiguren. Hecken auf 128 Zentimeter Schneider. Falschparker beim Ordnungsamt Verpetzer. Tagesordnungspunktbeantrager. Bei McDonalds Frühstücker weil noch nicht 10:30 Uhr ist. Socken mit Sandalen Kombinierer. Draußen nur Kännchen Trinker. Baumscheibenverzierer. Bei Gelb Bremser. Um neun ins Bett Geher, weil morgen die Arbeit ruft. Urban-Knitter-Stricker. Coworkingpuffbetreiber. Taschengeldkürzer. Einserschreiber. Supermarktregalumräumer.