Ich bin jetzt wie ihr

All of a sudden I found myself in love with the world
so there was only one thing that I could do
was ding a ding dang my dang along ling long
Ministry – Jesus built my hotrod


Hallo. Hier bin ich. Und ich bin jetzt wie ihr. Ich kann das alles. Das was ihr da macht. Alle Spielchen. Alle Gags. All das aufgesetzte Gehabe, die Verhaltensrituale, die es braucht, um dort bei euch zu bestehen. Ich habe das perfektioniert. Ich bin darin jetzt besser als ihr. Ich habe alles abgeschaut, raubkopiert, gepaukt, verinnerlicht, zuletzt verbessert, die Kanten gewetzt, die Ecken geglättet, das Gesamtbild rund gemacht. Mich kriegt ihr nicht mehr. Ich kann das jetzt alles. Ich lebe euer Zeug. Hier drin. Mitten dabei. Hallo Welt. Da bin ich. Ich spiele jetzt mit.

Ich war mal ganz klein. Ganz naiv. So richtig schön doof. Habe mir etwas auf Ehrlichkeit eingebildet. Habe gedacht, dass jeder mich mag, nur weil ich ihn mag. Und dass niemand mir etwas böses tut, wenn ich nichts böses tue. Ich wollte einer sein, der zeigt, dass es auch anders geht, einer sein, von dem sich andere möglicherweise was abschauen, dem sie Dinge nachmachen, ein Leuchtturm der Offenheit. Ohne Visier. Nett. Freundlich. Mit offenen Armen und offener Haustüre. Denn wer gibt, der kriegt wieder. Und wer hilft, dem helfen sie auch. Einer für den anderen. Kann nicht schwer sein. So dachte ich mir das mal. So habe ich es versucht. So ging ich mal ran an die Welt. Ich habe das mal wirklich so gemacht.

Gelandet bin ich damit im Unterboden. In einer Bruchbude in Neukölln zwischen Sonnenallee und Richardplatz. Belagert von Alkoholikern, Drogenkranken und Psychopathen. Sie haben mir noch den letzten halbleeren Kasten Billigcola aus der Wohnung getragen, den ich von meinen letzten zusammengeklaubten Geld gekauft habe. Mein Metallica-Poster. Meine Piratenfahne. Auch den kleinen Radiowecker, den ich von zuhause habe mitgehen lassen. Kippen. Bier. Haschkrümel. Einen Kanten Billigsalami aus dem Kühlschrank, der nicht mehr ging, weil der Strom mal wieder abgestellt wurde, den keiner von denen, die da wohnten, bezahlt hat.

Möglicherweise zermörsert das jetzt ein paar Illusionen und mag sowieso unromantisch und abgewichst erscheinen, aber dort im Unterboden herrscht gar keine Solidarität. Bei den Abgehängten herrscht das große Fressen. Und wer gefressen wird, geht ganz langsam vor die Hunde. Jeden Tag ein Stück mehr. Wenn die Menschen verarmen, wird es sehr roh. Und wo es roh ist, ist es nicht kuschlig. Nicht nett. Und andere nehmen Ihnen gerne mal alles, wenn Sie ihnen die Gelegenheiten dazu eröffnen. Die offene Flanke preisgeben. Kein Visier tragen. Zu naiv für so ein Leben sind. Das macht der viele Alkohol, das Koks, das Speed, irgendwelcher gestreckter Scheißdreck, das ganze Zeug verändert die Charakterzüge und Menschen werden dann so. Unberechenbar. Unzuverlässig. Falsch. Maskenhaft. Hart. Und sehr kalt. Schön war das da nicht. Sind Sie jugendlich und spielen mit dem Gedanken, von der Hölle, die Zuhause heißt, abzuhauen, wegen Freiheit, Straße, Abenteuer und so weiter, dann überlegen Sie sich das gut. Und planen es bitte besser als ich es tat.

Ich bin jetzt woanders. In einem Glaskubus mit Blick über die Stadt. Auf dem Tisch ein Notebook. Terminübersicht auf Vollbild. Notizzettel. Telefonkonferenzanlage. Schmierige Menschen. Aalglatte Menschen. Grinsende. Händequetschende. Schulterklopfende. Giftige. Menschen. Und die Erfahrungen aus dem Unterboden helfen dabei unerwartet gut. Weil es gar nicht so sehr anders ist dort weiter oben, nur hygienischer. Körperlich hygienischer. Und die Drogen sind besser. Sonst gleichen sich die Dinge sehr. Sie können von anderen nichts erwarten. Besser noch: Erwarten Sie besser gleich das Schlechteste. Einen Angriff. Eine Intrige. Bloßstellung. Blutgrätsche. Gestellte Fallen. Und doppelte Böden. Alles. Nur warten Sie nicht auf Gutes. Denn hier kommt es nicht. Ich verspreche Ihnen das.

Mir macht das nichts aus, ich komme gut zurecht, Sie merken mir nichts an, ich bin unfassbar freundlich zu allen, jovial, ein Buddy, auch zu meinen Gegnern, ich schmiede Allianzen mit denen, die ich noch brauchen könnte. Gegen andere. Wenn ich etwas durchsetzen muss. Das muss man so machen. Sonst setzen andere etwas gegen mich durch. Würden Sie mich tagsüber sehen, wenn ich Ihnen auf dem Büroflur begegne, würden Sie mich vermutlich sehr nett finden. Ich bin ja auch nett. Verbindlich. Fester Händedruck. Lange geübt. Und voll der Kumpel. Mein Lachen steckt gerne mal andere an. Ich kann eine krampfige Situation durch einen Scherz auflösen. Steckengebliebe Verhandlungen durch empathische Moderation retten. Leute zusammenbringen. Brücken bauen. Gemeinsamkeiten herstellen. Ich spiele diese ganze Klaviatur sozialer Interaktion, die notwendig ist, dass dieses künstliche soziale Gebilde in diesem weißgrauen Betonglaskasten, in dem Menschen gegen Geld für das Ziel der Geldvermehrung anderer zusammenarbeiten müssen, die sich unter normalen Umständen gar nicht kennen wollen würden, nicht mit einem großen Knall auseinander fliegt. Social Social. Interact Interact. Ein Affenfelsen ist ein Scheiß dagegen. Und nein. Wirklich. Ich mache total mit. Ich bin voll nett. Ehrlich. Nochmal: Ich glaube, auch Sie würden mich mögen.

Ja. Ein freundliches Hallo in die Runde. Hier bin ich. Mittendrin in eurem Kreis. Voll dabei. Dabei mag ich euch alle gar nicht. Ich bin – und Sie würden das nicht glauben, sähen Sie mich in einem dieser geleckten Konferenzsäle mit den ewigen Apfelsaftfläschchen auf dem Tisch eine meiner stumpfsinnigen Präsentationen herunterleiern – in einem ganz großen Ausmaß menschenscheu und begegne jedem anderen mit dick einbetoniertem Misstrauen. Sie brauchen Jahrzehnte, bis ich meine Türe einen Spalt öffne und Sie hereinschauen lasse. Introvertiert sagen Therapeuten dazu. Und es ist so. Das was Sie sehen bin gar nicht ich. Ich spiele nur jemanden, der ich nicht bin. Spiele euch vor, dass ich der bin, den ihr in mir seht. Ich erfasse Wünsche, Erwartungen und sogar Sehnsüchte in Zehntelsekunden und spiegle sie. Damit schaffe ich gemeinsame Ebenen, auf denen die Dinge besser laufen als würde ich das nicht tun. Damit komme ich überall durch. Weiter. Kriege was ich will. Baue vor. Wehre ab. Schütze mich. Und ich werde es immer schaffen, dass Sie glauben, dass ich Sie mag. Auch wenn ich Sie nicht mag.

Das ist oft harte Arbeit. Ich muss immer wieder Risse in der Matrix zukleistern. Denn eigentlich wird mir ganz schlecht von euren billigen Kuchen, mit denen ihr eure Geburtstage, Jubiläen oder Boni zelebriert, manchmal sind die Drecksdinger innen noch gefroren, weil die Zeit von der Tiefkühltruhe von Rewe bis in den mit Borgwürfel so verdammt gut charakterisierten Glaskubus doch nicht gereicht hat, den gefrorenen Klumpen Industrieteig vor dem Anstoßen mit dem unvermeidlichen Rotkäppchensekt auf euren Einstand, die Beförderung oder irgendein lukratives Beratungsprojekt in Frankfurt, Brüssel oder London aufzutauen.

Ich mag auch eure einfallslosen Geschenkgutscheine von Ernstings Family nicht, die jede neugebackene Mutter und jeder frischgekürte Vater bekommt und an deren Höhe jeder seine eigene Beliebtheit ablesen kann. Was? Nur 49 Euro? Also ich hatte, als mein Kleiner geboren wurde, 87 Euro. Und der arme Moslem, der bei uns immer so zuverlässig die Angebote schreibt, kam bei der Geburt seines dritten Sohnes nicht mal auf 20 Euro, so dass der Bereichsleiter und der dicke Gewerkschaftsgnom die Gutscheinsumme heimlich aus verschiedenen Kaffeekassen heraus auffüllen mussten, damit es nicht so peinlich megaphob wirkt wie es ist.

Here I am now. Entertain me. Lost in the hell of the Glaskubus. Ich mag hier wirklich niemanden, auch die faule Sau von Buchhalter nicht, der den Job nur noch hat, weil er weiß, dass die Chefin gerne mal einen niedlichen Azubi erst in ein teures Restaurant und dann zu sich nach Hause einlädt, was er in einem Moment der Schwäche mir erzählt hat, was mir wiederum die Dinge vereinfacht, wenn er wieder eine meiner Spesenabrechnungen vorziehen soll, weil es zum Monatsende wieder knapp bei mir wird. So ist das hier. Gefallen. Gegengefallen. Infowars. Fake News und echte News. Kompromat und Herrschaftswissen. Handwaschanlage. Männerbünde. Frauenfilz. Du. Ich. Der Affenfelsen. Ein Haifisch ist ein Scheiß gegen uns.

Und nein, ich mag sie alle wirklich nicht, die Bornierten, die Blasierten, die aufgetackelten Schnepfen und Gockel, sie tragen mit Mitte 20 schon den großmäuligen Mont Blanc-Füller im Jackett, falls sie mal was Wichtiges unterschreiben und bei der Gelegenheit mit so einem Ding posen müssen. Frauen oder Männer, das ist egal inzwischen, kein Mutterinstinkt zu sehen, keine väterliche Güte, keine Empathie, kein echtes Mitleid und wenn mal jemand ernsthaft krank wird oder stirbt, freuen sie sich innerlich auf die neuen Karrierechancen durch das Verschwinden des von Krankheit, Tod und Teufel aus dem Weg geräumten Rivalen. Sie sind in solchen Momenten ganz sie selbst, sie sind erbärmlich, sie sind klein, falsch, arrogant, sie sind scheiße und ich mag sie alle nicht.

Das ist der Ort, an dem ich mein Geld verdiene. Kein Ding. Ich kriege das hin. Mach doch was anderes. Mag einer sagen. Super Idee. Nur kann ich nichts anderes. Und will es deshalb auch nicht. Ich bin nämlich der Mann ohne Talente. Eigentlich bringe ich genetisch nichts mit, mit dem sich in einer logischen Kausalkette, quasi auf natürliche Weise und vollkommen folgerichtig Geld verdienen lässt. Ich kann schlicht nichts, das irgendwer braucht. Und das, was ich mir mit Mühe, Schweiß und in wachgelegenen Nächten ins Gehirn geprügelt habe, wird nur in derlei bürohölligen Borgwürfeln gebraucht. Und manchmal nicht mal das. Eigentlich reicht es, so zu tun als ob Sie etwas können, weil es ab einer bestimmten Ebene gar nicht mehr darauf ankommt ob irgendwer irgendwas kann. Alles egal. Nebensächlich. Denn ich weiß mit absoluter Sicherheit nur eines: Ich will nie wieder in den Unterboden zurück.

Einfach ist das nicht. Sie müssen, wenn Sie das tun, was ich tue, diesen Bereich in Ihrem Hirn, der sich selbst reflektiert und immer mal wieder gerne in Frage stellt, separieren, sonst werden Sie noch verrückter als vermutlich sowieso schon. Die Dinge müssen streng getrennt werden. Privat. Business. Kein Vermischen, sonst gehen Sie endgültig den Bach runter wie diejenigen Borgwürfeldrohnen, die sich sogar in der Freizeit mit jenen ihrer Abart zum Abartigsein treffen oder noch schlimmer: Mit Kunden. Und das darf nicht in Frage kommen. Sie können nur einen Rest Intaktheit bewahren, wenn Sie den Bürohöllenkrebs nicht in Ihr Privatleben lassen, sondern sich morgens früh um 7, wenn Sie das Kind in die Schule gebracht haben, die Maske aufsetzen und sie um 17 Uhr, wenn Sie das Kind aus dem Schulhort holen, konsequent wieder absetzen. Sonst werden Sie verrückt. Gut. Sie vielleicht nicht. Aber ich werde sonst verrückt. Und ich tanze sowieso schon jeden Tag auf dem Fenstersims der Verrücktheit Ringelreihen. Ich muss da nicht auch noch runterfallen. Dort vom Sims. Kopf voraus. Geht nicht. Keine Option. Ich habe eine Aufgabe. Ich muss intakt bleiben. Denn da schaut ein Kind zu mir rüber. Und es ist aufmerksam. Hat meine Antennen mitbekommen. Erfasst die Schwingungen in Zentelsekunden.

Aber keine Sorge. Ich kriege das hin. Ich kriege das alles hin. Ich bin besser geworden. Ich blende alles aus. Widersprüche. Ideale. Gute Vorsätze. Jede Hoffnung. Naiv war gestern. Ich habe gelernt. Viel gelernt. Ich kann die Spielchen besser. Ich bin super vernetzt. Ich kenne alles. Dabei bin ich immer genau so dosiert freundlich, dass sie keine Angst vor mir haben müssen. Denn Angst macht misstrauisch und Misstrauen kann ich nicht brauchen. Sie sollen mich alle mögen, auch die Schnepfen und die Blasierten, die Aufsteiger und die Aufschneider. Ich kann das Spiel besser, ich habe schon alles gesehen, ich war schon im Unterboden und habe ums Weitermachenkönnen gekämpft. Habe versucht, immer doch noch am kacken zu bleiben obwohl alles nach totaler Verstopfung aussah. Ich habe mich schon einmal zwei Wochen von Leitungswasser, geklauten Vitaminpillen und dem Scheiß, den andere nicht mehr haben wollen, ernährt. Ich weiß wie man mit zehn Euro über die Woche kommt. Das geht. Alles. Ihr könnt mir nix mehr, gar nix könnt ihr mir, niemand kann mir mehr irgendwas. Und erzählen schon gar nicht.

„Hach Herr Zimmermann, Ihr Hemd spannt ja, Sie sind im Training, was?“

„Och, muss ja, hilft ja nix. Und Sie haben eine neue Haarfarbe. Funktioniert gut.“

Bla. Du meinst es nicht ernst und ich meine es nicht ernst. Meine Oberarme sind wie immer und deine Haarfarbe sieht kacke aus. Wie Wurstwasser mit Darmauswurf. Geh sterben. Ich kann besser lügen als du.

„Gute Arbeit, Herr Zimmermann. Ich werde zusehen, dass ich das beim nächsten Meeting mit der Geschäftsführung platziere.“

„Danke, das war Teamarbeit. Sie waren ja auch nicht unwesentlich daran beteiligt.“

Bla. Du meinst es nicht ernst und ich meine es nicht ernst. Du wirst einen Scheiß platzieren, es sei denn, es bringt dich selbst nach vorne und ich halte dich für eine faule Sau, die nicht einmal einfachste Entscheidungen treffen kann und zum Projekt außer lauwarmem Geschwalle nichts beigetragen hat, was ich irgendwann irgendwem mit Einfluss, der dich zufällig nicht mag, bei einem Glas Bier nach Feierabend aufs Brot schmieren werde, damit du mir beim nächsten Projekt ganz sicher nicht zugeteilt wirst, sondern hoffentlich der Moslem. Der immer die guten Angebote schreibt.

„Hey, Herr Zimmermann, wie kommen Sie denn mit Ihrem Projekt voran? Kann ich mal sehen?“

„Ach, ist alles im Entwurfstadium, noch gar nichts spruchreif, ich sag‘ Ihnen Bescheid, wenn die ersten Konturen erkennbar sind.“

Bla. Du meinst es nicht ernst und ich meine es nicht ernst. Du willst mir meine Ideen klauen, um sie als eigene auszugeben und ich tue so, als gäbe es nichts zu klauen, dabei bin ich fast fertig. Du Arschloch. Fall doch tot um.

„Toller Bericht, Herr Zimmermann, ganz toll. Habe ich so an die Geschäftsführung weitergegeben.“

„Danke Ihnen, ja, da waren einige neue Aspekte im Vergleich zum letzten dabei, die zu ganz neuen Schlussfolgerungen führen können.“

Blabla. Du meinst es nicht ernst und ich meine es nicht ernst. Ich habe den Bericht vom letzten Jahr genommen und nur das Datum und ein paar Kennzahlen ausgetauscht und du Penner hast den Scheiß gar nicht erst gelesen, weil es dich nicht interessiert.

Haha. Nee. Schluss. Aus. Echt nicht. Ihr nicht. Ihr wirklich nicht. Nicht mit mir. Ich kann das besser. Ich kann das alles jetzt. Ich habe gelernt. Hallo. Bitte sehr. Hier bin ich. Hier stehe ich. Mittendrin. Im Karussell. Auf dem Affenfelsen. Und ich bin jetzt wie ihr.