Mallotze / 2019

Heuer Mallotze. Zu einer Dritte-Welt-Stadt wie Berlin gehört auch ein Dritte-Welt-Flughafen. Der heißt hier Schönefeld. Weil Berlin seit 20 Jahren versucht, einen Flughafen zu bauen und es nicht schafft, fliegen die Menschen in der deutschen Hauptstadt mit Tegel und Schönefeld immer noch von zwei musealen Nachkriegsfossilien ab, die wie alles andere in Berlin nicht funktionieren, vor allem dieser auch knapp 30 Jahre nach dem Verscheiden der DDR immer noch am Leben gehaltene Goblin Schönefeld. In der Hauptstadtpresse wird inzwischen empfohlen, zwei bis drei Stunden vorher vor Ort zu sein, um den räudigen Sicherheitscheck, die Gepäckaufgabe und die Passkontrolle der Bundespolizei überhaupt noch vor dem Abflug zeitlich adäquat passieren zu können. Für die Koffer, wenn Sie hier landen müssen, warten Sie inzwischen gerne mal bis zu zwei Stunden in einer stickigen engen Gefangenensammelstelle, natürlich unklimatisiert. Hallo. Natürlich unklimatisiert. Es ist Berlin hier. Wir klimatisieren nix. Wir lassen laufen. Die Dinge. Und zwar alle. Nochmal: Dritte Welt. Infrastrukturgrind. Kinshasa. Lagos. Busch. Berlin. Hier funktioniert nix so wie es soll und das immer.

Im Flieger sitzt ein Schwitzender neben mir und etwa alle vier bis fünf Minuten kommt eine Schwade Pups rübergeweht. „Boar stinkt dat“ sage ich irgendwann mehr zu mir selbst, weil ich ja weiß, dass Menschen immer alles abstreiten, laut werden oder sich verpissen, wenn man sie direkt auf solche Dinge wie Fressen in der Bahn, Fußgänger mit dem Fahrrad mobben oder eben Furzen zum Nachteil eines Dritten anspricht. „Ich bin Vegetarier.“ reagiert der neben mir überraschend auf mich. „Okay.“ antworte ich. „Hören Sie dann bitte damit auf?“ „Ich bin Vegetarier. Da sind Blähungen normal. Ich kann nix dafür.“ Und das war’s. Mehr bringt er nicht zustande. Was sagt man auf so etwas? Vermutlich nichts, sondern man haut ihm für seine egomane Beschissenheit am Besten gleich direkt aufs Maul. Wortlos. Bum. Mittenrein. Weil er ein Arschgesicht ist. Hohoho. Glop Glop. Törö. Lassen Sie mich durch, ich bin Vegetarier, ich furze so viel ich will und Sie müssen meine Spitzkohlmockerei wegatmen, weil ich Vegetarier bin und alles darf.

Natürlich sitzt hinter mir ein Kind. Hinter mit sitzen immer Kinder. Oder Verrückte. Oder verrückte Kinder. Das verrückte Kind reißt an meiner Lehne herum, so dass ich mir vorkomme wie in einer Achterbahn. Irgendwann bitte ich das verrückte Kind aber sowas von enorm freundlich mit extra Karamelsirup und Marshmallows oben drauf darum, mit dem Gezerre an meiner Lehne aufzuhören, weil mir schlecht wird. Darauf sagt die Mutter „Na hören Sie mal.“ Und das Kind hört für ein paar Minuten mit dem Herumgereiße auf, um dann sein Höllenwerk ungerührt fortzusetzen. Ich überlege kurz, den Notausstieg eigenmächtig zu öffnen und diese ganze blöde hässliche marzahnhellersdorfeske Mallorcaurlauberarschkrampenfamilie aus dem Flieger zu werfen, doch dann fällt mir wieder ein, dass man das erstens nicht darf, weil, keine Ahnung, irgendwas im Strafgesetzbuch vermutlich, zweitens die Notausstiegsluke eh ohne Einarbeitung gar nicht aufgehen würde und drittens wir, wenn ich sie denn aufbekäme, alle ganz sicher sterben würden wegen Druckabfall oder irgendwas anderem Physikalischen, wovon ich keine Ahnung habe, weil ich Physik in der Zehnten wegen zu kompliziert abgewählt habe.

Später kotzt das verrückte Kind kurz vor der Landung in Palma der Mutter den Schoß sowie den Boden und ihr iPhone voll. Hallo Karma. Das gefällt mir gut. Wir verstehen uns. Bitch.

Auf dem Flughafen in Palma fällt mir wie an allen überlaufenen Orten auf: Es gibt eindeutig zu viele Menschen auf der Welt. Wir sind ganz klar zu viele. Bald acht Milliarden? Neun? Wir sind der Schimmelbefall der Erde. Ein Geschwür. Weltenkrebs. Und wir machen immer noch mehr Kinder. Wo soll das denn enden? Wo sollen die denn alle hin? Und wem bringt das was?

Ja. Auf jeden Fall klinge ich wie ein beschissener Öko. Und ich hasse beschissene Ökos.

Im Bus zum Hotel, der am Flughafen auf mich wartet, sitzt schon eine uralte Oma. Als sie mich sieht setzt sie zum Zutexten an. Ich kenne diesen Typ Mensch. Einsame Alleinurlaubende im gehobenen Alter sucht Anschluss. Die typische Zutext-Oma eben. An jedem Massentourismusort gibt es sie. Anpeilen. Andocken. Zuseiern. Aus der Rolle des Zuschwallopfers kommen Sie nie mehr raus. Und diese fürchterlichen Menschen finden mich immer und schlagen oft zu, bevor ich Abwehrmaßnahmen einleiten kann. Heute kommt die Zutext-Oma damit jedoch nicht durch. Sie will gerade zum Dauergelaber andocken, da stecke ich mir die Kopfhörer in den Gehörgang und schließe die Augen. Gotcha. Go fuck yourself. Heute nicht.

Doch ich kann meine Introversion nicht lange genießen, denn gleich am ersten Tag im Hotel fängt mich ein Typ aus Aachen am Pool ab. Wenn Sie ein Kind haben, werden Sie immer von irgendwem ungefragt zugelabert. Auch hier: Anpeilen. Andocken. Zuseiern. Weil jeder denkt, dass Sie, wenn Sie mit Kind am Start sind, gerne über anderer Leute persönliche Situationen, Befindlichkeiten, Historien, Meinungen, vulgo: Scheißdreck Bescheid wissen wollen. Der hier erzählt mir ungefragt Scheißdreck über sein Kind. Namens Lara. Dana. Lala. Lulu. Was weiß ich. Und dann Scheißdreck über seinen langweiligen Job. Buchhalter. In einer stupiden Idiotenklitsche, die räudig zahlt, so dass er nach Mallotze muss und nicht nach Dubai kann. Dem folgt Geseier über die Hotelbar. Die Strandpromenade. Ursula von der Leyen. Sowieso die Weltlage. Und er wird die nächsten Tage immer wieder zu mir rüber kommen, um von der Nebenliege aus zu mir rüber zu texten. Irgendwann stelle ich mich schlafend, sobald ich ihn sehe. Doch dann kriegt er mich beim Abendessen. Kommt an meinen Tisch: „Naaaaaaaaa?“ Yo. The fuck. Was soll ich auf „Naaaaaaaaaa?“ antworten? Läuuuuuft. Möööööööp. Oder einfach Blep Blep. Ugga Ugga. Grundgütiger, ich kann das nicht. Sinnloser Kommunikationsmüll überfordert mich.

Mallotze ist das 17. Bundesland, sagen viele. Weil überall alles deutsch ist. Voll in deutscher Hand. Olé olé. Sangria Schalala. Mallorca ist superdeutsch. Sagen sie. Leider stimmt das gar nicht. Sicherlich stehen teilweise deutsche Übersetzungen irgendwo dran, beispielsweise bei den Friseuren, aber ein Supermarkt ist hier ein „Supermarket“, mithin also englisch. Auch sprechen die wenigsten Servicekräfte Deutsch, Englisch jedoch immer. Ebenso die freundlichen Menschen vom Tourist Office. Englisch. Kein Deutsch. Was soll also der Scheiß mit dem 17. Bundesland? Ist das wieder so ein Pickelhaubending? Mallorca ist in deutscher Hand. Wir sind wenigstens hier wieder wer. Mit Ufftata. Und rollendem R.

Egal. Ich mache das was ich am Besten kann. Leute beobachten. „Der Apfelsaft hat so einen richtigen Apfelnachgeschmack in der Kehle.“ degustiert die Oma am Frühstücksnebentisch als wäre das hier eine dieser öden Weinproben voller schlürfender sexloser Pädagogen. Ja. Super erkannt, Oma. Schmeckt nach Apfel. Nach was auch sonst? Quinoa? Litschi? Harn?

Ein Vater an einem Frühstückstisch neben mir sieht aus wie ein trauriger alter Metaller mit seinen verblassenden faltigen Tatoos und dem für das Alter doch ziemlich peinlichen Rammstein-Shirt. Er hat seinen Sohn dabei. Der trägt tatsächlich ein Haftbefehl-Shirt. Vorne Babo. Hinten Chabos. Vermutlich Protest. Gegen den Protestvater. Der Sohn des Sohns wird vermutlich mit Lena Meyer-Landrut kontern. Oder französischen Chansons. Johnny Cashs Spätwerk. Polnischer Polka. Oder Walgesängen. Die Welt ist ein ewiger musikalischer Protestkreislauf.

In meiner Sichtachse auf zwei Uhr sitzt ein aufgedunsenes Kind etwa zehn Jahre alt, das sich den Teller mit einem absurden Turm aus gebratenem Speck und Rührei vollgeschaufelt hat. Danach isst es ganze sieben Eierkuchen mit löffelweise Nutella oben drauf. Und weil das nicht reicht, beendet es das nahrhafte Frühstück mit drei Schokoladencroissants. Und die Eltern sagen nichts. Gebieten keinen Einhalt. Erziehen nicht. Ich kann mich erinnern, dass bei mir kurz nach der Geburt meines Kindes das Jugendamt an der Türe stand. Aus dem Nichts. Anlasslos. „Um Sie kennenzulernen“ wie mir die junge Frau versicherte. Natürlich kam die Bezirksamtsschnepfe, um mich zu kontrollieren. Was mich ärgerte. Ich bin nicht vorbestraft und sowieso seit knapp zehn Jahren nicht mehr polizeilich in Erscheinung getreten. Trotzdem kam das Jugendamt. Zum jungen Vater. Spontan. Klingeling. Ohne Termin. Wahrscheinlich weil ich einen geregelten Job habe und nicht jeden Tag rotzbesoffen in Unterbuxe von meiner Balkonbrüstung aus die Welt anklage. So jemand wie ich ist in Berlin so suspekt, dass sie das Jugendamt vorbeischicken. Honks. Ich finde, man sollte das Jugendamt in die hiesigen Urlaubshotels schicken. Locker die Hälfte der Eltern wäre ihre Kinder los. Wegen fahrlässiger Ernährungsapathie.

Sowieso Frühstück. Feels like Pacman. Links rechts quer und schräg herumwuselnde Kinder versuchen mich und meinen Frühstücksteller zu Fall zu bringen, indem sie aus verschiedenen toten Winkeln und unmöglichen Ecken in meinen Laufweg geschossen kommen. Erreiche ich meinen Tisch ohne Kaffee, Quark und Käsestulle im Raum verteilen, bekomme ich ein Sonderspiel.

Zwei dumme alte Vetteln nölen hinter mir am Salatbuffet: „Des isch bled gmacht hier, do stondat ällä vor dem Salad in dr Schlangä und mir misset warde.“ „Meine Güte, ist das kurze Warten so schlimm? Möchten Sie vor?“ drehe ich mich um und ernte doch wieder nur dummes Kuhgeglotze. Hirntote dauernölende Urlaubsbunkerzombies werden mich die ganze Woche begleiten. Würde einer von denen im Meer ersaufen, würden wir alle überhaupt nichts merken, denn dann käme einfach ein neuer Nöler anstelle des ertrunkenen Nölers. Denn hier ist der Mallotzehotelbunker. Hier nölt immer irgendwer.

Eine optisch etwa 70jährige Spanierin reinigt mir das Hotelzimmer. Mir ist das so unangenehm, dass ich versuche so wenig Dreck wie möglich zu machen. Reinigungsfachkräfte in Hotel sehe ich sowieso mit anderen Augen, seit eine Freundin von mir berichtete, dass sie während ihres studiumsbegleitenden Aushilfsjobs im Hotel immer, wenn ihr die Gäste besonders stark auf die Eier gingen, die Zahnbürsten von diesen beim Saubermachen des Zimmers durch ihre Kimme zog, bevor sie sie wieder ordentlich im Zahnputzbecher drapierte. Ich packe seitdem meine Zahnbürste immer in die Seitentasche vom Koffer. So auch hier. Doch wer weiß schon was passiert, wenn so eine Reinigungsfachkraft keine Zahnbürste zum durch die Kimme ziehen findet. Vielleicht pinkelt sie in mein Waschgel. Schmiert dicke weiche Popel in meine Unterbuxen. Oder zieht sich meinen Zahnseidestick durchs Gebisswasser. Lalala. Hirnblähungen. Paranoia Joe goes mad. Ich werde meinen Therapeuten fragen, ob ein Upgrade auf eine weitere Diagnose angezeigt ist.

Murphy olé. Neue Erkenntnis: So ein Knoten im Gummizug der Badehose ist exakt dann unlösbar, wenn Sie dringend kacken müssen und das Gefühl haben, dass ihr Darm gleich durch die Bauchdecke bricht. Und Sie wissen: Der Einsatz der Nagelschere für den Gummizug wird Sie mindestens 30 Euro für eine neue, nicht wie 95 % aller Strandpromenadenbadehosen bescheuert aussehende Badehose kosten.

Ich habe einen kindbetriebenen Weckdienst. Der funktioniert prächtig. Immer wenn ich am Pool gerade weggenickt bin, kommt es gerannt: „Papaaaaaa, Papaaaaaaa, das musst du sehen!“ Und präsentiert eine von irgendeinem anderen Kind ergaunerte Wasserpistole. Oder teilt die unheimlich wichtige Information, dass sie drüben im Kinderclub das Spiel „Lotti Karotti“ haben. Oder fragt nach Eis. Schokolade. Eine Fanta. Oder… ach egal, wozu auch schlafen. Braucht kein Mensch.

Neben der Bar am Pool sitzt ein alt gewordener faltiggebrannter Ex-Schönling an einem bräsige Urlaubsfotos anpreisenden Tapeziertisch, der gelegentlich mit Sonnenbrille, eingezogenem Bauch und geübtem Gewinnergrinsen durch die fetten alten Touristenleiber stolziert als wäre er immer noch Mitte 20. Was er nicht ist. Er ist nur einer, der würdelos alt werdend mit Kamera an einem Tapeziertisch sitzt und darauf wartet, dass hässliche Menschen ihm Geld geben, um sich von ihm fotografieren zu lassen.

Ich sehe, dass sich zwei Frauen mit dem Aufspannen eines dieser monströsen Sonnenschirme abmühen. Keiner hilft ihnen. Ich auch nicht. Ich bin unsicher, ob so ein Hilfsangebot inzwischen als Mensplaining missverstanden werden würde. Ich würde mit so einem übergriffigem Hilfsangebot den Frauen die Möglichkeit nehmen, die Dinge selber zu tun, was in der Konsequenz wieder frauenfeindlich wäre. Also bleibe ich bequem liegen. Halte besser Abstand. Drink in der Hand. Unter einem der sehr massiven Sonnenschirme, die in der Tat schwer aufzuspannen sind.

Ähnliches später im Gym. Eine Blondine hat ihr Schweißband auf der Ablage meines Laufbands vergessen, was ich erst nach zehn Minuten und bei 12 km/h bemerke. Was jetzt? Laufband stoppen und ihr das Schweißband geben? Mmmh, Fallstrick. Nachher denkt die ich will sie angraben, was ich nicht will, weil ich Frauen zum Sterben langweilig finde und Blondinen nochmal ein Stück mehr. Aber wie soll ich ihr das beibiegen? „Guten Tag, bitte denken Sie nicht dass ich Sie flachlegen will, ich finde Frauen stinklangweilig und Blondinen nochmal ein Stück mehr, ich will nur freundlich sein und Ihnen das Schweißband geben, das Sie vergessen haben…“ Haha. Never. Sie können dieser Frau nichts geben ohne dass sie irgendetwas denkt. Ich lasse das Schweißband also liegen. Besser Abstand halten. Sie wird es schon finden. Irgendwann. Mir egal. Hauptsache sie denkt nicht ich wölle mit ihr ins Bett. Denn das will ich nicht.

Bei dem durchtrainierten schwarzen Trainer mit dem Fick-mich-Sixpack sehen die Dinge schon anders aus.

Neben mir am Pool sitzen Deutsche. Einer erzählt dem anderen, dass sein Schwager einen Pool gebaut hat. Mit elektronischem Dach, das per Knopfdruck ausfährt. Sie erörtern die nächsten zehn Minuten die technischen Details, also setze ich mich weg. Neben meinen neuen Platz setzen sich kurze Zeit darauf wieder Deutsche. Bei denen geht es um Autos. Vorteile. Nachteile. Kombi ja oder nein. Und Dachaufbauten. Ich erfasse, dass man kein deutsches Auto kaufen soll. Zu teuer, zu beschissen in der Pannenstatistik inzwischen. Koreaner schon. Sollte man kaufen. Kia. Oder Japaner. Toyota. Bald die Chinesen. Ich setze mich weg. Doch auch an meinen neuen Platz kommen bald wieder Deutsche und erzählen technische Dinge. Elektrische Rolläden. Kaffeevollautomaten. Gasetagenheizungen versus Holzpellets. Ich höre mir jetzt alles an, weil wegsitzen hier nichts bringt, weil doch nur neue Deutsche mit neuen technischen Informationen kommen würden. Leider bringt mich das ganze Mithören entwicklungsmäßig nicht weiter, weil mir jedes technische Verständnis für alles fehlt, was das Zuhörenmüssen von urlaubsdeutschen Belanglosigkeiten noch fürchterlicher macht. Es gibt hier auf Mallotze auch einsame Hütten im Outback zu mieten, nur ist das mit dem Kind nicht machbar. Es würde sich in totale Agonie langweilen, außer ich würde die Playstation nebst Sechzigzollermonsterglotze mit einpacken.

Ich sehe Omas, die den ganzen Tag nicht einmal auf das Klo neben dem Pool gehen. Dafür gehen sie jede Stunde kurz ins Wasser und kommen mit verdächtig zufriedenem Gesichtsausdruck wieder heraus. Mein Kopfkino macht mich kaputt. Ich will das alles nicht denken. Nicht sehen. Mir nicht vorstellen müssen. Die pinkeln da nicht rein. Nein. Machen die nicht. Bestimmt nicht. Nie. Nicht eine. Auf keinen Fall. Gulp.

Ich sehe auf meiner Runde durch den sonnenmilch- und omaharngetränkten Pool einen weiteren ekligen Menschen: Es ist ein dicker glatzköpfiger Däne, der im Pool sitzt und sich in stoischer Ruhe Hautfetzen von den Fußsohlen reißt.

Rätsel: Woran erkennen Sie die Deutschen bei Frühstück und Dinner? Na? Klar, an den Birkenstockpantoffeln. Und wer trägt die bevorzugt? Auch klar: Diejenigen mit den hässlichsten Füßen. Und es ist alles da: Rissige Fersen. Gelbe Nägel. Zentimeterdicke Hornhaut. Schwielen, Warzen, Hühneraugen. Uargh.

Der Dialog des Jahres kommt von zwei Kindern: „Ist das da Trinkwasser?“ „Nein, das ist Scheißwasser.“ Ich werde noch Stunden später wegen des Dialogs lachen. Und ja, auf jeden Fall, mein Humor ist sehr schlicht. War er immer schon. Penis. Hihi.

Die bizarrsten aller Menschen, die mir auf Mallorca begegnen, sind zwei picklige nackte Briten an einer der Nacktbadestrandbuchten, deren Eier unter den winzigen Penissen zwischen den Oberschenkel schlackern wie das Pendel einer Standuhr. Ich versuche die ganze Zeit, dort nicht hinzuschauen, schaffe es aber nicht. Ich habe so etwas vorher noch nie gesehen.

Was ich auch sehe, ist eine fast schon schmerzhaft schöne Philipina, die mit einem dicken wurstigen Europäer mit sichtbarer Hypertonie am Tisch sitzt, der Unmengen Schweinefleisch in sich reinschaufelt. Sie haben zwei wurstige Kinder gezeugt, die die bemerkenswert resolute Frau mit den rezessiven Genen, die immer nur Salat isst, gut im Griff hat. Und doch doch, ich finde schon, dass man das Gesamtbild asymmetrisch finden darf.

Was ich noch sehe ist einen derjenigen, die Anfang der Nullerjahre mit ihren Ohrtunneln und Bauchseitentattoos noch die absolute Avantgarde waren. Heute mit Anfang 40 statt Mitte 20 sieht die Gesamterscheinung ein wenig würdelos aus. Hängende Elefantenschlappohren meets ins Unförmige gedehnte Tattoobilder auf den drolligen Speckröllchen. Hong Kong Pfui sagt: Alle Dinge haben ihre Zeit. Und für ihn ist sie zumindest optisch eindeutig vorüber.

Die Laufrunde hier in dem Dorf, in dem ich Stellung bezogen habe, ist streng genommen ein Crosslauf. In Spanien haben sie es nicht so mit Laufstrecken. Hohe Bordsteine. Kaum Gehwege. Immer wieder Private Property. Und wenn sie einen Gehweg haben, dann ist der vernachlässigt wie in Berlin. Wege enden im Nichts. Es ist ein mondlandschaftlicher sportfeindlicher Untergrund fast wie vor ein paar Wochen in Leipzig. Bleibt die Strandpromenade. Dort begegnen mir andere Touristen beim Frühsport. Es sind Deutsche. Das erkenne ich – wenngleich die Birkenstockpantoffeln beim Sport natürlich fehlen – am verkniffenen Gesichtsausdruck, denn auch der Sport möge mit höchstem heiligen Ernst betrieben werden, und an der hochprofessionellen Ausrüstung, die selbst von übergewichtigen walkenden Matronen zu Markte getragen wird: Laufpelle nebst GPS-Tracker und Bordcomputer am Oberarm, der Puls, Oberflächenspannung und den aktuellen Pegel der Blase misst. Dazu ein Powergelgürtel, weil es nicht mal ein, zwei Stunden ohne Fressen geht. Wahnsinn.

Gemieden habe ich El Arenal. Denn wenn ich Backpfeifengesichter sehen will, fahre ich Berliner S-Bahn. Und festgehalten werden muss: Abseits der promenadenvollkotzenden massentouristischen Bierseligkeit ist die Insel tatsächlich schön.

Auf meinem Rückflug nach Berlin-Schönefeld sitzt ein Typ namens Wendler bei mir im Jet. Easyjet. Er hat ein Kind dabei. Eine ältere Frau flüstert, dass das der Wendler ist, dessen Existenz und Wirken ich erst mal googeln muss. Und dass das Kind seine neue Freundin sei. Auch das googel ich und stelle fest, dass ich einen kapitalen Skandal in der deutschen Yellow Press, also nichts, verpasst habe.

Das war Mallotze. Mehr war nicht.