Der Müllzettelnazi und ich

Minute 85 im Tatort am Sonntag:

„Geben Sie’s zu!“

„Nein!“

„Gestehen Sie!“

„Nein!“

„Sie sind der Müllterrorist!“

„Bin ich nicht!“

„Sind Sie wohl!“

„Bin ich nicht!“

„Doch!

„Na gut, Sie haben mich durchschaut. Ich bin’s.“

„Na endlich. Sie setzen sich also lieber mit einer Säge hin, zerkleinern ein ganzes Bett und werfen das alles in die Restmülltonne? Sie schrauben mit einem Schraubenzieher einen kompletten Computer nebst Drucker auseinander, nur um das nach und nach unter Ihren Hausmüll zu schmuggeln?“

„Ja.“

„Sie schmeißen den ganzen Elektroschrott und Sperrmüll also einfach so mir nichts dir nichts in den Restmüll?“

„Nein, in die Biotonne.“

„Was? Das ist ja noch schlimmer, wieso machen Sie sowas?“

„Wegen dem Zettelnazi.“

„Das heißt wegen des Zettelnazis!“

„Ich weiß, aber das klingt scheiße.“

„Der Zettelnazi, wer soll das sein?“

„Dieser Biohippiespießer, der hier in irgendein Dachgeschoss eingezogen ist und jetzt immer diese Zettel an die Mülltonnen macht, wenn einer wieder Papier in den Restmüll geschmissen oder den Joghurtbecher nicht ausgeleckt, gefaltet und danach handfermentiert hat.“

„Ah, verstehe.“

„So ein Müllblockwart halt. Dieser Analerotiker hat eine unerwiderte Leidenschaft für Müll und ich kann nicht anders, ich muss einfach seine verfickte Biotonne zumüllen, weil ich weiß, dass er dann wieder ganz verkrampft Zettel schreiben muss, um seine Nachbarschaft zu erziehen und dann freue ich mich, weil er irgendwann sicher früher stirbt, weil er sich immer so aufregt.“

„Und deswegen fahren Sie den Kram nicht um die Ecke zur BSR, obwohl die das da alles zuverlässig entsorgen?“

„Ja, ich kann nicht, der Zettelnazi hat kürzlich sogar den Mülldelinquenten mit Zetteln in allen Treppenhäusern zur Fahndung ausgeschrieben und die Nachbarn zur Wachsamkeit aufgerufen. Man soll jetzt melden, wenn man jemanden sieht, der gegen die Mülltrennung verstößt. Verstehen Sie, Mülltrennungsüberwachung, es geht nämlich immer noch ein wenig piefiger in Prenzlauer Berg, und ich bin im Guerillakrieg gegen diese Überwachungs- und Denunziationskultur, die man hier etablieren will, es ist ein Krieg der Mentalitäten, Laissez faire gegen dumpfdeutschen Kontrollwahn – neuerdings grün verbrämt – Clash of Civilizations, hier treffen Welten aufeinander, die man nicht hätte vermischen sollen. Ich sehe mich im Übrigen als Freiheitskämpfer, nicht als Terroristen, falls es Sie interessiert.“

„Verstehe. Was werden Sie machen, wenn der Zettelnazi endlich an einem Herzinfarkt stirbt vor lauter Aufregung?“

„Dann werde ich selbstverständlich mein Zeug wieder zur BSR bringen anstatt in die Biotonne, ist doch klar, Herr Wachtmeister.“

„Wenn das so ist, wird das der Richter sicher zu Ihren Gunsten werten. Meinen Segen haben Sie. Unterschreiben Sie hier das Protokoll, ich denke, Sie haben nichts zu befürchten.“

Die Tatort-Kommissare machen noch einen Scherz, der nicht witzig, dafür aber superkorrekt ist. Dann Abspann mit Orgel.