Ironic Gummipizza

Oben in der Wichertstraße gibt es das Aceto Locanta. Hier sitzen bis in den Morgengrauen hinein komische Gestalten herum und essen Gummipizza. Ironische Gummipizza.

Ironisch? Ja klar, inzwischen ist hier bei uns in der megakreativen Hauptstadt alles ironisch, es gibt ironische Hornbrillen, ironische Holzfällerhemden, ironische Cowboystiefel und alle Superfreshen dieses Bezirks, die tagsüber sinnlos in den Sharedspacecoworkingpuffs vor ihren dümmlichen Macbooks herumsitzen und auf ihre leeren Thunderbird-Posteingänge schauen, während sie Bilder von ihrem angefressenen Käsekuchen und einer Kaffeebohne neben einem Zimtstern bloggen, sitzen nachts in solchen 90er-Jahre-Sinnlospizza-Ranzbuden herum, sind ironisch und schlürfen Club Mate, was zum Kotzen schmeckt, aber auf jeden Fall ironisch ist. Mate Tee. Haha. Was tut man nicht alles? Haben wir gehasst als Kind. Mate Tee. Club Mate. Heute als Limo. Mit Kohlensäure versetzt. Buargh. Schmeckt wie Hippiekotze mit Bläschen. Macht aber nix, denn heute sind wir ironisch und wenn jeder Tourist aus der wilden Renate die Brühe säuft, dann saufen wir die auch.

Berliner Eckkneipen sind wieder extrafresh geworden, stehen in jedem Pseudoundergroundreiseführer im Internet, diese Bierschwemmen, bei denen der Stuhl vor lauter Grind am Boden festklebt, der Zigarettenmuff von 300 Jahren in den eichenverkleideten Wänden hängt und Wirt Stulle jedem der drei Kiezalkoholiker, die es hier zuletzt noch an die Theke geschafft haben, seit dem Mauerbau den Deckel zum Anschreiben um ein weiteres Jahr stundet. Die kommen jetzt wieder. Die Pinten. Die sind jetzt fresh. Da sitzen jetzt mitten in Neukölln die superironischen Holzfällerhemdsprallos mit Doppelzopf am Bart zwischen den alten halbtoten Schluckis und Druffis herum und bestellen die Tulpe mit dem Schulle auf Englisch. Uhuuu this is so awesome, authentic, so fucking real! Und platzen bald vor Aufregung während die Finger Fotos von der ganzen Scheiße nach Insta pumpen.

Inzwischen liest man auch wieder das Yps-Heft. Mit Gimmick. Und den Urzeitkrebsen. Ironisch natürlich. Dann schüttet man das ironische Urzeitkrebspulver in ironisches warmes Wasser und wartet ironisch darauf, dass etwas passiert, aber es passiert nichts, was dann auch wieder ironisch auf dem eigens dafür eingerichteten Blog oder in der ironischen Telegramgruppe „Urzeitkrebse-Ultras“ kommentiert werden kann. Haha, keine Krebse, klappt nicht, wasn Kack, wie früher. Hahahaha. Gib mir mal ein Mate rüber. Sorry, hab‘ nur noch Kefir. Is‘ aber auch ironisch. Oh das ist gut, her damit.

Ich mag das nicht mehr sehen, ich mag keine superironische Sixt-Werbung mehr sehen, Edeka, Versicherungen, selbst meine bräsige Bank, die hoffentlich demnächst beim Abschwung den Bach runtergeht, nervt mit ironischen Augenzwinkerplakaten, auf denen sojamilchsaufende Hauptstadtwichser mit Vollbart einen Daumen nach oben halten. Kann ich nicht mehr sehen, haut bloß alle ab, geht dahin wo ich nicht hingehe und fresst dort eure ironischen Hackfleischdöner, spielt doch an den ironischen Daddelautomaten mit dem immergleichen 80er-Jahre-Space-Invaders drauf, holt euch auf dem Flohmarkt einen ironischen Walkman mit Orwo-Kassette, cruist mit einem ironischen Opel Kadett durch Prenzlauer Berg und rennt doch bitte unbedingt mit 300 anderen vollkommen ironischen Lemonaid-Trinkern aus Bamberg um die ironische Tischtennisplatte vom Schmittz herum, weil das alles so ironisch ist und ihr euch an eine Jugend klammert, die es schon lange nicht mehr gibt und für euch auch nie wieder geben wird. Alles Retro. Alles Vintage. Alles wieder da. Hornbrille. Willy-de-Ville-Pornobalken. Holzfällerhemd. Cowboystiefel. La Boum – die Fete. I should be so lucky. Im Aceto Locanta. Zur Pizza Mista mit totgezuckertem Teig, Dosenpilzen und ekligen fetten Gummikäsemassen obendrauf.

Früher hieß das, was da rumsitzt, einfach nur Brandenburger Dorfprolet, der mit verwaschenem Chiemsee-Fake-T-Shirt vom Slubice-Basar mit schiefer Naht im Knaack-Club herumstand und ausgelacht wurde. Heute sind sie alle superfresh, meistens zwar ebenso aus Brandenburg oder – noch schlimmer – Sachsen-Anhalt, nur heute eben ironisch.

Willy de Ville ist tot, Schimanski auch, aber das Aceto Lokanta in der Wichertstraße lebt und lebt und lebt und sie fressen Gummipizza. Na denn haut sie euch rein. Den Dosenpilz. Den Chemiekäse. Die üble Salami. So real. So fucking real. And Awesome.


Aceto Lokanta
Wichertstraße 4
Prenzlauer Berg


(Repost 2012)