Meine beschissene Hausverwaltung

Meine beschissene Hausverwaltung ist eine besonders beschissene Hausverwaltung und entfaltet ihre Stärken bei all jenen Objekten, die sich selbst überlassen werden können.

1. Credo

Meine beschissene Hausverwaltung arbeitet sehr energiebewusst und spart sich jeden überflüssigen Aufwand zur Erstellung eines Konzepts oder wenigstens irgendeiner Idee für das traditionell vernachlässigte Objekt, in dem ich wohne und für dessen Sorge in der Betriebsabrechnung ein irritierend großzügiger Betrag an Gebühren vorgesehen ist.

Meine beschissene Hausverwaltung entscheidet agil und ausgesprochen situativ, auch bei lange voraussehbaren Problemen, die unerwartet dringlich werden. Aktivitäten werden dabei aus Effizienzgründen nur entwickelt, wenn es durch Notfälle erforderlich wird und dann auch ausschließlich nach bewährten verwaltungsinternen Richtlinien ohne den störenden Einfluss sinnloser Ratschläge Dritter wie den ehemaligen bockigen, aber immer richtig gelegen habenden Hausmeister, den sie zugunsten eines gesichtslosen Dienstleisters ersetzt haben, dessen Subunternehmenbilliglöhner nie jemand zu Gesicht bekommt und der der Grund ist, dass der Wechsel der einzigen Glühbirne im dunklen Hof acht Wochen dauern kann.

Priorisierung. Fokussierung. Schwerpunktsetzung. Glasklarste Gewichtung der Dinge. So richtet sich meine beschissene Hausverwaltung dienstleistungstechnisch aus und ich finde das toll. Neben meiner Eingangstüre befindet sich seit 15 Jahren ein tennisballgroßes Loch im Boden. Es lebt inzwischen so lange mit mir zusammen, dass ich ihm einen Namen gegeben habe. Ich nenne es Loch. Loch hat inzwischen Kultstatus bei Besuchern und freut sich darüber so sehr, dass es millimeterweise wächst, an den Rändern zu skurrilen Skulpuren ausfranst und dabei gleichzeitig grindig-braun wird. Letztes Jahr hatte Loch Zacken, jetzt rundet sich der Rand zu Wellen ab und wirft Richtung Garderobe eine bizarre Blase. Ich kann inzwischen auch das zweihundertjährige Stroh sehen, das sie im Kaiserreich zur Dämmung zwischen den Etagen verwendet haben. Meine Überlegung ist jetzt, eine Yuccapalme in das Loch zu pflanzen. Einen Kaktus. Oder gleich Cannabis.

Die jährliche automatisierte E-Mail mit der Bitte um Versiegelung der Dinge habe ich inzwischen dekonstruiert. Ich möchte Loch behalten. Loch hat jetzt Charakter. Eine Seele. Manchmal frage ich Loch, wie ich die Dinge angehen soll. Wie die allgemeine Lage ist. Welchen Weg ich nehmen soll. Was generell zu tun ist. Loch ist ein guter Zuhörer. Hätte Loch ein Konto, würde ich Loch die 100,55 Euro die 50 Minuten anstelle meines Therapeuten überweisen, weil Loch genauso viel zu den Dingen zu sagen hat wie mein Therapeut.

Bei meiner beschissenen Hausverwaltung ist in stoischer Konsequenz eine klare Kontinuität in den Handlungen und damit eine nicht abzustreitende Berechenbarkeit festzustellen: So existiert neben dem Konzept auch keine Linie, keine Vision oder gar überbordendes Interesse für das Objekt über die reine Buchhaltung hinaus. Diese jedoch wird in einer beneidenswert akribischen bis bisweilen erfreulich kryptischen, ja fast schon künstlerischen Art und Weise wahrgenommen, so dass sich ein BWL-Abschluss an einer gängigen Fachhochschule oder ein Mathematikstudium empfiehlt. Sonst verstehen Sie nichts und zahlen im Blindflug wie ich meinen Steuerberater, der diesen Abrechnungsausflug in die Abstraktion vermutlich auch nicht versteht, aber zumindest so tut als stimme alles das, was als zu zahlen deklariert wird.

Eine gewisse Emsigkeit ist bei meiner beschissenen Hausverwaltung nur dann festzustellen, wenn es gilt, Aufträge für kleinere und mittlere Reparaturen zu vergeben. Hier zeigt sich plötzlich Effizienz als Mittel zur Aufwandsvermeidung, denn für solche Reparaturen oder Installationen werden ausschließlich bewährte Auftragnehmer aus dem Satellitenorbit meiner beschissenen Hausverwaltung rekrutiert. Verzichtbare Preisvergleiche, die nur Knauser und Knicker für Kosteneinsparungen vornehmen würden, finden nicht statt. Überflüssige Transparenz im Zusammenhang mit der Auftragsvergabe oder so etwas Sinnloses wie Kostenbewusstsein spart sich meine beschissene Hausverwaltung völlig zu Recht und beruft sich – auch das vollkommen nachvollziehbar – auf das notwendige und überall praktizierte Urvertrauen im Zusammenhang von Immobilien und Geld.

Tradition. Bewährte Wege. Routinierte Praxis. Das haben wir immer so gemacht. Da könnte ja jeder kommen. Und hierzu stehen sie auch. Bei jedem Auftrag wieder und wieder. Monat für Monat geiert irgendwer hier im Objekt herum und installiert irgendwas, wartet irgendwas oder kuckt sich nur irgendwas an. Opfer müssen gebracht werden. Und die jährlichen Nachzahlungen auch. Leider wieder mehr geworden heuer. Wie immer. Nein. Tut uns nicht leid.

Meine beschissene Hausverwaltung macht das Leben im Objekt spannend und abwechslungsreich. Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Wenn ich will, dass immer alles funktioniert, könnte ich ja auch nach München gehen. Oder Grosny. Archalesk. Chisibubikaio.

2. Kommunikation

Das Antwort-Zeit-Verhalten meiner beschissenen Hausverwaltung ist besser als das des Bezirksamts Pankow. So sind Antworten auf Anfragen schon nach zwei bis drei Monaten zu erwarten. Meine beschissene Hausverwaltung setzt auf Eigeninitiative und erwartet, bevor überhaupt Irgendetwas in Bewegung gesetzt wird, ein mehrmaliges Mitwirken des Bittstellers bei seiner Anfrage. So bleibt eine gewisse Ernsthaftigkeit des Anliegens gewahrt, bevor dieses nach dem fünften Insistieren aufwändig bearbeitet werden muss. Und das ist gut so. So bleiben die Menschen dran an den Dingen. Geben nicht auf. Lernen Hartnäckigkeit. Durchsetzungsvermögen. Beharrlichkeit. Alles Dinge, die wir alle brauchen. Ich bin sehr glücklich. Ich habe viel gelernt. Meine beschissene Hausverwaltung bringt mich persönlich weiter. Ich finde es jetzt nicht mehr unangenehm, fünf Wochen hintereinander anzurufen, um die immergleiche Tatsache zum Besten zu geben, dass die Haustüre zur Straße nicht mehr schließt. Ich fühle mich so empowered, ich könnte auch acht Wochen lang immer weiter anrufen. Zehn. Achzig. Dreihundert Mal. Bis sie dann doch jemanden schicken.

Meine beschissene Hausverwaltung sieht sich in der Pflicht, dem Gleichheitsgrundsatz aus dem Grundgesetz auch im Immobilienbereich zum Durchbruch zu verhelfen. So werden auch dringende Anfragen, selbst wenn darauf Notare, Mieter, Eigentümer und Amtsgerichte warten, genauso lange gelagert wie die Meldung einer defekten Glühbirne im Hausflur. So kann sich niemand einen Vorteil verschaffen, nur weil er meint, sein Vorgang sei wichtiger. Respektabel. Alle Menschen sind hier Brüder. Und warten bitte Monate. Egal auf was. Hut ab.

Meine beschissene Hausverwaltung ist hinsichtlich ihrer Kommunikationsmittel erfreulich traditionell und setzt in bewährter Weise auf den Fernsprechapparat mit 24-Stunden-Anrufbeantworter, von dem nie jemand zurück ruft. Sie kommuniziert, wenn sie kommuniziert, mit Papierbriefen. Für Neumodisches wie eine E-Mail, deren Posteingang auch abgerufen wird, oder eine Webpräsenz mit Kontaktformular, Smartphonemessengerlink oder einem anderen dieser unheimlichen und sowieso viel zu komplizierten Kommunikationsmittel, denen nicht zu trauen ist, wird im Geiste der Wirtschaftlichkeit und der Datensicherheit kein Geld verschwendet. Ich sage Bravo. Ich sage mehr davon. Wenn jemand schon einmal die 60er-Jahre feiert, dann gebührt hierfür Ehre, Respekt und Anerkennung. Mit Eichenlaub. Ich weiß, dass meine beschissene Hausverwaltung mit Karteikarten arbeitet. Und Hängeordnern. Ganz sicher wird das so sein. Ich weiß es einfach.

Wenn die Inhaberin meiner beschissenen Hausverwaltung im verdienten Sommerurlaub weilt, muss die Rechtspflege stillstehen, da hier noch liebevoll selbst und höchstpersönlich Hand an die Vorgänge gelegt und nicht einfach einfallslos an Subalterne delegiert wird. Vermieter wie Mieter wissen sich so in guten Händen. Hier knetet die Chefin noch selber den Sauerteig und nicht der Praktikant. Das ist wie die Chefarztbehandlung bei meiner Krankenversicherung, nur teurer. Großartig.

Auch für Vorgänge mit einer durch die lange Lagerung entstandenen Salzschicht auf der Oberfläche werden im Anschluss absolut berechtigte Kostennoten in erstaunlicher Höhe geltend gemacht, die immer zeitversetzt auf den depressiven Mieter abgewälzt werden, was für eine gewisse Stringenz und für ein ausgeprägtes Bewusstsein für das Durchsetzen eigener Ansprüche spricht. Hier ist auch die Stärke meiner beschissenen Hausverwaltung zu sehen. Sie ist sich selbst ganz nah und tut in absoluter Aufrichtigkeit nicht einmal so als wäre sie etwas, das sie nicht ist, zum Beispiel eine gute Hausverwaltung. Nein, sie ist eine beschissene Hausverwaltung und weiß das auch. Sie verbrämt die Dinge nicht. Ich finde das erfrischend ehrlich und Ehrlichkeit ist ja nun wirklich so selten.

3. Stil

Das Auftreten ist auf jeden Fall professioneller als die des Wirts der Eckkneipe „Zum Tönnchen“ in Berlin-Neukölln. Meine beschissene Hausverwaltung macht aus ihrer konsequent sozialen Ausrichtung keinen Hehl, denn Mieter, Eigentümer und das Ungeziefer aus dem Keller werden durchgehend und ohne Ansehen von Rang und Status gleich behandelt. Meine beschissene Hausverwaltung legt großen Wert darauf, von allen Seiten unabhängig zu sein und zeigt dies auch durch ausgeprägt selbstbewusstes Auftreten gerade gegenüber denen, von denen sie bezahlt wird. Eine gewisse Chuzpe im Umgang mit Konflikten ist meiner beschissenen Hausverwaltung nicht abzusprechen. Besteht ein Konflikt, dreht ihre Exponentin die Lautstärke hoch wie ein stinkender Spritti in der Ringbahn, der sich eingeschissen hat, oder ein Berliner Fahrradfahrer, der Fußgänger vom Bürgersteig fegt. Lautstärke muss sein, denn wer laut ist, hat Recht. Das ist immer so. Und weil das immer so ist, hat meine beschissene Hausverwaltung immer Recht.

Dieser Umgang führt dazu, die vielen Konflikte im Objekt stets schnell und nachhaltig zu befrieden. Gerade die dauernde und völlig unberechtigte Kritik von Mietern ist sie imstande, kreativ, nachhaltig und mit der gebotenen Lautstärke abzuwehren. Sie bedient sich dabei der bewährten Salamitaktik des scheibchenweisen Rückzugs von unhaltbaren Positionen, um andere ihrer Positionen durchzusetzen. Taktisches Verständnis ist im bewundernswerter Ausprägung vorhanden. Mit meiner beschissenen Hausverwaltung im diplomatischen Corps würde die Bundesregierung jeden Handelsstreit gewinnen.

Es zeugt von einer gewissen Undankbarkeit, dass es gelegentlich zu einer Palastrevolte kommt und feige Heckenschützen dafür sorgen, dass der Vertrag mit der beschissenen Hausverwaltung nicht verlängert wird, weil sich zu viele Mieter beschweren und selbst die Eigentümer jedes Ende aller möglichen Fahnenstangen erreicht sehen. Dann räumt die Hausverwaltung mitten in so einer Versammlung das Feld, nimmt alle Akten mit und stellt jede Aktivität sofort ein.

Sie setzt sich damit wohltuend ab von der überbewerteten Restlaufzeit eines immer noch gültigen Vertrages, der überflüssigen Fertigung eines Protokolls und der geordneten Übergabe der Dinge an den gewählten Nachfolger. Von einem nicht abzusprechenden Verantwortungsbewusstsein auch im Auge der Niederlage zeugt es nicht zuletzt, die für den Nachfolger wichtigen Unterlagen wie jene für die Jahresabrechnung, die abhängig Beschäftigte für ihre Steuererklärung brauchen, noch viele Monate in sicherer Verwahrung zu behalten, um jedem Missbrauch vorzubeugen. Hier wird Verantwortung noch groß geschrieben.

Es zeigt sich eben gerade in Ausnahmesituationen wie der Räumung eines Feldes unter Dauerbeschuss die wahre menschliche Größe meiner beschissenen Hausverwaltung. Es ist selbstverständlich, dass, nur weil ein paar übertrieben hysterische Mieter wegen ein wenig fehlendem Warmwasser krakeelen und die Eigentümer danach undankbar eine Abwahl vollziehen, dass ein Vertrag nicht auch noch bis zum Ende der Laufzeit mit Ernsthaftigkeit erfüllt werden kann. Nur juristische Krämerseelen mit Hang zur Pedanterie finden dies unprofessionell und klein. Bedenken Sie die psychische Ausnahmesituation, wenn jemand mit so einer Machtfülle einfach so abgewählt wird. In welches Loch jemand dann fällt. Erst ganz oben, dann plötzlich weg. Und an der Kasse nur noch Frau Lohse. Also lassen wir doch die Kirche im Dorf bitte. Meine beschissene Hausverwaltung ist wenigstens noch Mensch und sollte es auch sein dürfen.

4. Resümee

Für den Fall, dass ich irgendwann doch mal ein Stück radioaktiv kontaminierten Ackers mit einem abbruchreifen Heuschober an der Grenze zu Kasachstan mein Eigen nennen darf, werde ich meine nun endlich ehemalige beschissene Hausverwaltung mit der Verwaltung dieses Kleinods beauftragen. Es gibt keine bessere für den Job.