Riga / 2019

Tegel. Vor dem Flug nach Riga darf ich mein Lieblingsspiel spielen: Securityshit. Heute habe ich eine kleine Dose Talkumpulver dabei. Meine drecks Fakesneakers, die ich bei Amazon mal wieder viel zu billig geschossen habe, quietschen. Es ist die Lasche. Sie ist übel verarbeitet, reibt am Schuh und macht Lärm. Talkumpulver lässt das Quietschen für ein paar Tage verschwinden, bevor es natürlich wiederkommt und mich nervt. „Was ist da drin?“ herrscht mich Securitas an, als mein Handgepäck durchwühlt wird und die Dose zutage fördert. „Schauen Sie doch nach.“ „Koks?“ Fragt er nach dem Öffnen nur halb scherzhaft und lacht. Ich sage jetzt lieber nichts, auch wenn gleich drei treffende Antworten auf einmal auf meiner Zunge Polka tanzen. Es soll schon Leute gegeben haben, die für superwitzige Sprüche (Was ist da drin? C4, was sonst?) beim Flughafensecurityshit in einem extra Raum mit gelangweilten Grenzschutzbeamten gelandet sind. Das will ich nicht. Ich will nach Riga. Weil Rammstein dort spielt.

Ich muss deshalb nach Riga, weil die deutschen Konzerte wieder in Rekordzeit ausverkauft waren. Des beschissenen Ticketanbieters Webseite brach auch heuer wieder zusammen. Ich weiß das, weil ich im Browser des Borgwürfels, meines sexy Motherfuckers von Arbeitgeber, knapp eine Stunde lang immer wieder auf F5 gedrückt habe und nur Überlastungsanzeigen zurück bekam, bis mich irgendwer in ein beschissenes Meeting voller Schwachköpfe rief, so dass ich nicht mehr F5 drücken konnte und alle möglichen Leute Konzertkarten für Deutschland bekamen, nur ich nicht. Aber egal. Fliege ich eben nach Riga. So lange es noch geht. 100 Euro. Ein bisschen Kerosin verballern. Eat this, Ökohansel. Get in rage, Greta Gaukeley.

Der Einstieg in den fliegenden Klimakiller läuft rustikal. Eine Frau rempelt mit ihrem für das Handgepäck absurd großen Trolley hinten in meine Waden. Einmal. Noch einmal. Ich drehe mich um. Blicke nach unten auf ihren Trolley. „Würden Sie bitte damit aufhören?“ „Wieso? Ich mach‘ doch nix.“ Ach so, klar, das wieder. Nix gemacht. Nie macht jemand irgendwas, wenn Sie jemanden auf irgendwas ansprechen. Ich weiß gar nicht wie lange ich in Berlin kein „Oh, tut mir leid“ mehr gehört habe. Es ist nicht die Stadt hierfür. Niemand bringt die grundlegendsten Grundlagen mehr irgendwem bei. Was Sie erwarten können, wenn Sie jemand ungut angeht, ist maximal Hupsa.

Hinter mir im Flugzeug sitzt ein über alle regulären Schmerzgrenzen hinaus anstrengender Vater. Gleich geht’s los. Sagt er. Ganz aufgeregt zu seinem gelangweilten Kleinkind, das die Situation hier (baldiges Fliegen) einen Scheißdreck interessiert. Gleich geht’s los. Eine Minute später. Obgleich nichts passiert. Dann rollt der Flieger. Gleich geht’s los. Wieder er. Der Flieger rollt um eine Kurve. Gleich geht’s los. Sagt er noch einmal. Etwas aufgeregter jetzt. Dann noch einmal als der Pilot die Turbinen kurz aufheulen lässt. Und um eine Ecke biegt. Gleich geht’s los. Dann stehen wir. Nichts passiert. Das Kind quäkt. Gleich geht’s los. Wieder einen. Ich knebel‘ den Honk gleich mit einer Kotztüte, damit er merkt was los geht, nämlich nichts. Null. Nix. Tick. Tack. Immer noch passiert nichts. Ich warte auf die nächste Ankündigung, dass es gleich los geht. Und dann geht es los. Jetzt geht’s los. Sagt er.

Wann haben Eltern eigentlich jede Würde verloren? Ich sehe sie nur noch wie durchgeknallte amphetaminmissbrauchende Motivationstrainer um ihre schon mit acht Jahren von diesem permanenten Dauergeseier angekotzte Brut herumflattern, dass ich mir vor Fremdscham mit Sandpapier die Haut von den Armen schuppen möchte. Möglichst bis zu den Knochen.

Die Frau des Jetztgleichlossagers tritt mir in die Lehne. Einmal. Zweimal. Kacklehnentischlein hoch, Kacklehnentischlein runter, Kacklehnentischlein festdrücken. Dann wieder runter. Und noch einmal treten. Ich drehe mich um. Bitte sie freundlich, doch mit dem Treten aufzuhören, da ich sonst seekrank werde. „Wieso? Ich mach‘ doch nix.“ Sie ist es wieder. Es ist dieselbe Frau. Sie lief nicht nur hinter mir, um mir ihren Trolley in die Hacken zu rammen, sie sitzt jetzt auch hinter mir, um meine Sitzlehne zu penetrieren. Hat aber wieder nichts gemacht. Macht vermutlich nie irgendwas. Es hilft alles nichts, nichts hilft gegen solche Leute. Nur aus dem Flugzeug werfen. Aber das ist erstens illegal und zweitens ist die Türe da vorne verriegelt.

Dann ist Riga.

Provokantes Statement: Ich finde polnische Frauen die schönsten Menschen der Welt. Polnische Männer nicht. In Riga verhält es sich genau anders herum. Die lettischen Frauen sehen so irritierend schlumpfig aus wie die in Berlin. Antifastyle. Gekoppelt mit irgendwie bäuerlich anmutenden Stickereihosen und -oberteilen. Tischdeckchenspitze als Kragen. Dazu vergammelte Chucks. Weird. Dafür sind die Männer Rigas im Querschnitt ausgesprochen anziehend. Leger, dennoch lässig elegant. Wenn hier einer verwahrlost aussieht, spricht er entweder deutsch oder russisch. Nie lettisch.

Riga ist enorm fußgängerfeindlich. Überall Hürden, Barrikaden, absurde Umwege, sinnlose Wegführungen. Der einzige Trost ist, dass die Stadt noch feindlicher zu Fahrradfahrern ist. Fahrradfahrer sind hier so eingeschüchtert, dass sie sich bei den Fußgängern entschuldigen, an denen sie im Slalom vorbei fahren müssen, um abseits des lebensverneinenden Autoverkehrs überhaupt voran zu kommen. Sie sind sehr nett hier auf ihren zwei meistens rostigen Rädern. Kein Vergleich zu Berlins geistesgestörten Hochleistungsbrüllern, die störende Fußgänger auch mal gerne von hinten tackeln.

Riga finde ich westlicher als jedes westliche Land, das ich kenne. Young. Urban. Fresh. Kompromisslos modern. Und Sie kommen hier mit Englisch problemlos überall zurecht, wenn Sie sich an U50-Menschen halten. Es braucht hier nicht die übliche Frage „Excuse me, do you speak english?“ vor einer Konversation, denn sie wird sowieso mit „Of course I do, how can I help you?“ beantwortet. Ich höre hier kaum Russisch. 30 Jahre nach dem Zusammenbruchs des Ostblocks ist von diesem Stück Ostblock maximal noch mein Hotel übrig, in dem ich eingebucht bin. 120 Euro latze ich die Nacht für einen notdürftig angemalten Plattenbau. Sie können problemlos das Doppelte bis Vierfache für ein Bett hinlegen, wenn Sie in der Nähe der Altstadt und nicht in einem 12-Betten-Raum-Hostel voller scharchender Arschgeigen übernachten wollen. Die Preise hier sind sportlich, wenn Sie aus einem Billiglohnland wie Deutschland anreisen. Und wenn Rammstein spielt und die Leute von überall her die Betten dieser vergleichsweise kleinen Hauptstadt belegen, schlagen die Preise vollendete Kapriolen.

Dafür gibt es in meinem Hotel keinen bekackten „Wir-geben-vor-die-Umwelt-zu-schützen-dabei-wollen-wir-nur-Geld-für-die-Handtuchwäsche-sparen“-Aufkleber im Badezimmer. Danke dafür. Just fuck Waschmittel im Wasser. Bleiche my ass. Und ein Bussi. Sagt der Handtuchaufdenbodenschmeißerklimanazi.

Und was ist mit Becherpfand? Pfand überhaupt? In Lettland? Aber nein. Schmeißen Sie einfach alles weg. Morgen gibt es neue Becher. Und neue Flaschen.

Mit Lebensmitteln, Wodka oder Süßigkeiten ist hier als Deutscher kein Schnäppchen mehr zu machen. Zumindest in der Altstadt, in der ich den Tag vor mich hin keime. Preise wie im Westen. Am westlichen Ufer des Flusses Daugava haben internationale Konzerne Glastürme gebaut. Etwas weiter Richtung Flughafen stehen auch Malls. Outlets. Die Fahrzeuge sind gehoben, die Straßen sauber und ich sehe kein Schlagloch, keine maroden Bürgersteige, keine vollgetaggten Fassaden. Kein einziger Asozialer. Keiner der brüllt. Gegen Wände pisst. In Hauseingänge kotzt. Berlin ist ein Slum gegen Riga.

Und dann verlasse ich die Altstadt und finde doch noch Berlin. In den Suburbs. Endlich. Kaputte Scheiben. Kaputte Fassaden. Kaputte Biographien. In den Gesichtern so viel Elend wie bei Kreuzberger Klimaflashmobaktivisten. Na bitte. Geht doch.

Sie haben in Riga in der Nähe des Hauptbahnhofs einen dicken großen schönen Zentralmarkt. Der gefällt mir gut bis auf die völlig verhipsterte Mittelhalle. Pho. Ramen. Angus BBQ mit blöden schwarzen Sesambrötchen. Kaffeerösterei. Open Fusion Shithole Free Ai Weiwei Cookery. Dieser ganze bärtige Duttträgerscheiß mit seinen bärtigen Duttträgerscheißnamen, den wir in Berlin auch haben und den ich nicht mehr sehen kann. Nur nichts lettisches zu essen. Dafür muss ich vor die Hallen. Zu den kleinen schäbigen Garagenbuden, in denen die alten Mamas stehen. Und noch kochen wie früher. Das ist zwar dann old school-fettig, aber gut.

Auf dem Zentralmarkt kosten fünf Knackwürste mit 1,07 Euro 80 Cent weniger als eine kleine Schüssel Blaubeeren. Das macht mir Angst. Aber ich esse trotzdem alles auf.

Eine Frage: Sie fühlen sich in Deutschland überfremdet? Okay. Gehen Sie doch mal nach Riga, wenn Rammstein dort spielt. Die ganze Stadt spricht deutsch. Und keiner holt die Mistgabeln raus. Wahrscheinlich haben die Einwohner Angst. Oder sie freuen sich. Oder es ist ihnen schlicht egal.

Stalin hat auch Riga einen dicken fetten Kulturpalast als obszöne Demonstration von Macht in die Stadt geschissen. Wie Warschau. Ob die Letten dieses Ding genauso hassen wie die Polen ihren weiß ich jedoch nicht.

Sie sagen, in den baltischen Hauptstädten habe man flächenddeckend städtisches WiFi. Weil modern. Und fresh. Ist gelogen. Stimmt für Riga nicht. Es gibt immer wieder verschiedenes WiFi, aber zu oft keine Verbindung, zu viele nervige Buttons oder gleich Scheißwerbevideoclips verschiedener Anbieter, die man vorher klicken oder eine E-Mail-Adresse, die man angeben muss. Und bis Sie dann auf den Bestätigungslink geklickt haben, sind Sie schon wieder zum nächsten WiFi-Spot gelaufen, der leider keine Verbindung herstellen kann. Ganz klar: Same shit – different city. Ich bin kein Techniker und schon gar kein Jurist, aber ist so ein freies nicht nervendes WiFi für jeden, der sein Smartphone gerne als Auslagergehirn nutzt, wirklich so eine Raketentechnik?

Ich Großmaul großmaule am ersten Abend wie folgt: „Pass bei den Zebrastreifen auf. Hier im Ostblock halten die alle nicht an.“ Worauf ein lettischer Kleinwagen anhält. Das wird sich den ganzen Aufenthalt lang durchziehen. Meine These ist nicht haltbar. Lettische Autofahrer halten akkuratst an jedem Zebrastreifen, den ein Fußgänger queren möchte.

In Riga gibt es ein striktes Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Es darf nur in privaten Räumen oder abgesperrten Geländen gesoffen werden. Die Polizei steht vor den wenigen Verkaufsstellen auf dem Weg zum Konzertgelände, was den Effekt hat, dass niemand mit Alkohol in der Hand durch die Gegend läuft. Das nervt mich. Denn ich bin ungerne nüchtern. In dieser Sache freue ich mich dann doch, dass Berlin Berlin ist. Dort kann ich mit einem Bier in der einen und einem Spliff in der anderen Hand die Greifswalder Straße hoch und wieder runterlaufen und keinen juckt das. Schon gar nicht das, was sie in Berlin Polizei nennen.

Mit dem Alkohol habe ich auch auf dem Konzertgelände kein Glück. Bier trinke bei solchen Gelegenheiten nicht, weil die Wirkung zu lange auf sich warten lässt und ich nur dauernd pissen gehen muss, der Jacky Cola für 7 Euro besteht aus ein paar Tropfen Whisky und viel zu viel Cola, wobei sich das Barpersonal weigert, ihn mir pur zu verkaufen, damit ich mein Zeug selber mischen kann, und der Rotwein für 6 Euro misst nicht einmal 0,05 Liter, weswegen ich mir verarscht vorkomme, weil davon nicht mal ein Hamster besoffen würde.

Dafür ist das Konzert so gut, dass es auch nüchtern verkraftbar ist. Ich gehe zu Rammstein sowieso am Liebsten in den Ostblock, auch wenn das Anfahrt und Übernachtungen bedeutet. Denn dort dürfen sie mehr tun. Weniger Regularien. Mehr Feuer. Es flasht mehr. Vor vielen Jahren war ich bei Rammstein in Prag. Auch das war sensationell. Rammstein ist nach der immer noch viel zu unbekannten Band Dritte Wahl die beste Liveband. Was sie abliefern ist dreistellig wert.

Eine der neuen Singles von Rammstein heißt Deutschland. Es irritiert mich, dass die einheimischen Letten, zugereisten Russen, Litauer, Esten, Skandinavier und Polen den Refrain brüllen. Deutschland! Hallt es durch Riga. Manch Deutscher neben mir steht betreten herum und glotzt schief. Und brüllt natürlich nicht mit. Ich kann das sogar verstehen. Es wirkt zu surreal.

Nach dem Konzert auf dem Weg zurück zur Altstadt treffe ich Artus. Er redet erst auf Englisch, dann auf Deutsch auf mich ein. Natürlich frage ich woher er so gut Deutsch spricht. Aus Pornos sagt er. Deutsche Pornos seien die ersten gewesen, die er als hormonüberquellender Jugendlicher zu sehen bekam. In den 90ern. Ja! Ja! Schnella! Schnella! Spritz auf meine Titten! – gibt er nun lauthals zum Besten, was ich urkomisch finde, aber trotzdem nicht dazu führt, dass ich ihm seine absurde Geschichte abkaufe. Ich hatte mal einen Kumpel, Andres hieß der. Der erzählte auch immer allen möglichen flüchtigen Bekanntschaften absurde Dinge über sich, um sich in den Reaktionen zu aalen. Sein Vater sei Physiker im russischen Atomprogramm gewesen und in Russland sei immer wieder Radioaktivität aus den Raketensilos entwichen, was aber keiner weiß. Er war schon wahlweise Stricher, cracksüchtig, Lederschwulenclubtänzer und Emerit. Der Andres. Artus‘ Geschichte mit dem Deutschlernen durch Pornos hätte ihm gefallen.

Artus hört nicht auf zu reden. „You think you Germans have an immigration problem? No! We have! 35% of Latvia are russians. Forced into our country and protected by Putin. Fuck Putin! All the Russians think they are the kings here, they do what they want and don’t stick to the rules. 35%. Of my country. Rising tendency!“ Gut, dass es das Internet gibt. Das wirft mir sofort 26,9 % Russen für Lettland aus. Decreasing Tendency. Kontinuierlich. Ach, Artus, Pornos, Prozente. Beides hat ein P in der Bezeichnung. Wie Pleppo.

Von der Brücke über den Fluss Daugava geht ein Typ über die Reling. Nackt. Ich will schon die lettische Ambulanz rufen, da beruhigen mich seine Begleiter. Das sei der Deutsche. Der mache immer so verrückte Dinge. Sie selber seien ein Russe, eine Lettin, ein Ukrainer und eine Schwedin. Die Schwedin ist entweder bildschön oder ich dann doch von den zwei Litern Bier, mit denen ich mich nach dem Konzert in Rekordgeschwindigkeit zugeschüttet habe, zu besoffen. Sie erzählt mir, dass ihre Mutter aus Gera kommt, radebricht ein paar Sätze Deutsch und ich frage mich an diesem Abend noch einmal, ob ich das alles glauben kann, was mir die Leute hier so erzählen.

Der vorgebliche Deutsche kommt kurze Zeit später nackt aus dem Fluss gewankt und wird dabei von locker sieben Smartphones für seine Verewigung bei YouTube gefilmt. Was mich zuerst wundert ist sein trotz der Wasserkälte rätselhaft großer Schwanz. Dann fällt mir ein, dass mir einer mal irgendwann die Sache mit den Schwänzen erklärt hat. Es gibt Fleischpenisse und Blutpenisse. Blutpenisse sind schlaff nicht besonders groß, schwellen aber ordentlich an. Fleischpenisse sind schlaff schon ordentlich groß, wachsen aber bei Erregung nicht mehr wesentlich, sondern werden nur hart. Sie sehen: Kneipengespräche schaffen also doch anwendbares Wissen, auf das Sie noch lange zurückgreifen können.

Im Hardcore Hangover Club schließe ich Freundschaft mit drei bemerkenswert witzigen Belgiern, die in irgendeinem belgischen Kaff eine Bar betreiben und sich mit mir gemeinsam in immer höheren Potenzen druckbetanken. Obwohl sie kaum noch auf ihren Beinen stehen können, wollen sie mit mir in einen Nachtclub. Es ist ein fürchterlicher Laden. In einem Hinterzimmer stoßen Abziehbilder von Klischeeluden an einem speckigen Billardtisch Kugeln hin und her, die verwässerte abgestandene Cola kostet fünf Euro und für einen Private Dance steht nur eine sehr fleischige Dicke mit rissigem Make-up bereit, die tatsächlich drei Mal an unseren Tisch kommt und drei Mal freundlich aber doch konsequent abgewiesen wird. Weil diese Optik keiner von uns so sehr mag, um sie zu bezahlen.

Beim dritten Mal kommt sie gemeinsam mit einer riesigen und auch abseits meines Blutalkoholgehalts umwerfend schönen Schwarzhaarigen daher, die ich tatsächlich um eine gemeinsame Viertelstunde bitte, aber nur weil ich noch nie einer gutaussehenden Frau begegnet bin, die mich um einen Kopf überragt.

„Are you here for Rammstein?“ fragt sie. „No. At the moment I am here for you.“ antworte ich und merke selber wie dick das aufgetragen ist. Doch sie ist nicht nur schön wie ein Diamant, sondern Profi und tut so als wäre sie von dem was ich sage tatsächlich geschmeichelt. Ich gebe mir auch Mühe, ihr penetrantes Parfum auszublenden, das mir noch am nächsten Tag vollpräsent in Nase und Hose hängen wird. Und ich versuche nicht zu lachen, als sie auf dem Boden liegend ihre Arschbacken in die Höhe streckend wackeln lässt, eine Pose, bei der ich mich schon immer gefragt habe, ob es überhaupt irgendwen gibt, der das anziehend findet.

Nach dem Tanz bietet sie mir einen Abschluss der Angelegenheit im Austausch für eine Flasche Champagner an, die mich 180 Euro kosten würde. Sorry, but I can’t, lächle ich freundlich, I am engaged. Which I am not, of course. Aber dass ich manchmal Notlügen fabriziere, um mich aus Situationen zu evakuieren, sage ich nur Ihnen, dem Internet. Außerdem reicht es jetzt auch mal. Eintritt, Getränke, Viertelstunde Tanz, 100 Euro, in diesem räudigen im Millennium kleben gebliebenen Osteuropaschuppen. Ich muss weg. Solche stumpfen und ihre Absicht nicht mal ein wenig verhehlende Abmelkschuppen machen mich sehr müde. Die ganze Interaktion aller Beteiligten ist auf so viele Arten würdelos, für alle inklusive mir, aber erzählen Sie das mal drei rotzebesoffenen Belgiern.

Eine Viertelstunde nachdem ich den erbärmlichen Stripclub verlasse, geht über Riga die Sonne auf. Drei Stunden später steht eine lettische Putzkolonne in meinem Zimmer und will sauber machen. Denn was ich vergessen habe ist das Türhängeschild für das Nichtstören.

So.

Kurve.

Zum Kulinarischen:

Aufrichtigen Herzens empfehlen kann ich eine Kneipe namens O’Paps irgendwo in der Altstadt. Auf dem Tisch stand das vorzügliche Bier namens Valmiermuižas in heller und dunkler Variante. Herausragend. Ab 23 Uhr bekommen allerdings nur noch Menschen in Hells Angels-Kutten warmes Essen. Menschen wie ich bekommen ab dann nur noch verknoblauchte Erdnüsse.

Da mein Hotel absurde 15,50 Euro für das Frühstück abruft, disponiere ich aus Prinzip um. Gefunden habe ich mitten im Irgendwo eine kleine Bäckerei namens Ciemakukulis, die von drei einnehmend sympathischen Frauen betrieben wird. Ich habe viel mehr gegessen als ich wollte, weil die drei so nett waren, unter einigen anderen Dingen aß ich ein mit Sauerkraut gefülltes briocheartiges Ding. Zum Frühstück. Harte lettische Unternehmung, aber für einen kapitalen Hangover, den ich mir nur zwei Stunden später weggetrunken haben werde, ideal. 7 Euro für viel Kaffee, viel Essen.

Gut zu Mittag gegessen habe ich hier: Maiden with a cat. Kellergeschoss. Kotelett mit, na klar, Sauerkraut, viel Wurst und etwas gut geräuchertem Käse als Vorspeise.

Schlimm gegessen habe ich hier: Rockabilly House. Mit Ansage. Wer in solchen Touristenställen frisst, der verdient nichts besseres als den 11,90-Miniburgerabfall, die handvoll labberigen und grauenhaft übersalzenen Pommes, das Pulvereiomelett sowie den Side Dish-Salat mit zu viel Rucola, dafür komplett ohne Dressing. Nur das Bier war gut. Und der Whisky, mit dem ich den ganzen Scheiß weggespült habe. Und es lief Rammstein in Endlosschleife. Immerhin.

Was mir beim Blick auf die verschiedenen Speisekarten verschiedener Lokale klar wird: Hier in Lettland können keine Vegetarier überleben. Sie haben hier Fisch. Und viel Fleisch. Selbst die vegetarischen Gerichte haben Fleischsoßen. Sie sind gar Veganer? Sie werden hier abkacken. Bestellen Sie doch Kartoffeln. Pur. Mit etwas Dill. Oder fressen was direkt vom Baum. Weil sonst finden Sie nix.

Gut jetzt. Das war Riga. Mehr war nicht.