Es regnet auf der Alb

Clash of civilizations: „Wollet Sie bei däm Weddor wirklich nausgange? S’rägot.“ „Logo, ick bin ja nich aus Zucker.“ Sie sehen – ich bin auf der Schwäbischen Alb. Schwaben. Sie kommen zu mir nach Berlin, also komme ich zu ihnen. Und laufe durch ihre Landschaft.

Die Dörfer sind ausgestorben. Am Wochenende. Werktags. Morgens. Abends. Hier passiert schlicht nichts. Kein Laut, abgesehen von der brummenden Stromtrasse und gelegentlichen Traktoren, die Dinge von irgendwohin nach irgendwohin fahren. Ein Bach rauscht. Das Nichtgeschehen schmerzt schon ab dem zweiten Tag. Was machen Sie hier nur den ganzen Tag, wenn Sie 55, frühverrentet und geschieden sind? Vermutlich zuhause sitzen und die Kommentarleisten von Internetportalen trollen. Oder was, wenn Sie 16 und bereit für die Weltrevolution sind? Vermutlich auch dann zuhause sitzen und die Kommentarleisten von …. und es ist verständlich. Was gibt es hier sonst zu tun?

Ich muss ab und zu an solche Orte, um mir bewusst zu werden wie laut Stille plötzlich sein kann. In Berlin haben Sie einen ständigen Pegel an Geräuschen, zumindest innerhalb des S-Bahn-Rings. Irgendwas passiert immer. Sirenen. Hupen. Krakeelen. Bassboxen. Es ist nie still, egal wann, und wenn es nur das viertelstündliche Flugzeug über Prenzlauer Berg ist, das in einer der vielen erweiterten Flugrouten zum völlig überlasteten Flughafen Tegel fliegt. Oder ein besoffener Penner vor der Haustüre, ein quäkender Tourist, quasselnde Studentinnen, „Aufgrund von Störungen im Betriebsablauf fährt die S 42 heute nur bis…“, „Bitte entschuldigen Sie die Störung, ich verkaufe die neueste Ausgabe des…“, „Ha Ho He Hertha BSC! Schalala. La.“

Gegen das Internet auf das Schwäbischen Alb ist selbst Brandenburg ein Digitalwunder. Fake-E, noch mehr Fake-E und Fake-H. Oder gar nichts. Der Vermieter entschuldigt sich für das WLAN auf dem Stand der Geschwindigkeit von 1995, als Byte für Byte mit 14.4er-Modems aus dem analogen Telefonnetz der Deutschen Bundespost per Morsezeichen übertragen werden musste. Es gibt hier nichts anderes. Die Leitungen hier …

… hat vermutlich noch die Regierung Stresemann gelegt. Oder der Kaiser. Kaiser Napoleon. Nebenher beim Durchreiten.

Ich habe erfahren, dass der VfB Stuttgart jetzt in der zweiten Liga spielt. Wieder. Fünf von fünf Bewohnern der Schwäbischen Alb finden das schade. 0 von 5 Berlinern können mitfühlen. Fußball ist so … ich weiß gar nicht wie ich das sagen soll, so peinlich, so albern, so gesichtsfünfenartig, irgendwie so … Hertha.

Die Schwaben sind verkehrsverrückt. Sie haben Hunderte von Kilometern sich schlängelnde Landstraßen voller Abgründe gebaut und keine Geschwindigkeitsbegrenzung angebracht. 100. Sie dürfen da 100 fahren, wenn Sie es bringen. Was physikalisch eigentlich nicht geht ohne aus den Kurven zu knallen. Ich glaube, dass die Schwaben deswegen als Land so erfolgreich sind, weil sie auf diese Weise ihre ganzen Vollidioten ausmerzen. Darwin Award. Die Vollidioten rasen die Abhänge runter und der Rest bringt das Land voran. Undenkbar in Berlin. In Berlin schützen sie jeden Vollidioten vor sich selbst. 30. Fast überall. 80 auf den Autobahnen. Niemand kann sich bei dieser Geschwindigkeit ins Verderben fahren und den Rest der Bevölkerung endlich von seiner Anwesenheit verschonen. Deswegen wird auch aus Berlin nichts. Wir sind eben Nanny und ziehen jeden Pleppo mit.

Eine Folge des fehlenden Tempolimits ist, dass ich ständig jemanden mit fettem deutschen Motor im Arsch meines bedauernswerten asiatischen Kleinwagens habe, der die Steigungen im zweiten Gang nehmen muss, um sie überhaupt zu packen. Ich Exot mit diesem für die Landschaft völlig untauglichen Auto stehe in jeder Serpentine nur im Weg, dabei drücke ich das Gaspedal schon voll durch und heize um die Kurven bis das Kind den Rücksitz vollkotzt. Keine Chance. Ich habe immer einen Mercedes, einen BMW, selten einen Phaeton im Arsch kleben. Und natürlich ein dickes P. Pi Pa Porsche. Der Schwabe fährt deutsch und er fährt groß, so viel isch klar. Das enorm dichte Auffahren haben Sie selten in Berlin. Es bringt schlicht nix. Wenn, dann ist es ein Doppelfickerauspuff-3er-BMW drüben in Wedding, aus dessen Bässen dem Haftbefehl-Mortal-Combat-Isch-fick-disch wummert, was mir noch ein Auto weiter den Rücken massiert, Galatassaraywimpel, hinter dem Steuer ein buschiger Augenbrauenmann mit Goldkette, der denkt, dass es hier auf der Badstraße schneller voran ginge, wenn er mir seinen Kühler volle Kelle in den Arsch rammt. In Berlin gibt es für so etwas den Stinkefinger. Dann hupt der. Ich gestikuliere. Der hupt wieder. Und dann ist gut. Hier in Schwaben müsste ich mir den Stinkefinger auf die Heckscheibe malen, um einem Krampf in den Fingermuskeln vorzubeugen. Denn er wäre quasi ständig in Gebrauch.

Das Land ist echt reich. Ich meine wirklich reich. Wenn Sie wie ich mit einem winzigen Auto in einem verklebten Hoodie aus dem Bundeshauptslum Berlin in ein solches Land fahren, dann fallen Ihnen diese ganzen Dinge auf, die es bei uns nicht gibt: Gut asphaltierte Straßen, ein Oberklassewagen nach dem anderen, Verkäufer, die so freundlich sind, dass ich mich fast entschuldigen möchte, dass ich nicht noch mehr kaufe, neue Fenster, satte Wiesen, gewachste Motorhauben, keine Bekloppten und Bescheuerten.

Einer der gravierendsten Unterschiede zu Berlin ist, dass Sie Ihre Pfandflaschen nicht einfach irgendwo hinstellen können. Es gibt hier keine Pfandsammler. Jetzt erst fällt mir auf wie sehr ich mir angewöhnt habe, das Pfand denen zur Verfügung zu stellen, deren Lebensinhalt es ist, es mir hinterher zu räumen. Und so stehe ich jetzt plötzlich im Rewe vor dem Pfandautomaten und muss mich erst einarbeiten in die Regularien, Knöpfe und Wertbons. Solche Automaten sind mir unbekannt. Ich weiß nicht mal wie hoch das Pfand in Deutschland ist. Ich gebe ja sonst nie Pfand zurück.

Sie vermieten hier Fremdenzimmer.

Und sagen Schuhbändel. Nonixnarretz.

Und Dinge wie: „I bän echt voll dr Goldochsefän“.

Wait, said what? Goldochsefän?

Auf einer Wiese sitzt das, was sie bei den Nazis in Hellersdorf verächtlich Kopftuchgeschwader nennen würden. Flüchtlinge. Zehn. Sieht nach einer Familie aus. Sie machen ein Picknick. Eine Schwäbin auf einem Fahrrad fährt vorbei und winkt. Die Picknicker winken zurück. Sie haben hier die Flüchtlinge bis in die letzten kleinen Dörfer verteilt. Das Kaff, durch das ich fahre, dürfte keine 500 Einwohner haben. Es wirkt alles sehr harmonisch, das ganze Land wirkt in sich ruhend, Flüchtlinge hin oder her, AfD im Stuttgarter Landtag olé. Schwaben. Ich glaube, wenn das jemand schafft, dann die.

Ein Tag später die Bestätigung in der ersten Bäckerei im Ort. Hinter der Theke eine Muslima. Mit Hijab. Sie spricht breitestes Schwäbisch. Allerbreitestes. Ich bin gegen meinen Willen irritiert. Und erfreut. Bitte. Es geht. Es geht ja doch.

An einem regenlosen Tag laufe ich durch den Wald und treffe an einer Sehenswürdigkeit auf einen Griller, der eine „Rote Wurst“ verkauft. „Ach Sie“, sagt er, „Sie sän doch der Berlino, der beim Layer wohnt.“ Wohoo. McHellseher in the woods. Oder dass es mich gibt hat sich sofort rumgesprochen mangels anderer Neuigkeiten. Stellen wir also fest: Ich bin keine zwei Tage hier und bekannt wie ein lebender Dodo. Verrücktes Schwaben. In Berlin können Sie auf der Straße onanierend Blut kotzen während Ihre Gedärme aus Ihrem offenen Bauch Richtung Kanalisation wabern und Ihre Augäpfel vor Anstrengung platzen, nix, da kuckt keiner hin, da gehen alle weiter, niemand macht was, weil jeder diese Überportion täglicher Irrer und Verstrahlter ausblendet, ignoriert, verdrängt, wegschiebt. Das kennen sie hier auf der Schwäbischen Alb nicht, hier geben sie aufeinander acht, hier geschieht nichts ohne dass es das kollektive Gedächtnis mitbekommt, hier haben nicht nur die Wände Ohren, sondern auch die Büsche, die Wetterhähne, die Garagentore. Hier etwas geheim zu halten, ist nicht möglich. Ganz klar: Es würde mich umbringen, an einem Ort zu wohnen, an dem jeder alles über mich weiß. Dafür habe ich viel zu viel zu verbergen.

Aus alter Gewohnheit klippe ich abends das Navi aus der Verankerung und nehme es mit in der Ferienwohnung. In Berlin wäre es sonst weg. Scheißegal wie alt. Wie verratzt. Es wäre weg. Einfach weg. Am zweiten Abend lasse ich es im Auto von außen sichtbar drin und schlafe deswegen schlecht. Es ist am nächsten Morgen noch da. Natürlich ist es das. Hier passiert halt nichts, nicht einmal Kriminalität.

Ich hätte gedacht, dass sie hier gerne auch Tannenzäpfle trinken, doch weit fehl gelaufen, das Zeug kennt hier keine Sau, es ist wohl nur erfolgreich in Berlins Hipsterschuppen, der Ironie wegen natürlich. Hier ist es völlig ungehypt, was auch daran liegen mag, dass hier die Schwäbische Alb ist und Tannenzäpfle aus dem Schwarzwald kommt. Was Baden und nicht Württemberg ist. Vielleicht mögen die sich nicht, kann ja sein, Berliner mögen ja auch keine Sachsen. Oder Brandenburger. Egal. Rewe hat hier Tannezäpfle. Falls mal ein Berliner mit Holzfällerhemd und Dutt vorbeikommt. Mitgedacht.

Sie haben hier keine Biomülltonne, jeder hat einen „Komboscht“. Dafür nehmen sie die Mülltrennung sehr ernscht. Ich werde explizit und bemerkenswert akribisch eingewiesen in die verschiedenen Farben der Eimer und der Tonnen draußen. Das kenne ich schon von ihren Landsleuten aus Prenzlauer Berg. Nichts ist ihnen wichtiger als das Trennen des Unrats. Wenn mir als jemandem, dem Mülltrennung am Arsch vorbeigeht, versehentlich der Steuerbescheid mit meinem Namen drauf in den Restmüll statt in die Papiertonne fällt, dann drückt mir den einer meiner Nachbarn am nächsten Tag im Treppenhaus in die Hand. Bei mir in Prenzlauer Berg – meiner kleinen Schwäbischen Alm im märkischen Sumpf.

Sie können hier gut kochen. Sie haben geiles Zeugs. Dieser Roschtbraten. Diese Spätzle mit Soß‘. Dieser warme Kartoffelsalat. Und diese Maultaschen. Tolle Küche. Tolle Köche. Sowieso: Das Schönste an Deutschland sind nicht die Autobahnen, sondern die Backwaren. Konkret: Die Brezel. Noch konkreter: Die schwäbischen Brezeln. Kein Vergleich zu den zuckrigen Matschdingern in Berlin, die Sie vor lauter Scheißdreckzutaten auf Würfelgröße zusammenkneten können. Gute Backkunst hier in Schwaben. Ich lasse dafür jeden japanischen Sushimeister, der sieben Jahre nackt in Ketten von der Geißel gezeichnet auf einem schneebedeckten Berg im Akaishigebirge Fisch geschnitten hat und dann doch nur in Prenzlauer Berg gelandet ist, auf dem Helmholtzplatz liegen.

Fun Fact:

Wenn es so ist, dass in einer durchschnittlichen westlichen Volkswirtschaft die Nachfrage das Angebot bestimmt, dann mögen Schwaben süße Fuselliköre im Pappkarton, deren Deckel man sich vor dem Trinken auf die Nase pinnt. An den Kassen der hiesigen Supermärkte stehen die Dinger in eigenen Regalen. In obszöner Vielfalt.

So. Ein paar Tage Schwäbische Alb und ich spüre wie sich die Aggressivität von mir abschuppt wie eine zweite Haut, die nicht mehr benötigt wird. Die Sonne scheint. Es gibt guten Käse, gutes Bier und Menschen, die mich nicht kennen, grüßen mich freundlich und lachen. Das geht so nicht. Das bringt mich um. Ich muss wieder weg. Ich muss wieder nach Berlin. Denn mit netten Menschen kann ich nicht umgehen. Ich vermute immer, wenn jemand nett zu mir ist, einen Hinterhalt. Der dann nicht kommt. Und das macht mich kaputt.

 


Bonustrack (outta space):

Wenn Ihnen Berlin zu vollgeschissen mit Touristen ist, dann besuchen Sie doch mal Neuschwanstein, um zu erleiden, dass jede Kacke immer noch gesteigert werden kann. Zwei Touristen mehr und der Berg, auf dem das Schloß steht, würde unter der Last zusammenbrechen.

Auch hier übrigens: Kein Internet. Nix mobil. Nix WiFi. Nur oben am Schloß haben sie einen kleinen überdachten Bayernhotspot (so nennen sie das wirklich). Der ist aber vollgestopft mit Chinesen, die die Bandbreite in Grund und Boden streamen. Mein Deutschland. Die Digitalwüste. Lettland. Ukraine. Liechtenstein. Bosnien. Transnistrien. Nirgendwo in Europa kam mir bisher ein in der Fläche schlechteres Netz unter.