Starfucking myself

Berlin-Mitte. Hackescher Markt. Starbucks. Ein Blick auf die Auslagen und ich muss lachen. Nur amerikanische Franchiseketten schaffen es, Europäern den eigenen Scheißdreck zum dreifachen Preis zu verkaufen.

Ich sehe ein lumpiges Stückchen Käsekuchen, ein lächerlich winziges Exemplar eines Lebkuchens, eine obszön kleine dünne Scheibe Marmorkuchen und irgendwelche dahergelaufenen Allerweltskekse für einen irrwitzigen Preis, für den Oma selig früher fünf Bleche gebacken hätte. Dazu noch Stullen. Mit Wurst und Käse und so. Doppelt so teuer als die Stullen vom Bäcker am Bahnhof. Wahrscheinlich sind in den Preisen noch die Reparationsansprüche der beiden Weltkriege und der Varusschlacht einkalkuliert.

Wer kehrt dort eigentlich ein? Wer bezahlt dafür freiwillig so viel? Ist das so ein Schnöseltum wie wenn man mit einem Mont Blanc-Kuli schreibt, Hugo Boss-Unterhosen trägt, bei der Hofpfisterei importiertes Münchner Brot kauft oder ein iPhone besitzt? Kann man missgünstige Zeitgenossen wirklich grün vor Neid werden lassen, wenn man vor seinem 6,40 € – Latte-Woccochino-Thai-White-Chocolate-Fudge-Fusion-Hong-Kong-Pfui-Smoothie sitzt, in sein Goldstaub-Käsebrötchen beißt während man auf seinem Macbook rumtippt?

Hilft ja nix. Die Arbeit ruft:

„Willkommen bei Starbucks, ich bin Felix, was darf ich für dich tun?“

„Kaffee bitte.“

„Welchen Flavour?“

„Kein Geschmack, nur Kaffee. Schwarz.“

„Tall, Grande oder Venti?“

„Bitte wie?“

„Tall, Grande oder Venti?“

„Was zum Henker? Venti? Vidi? Vici? Einen kleinen Kaffee bitte….“

„Also Tall.“

„Nein. Klein. Bitte.“

„Tall.“

„Nee, klein.“

„Ja, Tall. Tall ist klein.“

„Seufz. Ich verstehe Sie nicht. Also Tall, meinetwegen, ja.“

„Was willst du drin haben? Sahne? Vollmilch? Magermilch? Lactosefrei oder Soja?“

„Nix. Schwarz.“

„Togo?“

„Seufz. Nein nicht zum Mitnehmen.“

„Dann brauche ich noch deinen Namen bitte.“

„Gerne: KackApfelFisch.“

Grmpf. Echt mal. Ami-Scheiß. Franchise-Freundlichkeit. Dauergrinsende Konzeptheuchelei in Du-Form. Einstudierte gute Laune zum Abgewöhnen. Oder zum Wegrennen. Würgen auch.

Ich setze mich hin und hänge meinen Gedanken nach. Im Zuge der fundamental-christlichen Reconquista der Vereinigten Staaten hat die Starbucks-Meerjungfrau bedauerlicherweise ihre Titten verloren beziehungsweise verhüllt diese jetzt züchtig mit ihren Haaren. Seltsam, die Welt ist im Wandel, unbemerkt, zwischen den Zeilen, schleichend quasi, rollen neue religiöse Zeiten heran, die sich im Alltag einnisten – kreuzbiedere Re-Christianisierung, Evangelikalismus, Islamismus, des Prenzlauer Bergs Esoterik, Veganismus, Feminismus, Gender Popender, Klimakult. Dumm, wenn man mittendrin sitzt.

Ich versuche, mich abzulenken und schaue mich um. Im Starbucks am Hackeschen Markt sitzen erwartungsgemäß die versammelten Unsympathen Berlins herum und sind wichtig: Die Steuergeldverbrenner in Nadelstreifen verschiedener Banken, die Versicherungsdrücker und Immobilienhaie, Bürohengste und Kofferträger, all die vielen Großmäuler und Kleingeister, gelangweilte Mitte-Hausfrauen mit und hektische Medienschaffende ohne Nachwuchs, maskenhafte Kader-Loth-Lookalikes und schmalzige Lanz-Karikaturen, dazwischen laut krähende Touristen aus aller Welt, die diese künstliche Theaterkulisse hier für das wahre Berlin halten. Wahnsinn, alle an einem Ort, Kartoffelsack drüber, zubinden, alle drin.

„KACKAPFELFIHIIIISCH!“

Ich springe auf. „JAWOLL! SIR! MARINE CORPS! DIE BESTEN DER BESTEN DER BESTEN! SIR! CHANGE I CAN BELIEVE IN! IN GOD I TRUST! GREAT AGAIN!“

… und nehme lachend meinen beschissenen Kaffee in Empfang während mich Augenpaare um Augenpaare entsetzt anstarren wie einen entflohenen Irren aus der Klapse, der einen Aluminiumhut trägt und sich gerade mit Erdnussbutter einschmiert.

Ja, in solchen Momenten werde ich fremd mit einer Umgebung, in der ich lausigen schwarzen Kaffee trinken muss, der geschmacklich nicht mal über den aus einer lausigen Hotelzimmersenseomaschine hinauskommt, für den ich aber den Gegenwert eines guten Mittagessens im Wedding hinlege.

Ich bin hier nicht oft, aber wenn, dann will ich hier weg.


Dieser Beitrag erschien zuerst am 10. Mai 2011 auf http://www.qype.de.