Reisnudelbootcamp

Im Bahnhof Alexanderplatz nachts um 2 zu aufgedreht von der für mich zu oft zu herben Mischung aus Speed und Koks vom Klo einer dieser Berlin-Mitte-Sprallovollhorstbars mit Tischtennisplatte im Gastraum begegnet mir der preußische Militarismus, wenn auch in asiatischer Variante und in Gestalt eines grimmig dreinschauenden Brüllers:

„GUTTEN TACK! IHRRRE BESTELLUNG!!“

„Ja, einmal Thai Sesam und eine Cola Zero bitte.“

„HÜHNEN ODERRR SWEIN?!!!“

„Öhm, Hühnchen.“

„DAS HEISST 48a!“

„Wie?“

„48a!!!“

„Ja, dann einmal die 48a bitte.“

„REIS ODERRR NUDEL??!!“

„Reis bitte.“

+++++++ Kokskino ON +++++++

„DAS HEISST REIS BITTE, SIR!“

„JA SIR REIS BITTE SIR!“

„ICH KANN NICHTS HÖREN!“

„JA SIR REIS BITTE SIR!!!“

„ICH KANN IMMER NOCH NICHTS HÖREN!“

„JA SIR REIS BITTE SIR!!!!!“

„200 LIEGESTÜTZE UND DANACH DEN LATRINENBODEN MIT DER ZAHNBÜRSTE PUTZEN, PRIVATE PAULA!!!“

+++++++ Kokskino OFF +++++++

Dämmer Dämmer. Alles nur weil ich Hunger habe. Ich weiß ich sollte einfach wieder gehen. Es ist ein blöder Affe, der Typ, ein Krakeeler, ein dämlicher Wicht, doch ich bin wieder zu hungrig, um einfach zu gehen. Scheiß Alexanderplatz. Ein räudiger Ort zu dieser Uhrzeit. Noch räudiger als tagsüber. Die Krakeelerhochburg, die sie tagsüber ist, wird des nachts noch einmal potenziert. Idiotensammelstelle. Touristenmassenpufflegebatterie. Gewaltschwanger. Dröge. Kalt. Der Ort ist die Pissrinne meiner Stadt. Stinkend. Vernachlässigt. Liegengelassen. Und es ist eine üble Idee, dort zu essen, denn es ist blödes Essen für einen blöden Preis in einer zugigen Ecke voller dummer Menschen, doch ich esse es trotzdem, bedröhnt wie ich bin, weil ich um die Alternativen weiß, so wie den Döner später auf der Greifswalder mit den letzten schwarzen Fleischabfallresten auf dem Blech, die er dem Penner vor mir geben wird, wonach er mir das Hähnchenformschnitzel aus der Friteuse mit trocken gewordenen Tomatenschnitzen, Knoblauchsoße und Fladenbrot an des Döners statt feilbieten wird, von dessen Gedanken alleine ich schon kotzen muss, so dass ich zum Kackspäti weitergehen werde, um mir eines dieser während irgendeiner Hitzewelle vor sechs Jahren geschmolzenen Snickers zu kaufen, für dessen Zumutung er mir 1,50 abknöpfen wird, für dieses Ding, das ausgepackt aussieht wie ein hässliches faltiges gerade geschlüpftes Alienbalg, was immer noch besser ist als zwei Euro für einen Packen dieser billigen Metro-Salzstangen zu zahlen, von denen ich noch mehr Hunger als sowieso schon bekommen würde, das nicht, das alles nicht, das will ich alles nicht, ich weiß das, deswegen bleibe ich ich hier in dem Reisnudelbootcamp stehen und lasse mich von einem Typen anbrüllen, der will, dass ich seine Scheißnummerierung sage und nicht den Namen des einfallslosen prekären Eimergerichts, das er mir gleich in den Wok schmeißen wird und von dem ich Sodbrennen aus der Hölle bekommen werde, was aber auch schon wieder egal ist, weil ich um diese Uhrzeit mit der toxischen Mischung aus Single Malt, Bier, Marillenschnäpse und Pülverchen vom Spülkasten, was dann schon gar nicht mehr zielbringend betäubt, sondern bloß den Dämmerszustand mit extrem pochendem Herzen kombiniert, eh nichts mehr mitbekomme, kaum weiß, was ich hier eigentlich mache und was das hier soll und der Stolz ist sowieso schon lange hin und weg und egal und was soll es denn und es interessiert nicht mehr, warum ich der einzige bin, dessen Hunger von Koks nicht unterdrückt wird, sondern ihn vielmehr hervorruft und verstärkt und hierzu führt, zu dem hier, genau hier, immer hier, an diesem Ort, von dem ich immer, wenn ich dort bin, möglichst schnell weg will.

48a.

Das heißt 48a.

Ja. Sir. Merk ich. Mach ich. Ahoi. Skipper. Ich merk’s mir. Ja doch.