Gedankensudelei 07/19

Doch, schon. Ich bin wieder einmal mehr sehr froh, Nichtwähler zu sein. Hätte ich gewählt und das da wäre dabei rausgekommen, würde ich jetzt seit Tagen in der Dusche stehen und mich waschen. Wahrscheinlich würde ich nie wieder aus der Dusche rauskommen wollen bis sie mich irgendwann wundgescheuert und grindblutend abholen kommen würden. Sie müssten mich dabei auch fixieren, weil ich mir sonst irgendwann die Fingerkuppen abkauen würde, auf dass die nie wieder in der Lage wären, irgendwo ein Kreuz für so einen erbärmlichen Selbstbedienungsladen machen zu können. Aber ich bin fein raus. Ich habe sie wieder nicht gewählt, sondern schaue mir das Elend von außen an wie fickende Tapire im Zoo. Sie waren wählen? Und? Ärgern Sie sich noch oder ritzen Sie sich schon?

Niemand von denen darf übrigens mehr lautstark so bigott mit dem Finger auf diesen Erdogan da in Ankara zeigen. Unter so vielen Aspekten ist das politische Klima, das Postengeschachere, der Filz, die Selbstherrlichkeit und unendlich schrankenlose Arroganz hierzulande kein Stück besser als dort.

So. Gardinen zu. Duftkerze an. Chipspackung auf. Zurück in meinen Biedermeier. Zum Prenzlauer Berg Vätererziehungsterror auf dem Spielplatz. Heuer intervenierte eine dieser Bilderbuchinterventionsmütter auf der Sitzbank neben mir: „Sie können doch dem Kind keine Erdnüsse geben.“ „Warum nicht?“ „Da ist Salz dran.“ Ich habe ohne weitere Worte die dicken Fleischbouletten vom Erchinger aus der Tasche geholt, die das Kind so mag. Und die Torte stand auf und ging. Endlich. Ich hasse die alle.

Bußgeld bekommen. Ich habe wieder entgegen der Fahrtrichtung geparkt. In einer 30-Zone. Huha. Das Verbrechen schlechthin. Ich finde es toll, dass meine großartige Stadt Berlin die Prioritäten vollkommen richtig setzt. Was sind schon die Herden von Assis, die besoffenen Arschgeigen mit ihren Bassboxen voller Kackmucke, die Pisse, der Müll, die verrotteten Straßen, die umhermarodierenden E-Rollernazis, die vollgepissten Bahnhofsfahrstühle, nie funktionierenden Rolltreppen, der Gammel und Grind, die Kotze, der Kot, das Ecstasy an den Grundschulen, die Clans und Messerstechereien, wenn ich entgegen der Fahrtrichtung parke. 15 Euro für die Stadtkasse. Bitte gerne. Bitte hey. Prioritäten schaden nur dem, der keine hat.

In der S-Bahn mit der Bluetoothbox gepitchte Kackmucke abspielen ist übrigens das neue Rauchen. Nachts kaum eine Heimfahrt ohne.

Die infantilen Wohlstandsmütter dieses infantilen Wohlstandsbezirks haben oben kurz vor Pankow die Erich-Weinert-Straße mit Fähnchengirlanden von Balkon zu Balkon geschmückt und ich überlege mir, seit ich nachts dort besoffen Richtung Prenzlauer Allee lief, ein Mittel, diese Kinderscheiße da runter zu holen. Ich brauche ein Seil. Mit Enterhaken. Amazon hat das nicht. Wo krieg ich das her? Oder lässt sich das Zeug mit einer Zwille wegballern? Und sind Zwillen noch legal oder auch schon wieder verboten? Ich weiß das nicht.

„Ich zeig‘ dich an, du zugezogenes Arschloch!!!“ brüllte der Radfahrer, der mich diese Woche an einer Häuserecke auf dem Bürgersteig von der Seite umgefahren hat, worauf ich ihn vergleichsweise unsanft von meinen Füßen runtergeschubst habe. Zugezogenes Arschloch sagt der da. Ich bin empört. Arschloch geht noch. Kein Ding. Hier ist Berlin. Arschloch ist da eher harmlos. Anzeige geht auch klar. Die wird eh eingestellt. Hier ist Berlin und die hiesige Polizei nebst Justiz ein trauriger verfahrensaustrocknender Witz. Die stellen alle möglichen Dinge ein als gäbe es dafür Prämien. Aber nee, zugezogen sagt er, zugezogen! Zu. Ge. Zogen. Und das mir, echt, zugezogen. Das trifft mich hart.

Dafür hat meine biovegane Heilpraktikernachbarin den DHL-Boten vollgenölt, weil der eine Lieferung voller Plastikverpackungen und Folien geliefert hat. Alerta Alerta Nöl Nöl. Supersirene goes her way. Meine Güte. Das ist der Lieferant, du Tröte, nicht der Hersteller. Aber das versteht sie nicht, Hauptsache sie hat ihr Anliegen irgendwem ans Ohr gepinnt. Und wenn es der prekär bezahlte Laufbursche für die hiesige Oberschicht ist.

Gesehen: Auf ein Schild vor dem Hilton am Gendarmenmarkt hat jemand einen Aufkleber für den Berliner Hurenkongress geklebt. Toll. So schön passend. Ich habe noch Stunden später in einem stumpfsinnigen Meeting voller Consultinghuren dort schmunzeln müssen, so dass der Vortragende dachte, ich schmunzele über seine bemühten Scherze.

Netflix-Scheißdreck des Monats: Hagazussa. Was zur Hölle war das? Annonciert als Horrorfilm kam da irgendein Psychoscheiß unter der Beteiligung von drei Frauen daher, die über anderthalb Stunden lang Dinge tun, die ich nicht verstehe. Ich mag ja Arthousekino oft, manchmal, na gut, ab und zu, aber das hier ist zu krass. Grauenhaft, aber nicht wegen des vorgeblichen Horrors, sondern der unglaublichen Langeweile wegen. Schauen Sie das nicht. Es ist schlimm.

Ich war heuer nur bei einem Konzert: EA80 im Leipziger Conne Island. Guter alter 80er-Jahre-Punk. Dreckig. Rotzig. Alt und fett. Sind sie geworden, die Jungs. Passiert. Süß auch, wenn die Antifafrau am Einlass mein Online-Ticket auf dem Smartphone nach einer Nummer absucht, um die dann auf einem riesigen zusammengeklebten Papierbogen akkuratst auszustreichen. Anarchie meets Bürokratie. So spielt das Leben. Muss alles seine Ordnung haben. Dumm war nur der Sachse, der zum Punkrock vor mir irgendeinen erbärmlichen Discofox aufgeführt hat und mir quasi ununterbrochen auf die Schuhe gelatscht ist. Ich ging aber nicht weg, ich gehe nie von meinem Platz weg, da kann der Sachse hampeln wie er will.

Ich habe später im Hotel einen knapp sechs Jahre alten Konzertbericht von mir nochmal gelesen. Prinz Pi. Der langweilig gewordene Studentenrapper. Leute wie die Zeit rast. Ich kann das an den Konzerten absehen, die ich besuche. Die Leute werden immer jünger und die da oben auf der Bühne einfach nur älter. Life is hard and then you die.

Zur Statistik. Am Meisten geklickt im letzten Monat mit rekordverdächtigen 29 Klicks auf diesem Ding hier: Gehirnblähung an der Currybutze. Bedankt.

Verbraucherinformationen: Beim Tegeler Hafenfest gab es Tyskie vom Faß. Na endlich. Hilft ja auch nix. Wenn es in Berlin kein gutes Bier gibt, müssen wir Polen eben unser Zeug hier ausschenken. Entwicklungshilfe, Berlin. Tut mir ja auch leid und ich bin auch nur der Bote, nicht der Verursacher und kann ja auch nix dafür, dass Berlin abseits der blasierten Kreuzberger Dutthipster, die mir mit ihrem Gehabe aber zu sehr auf den Sack gehen um dort zu trinken, nicht brauen kann. Demnächst kommen wir mit Bigos in der Hand über die Oder und wechseln diesen traurigen Senat aus, der nichts auf die Kette kriegt. Dann funktioniert endlich alles wieder, sogar die S-Bahn.

Und ich habe in den letzten Monaten etwa 20 Bäcker ausprobiert, die noch beziehungsweise wieder gutes altes Brot von Hand backen und sich das nicht aus irgendwelchen Brandenburger Brotfabriken vorgebacken liefern lassen. Die besten Bäcker der Stadt sind momentan, finde ich zumindest, die Kønigliche Backstube in Neukölln (okay, younge freshe Hipstergeschichte, aber trotzdem) und die Museumsbäckerei in der Pankower Wollankstraße (good old traditional Brotofen). Doch doch. Es geht nichts über gutes Brot. Am besten noch warm mit Meersalzbutter.

Sowieso habe ich gegessen wie folgt:

Fishermans, Fischrestaurant, Tegel: Jetzt lobe ich seit Jahren überall und bei allen Gelegenheiten dieses immer schon herausragende Restaurant, in dem ich immer problemlos mit Kind gut und viel und oft gegessen habe, und jetzt das: „Für das Kind heute keine eigene Hauptspeise, nur einen Teller bitte.“ „Dafür muss ich 2,50 Euro berechnen.“ „Bitte?“ „2,50 Euro. Für den Teller.“ „Für einen leeren Teller? Warum das?“ „Der muss ja auch abgewaschen werden.“ Aha. Echt jetzt, Fishermans? Echt? Steht es so schlimm? Trotz der inzwischen meist über 20 Euro für so eine immer kleiner werdende Hauptspeisenportion? Locker zehn Jahre schon fahre ich nun regelmäßig nach Tegel, um dort am See in diesem Gruselkabinett steinalter Tegeler Witwen und ihrer sie satellitenartig umkreisenden Erbschleicher zu essen, weil Ihr ein gutes Restaurant wart. Noch so ein Ding und die Tradition endet. Stammgast weg. Sorry. Ich bin angegrätzt.

Little Tibet, tibetisch, Kreuzberg: Ja. Das war mal richtig gut. Starkes Lokal. Ich bin vor Jahren mal an diesem Ding vorbeigelaufen und da ich immer alles probieren muss, das ich nicht kenne, habe ich es mir aufgeschrieben. Und jetzt endlich mal gemacht. Tibetisch. Nicht übel. Eine Mischung aus Indisch und Thaifood. Dort schmecken sogar die vegetarischen Dinge. Nur eine Frage: Haben Sie in einem Lokal mal so laut geschissen, dass Sie Angst hatten, Sie könne jemand im Gastraum hören? Also quasi so: „PFRÖÖÖÖÖÖÖÖT! BOOOOOOOOTZ! RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖK!“ Wenn ja, dann hat man sie vermutlich gehört. So wie ich den Typen, der fünf Minuten später mit schuldbewusstem Gesicht aus dem Klo geschlichen kam.

Biorestaurant Mandelbaum, Weißensee: Empfohlen von diesem Jubelblog hier. Puh. Wo soll ich nur anfangen… der früher nach der Wende immer ein wenig vernachlässigt daherkommende Ortsteil Weißensee wird in einer Geschwindigkeit gentrifiziert, bei der mir zunehmend übel wird. Deutlichstes Zeichen hierfür sind neben Bioläden, mit komischem Indianerschmuck behangene Pantoffelfrauen, Shared Space-Büromacbookschnöselhöllen, Hipsterbarbierpuffs für Vollbartmuckel und diesen superbräsigen Kinderkleidungsdesignbutzen sitzengelassener Mütter immer auch solche Restaurants. Edel. Gehoben. Natürlich Bio. Megakorrekt und superaware. Der Gastraum dabei so steril wie ein Zahnarztzimmer daherkommend. Und sie haben kein Bier für mich, nur Tee und diese skurrilen Litschiholunderquinoaweltrettungslimonaden für Prenzlauer Berg-Schwangere mit zu viel Geld. Gegessen habe ich ein blasses veganes Chili Con Carne, das war sehr schlimm, genauso wie das Publikum aus dem Bilderbuch der blasierten Mittemütter, die per Crowdsourcing um Geld für ihr defizitäres feministisches Internetmagazin betteln, das außer den eigenen immergleichen Twittersirenen sowieso keiner liest. Eine Blase davon saß natürlich neben mir und gab sich sehr wichtig. Da hier Bündnis 90/Die Grünen den Bezirk beherrschen, haben diese Vogelscheuchen gerade enorm viel Oberwasser und zeigen das auch. Und ich? Muss was bestellen. Hallo, Herr Ober, eine dicke extra fettige Wirtschaftskrise bitte. Stark gesalzen. Damit diese umlagefinanzierten Gestalten da wieder weggehen.

RisA Chicken, KFC-Klon, Wedding: Wenn ungentrifiziert, dann Wedding. RisA. Der arabische KFC-Klon. Natürlich halal, was auch immer das bei Hähnchen heißt. Das Zeug dort ist billig wie Hulle, auf dass ich sogar mein wie verrückt wachsendes und daher wie ein Mähdrescher Chicken Nuggets vertilgendes Kind satt bekommen kann. Sie verkaufen hier 25 Nuggets, die es locker mit McDonalds aufnehmen können, für 5,99 €. Nochmal: 5,99 für 25. Wie geht das kostendeckend? Kein Plan, verstehe ich genauso wenig wie den türkischen Euro Gida nebenan, der 2 tadellose Mangos für 1,50 € verticken kann. Versteh ick nich wie das geht. Aber egal, geht eh nicht mehr lange so, denn der erste Biomarkt hat in der Müllerstraße aufgemacht. Der Prenzlauer Berg schwitzt rüber. Was bald kommen wird ist jetzt schon klar: Yoga. FritzKola. Veganer Schuhladen. Kaffeerösterei. Indische Filzklamottenläden. Sri Chinmoys Plakate an den Wänden. Und zu allem Elend auch hier eine Filiale von Mareikes Karottenkuchenladen. Aus regionalem Anbau. Und danach natürlich verdreifachte Mieten. Klar. Kuckuck Wedding. Da werdet Ihr blöd schauen bald. Aber egal. Ihr könnt ja alle in die Uckermark ziehen.

Vipan, indisch, Wilmersdorf: Von wem auch immer ich diesen Scheißtipp wieder habe. Grässlich. Totfrittiertes Gemüse und sinnloser Gummikäse, völlig geschmacklos, irgendwelche Pampen, immergleich schmeckend und null scharf, nicht mal würzig, auch wenn Sie explizit scharf bestellen bekommen Sie nur maues europäisches Zeug mit dem Ghul aller Ghule: Den verdammten Eisbergsalatschnitzen mit Thousand Island Dressing und einer Wassertomatenscheibe obendrauf. Uargh. Nie wieder mag ich da essen gehen. Was ich vor hundert Millionen Jahren über das Zaika in Prenzlauer Berg geschrieben habe, gilt immer noch. So geht indisch. Und zwar gut. Konstant.

So. Am Allerbesten gegessen habe ich mal wieder auswärts und zwar in München in Begleitung vieler wichtiger Leute aus vielen Ländern, in deren Anwesenheit wir uns alle wieder wichtiger gemacht haben als wir sind:

Villa Dante, italienisch: Bombe. Bombenpizza. So geht es.

Augustinerkeller, bayerisch: Was soll ich dazu sagen? Nochmal: So geht es. Genau so. Schnell, gut, nicht zwingend billig und das Bier gibt’s nur als Maß. Und bestellen Sie als Mann ein kleines Bier, werden Sie ausgelacht. Denn das kleine Bier dürfen nur Frauen bestellen. Meine Güte München, ich komme mir als Berliner jedes Mal vor wie in einer anderen Welt. Bei uns würden sich sofort dicke brustwarzengepiercte lesbische Aktivistinnen nackt an den Zaun ketten und sich mit Erdnussbutter einschmieren, um mit Rasseln, Megafon, Trommeln und Tröten gegen diese natürlich frauenfeindliche Praxis zu demonstrieren.

Al Shaam, libanesisch: Kein Stück weniger gut. München. Toll. Eine Wahnsinnsstadt. Schöne Menschen. So herzlich wenig Asoziale in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Und schönes Essen. Nur halt ein wenig teuer, aber man kann eben nicht alles haben. Aber egal, ich bin gerne in München. Es ist so anders. Wenn Sie in Berlin einen schönen Menschen sehen, können sie sicher sein, dass er gar nicht von hier ist, sondern auf der Durchreise.

So. Das war der Juli. Mehr war nicht.