Der Ohrtunnel unter den Supermärkten

Kaufland ist Ohrtunnel und Arschgeweih in einem. Gehen Sie doch da einfach mal hin, wenn Sie aus irgendeinem Grund immer noch zu gute Laune haben und nicht aufhören wollen, Ihre Mitmenschen zu mögen. Was Sie hier finden: Nur Irre. Bekloppte. Assis. Mit inadäquatem Verhalten. Komplett sozial inkompatibel. Die Verantwortlichen sollten bei Kaufland Verkehrsschilder einführen, denn ungeregelter Shared Space funktioniert dort genauso wenig wie auf den Bürgersteigen Prenzlauer Bergs, die wir uns aus irgendwelchen Gründen mit den gestörten Birkenstockökos auf ihren Hollandlastenrädern mit Kisten voller Unrat vorne dran teilen müssen.

Heute haben alle Prototypen Kauflands wieder Freigang. Hey. Kuck mal. Da ist der Barrikadenbauer. Er verkeilt seinen Wagen immer quer zum Gang. Wenn Sie da zufällig durchwollen und nicht können, haben Sie zwei Möglichkeiten:

1. Sie warten geduldig bis der Idiot von selber drauf kommt, dass er ein Hindernis darstellt, sich entschuldigt und den Weg frei gibt. Problem: Das wird nicht passieren. Hier ist Berlin und sogar Kaufland in Berlin, das bedeutet Sie werden quälende Minuten dort stehen und niemand wird Ihnen Platz machen. Und wenn doch, dann mit vorwurfsvollem Blick wie ihn Pubertierende draufhaben, die ihr Zimmer aufräumen sollen, weil es vorher keine neue Folge Berlin Tag und Nacht gibt. Nochmal: Hier ist Berlin. Niemand macht Platz. Niemand entschuldigt sich. Da können Sie so geduldig sein bis Sie verschimmeln.

2. Sie schieben den Wagen beiseite, um sich Platz zu machen. Das ist natürlich ein Eingriff in die Hoheitssphäre des Gegenübers, was mit Pöbeln, mindestens aber mit Kopfschütteln und einem lauten Seufzer dergestalt quittiert wird wie ihn nur alleinstehende Frauen um die 40 mit drei mitwohnenden Katzen drauf haben und in dem die ganze Last der Welt in einem einzigen Luftzug zum Ausdruck kommt. Einem Luftzug, der Stahl schneiden kann.

Der Idiotenparade kein Ende. In den Mittelgängen fahren sie wie auf der Osloer Straße Richtung Stadtautobahn: Kreuz und quer, um ein paar Meter gut zu machen. Wenn die Vernünftigen nicht bremsen, kracht es. Wie auf der Osloer. Nur ohne die rote Welle, die dort alle Autofahrer so lange entnerven soll bis sie auch endlich Fahrrad auf dem Bürgersteig fahren. Nochmal: Es ist ein Assistall. Von rechts, von links mäandern Einkaufswagenwellen umher, man könnte ja meinen, dass wir hier die Verkehrsregeln der Straße adaptieren, damit alle gut vorankommen und die Adrenalinausschüttung auf einem normalen Niveau (hoch statt sehr hoch) bleibt. Doch nix. Sind Sie mal in Kairo Auto gefahren? Oder haben zumindest eine Vorstellung davon wie in Kairo Auto gefahren wird? So ist das hier bei Kaufland. Genau so. Keine Regeln. Keine Rücksichten. Wer bremst hat verkackt.

Sie haben auch hier wieder exakt zwei Optionen:

1. Sie fahren defensiv. Problem: Dann kommen Sie nie an. Sie haben keine Chance. Die Assis bei Kaufland lassen Sie alle anderthalb Meter abbremsen und Sie kommen für Stunden nicht mehr aus diesem Wellblechpuff raus.

2. Machen Sie es wie ich: Lederjacke an. Hoodie drunter. Kapuze hinten raus. Und ziehen Sie sich ein Türstehergesicht über, eines das sagt: „Steh‘ mir im Weg Bastard und ich fick dich Hundesohn.“ Halten Sie dabei den Oberkörper gerade, Brust raus, Bauch rein und genau so ab durch die Mitte des Gangs. Nichts hinter der Attitüde auf Tasche zu haben ist nicht schlimm. Attitüde ist nämlich alles. Wie immer im Leben. Sollte Ihnen trotzdem jemand in die Fahrspur grätschen, dann rammen Sie ihn weg. Keine Rücksichten. Spielen Sie das Spiel mit. Sie machen hier heute die Welt nicht besser, wenn sie defensiv sind. Rammen Sie die Assis aus dem Weg, sonst rammen die Assis Sie aus dem Weg. Immer drauf. Bum Bum. Nur Mut. Es trifft hier nie einen Falschen.

Zuletzt warten an der Kasse die Kassenpsychopathen. Davon gibt es gleich drei Sorten:

1. Die Ungeduldigen, die bereits das Laufband befüllen, wenn Sie noch gar nicht alles aus dem Einkaufswagen geladen haben, worauf Sie sich irgendwann zwangsläufig mit dem ganzen Einkaufsscheißdreck in die Quere kommen. Und das liegt daran, dass die Laufbänder so lang sind, dass die Assis denken, dass es mit dieser Methode schneller geht. Was es nicht tut. Weil alles wieder umgeräumt werden muss, wenn zwei Einkäufe kollidieren. Aber das wissen sie nicht. Verstehen es nicht. Und sie lernen es auch nie.

2. Die Nichtvorbeilasser. Auch wenn Sie nur einen schäbigen Schweinebraten, eine Packung Nudeln, Waschmittel, also mithin nur ein Produkt in der Hand haben, wird Sie niemand mit überbordendem Atomkriegsbevorratungseinkauf für Großfamilien vorlassen. Niemand. Hier ist Kaufland. Wer vorlässt, verliert. Wenn Sie es sozial haben wollen, dann gehen Sie zur Heilsarmee. Also bitte, lassen Sie jede Hoffnung auf Besserung fahren und nehmen Sie die Dinge hin. Sie haben keine andere Chance, außer Sie möchten wahnsinnig werden.

3. Die Hackenfahrer. Die glauben, dass es schneller geht, wenn sie mir mit ihrem Einkaufswagen hinten in die Hacken fahren. Bam. Einmal. Ich erhöhe die Geschwindigkeit nicht. Bam. Zweimal. Ich bleibe ruhig. Bam. Dreimal. Ich drehe mich um. Frage, ob ich helfen kann. Ob es Probleme gibt. Ob der Typ hier durch will. Doch es bringt wieder überhaupt nix. Sie schauen wieder einmal nur wie Kühe und wissen nicht, was ich von ihnen will. Was sie falsch gemacht haben. Was ich mir einbilde. Blep Blep. Es ist Berlin. Es ist Kaufland. Und es sind nur Sprallos.

So. Das ist sie. Die Assisammelstelle. Der Ohrtunnel unter den Supermärkten. Sie haben noch Ideale? Hören Sie auf damit. Sie machen sich unglücklich.

Zwitscher. Pieps. Sommer in Berlin-Heinersdorf. Die Sonne scheint. Ich bin aus Kaufland raus und Kaufland sagt Danke. Mein Einkauf macht 88 Euro und 88 Cents. Nazischnapszahleninferno. Na klar. Das fehlte noch.