Der Tag, an dem meine Hirnzellen starben

Neue Auszubildende im Büro. Und die bringt ein Radio mit. Und da läuft 104.6 RTL Hitradio Berlin, die Körperverletzung unter den Radiosendern, die hirnzersetzende Schulabbrecherfrequenz dieser von miesen Radiosendern so gepeinigten Stadt und der ultimative Maßstab für Dudelfunk schlechthin mit einem Niveau, für das man jeden Keller nochmal unterkellern müsste.

Meinen persönlichen Mario-Barth-Gedächtnispreis bekommt dieser Arno und seine Morgencrew. Der kontaminiert heute an diesem Morgen mein Büro mit blödmachender aufgesetzter guter Laune und Altherrentorten-Witzen, für die sich sogar Fips Asmussen schämen würde. Wenn das die laut Eigenwerbung lustigste Morgensendung Deutschlands sein soll, dann möchte ich die schlechten bitte nie kennenlernen.

Superlustige Morgenshows im Radio sind wohl die einzigen Exportschlager Berlins. Damit kann man Dissidenten in zentralasiatischen Polizeistaaten quälen und die gestehen danach alles, auch den 2. Weltkrieg, die spanische Inquisition, Fukushima und die lustigen roten Schuhe vom Papst.

Arno, der Dauer-schlechte-Witze-Automat ohne Not-Aus-Knopf, kennt kein Halten.
Ich höre, die Schwiegermutter ist gestorben. Der Mann vom Beerdigungsinstitut fragt den Schwiegersohn: „Einäscherung oder Beerdigung?“ – „Beides bitte, ich will auf Nummer Sicher gehen.“

Ein erster Schwung Hirnzellen springt ohne Fallschirme aus meinem linken Ohr und stirbt noch vor dem Aufprall auf dem Boden an akuter Verödung.

Bruhahahahahahaha, da lacht der Arno über seinen eigenen schalen Witz wie Wirt Stulle in seiner Eckkneipe über einen Furz und kurz darauf fallen seine zwei, drei, vier Co-Moderatoren in das Gegröhle ein, Co-Moderatoren, die offenbar nur dafür bezahlt werden, über jeden Scheiß zu lachen, den die Praktikanten aus dem Internet abgeschrieben und dem Moderator als untauglichen Versuch eines Gags vorgelegt haben.

Werbung. Ich soll einen Opel Astra kaufen. Es gibt Rabatt. Danach läuft Gotye mit Somebody. Und dann ein Song von Michael Jackson. Dann Genesis mit Invisible Touch. Der Gassenhauer aus der Gruft.

Zwischendrin wird unlustige Comedy gegeben. Auftritt „Super-Merkel“, besonders schlecht nachgesprochen und noch unlustiger als Guido Cantz versucht man bemüht, Witze über so dolle Themen wie Energiewende, faule Griechen und die SPD zu machen, Witze, die trotz der Mühe, Wikipedia-Halbwissen zu imitieren, überhaupt nicht zünden. Aber die SPD ist blöd und die Griechen sind faul, lerne ich.

Einige Hirnzellen seilen sich über die Schulter ab und zünden sich aus Protest selbst an.

Danach läuft Gotye mit Somebody. Und dann ein Song von Michael Jackson. Dann Voyage Voyage. Der Chartbreaker von kurz nach dem Krieg. Dann Werbung. Ich soll bei Real Schuhe kaufen. Es gibt 20% Rabatt.

Wieder ein Witz, für den man jeden Opa beim Familienfest auf den Grill werfen würde: Warum fliegen Vögel im Herbst in den Süden?

Weil es zum Laufen zu weit ist.

Bruhahahahahaha, wieder liegt sich das gesamte Moderatorenteam in den Armen, macht Purzelbäume und muss so tun, als war das eine Offenbarung von Witz, würdig zwischen Buchdeckel gedruckt und als Mutter aller Witze ins Museum gestellt zu werden.

Die Hirnzellen haben jetzt Kalaschnikows in der Hand und mähen sich gegenseitig um. Eine schießt eine Bazooka mit einer Fernsteuerung auf sich selber ab. Das beeindruckt mich.

Dann kommt ein Wowi-Imitator, der Arno mit hysterischer Klischeetuntenstimme im Studio anruft („Halloooooo Arnooooooo alte Hundelunge, hier ist wieda eueeer Wooooowi“) und dessen einziger aber umso penetranterer Gagversuch darin besteht, den Regierenden Partymeister als Regierenden Partymeister dastehen zu lassen, der nix tut, nur Party, was aber auch nicht zündet, weil das eh jeder weiß. Dafür wird er ja gewählt.

Danach Werbung. Kaufen soll ich jetzt Küchen von Innova. Mit Rabatt. Nur heute. Unmittelbar darauf läuft Gotye mit Somebody. Toller Song, könnten die ruhig öfter spielen, denke ich und bemerke nicht den Sabberfaden, der aus meiner debilen Fresse auf den Schreibtisch tropft. Dann kommt natürlich Michael Jackson. Und noch Cutting Crew. I just died in your arms tonight. Seit 80 Jahren ein immer wieder gern gehörter Knaller.

Einige Hirnzellen springen in meinen Kaffee und ersaufen in der widerlichen Brühe.

Nun kommt die Agathe-Bauer-Runde.

Warum Agathe-Bauer-Runde?

Weil irgendjemand mal rausgefunden hat, dass „I’ve got the power“ von Snap irgendwie so klingt wie Agathe Bauer und weil das an den Currywurstbuden dieser Stadt so gut ankommt, sucht man jetzt bei Arno immer neue Reißer dieser Art, die so witzig sind wie eine Büttenrede beim Karneval.

Na?

Groschen gefallen?

Den Witz dabei verstanden?

I’ve got the power – Agathe Bauer.

Haha.

Ha.

H.

Und jetzt ruft auch noch Schantalle-Schakyra aus Helle-Mitte an und hat rausgefunden, dass eine Textzeile eines Songs von Lady Gaga klingt wie „Bolle hat Durst!“. Schantalle-Schakyra klingt dabei so begeistert als rufe sie gerade an einem Fenster des Reichstags eine Lokalrunde quietschbunte Plastikfingernägel für alle aus, bevor Arno das Behauptete mit der Gemütsruhe eines Profis und mit Hilfe eines Soundschnipsels prüft.

Und?

Na?

Spannung.

Ich halt es kaum aus.

Gleich platz ich.

Da! Bolle hat Durst! Tatsächlich! Bruhahahahahahahaaaa! Die Co-Moderatoren können es gar nicht fassen, dass Lady Gaga „Bolle hat Durst!“ singt. Was für ein Knaller. Alle sind begeistert und drehen sich im Kreis herum.

Mein Kopf knallt auf die Tischplatte und eine Delegation Hirnzellen schneidet sich auf dem guten Büroteppich die Pulsadern auf. Andere schlucken lieber Zyankali. Das geht schneller.

Nach Gotye mit Somebody, Michael Jackson und irgendwas uraltem von Elton John hat zu allem Überfluss der kleine Nils seinen großen Auftritt. Der kleine Nils soll ein Kind darstellen, das wahllos Menschen anruft und verarscht.

Während ich mich noch frage, ob es überhaupt Hirntote gibt, die noch auf sowas reinfallen, höre ich auch schon die ganz schlecht imitierte piepsige Fistelstimme „Hallo-hooo hier ist der kleine Ni-hils. Ich habe hier einen Koffer mit einem großen roten Knopf gefunden, da steht ‚Vorsicht Putins Atomkoffer‘ drauf. Soll ich da mal draufdrücken?“

Und die Sekretärin einer Sicherheitsfirma, die der kleine Nils soeben angerufen hat, ruft „Oh Gott! Neeeeeiiin tu das nicht!“

Ich wünsche mich spontan zu einer animierten Singleparty für sitzengebliebene Ü40-Zombies, weil es sogar dort witziger zugeht während einige Hirnzellen sich einen Sprengstoffgürtel umbinden und bei 104.6 RTL der Superhit von Gotye angekündigt wird. Es wird doch nicht etwa Somebody sein?

Nach der Werbung, in der Ergo mich gegen Hirnzellensuizid versichern möchte, mit Rabatt natürlich, läuft zu meiner Überraschung tatsächlich Gotye mit Somebody. Sehr gut! Ein toller Song, ich finde, der läuft viel zu wenig im Radio, könnte man ruhig öfter … und überhaupt Michael Jackson, natürlich, gefolgt von Kim Wilde. Keep me hanging on. Der Evergreen. Seit 800 Jahren immer wieder der Bringer. Kim Wilde, die Mumie kehrt zurück.

Oh Gott, Nachrichten. Jetzt aber. Was gibt es neues? Blut, Titten, Tränen und faule Griechen. Und die SPD. Die hat wieder was verbockt. Und was über Boris Becker. Zuletzt das Fahrstuhlthema Nr. 1: Das Wetter. Bild-Zeitung auf akustisch. Fehlen nur noch F.J. Wagner und seine geistlosen Briefe an den Pöbel. Erkenntnisgewinn: Gegen 0. Ich fühle mich aber sediert und freue mich.

Nach dem Wetter kommen die Flitzerblitzer. Bruhahahahahaha, Flitzer. Blitzer … Gag bemerkt? Blitzer. Für Flitzer! Reimt sich auch. Urkomisch. Flitzerblitzer. Damit die Flitzer gewarnt sind wo geblitzt wird und kurz mal langsamer fahren, bevor sie dann wieder Bleifuß durch die 30er-Zone rasen können, die Flitzer, die Schlingel, die Schlawiner – verantwortlich für 1.990 schwer Verletzte und 54 Tote im Berliner Straßenverkehr 2011 … hahahaha … haha … ha … h …

Die Hirnzellen haben jetzt Samuraischwerter und entleiben sich damit nach alter Tradition. Andere springen mit winzigen Seilen um die Hälse von meinem Hemdkragen. Die haben’s hinter sich, die Glücklichen.

Und immer wieder Wowi. Ich sehe schon, Wowi ist das Backpfeifengesicht dieses fürchterlichen Senders. Wowi geht immer. Arno macht sich lustig, dass Wowi immer Party macht anstatt einen Flughafen zu bauen. Jaja. Wowi Partymeister, der kann nix, ist bekannt. SPD ist eh doof, weiß ich ja. Dann Werbung für Sixt Autovermietung. Ich soll einen Sprinter mieten, es gibt Rabatt.

Jetzt spielen sie Gotye mit Somebody. Geiler Song. Den kann ich inzwischen schon auswendig mitsingen. Danach Michael Jackson. Und bevor sie Milli Vanilli, Jennifer Rush, Partymeister Wowi oder eine weitere Runde Agathe Bauer mit Schantalle-Schakyra spielen können, schmeiße ich das Radio durch das offene Fenster hinaus. Das debile Bruhahahahahahahaha der Co-Moderatoren und ihres Ober-Spaßvogels wird langsam leiser während ich damit beginne, die Überreste meiner toten Hirnzellen mit dem Kehrblech zusammenzufegen.

Dann macht es unten leise „puff“, als das Radio sich beim Aufprall auf dem Asphalt in seine Einzelteile zerlegt.

Nicht schuldig, bitte, das war Notwehr.


(Repost 2012)