Lost im Friedrichstadtpalast

Friedrichstraße. Im Palast. Kopfkino. Der alte Erich hebt seine vermoderte Faust aus dem Grab. Vom Klunker bis zu den Betonplatten, alles da. Hier wollte die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik auch mal einen auf Glamour machen. Mit Betonplatten in wuchtiger Klotzoptik. Und Klunkern. Meine Güte. Paris, London, Chisinau, Archangelsk – jeder auf der Welt schüttelt doch den Kopf über sowas, das ist nicht Hauptstadt, das ist … ich weiß nicht, wo könnte so eine Stadthalle stehen … Eberswalde? Damerow? Vielleicht noch Waren an der Müritz. Eisenhüttenstadt auch.

Vor einigen Jahren wurde ich schon einmal da drin mal gequält. Ulli Zelle moderierte einen hirntodbringenden RBB-Abend mit Musike. Ausgerechnet Ulli Zelle, das westberliner Frontstadtfossil, der Posterboy der Reinickendorfer CDU-Laubenpieper. Ulli Zelle – hier in Ostberlin. Im Betonklotz zu Friedrichstadt. Hat er sich getraut.

Huha. Ich sitze rückentötend unbequem auf billigen knallharten Klappsitzen und habe keinen Platz. Ich stoße vorne an, reibe meinen Oberschenkel am wolllüstig schnaufenden Nebenmann, der transpiriert wie ein Olm und den mein Gereibe offenbar geil macht. Und von hinten tritt einer im Minutentakt gegen meine Lehne. Bum. Bum. Klonk. Schlimmer als Kino im Multiplex, weil ich da wenigstens Platz habe oder gehen kann, wenn ich keinen Bock mehr auf Arschgeigen habe. Immerhin schmeißt hier keiner mit Popcorn.

Und vorne krebst Ulli Zelle umher und erzählt einen seiner schalen Altherrenwitze, die er schon fünfzehntausendmal in der Abendschau beim Außenreport vom Zehlendorfer CDU-Bezirksparteitag zum Besten gegeben hat und bei denen jede Milch im Umkreis von zehn Kilometern bis runter zu Bauer Mette nach Berlin-Buckow sauer wird.

Ich muss hier raus, was mach ich hier nur? Wenigstens hab ich für diese Spezialbehandlung nicht auch noch bezahlt, sondern die Karte geschenkt bekommen. Nicht mal beim Schrottwichteln, sondern irgendjemand hat Freikarten verscheuert und ein anderer wollte sie nicht haben und gab sie weiter und ein anderer dann ebenso und irgendwann landeten sie bei mir und es war keiner mehr übrig, dem ich sie weiterverschenken konnte. Alle gingen in Deckung und schrieben sich wahrscheinlich gegenseitig Nachrichten wie „Fire in the hole! Tauch ab, lass‘ dich verleugnen, geh‘ ins Zeugenschutzprogramm, der Zimmermann hat Freikarten für den Friedrichstadtpalast und will sie loswerden, bringt euch in Sicherheit!“

Den letzten beißen eben die Hunde.

Und jetzt sitze ich dort und kann nicht mal gehen, weil ich hier nur knapp mehr Platz habe als in einer Hühnerbatterie und es unhöflich ist, während der Veranstaltung über Menschenleiber zu steigen, es sei denn ich wäre der Cirque du Soleil und mache das beruflich. Aber der tritt hier nicht auf, der Cirque, nur Ulli Zelle.

Ist es seit dem Ulli-Zelle-Trauma besser geworden im Bunker? Nein, ist es nicht und ich möchte da erst wieder hin, wenn irgendjemand mir erzählt, dass die ollen billigen Sitzreihen ausgetauscht sind, so dass ich es dort länger als eine halbe Stunde ohne Knie- und Rückenschaden aushalte und nicht mit Fremden kuscheln muss wie in der ordinären Berliner S-Bahn.

Aber doch, irgendwie passt er dann doch ganz gut zu dieser Stadt. Der Friedrichstadtpalast. Willkommen in Berlin. Immer eine Nummer billiger als sein muss. Und auf jeden Fall lieber klobig als filigran. Lieber Bockwurst als Carpaccio. Lieber Molle als Gran Riserva. Immer Brechstange und nicht das Skalpell. Und niemals komfortabel. Niemals. Wehtun muss es. Und draußen nur Kännchen. Und vorne Ulli Zelle. Berlin. So sind wir. Ganz tief drin eigentlich Provinz.