Menschgewordene Menschenverachtung

Uargh. Was war das bloß für eine Pocke? Wer hat die angeschleppt? Wer ist mit so etwas befreundet? Und lädt so etwas auch noch auf seine Feier ein?

Eine Geburtstagsfeier. Letzte Woche traf ich dort auf eine Frau. Sie ist Leitende Angestellte bei irgendeiner Abrechnungsfirma für Ärzte, die ihrem Mann gehört. Seine oberste Buchhalterin. Angestellte oberste Buchhalterin. Oberbuchhaltungsangestellte. Egal. Irgendwas mit Macht. Sie schwitzt das aus. Fett. Feist. Großes Maul. Behangen mit Klunkern. Unfassbar unsympathisch. Aber mit einem Hofstaat aus Claqueuren, der um sie herum sitzt und jedes Wort mit begleitendem Gegacker goutiert.

Und da saß sie und streute den Sermon in die Runde:

„Hahaha in letzter Zeit sind wieder Depressionen im Kommen. Alle voll einen anner Klatsche. Einer nach dem anderen. Schön auf Krankenschein sich ’nen Lenz machen. Ich les‘ die ganzen Diagnosen ja mit. Burnout. Wenn ich das schon lese. Modekrankheit. Alle machen einen auf Burnout. Klopp Klopp wegen mir rin in den Sack und ins Arbeitslager. Und die Krankenkasse zahlt und zahlt und zahlt für die Assis. Alle innen Sack. Knüppel drauf. Arbeiten lassen. Dort könnense meinetwegen Depressionen haben. Warum killen die sich nicht alle einfach? So wie der eine. Dem hat die Krankenversicherung irgendwas auf unserer Abrechnung nicht anerkannt. Paar tausend Euro. Hatter sich auf dem Dachboden aufgeknüpft. Haha. Hing er da. Müssen wir jetzt bei den Erben geltend machen, die Ansprüche. Sollense sich doch alle aufknüpfen, die ganzen Depressiven.“

Ich habe die Fortsetzung von dieser Wortjauche nicht mehr mitgeschnitten, da ich an die Bar ging, um meine Depression zu betäuben. Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Ich ging die Küche zur nächsten Whiskyflasche. Ich wollte mir das nicht mehr anhören, diese Worte wie aus einer Stalinorgel, ich wollte mir das nicht mehr anschauen, die lachenden Claqueure, das feiste Grinsen, die Arroganz derer, die von der Sonnenseite in den Schatten hinüberhöhnen.

Das ist eine der Situationen, in der auch ich – der ich mir doch einbilde, so viel, eigentlich fast alles gesehen zu haben, so dass mich nichts mehr trifft – meine Umwelt nicht mehr ertrage und verschwinden muss. Ich muss das Feld räumen, weil der Scheißdreck zu sehr Bahn bricht, um mich nicht zu überfordern. Ich kann in so einer Situation nicht mehr so argumentieren wie es nötig wäre, sondern würde blinde Wut in den Raum werfen, würde ich den Mund öffnen. Und das fiele nur wieder auf mich zurück und ich hätte verloren.

Die besonders üble ganz offene Menschenverachtung trifft mich immer noch unvorbereitet. Das war immer so. Und die passendsten Antworten fallen mir immer erst Stunden später ein. Das ist der Vorteil der Arschlöcher. Der einzige. Der Überraschungsmoment, die Überrumplung, die schnöde Gewalt, mit dem sie ihre offensiv zur Schau getragene Menschenverachtung in den Raum werfen, löst bei allen irgendwie doch sensiblen Menschen eine argumentative Starre aus, die noch Stunden anhält. Ich bin meistens nicht mehr um eine Antwort verlegen, aber manchmal kriegen sie mich. So wie hier. Manchmal trifft es mich tief in meinem Inneren und rüttelt an meinem Wertesystem. Und dann räume ich das Feld. Trinke was. Verziehe mich. Laufe stundenlang mit Musik im Ohr und Bier in der Hand nach Hause. Gerne im Regen, wenn es welchen gibt.

Natürlich wünschte ich ihr da hinten, die sie da saß und den Brechdurchfall in die Runde kodderte, die Pest an den Hals, am besten in Form einer ausgewachsenen Depression, hervorgerufen durch den Tod aller Menschen in ihrem Umfeld, die ihr vielleicht tatsächlich noch etwas bedeuten. Schön wäre es schon. Ausgleichend irgendwie. Es wäre sogar eine besonders passende Form von Gerechtigkeit. Irgendwas müsste passieren. Ein Treppensturz. Beinbruch. Autounfall und Arm ab. Oder gleich wirklich die dicke Depression, die schwarze Lady, die über ihr hängt und nicht weggehen mag. Keine Ahnung. Irgendwas, was das kompensiert, die Dinge ausgleicht. Die Natur sucht doch immer das Gleichgewicht. Also was ist? Mach doch mal, Natur.

Memento mori. Das ist die vermutlich einzig richtige Antwort auf so etwas. Memento mori und dann gehen. Sie würde es nicht verstehen, aber darauf kommt es gar nicht an. Memento mori. Eigentlich die Antwort auf alles. Wir gehen alle. Ich. Die da. Sie, die das hier lesen. Und Sinn ergibt das nicht. So einfach kann Wahrheit sein. Geboren werden, fressen, ficken, kacken, sterben. Mehr steckt da nicht hinter. Und mehr Sinn ergibt das alles hier auch gar nicht.

Ich glaube nicht, dass Arschlöcher das bessere Leben führen. Sie leben nur für die Momente, in denen sie sich selbst über andere erhöhen und sie müssen diese Momente immer wieder herbeiführen. Wie ein Drogenabhängiger. Und ich glaube nicht, dass sie von allen angehimmelt werden für das, was sie sind. Eher nur von denen, die sich etwas von ihnen versprechen, ein wenig Glanz, ein wenig Attraktivität, Geld meinetwegen auch. Aber wenn das Arschloch das nicht mehr bieten kann, wenden sich alle recht schnell von ihm ab. Und das weiß das Arschloch wahrscheinlich auch. Davor hat es Angst. Deshalb setzt es immer noch einen drauf. Wird immer noch ein wenig lauter.

Einer sagte mir am nächsten Tag, als wir über sie sprachen, dass sie krank sei. Irgendwas mit Krebs. Wie unschade. Ja. Habe ich gesagt. Wie unschade. Ich kann leider immer noch nicht betrübt sein, wenn so ein Arschloch stirbt. Und dabei ist es mir egal, warum ein Arschloch ein Arschloch ist, wie das Arschloch zu einem Arschloch geworden ist oder gemacht wurde. Mir völlig egal. Wenn ich von einem von denen lese, die immer nur nach unten getreten haben und die es dann doch erwischt hat, dann freue ich mich. Sie sagen alle immer, das dürfe man nicht, das tue man nicht, sich freuen wenn einer stirbt, nur stört mich das nicht, denn wenn diese Alte von dieser Abrechnungsfirma ins Gras beißt, wird die Welt ein besserer Ort. Weil ein Arschloch weniger unterwegs ist. Jemand weniger, der auf andere spuckt. Ganz einfach. Ganz einfache Rechnung. Auge um Auge. Quit pro pro. Man sieht sich immer wieder. Zwei Mal. Drei Mal. Ein letztes Mal.