Von Payback bis nach Tegel

Jeden Tag wieder. Rewe. Kasse. Ich. Und Kassenkraft. Piep. Piep. Piep. Der Scanner spielt sein Lied. Ulala. Der Honki der ist wieder da.
Doch ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende. Ich habe eine Paybackneurose. Akut. Final. Chronisch. Jeden Mittag aller Arbeitstage der letzten Monate habe ich mir dort mein Mittagessen geholt und jeden einzelnen Mittag musste ich die Frage der Fragen beantworten:
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Das habe ich anfangs noch mit einem freundlichen Lächeln quittiert und natürlich verneint, da ich es ablehne, dass ein Automat mit Algorithmen mein Einkaufsverhalten speichert und analysiert, mich dafür mit Werbung zumüllt und im Gegenzug mit schäbigen Prämien auf Tchibo-Niveau sediert.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
In den darauf folgenden Wochen glich mein Lächeln immer mehr einem gequälten Grinsen, optisch muss es dem Clown aus Stephen Kings „Es“ oder der Grinsekatze aus Alice im Wunderland ähnlich gesehen haben, denn immer mehr Kassenkräfte schauten entsetzt bis angewidert bis panisch. Trotzdem stellten sie brav ihre Fragen, die ich ebenso brav zwischen krampfartig zusammengebissenen Zähnen unter dem zuckenden Augenlid beantwortete.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
„Nein, danke der Nachfrage, ich habe keine Payback-Karte. Ich möchte auch keine, weil ich nicht will, dass eine Datenkrake weiß, was ich wann einkaufe, um daraus ein Einkaufsprofil zu erstellen, auf das irgendwann wahrscheinlich meine Krankenkasse, das Bezirksamt Pankow, die GEZ, Finanzamt, meine verdammte Chefin und Horst Seehofer Zugriff haben.“
Entsetztes Starren. Schon wieder. Leicht panisch. Dann ein Blick ähnlich jenem, den Fahrgäste der Berliner S-Bahn dem Penner zuwerfen, der jeden Tag auf dem Ring lautstark und mit fortschreitendem Tag in immer schlechterer Grammatik seine Anklage an Angela Merkel, das Sozialamt und sowieso die Welt vorträgt, während die Schmeißfliegen neben ihm tot von den speckigen Fenstern fallen, weil auch sie vor lauter Keim nicht mehr atmen können.
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
Ich versuchte es mit wirrem Kopfschütteln…
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
… bösem Blick …
„Haben Sie eine Payback-Karte?“
… und absoluter Kommunikationsverweigerung in Form eines grenzdebilen manischen Blicks ins Leere wie ein Junkie auf Tranquilizern.
„Haben Sie eine Payb…“
„Hören Sie zu, ich hasse diese Frage, mir kommt es gerade vor als habe ich noch nichts in meinem Leben so sehr gehasst wie ihre verdammte tägliche Frage, die ich Ihnen dieses Jahr schon mindestens gottverdammte 487 mal beantwortet habe. Ich habe keinen Bock mehr, hören Sie damit auf, ich bin ein nervlicher Gasdruckbehälter und Sie spielen mit einem Feuerzeug an mir herum. Lassen Sie es.“
„Haben Sie eine…“
„Hören Sie BITTE zu. Das ist Ihre letzte Chance. Ich habe keine verdammte Payback-Karte, ich will auch keine, deshalb werde ich auch nie eine haben, deshalb lassen Sie in Zehnteufels Namen endlich diese Fragerei. Morgen komme ich wieder und wenn ich dann auch nur noch ein einzges Mal diese scheiß Frage höre, dann weiß ich nicht was passieren wird.“
„Haben Sie…“
(…)
Ja gut, hier in der JVA Tegel ist es eigentlich auch ganz schön. Ich bekomme jeden Tag zu essen, habe eine Glotze in der Zelle und keiner – nicht mal mein Kumpel Olaf, der Wärter – will wissen, ob ich eine Payback-Karte habe. Nur in den Mauerpark würde ich gern mal wieder gehen, aber das wird wohl die nächsten 15 Jahre nichts.

Zuerst erschienen am 2. Februar 2010 auf dem untergegangenen Bewertungsportal Qype. War zu schade zum Wegwerfen.