Gehirnblähung an der Currybutze

Mit zunehmendem Alter gibt es immer weniger grundsätzliche Fragen des Lebens, die noch offen sind:

Warum haben sehr hübsche Teenagerinnen immer je eine abgrundtief hässliche beste Freundin, die wie ein Satellit um sie herum kreist?

Warum erhöhe ich automatisch die Geschwindigkeit, wenn mir beim Joggen eine Frau entgegenkommt?

Und warum versuche ich krampfhaft dranzubleiben, wenn mich diese dürre Hochgeschwindigkeitsgazelle in ihrem vollverkabelten Ironman-Ganzkörperkondom überholt, nur um 500 Meter später meine Lunge ins Gras zu kotzen?

Warum erzählt mir die Raumpflegerin, die sich um mein Büro im Borgwürfel, meinem fantastischen Arbeitsgeber und Retter der Welt, den ich für keinen Maserati nebst Topf voll Gold am Ende des Regenbogens eintauschen würde, kümmert, jeden Morgen eine halbe Stunde Geschichten aus ihrem spannenden Leben in der neunten Etage eines Plattenbaus in Berlin-Hohenschönhausen, um dann gegen Ende der halben Stunde empört einfließen zu lassen, dass ihr vorgeschriebener Zeitrahmen für die Reinigung der Etage von den Reinigungszeitrahmendisponentennazis zu knapp bemessen wurde, so dass sie die Vorgabe überhaupt nicht schaffen kann?

Und die wichtigste alles Fragen: Warum koppeln so viele Currybutzen in Berlin den Namen dieses Gewürzes mit ihrer Hausnummer?

Irgendwann Ende der Nullerjahre ging das plötzlich los und die Hausnummern zogen in die Namen jeder zweiten Currybutze Berlins ein. Curry 36, Curry 66, Curry 54, 74, 90, 2010 – eine an Innovationen sehr arme Zeit.

Vorgemacht hat es Curry 36 am Mehringdamm, war damit sehr erfolgreich und ist es noch heute, was aber vermutlich daran liegt, dass jeder in den 80ern hängengebliebene Alt-Kreuzberger bei dem Stichwort 36 als Teil des ehemaligen Postzustellbezirks SO 36 feuchte Tränen der Rührung vergießt und sich vor Freude fast einpullert, wenn der Tourist mit einem X-Berg-Käppi und SO 36-Shirt für 24,99 aus dem Souvenir-Shop am Kotti an ihm vorbeiläuft, wobei wahrscheinlich kaum einer von denen, die heute SO 36 bevölkern und darauf so stolz sind wie ein Mecklenburger Nazi auf sein ausgestorbenes Provinznest, diese Zeit dort mitgemacht beziehungsweise überlebt haben dürfte.

Aber so ist das nun mal, irgendwann hat sich der Hype um Curry 36 aus welchen Gründen auch immer verselbständigt, so dass die Butze mit ihren mittelmäßigen Würsten nun nicht nur vor Kundschaft platzt, sondern inzwischen auch in jedem dahergelaufenen Touristenführer zwischen Nanking, Seattle und Chisibubikaio steht. Und Erfolg ruft nun einmal stets Trittbrettfahrer auf den Plan, die erhoffen, ein paar Krumen von Ruhm und Ehre abzugreifen, so lange sie noch heiß sind.

Und genau deswegen knallt jetzt auch jeder Wurst-Erwin und Curry-Kalle aus jedem verfallenen Industriegebiet an der Grenze zu Brandenburg oder irgendeiner gottverlassenen Bundesstraße Richtung Ukraine die Hausnummer derjenigen Klemptnerbude in seinen Namen, vor deren ranziger Dependance er sich niedergelassen hat. Curry 70. Curry 92. Curry 47a. Das ist im Ergebnis jedoch leider nur so kreativ wie der 68er-Opa, der jede Woche aufs Neue die ollen Kamellen der Springerblockade oder des Puddingattentats widerkäut, die jeder schon mindestens so oft gehört hat wie Uropas Wehrmachtserlebnisse während der Ardennenoffensive.

Was soll es denn… egal, ich stehe heute bei Curry 7 in der Kreuzberger Schlesischen Straße 7 (haha) und da frittieren sie alles was ihnen unter die Finger kommt (außer die Currywurst – dankenswerterweise): Pommes, Boulette, Schnitzel, Fisch und darüber hinaus vermutlich alles, was Kunden von zuhause mitbringen und schon immer mal frittieren wollten. Das Frittieren klappt ganz gut, sie vermeiden hier das Totbrutzeln zu einem schwarzen Lungenteerklumpen oder die Todsünde in Form des innen noch kalten aber außen brennend heißen Produkts. Hier ist alles auf den Punkt fettgebadet, goldgelb knusprig aber nicht keksig.

Das ist spitze, das ist einwandfrei, nächstes Mal bringe ich den Hamster des durchgeknallten Hyperaktivnachbarsjungen, der immer bis abends seine Bauklötze gegen meine Schlafzimmerwand schmeißt, zu Curry 7. Wenn die mit ihm fertig sind, ziehe ich ihm einen Bindfaden durch die linke Augenhöhle und verticker‘ ihn auf dem nächsten Kreuzberger Kunst- und Trödelmarkt für teuer Geld an irgendeine in den 70ern hängengebliebene Idiotenhippieoma als heilendes kubanisches Amulett oder von einarmigen bolivianischen Knastkindern handgetöpferten indianischen Ohrring. Damit gehe ich in Serie und werde reich. So machen wir das.