Borgwürfelkaffeescheiße

„Hey, komm‘ doch mal auf nen Kaffee vorbei, dann quatschen wir ’ne Runde.“ sage ich zur Vorstandsvorzimmerschnepfe im Fahrstuhl. Warum habe ich das gesagt? Keine Ahnung, man sagt das so. Bla Bla Bla. Buzzwords. Floskeln. Sinnlose Konversation als Schlusspunkt eines ermüdenden Fahrstuhlgesprächs über das Wetter, Babys, Umstrukturierung oder die S-Bahn, die wieder zu voll war.

Meine Güte. Kaffee. Die Vorstandsvorzimmerschnepfe. Bin ich nass? Hoffentlich kommt die nicht.

Keine Bange. Die kommt nicht. Denn Einladungen wie diese meint niemand ernst und jeder weiß das. Gestalten wie wir gehen im Borgwürfel, dem unglaublichsten aller sensationellsten Arbeitsplätze dieser saubersten, freundlichsten und mit Abstand am besten regierten Hauptstadt der Welt, zum Kaffeetrinken in andere Büros ausschließlich, um Ränke zu schmieden, Allianzen zu bilden oder Entscheidungen zu treffen, die später beim Meeting in der bewährten Überrumpelungstaktik von zwei, drei Stakkatoargumentierern aus verschiedenen Seiten gegen ein davon immer überraschtes Auditorium durchgeboxt werden. Und das sind die einzigen Gründe. Sonst geht niemand zu anderen blöden Idioten, die keiner leiden kann, Kaffee trinken, schon gar nicht aus Zuneigung, Sympathie, Freundschaft gar. Hier ist der Borgwürfel, hier ist niemand sympathisch und Höflichkeitseinladungen sind das was sie sind: Höflichkeitseinladungen. Schall und Rauch. Ich mag gar nicht, dass irgendwer von denen zu mir zum Kaffee trinken kommt, schon gar nicht die Vorzimmertratsche, und ich gehe auch freiwillig nirgendwohin einen Kaffee trinken, außer ich verspreche mir davon irgendwas. Herrschaftswissen. Kellerleichen. Eine Allianz. Die temporäre Abrede zu einer Argumentationsüberrumpelung fürs nächste Meeting. Vielleicht maximal einen Tipp für den nächsten Kunden, den mal ein anderer hatte. Was mag der? Was nicht?

Sätze wie dieser „Komm doch mal auf einen Kaffee vorbei“-Bürofickgesichtscheißdreck sind vergleichbar mit „If you’ll be in Austin someday, you MUST visit us. My wife and me will be grateful to welcome you as our guest.“, die der dumme laute Südstaater kürzlich rausgehauen hat, der auf Einladung der Geschäftsleitung im Borgwürfel war und für dessen Begleitung in die scheiß Mercedes-Benz-Arena zu irgendeinem scheiß Event sie ausgerechnet mich verdonnert haben, was so toll funktioniert hat, dass ich den Texashonk später auch noch zum Flughafen begleiten musste. Nach Tegel. Ins Chaos. In den beschissensten Flughafen des Universums, der überhaupt nicht mehr funktioniert. Weil in Berlin nichts funktioniert. Da war der dann. Mit mir. Und mochte mich natürlich. Weil solche Leute mich immer mögen. Und wenn sie mich mögen, erzählen sie mir Dinge, die ich nicht wissen will, und sprechen Einladungen aus, die sie nicht ernst nehmen und die ich annehme ohne sie je zu nutzen, denn es sind sowieso nur Schall-und-Rauch-Einladungen, die die Luft für ihren Ausspruch nicht wert sind, ich könnte streng genommen, wäre der Geschäftstalkbullshitmist ernst gemeint, überall auf der Welt irgendwen besuchen, würde ich die Erfüllung dieser Einladungen tatsächlich so ernst nehmen wie sie vorgetragen werden.

Aber nein. Kuckuck. Das meinen die nicht ernst. Nie. Früher als Berufsanfänger dachte ich noch „Cool, jetzt hast du einen Pennplatz in Austin/Seattle/Brüssel/Mailand/Chisibubikaio.“ Alter Punkerirrweg. Klar, damals galt das. Ich hatte damals im Notizbuch Adressen von Siffern aus ganz Deutschland, ich konnte überall übernachten, von Düsseldorf über Herne (die hasslichste Stadt der Welt, der Wahnsinn, schlimmer als Gießen) bis Bremen und Vogtland (der unverständlichste deutsche Dialekt, da geht nix, sogar schlimmer als sächsisch) – besetzte Häuser, Kack-WGs, Punkerbuden, eine Einladung war eine Einladung und galt, auf Gegenseitigkeit. Immer. Ehrensache. Die halbe Welt pennte damals auf meiner Couch. Nordiren. Südbayern. Ostpolen. Einmal ein Mexikaner. Allen hatte ich irgendwann irgendwo besoffen, halbbesoffen oder sogar stocknüchtern mal einen Pennplatz angeboten für den Fall, dass sie mal in Berlin sind. Und fast alle haben das genutzt. Jeder kam irgendwann mal nach Berlin. Ding Dong. Zu mir. Und das war okay. Da ging das. Das waren Punks, meine Güte, und eine Einladung war ein Ehrencodex, so ehrlich gemeint wie sie ausgesprochen wurde.

Heute ist das anders. Und zwar diametral. Die Anzahl der Einladungen verhält sich reziprok zu dem Willen, den Depp gegenüber, den man eingeladen hat, tatsächlich auf seiner Couch sehen zu wollen.

„You HAVE to visit us in Cardiff. Call me when you’ll arrive and I’ll pick you up. I will be very happy to welcome you … bla. Blaha.“

Wollen die nicht. Die wollen keinen sehen. Die fallen tot um, wenn Sie in Cardiff an der Tür stehen und bimmeln. „Oh my goodness, look, it’s the boring german controller of that ugly Berlin Borgwürfel. Silent! We are not at home, not at home. And jeeez – go the fuck away from that window!“. Merke also: Das alles ist nicht real, es ist nur Höflichkeit. Nehmen Sie es nicht für bare Münze. Besuchen Sie diese Leute nicht zuhause. Ersparen Sie sich eingefrorene Gesichter. Peinliches Schweigen. Hektisch rausgekramte Kekse. Zu schnell gekochten Kaffee. Und dieses erleichterte Aufatmen, wenn Sie endlich gehen.

So ungefähr ist das auch mit meinen Einladungen zum Kaffee. Die Einladungen aller zum Kaffee. Gehen Sie nicht hin, niemand will Sie da sehen, ich am allerwenigsten. Ich habe gar keinen Kaffee im Büro, ich müsste irgendwo einen schnorren, um Sie bewirten zu können, was mich wiederum irgendwem einen Gefallen schuldig werden lässt, von dessen Gegenwert ich nicht einmal etwas habe, nur ein sinnloses Gespräch über Allgemeinplätze mit Ihnen – einem der langweiligsten Menschen der Welt, der sogar noch langweiliger ist als ich. Nochmal: Ich will Sie nicht sehen. Bleiben Sie weg, lassen Sie es, kommen Sie nicht auf einen Kaffee vorbei, es wäre peinlich für mich und für Sie erst recht, vor allem, weil wir keine anderen Themen haben werden als die, die wir heute nicht eh schon im und während des Wartens auf den Fahrstuhl in quälenden Minuten durchgekaut hätten: Wetter. Babys. S-Bahn. Umstrukturierung. Kommen. Sie. Nicht. Unter gar keinen Umständen. Denn ich bin nur höflich. Ich meine das gar nicht so.

„Komm‘ doch mal auf ’nen Kaffee vorbei, dann quatschen wir ’ne Runde.“

Wehe.