Kot, Müll, Guano und Kotze

Der S-Bahnhof Schönhauser Allee ist ein vergewaltigtes und dann liegengelassenes Bauwerk.

Finster ist es hier unten geworden, ungastlich, was daran liegt, dass die Verantwortlichen irgendwann in den 90ern ohne Sinn für Ästhetik und Stil einen Sarkophag aus Beton und Stahl über das historische Dach des ehemals freistehenden S-Bahnhofs gezogen haben, um den Bau der Schönhauser Allee Arcaden statisch zu ermöglichen.

Sie sieht eklig aus, diese gewaltsame Kombination des modernen Massiven über dem historisch Filigranen, sie leben hier Berlin die architektonische Verachtung so, als verklappen sie nicht mehr zu entfernenden Giftmüll in einem Betongrab – es ist eine bauliche Machtdemonstration im Funktionswahn ohne jegliche Rücksichten, düster, derb, kalt.

Und die Neonfunzeln, die das historische Dach früher problemlos hätten beleuchten können, kapitulieren, obwohl sie neu sind.

Manchmal, mit etwas Glück, trifft ein Sonnenstrahl gerade noch die eigenen Fußspitzen, aber nur, wenn Sie Richtung Süden direkt an der Bahnsteigkante stehen.

Richtung Norden haben sich in der Düsternis Stalagmiten aus dem Guano der unzähligen Tauben gebildet, sie überdecken in beeindruckender Menge die Klinkereinbuchtungen und die Stromschienen bis fast an den Bahnsteig heran.

Es ist ein unwirklicher Anblick, der den sowieso schon verwahrlosten Eindruck konsequent komplettiert, sekundiert von Zigarettenkippen, Kaffeebechern und Bierflaschen.

Der Gleiskörper, den die S-Bahn überfährt, beherbergt bis zu den Abhängen hinauf den Müll aus allen Epochen des Bezirks. Oft überfährt die S-Bahn auch Lebensunwillige. Dann ist wieder eine Stunde Pendelverkehr und die Fahrgäste schimpfen.

Selbst die Penner betteln lieber oben an der Oberfläche und nicht hier in der Dunkelheit, in der die Menschen sie noch geflissentlicher als in der Sonne ignorieren könnten.

Der deprimierte Zeitungsverkäufer mit seinem Lungenkrebshusten, der als einer der letzten seiner Profession das untere Ende der Treppe einräuchert, ist schon zu früher Stunde so verzweifelt, dass er jedem, der keine Zeitung kaufen will, ein ohrenbetäubendes „Morgäääään!“ hinterher brüllt. Ob das den Absatz steigert, kann ich mit einigem Recht verneint werden, denn die Leute laufen nur schneller. Doch niemand kauft mehr bedrucktes Papier.

Die S-Bahn hat hier einen Service Store eingerichtet, dessen Mitarbeiterin nicht einmal so tut als würde sie darüber nachdenken, zum Abkassieren ihr Klarmobil-Flatrate-Telefonat mit ihrem Ficker zu unterbrechen, den sie auch während sie mir das Rückgeld gibt ohne Unterbrechung weiter beschimpft und einen Kackvogel nennt, wodurch ich beim Gedanken an das Taubenguano draußen schmunzeln muss, was sie leider nicht versteht und mich böse anblickt.

Ihr Service Store wurde schon eine Woche nach Eröffnung vollständig bemalt, von der Nordseite von Menschen bekotzt und von der Südseite von Hunden bekotet – ein quasi gattungsübergreifendes Joint Venture derjenigen, die es hier in Berlin nicht zur zivilisatorischen Reife bringen. Eigentlich müsste zur Vervollständigung noch ein Fahrradfahrer davor stehen und den Service Store anbrüllen. Ein solcher fehlt aber aus irgendeinem Grund.
Wo sonntagmorgens kein Kot, Müll, Guano oder Kotze liegt, liegen Scherben von Bierflaschen, Besoffene liegen mit feuchter Hose quer über alle vier der vorsätzlich wenigen vorhandenen Sitzplätze, Witzige entfernen gerne den Boden unter den Mülleimern und erfreuen sich an dem Haufen Unrat, auf den sich wiederum Fliegen stürzen, die vorher noch an einer alten Taubenleiche knabbern mussten, besoffene skandinavische Pub Crawler erfreuen sich an dem Geräusch berstender Wodkaflaschen an der Guanowand während verzogene Prenzlauer Berg-Gören quengeln, weil sie hier weg wollen, was ich ausnahmsweise verstehen kann.

Licht, möchte man rufen, mehr Licht! Leuchtet alles aus! Renoviert! Macht sauber! Ein bisschen wenigstens… oder gleich Law and Order. Evakuieren. Kärchern. Ausbrennen. Neu eröffnen.

Aber auf die Idee kommt ja wieder niemand, der irgendetwas zu sagen hat. Hier fährt ja nur die S-Bahn. Wenn sie fährt.

Es gibt viele Bahnhöfe in dieser Stadt, deren Aufenthaltsqualität kaum mehr meßbar ist, doch der hier hat den Spitzenplatz.