Braindead im Gesundbrunnencenter

Das Gesundbrunnencenter (GBC) drüben im immer noch sehr schönen Ortsteil Wedding, wird aufgefressen. Von seinem eigenen Erfolg.

Es ist nicht zu verhehlen, dass dieses vollkommen absurde Monster von Einkaufszentrum allen anderen umliegenden wie zum Beispiel meinen kleinen blöden Schönhauser Allee Arcaden in Prenzlauer Berg mit seiner schieren Größe den Rang abläuft, was bedeutet: Deutlich mehr Geschäfte auf deutlich mehr Ladenfläche ergeben deutlich mehr Scheißdrecķ zum Kaufen. Der Wedding hat den Dicksten. Ganz klar.

Das mag das Volk und strömt nicht nur am Samstag oder am verkaufsoffenen Sonntag ameisenkoloniegleich an diesen Ort als wäre es auf der Hadsch, sondern auch an ganz normalen Arbeitstagen, wobei es den im Center dauerhaft wohnenden Jugendlichen eigentlich nur um profanes Sehen und Gesehenwerden geht ohne die Absicht, je etwas zu erwerben. Wovon auch? Die vor jedem beliebigen Weddinger Schulhof abgezogenen Smartphones, Applewatches, Turnschuhe oder von mir aus auch Pausenbrote lassen sich hier mitnichten gegen die phatte Cordon Sport Jacke aus dem Obergeschoss oder das endkrasse Oberteil mit den schnieken Glitzersteinchen von Xanaka tauschen und Bargeld, das vor dem Schulhof statt der Naturalien gerippt werden könnte, führt ja kein normaler Berliner Schüler von Verstand mehr mit sich. Wär ja weg sonst.

So bleibt den Schulschwänzern nur das Herumlungern am Zierbrunnen der Mitteletage des Centers, an dem sie sich gegenseitig das neue „Alter fick isch dein Hirnkopf und deine Schwester sein Ohrlöscher“-Album irgendeines clanfinanzierten Schulabbrechers auf dem gecrackten Androidgerät vorspielt. Tschüsch valla bin isch Gängsta.

Biste nich. Bist nur ein Großmaul mit Pickeln. Und mit 20 im Knast.

Die unzählige Pilgermasse an Leibern macht es zunächst schwer, das Center überhaupt zu betreten. Die Situation ist unübersichtlich wie am Hindukusch: Die Drehtür am Eingang stoppt jede zwei Zentimeter, fast so als stemme sie sich mit aller Macht gegen noch mehr Mensch im Raum und die danebenstehende Glastür dient ausschließlich zur Dekoration und ist daher konsequenterweise dauerhaft abgeschlossen – es herrscht strukturloses Gedrängel und Gewusel, es mischen sich Ein- und Ausreisewillige, oft geht es weder vor noch zurück, Rempeleien, es blockieren die üblichen Weichbirnen, zumeist orientierungslose Pärchen oder Omas, die mitten im Weg stehenbleiben und dumm in die Luft schauen, latente Aggressivität wie üblich ohne Ventil ist ständiger Begleiter.

Wer hier in der Nähe einen Fight Club aufmacht, in dem sich die Leute nach dem Einkaufserlebnis gegenseitig die Fresse matschig schlagen können und dafür auch nur einen Fünfer Eintritt verlangt, wird reich.

Innen ist wahlweise Nahkampf oder Slalomlaufen angezeigt, je nach Gemüt. Weichen Sie auch nur einmal aus, haben Sie fortan verloren und können diesen leicht zu Boden geneigten und für jeden wahrnehmbaren Verliererblick während des ganzen Aufenthalts nicht mehr ablegen, niemand wird Ihnen hier je wieder Platz machen, so dass Sie gezwungen sind, sich fortan im Zickzack durch dieses nicht endende menschliche Massenelend fortzubewegen, was umso härter ist, wenn Sie Frau, Kind oder einen zugelaufenen Dackel mit einem fehlenden Bein hinter sich her ziehen.

Die Alternative ist der Nahkampf: Brust raus, Schultern breit, die Ellenbogen etwa 15 Zentimeter vom Torso entfernt ohne Ansatz von Armbewegungen nach unten hängen lassen: Modell Silberrücken, welches aber der Glaubwürdigkeit halber während des gesamten Besuchs durchgehend durchgezogen werden muss was exakt so lange gut geht bis man statt der Schulkinder, Mütter und der alten Kopftuchtanten den Türsteher Murat aus dem Puff in der Pankstraße anrempelt. Good night white pride. Licht aus.

Durch dieses ganze Gewusel läuft ein schwarz uniformierter Komiker ohne Perspektive, dafür mit einem ganz furchtbar peinlich gezackten US-Fake-Polizeimützchen als wäre er beim Kölner Karneval und simuliert eine Sicherheit, die er im Ernstfall sowieso nie gewährleisten können wird. Wenn es knallt, würde er rennen, aufs Klo, und hinter sich abschließen. Bevor er seine Mutter anruft.

Wer sich von den ganzen langzeitprekären Schülern und Erwachsenen mit extrem ausladender Tagesfreizeit, die alle verfügbaren und nicht verfügbaren Sitzplätze außerhalb der Läden inklusive Brunnenrand besetzt halten und den Hunnenhorden einkaufswütiger Großfamilien mit ihren Ellenbogen nicht vom einem Besuch abhalten lässt, der dürfte schwer etwas finden können, was er hier an diesem Ort nicht zu finden imstande wäre, würde er es denn hier finden wollen.