Wave-Gotik-Treffen 2019

Fünf Tage Leipzig. Ich bin in Plagwitz einquartiert. Plagwitz bringt mich zur Frage, was Heike wohl heute macht.

Heike wohnte in den 90ern in Plagwitz. Ich war oft bei ihr. Bei Heike war immer Platz. Heike hat immer ihre Türe aufgemacht. Und sich gefreut, was daran lag, dass sie meistens stoned war. Von der ganzen Fresserei, die das Stonedsein zur Folge hatte, wurde Heike früh schon vor der 20 dick und schwabbelig.

Heike war ein für die Zeit, in der solche Menschen in meinem Umfeld selten wie ein lebender Dodo waren, ungemein guter Kerl. Heike war bis heute der einzige Mensch, bei dem ich je heulen konnte ohne dass der sofort überfordert war. Heike drückte mich an ihre schwabbelige Brust und dann war die Welt in Ordnung. Zu Heike gehen war wie nach Hause kommen. Manchmal besuchte ich Heike, nur um mal wieder weinen zu können. An ihrer schwabbeligen Brust. Und ich weiß wie krank sich das anhört, doch das stört mich nicht, denn Sie wissen gar nicht, wer ich bin, Ihnen kann ich alles erzählen so wie ich Heike alles erzählen konnte, die nie urteilte, immer zuhörte und trotz der Kifferei immer die Dinge in einer ungemeinen Präsizion begriff und genau den Punkt erfasste, wenn es Zeit für sie war, den Punkt zu erfassen.

Ich weiß nicht, ob Heike jemals gefickt hat, mich zumindest nicht. Heike war keine, die man fickt, zu Heike kam man nach Hause. Ließ sich mit ausgebreiteten Armen empfangen. Heute ist mir so klar, wie hart das für sie gewesen sein musste, die Leute, die wegen des Dopes kamen, nur wegen des Dopes, oder ich, wegen des Dopes und zum Reden. Zum Heulen. An der großartigen schwabbeligen Brust.

Was macht Heike heute 2019? Lebt sie noch? Arbeitet sie irgendwas? Floristin? Fabrik? Dienstleistung? Irgendwas Prekäres im Internet? Soziologie. Heike hat Soziologie studiert, als das noch ein ernstzunehmendes Fach war und keine Sammelstelle für völlig durchgeknallte Neurosenkavaliere. Ich habe den Kontakt verloren, bin irgendwann wieder zurück nach Berlin gegangen, nach diesem einen Frühling in Plagwitz, heruntergerockte Fassaden, unverputzt oder nicht mehr verputzt, die alten Bimmelbahnen, der Geruch nach Braunkohle, jeden Tag billiger Halloumi im Brot, und Dope, Dope, keine Verantwortung für nichts, keine Idee, keine Zukunft, dieses vor sich hingurken, das nur gut geht, wenn man so jung ist.

Ich habe das mit Menschen oft so gemacht. Angedockt. Ausgesaugt. Weitergezogen. Zu neuen Menschen. Immer wieder zu neuen Menschen. Wenn es zu eng zu werden drohte, zog ich fort.

So war das auch mit Heike. Was ist sie nun? Mutter? Professorin? Tot? Kein Plan. Ich habe sie nie wiedergesehen. Ich habe mich nie gemeldet. Heute würde ich so einen Menschen wie Heike heiraten, weil die so selten sind, weil ich dieses Gefühl von nach Hause kommen nie wieder so hatte, bei niemandem. Aber vielleicht ist es nur der Grauschleier der Erinnerung, der hier die Texte für das Internet gnädig einfärbt.

Plagwitz wirkt schon halb durchgetrifiziert. Tofu. Yoga. Fucking Fritz Kola. Bioscheißeläden. Drecks vegane Stoffklamotten. Und Schuhe. Auch vegan. Drüben in der Gießerstraße sehe ich ein paar restbesetzte Häuser mit altbackenen 90er-Parolen, die so süß aus der Zeit gefallen wirken, dass ich die Transparentmaler gerne mal ganz fest drücken möchte. Sonst wirkt der Stadtteil fast so saubergeleckt wie Berlin-Prenzlauer Berg, mein superkorrektes Kackdorf, in dem ich dann doch irgendwann Wurzeln geschlagen habe. Hier in Plagwitz haben sie auch eine International School mit International Kindergarten, aus deren Ausfahrt blasierte internationale Schnöselkinder latschen und überschminkte Muttis ihren absurd großen Audi lenken. Plagwitz goes Prenzlauer Berg. Da ist es fast schön, dass in der Bimmelbahn Richtung Hauptbahnhof ein alter Zonendödel in alten blöden Lederriemenlatschen rumbrüllt, dass die Bahn in der DDR viel besser organisiert war und dass man deshalb die Mauer wieder aufbauen müsse. Mauer! Wiedo! Üffbäün! Doch niemand regt sich auf. Keiner mag mit ihm diskutieren. Sie schauen alle nur mitleidig. Und tippen dann wieder Dinge in die Smartphones. Auch aus der Zeit gefallen, der Lederlatschentyp und seine DDR. Und niemanden interessiert es. Welt. Dreht sich weiter. Das tut sie immer schon.

Es ist Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Ich bin alleine hier. Endlich mal nicht reden müssen. Endlich mal niemandem irgendwas erklären müssen. Keine Aufschneider. Großmäuler. Nur Außenseiter. Hier muss ich endlich mal nicht so tun als wäre ich der Kerl, der sich immer durchsetzt, Verträge durchknüppelt, Duftmarken setzt, Beine wegtritt, bevor sie mir die Beine wegtreten. Hier kann ich an der Bar stehen und zu der Frau hinter mir sagen „Sorry, ich versuche schon die ganze Zeit zu bestellen, aber ich komme nicht durch“ ohne den Babo markieren zu müssen, weil ich wieder einmal vom Barpersonal ignoriert werde und alle anderen vor mir ihr Getränk bekommen. Ist mir hier egal. Ist halt so. Hier muss ich nicht den Babo machen, weil Babo machen ein großer Aufwand ist, den ich mir spare wo ich kann. Dienstag geht das wieder weiter. Da tue ich dann wieder so als wäre ich einer, der ich gar nicht bin.

Ich mag die Leute hier. Mochte sie immer. Vielen sieht man an, dass sie immer schon am Rand standen. Ausgelacht wurden. Gemobbt. Geschlagen möglicherweise auch. Ich fühle mich hier wohl. Die Leute tun niemandem etwas und sind immer so viel freundlicher als sie aussehen.

Ich bin froh, mit niemandem aus Gründen von Höflichkeit oder für Geld reden müssen wie ich das sonst in meinem ganzen Leben machen muss. Ich blocke quasi jeden Versuch der Kontaktaufnahme durch andere Menschen alleine dadurch ab, dass ich permanent mit suizidaler Musik im Kopfhörer herumlaufe, damit keiner auf die Idee kommt, mich anzusprechen, und nehme sie nur zu Konzerten ab, wobei mich tatsächlich auch hier immer mal wieder eine hier oder einer da anspricht und mir Dinge erzählt, die ich nicht wissen will. Das liegt daran, dass ich ein Gesicht habe, das eine bestimmte Sorte Menschen dazu animiert, mir ihre Dinge zu erzählen.

„Ich möchte nicht.“, sage ich dem MDR-Mann, der mir ein Mikro vor das Maul hält, während sein Kameramann auf mich draufhält. Nein. Ich möchte nicht. Ich möchte nichts erzählen müssen. Ich möchte nur meine Ruhe. Mein ganzes verkacktes Leben muss ich Dinge tun, die andere von mir wollen, reden reden reden und mehr reden, sagen was sie hören wollen, kaufen was sie anpreisen, und mir ihren Sermon anhören. Ich bin alleine hier und gerade dass das so ist, macht mich glücklich. Solange niemand mit mir sprechen will. Oder Dinge von mir wissen will. Mir ein Mikro ins Gesicht hält. Oder den Moment meiner Whiskybestellung an der Whiskybude (Laphroig) nutzt, um mir zu erzählen, dass er aus Gladbeck kommt und seine Kumpels verloren hat.

Einmal treffe ich einen Engländer, der mir hilft, den Weg in eine verwinkelte Ecke der Moritzbastei zu finden, in der ein Konzert gegeben wird, das ich sehen will. Er fragt mich nach meinem Namen und gibt mir seinen, den ich natürlich zwei Sekunden später vergesse. Dumm nur, dass der Typ – offenbar haben wir mit Coldwave den gleichen Musikgeschmack – mir alle Nase lang über den Weg läuft, von Weitem schon winkt und „Hello Mark!“ ruft. Und ich weiß nicht wie er heißt und taufe ihn John. Wie John Doe. Den ganzen Rest des Festivals verbringe ich damit, den Horizont nach John abzusuchen, um ihm nicht begegnen zu müssen, was nichts hilft, denn er findet mich zuverlässig immer wieder. Er ist ein Socializer, der meinen Namen nie wieder vergessen wird und mir vor Augen führt, dass ich ständig Namen vergesse, wenn ich nicht dafür bezahlt werde, sie auswendig zu lernen. Ich hasse Socializer. Die das mit dem Namen merken ohne jeden Aufwand beherrschen. Ich muss bei geschäftlichen Kontakten im Kopf immer wieder die Namen durchdeklinieren, weil sie sonst verschwinden wie Wasser durch ein Küchensieb.

Die Außenseiter, mit denen ich mir im Hostel zwar nicht das Zimmer, jedoch das Bad teile, sind sehr reinlich. Oder das Auftoupieren der Haare dauert lange. Es sind drei Frauen, was dazu führt, dass das Bad ist so dauerbesetzt ist, dass ich zum Kacken andere Etagen aufsuchen muss.

Ich bin quasi von Donnerstag bis Montag durchgehend besoffen. Die Kunst ist, den Pegel des Rauschs konstant zu halten, ohne dass die Dinge kippen. Werde ich zu nüchtern, kippe ich nach. Kein Bier, ich bin Wirkungstrinker. Bier ist scheiße, denn sobald es Wirkung entfaltet muss man ständig pissen, was angesichts der räudigen Festivalklos immer eine üble Sache ist. Whisky. Cola. Rotwein. Eher Rotwein. Sanfterer Rausch. Damit komme ich fünf Tage gut zurecht.

Manchmal hilft das auch, die Kostüme zu ertragen. Ein wenig kommt es mir vor wie Kinderfasching, wenn die kleinen Mädchen ihre knuddeligen Plastikfledermausflügel auf den Rücken schnallen und die dicken Jungs mit ihren schwarzen gebogenen Teufelshörnchen um die Stirn gebunden durch Leipzig watscheln. Da gefallen mir die Steampunks schon besser. Oder die ganz normal schwarz Angezogenen ohne die hier doch schon raumgreifende Laufstegattitüde, die mich immer wieder an diesen uralten, aber so schön ehrlichen Gruftiklassiker denken lässt.

Manchmal laufe ich alkoholmäßig auf Grund. Die Moritzbastei ruft während des Konzerts der großartigen La Scaltra Freitagnacht 8,50 Euro für einen Jack Daniels-Cola ab. Normale Mischung, kein Burner. Kein doppelter Jack. Aber das ist gute Übung. Der Spar Express am Hauptbahnhof nahm mir 5,29 Euro für eine lumpige Dose Jacky Cola ab. Es nähert sich so langsam das skandinavische Preisgefüge. Und das lehne ich ab.

Einmal bin ich bei The Soft Moon im Volkspalast. Nebenan findet eine Veranstaltung statt, vor deren Eingang Afrikaner afrikanisches Essen verkaufen. Ich mag afrikanisches Essen. Als ich eines davon kaufe, kumpelt mich eine Frau schulterklopfend auf Schwäbisch an und lädt mich zu der Veranstaltung ein. Mit dieser wanzigen „Ich bin okay, du bist okay“-Tour. Was die da machen ist ein christlicher Kongress, auf den ich so viel Bock habe wie auf Eichelkrebs, also labere ich mich aus dieser Situation irgendwie raus und gehe fortan der schwäbischen Kongresschristin aus dem Weg wie John dem Supersocializer.

Auf der Moritzbastei ist ein Mittelaltermarkt aufgebaut. Mittelaltermärkte interessieren mich nicht. War mir immer schon vollkommen fremd. Met. Holzschwerter. Dicke bärtige Männer in Kettenhemden. Spanferkelspieße. Ich bin hier sowieso nur auf Nostalgietour. Unten in der Moritzbastei habe ich die erste schwule Erfahrung meines jungen Lebens gemacht. Auch in den 90ern. Auch im Heike-Frühling. Ein Theatermensch. Gutaussehend. Verwegenes Gesicht. Name vergessen, aber nicht seinen Stoppelbart und seine unglaublich guten Küsse. Das war der Auftakt zu einer Wahrheit, die sich danach immer wieder bestätigen wird: Männer küssen besser. Jeder Mann hat ausnahmslos besser geküsst als jede Frau in meinem Leben. Nicht so passiv. Fordernd. Kraftvoll. Heiß.

Ich habe alte Erkennisse erneuert und neue gewonnen:

1. Pachouli stinkt. Stank schon immer. Und durch Leipzig ziehen Schwaden davon.

2. Hoteliers wissen schon wie sie es machen müssen. Ich zahle in einer abgelegenen Ecke ohne Konkurrenz ein 10,50 Euro-Frühstück, bestehend aus einem traurigen Potporée aus Aufbackschrippen, billigstem Aufschnitt, Pulverrührei und einem Obstalat aus Äpfel und Orangen. Immerhin war der Kaffee gut.

3. Manch witziges italienisches Restaurant bietet ein Gothicmenü an. Mit Draculapasta.

4. Die Sätze „Wieso fährt hier eigentlich keine Straßenbahn mehr? Ist doch erst ein Uhr.“ aus dem Mund eines Berliners in einem Taxi voller Leipziger ist möglicherweise nicht der beste Satz der Nacht gewesen. Jeder mit einem Brotmesser hätte das darauf folgende Schweigen im Wagen in Scheiben schneiden können.

5. In der Straßenbahn habe ich gelesen, dass Leipzigs Eichenbestand von Schwammspinnern bedroht ist. Schwammspinner ist ein toller Name für einen Blog. Schwammspinner – Leipzig ist nicht Haiti.

6. Und ja, umwerfende gut aussehende Frauen und Männer haben sie da auf dem WGT. So gar nicht verbirkenstocklatscht wie der Rest des Landes. Ob das immer noch so ist, wenn einer der Menschen morgens ungeschminkt neben Ihnen aufmacht, muss ich auf jeden Fall bezweifeln.

7. Im Volkspark Kleinzschocher habe ich die morgendliche Laufrunde absolviert. Bemerkenswert ist, dass jeder Leipziger Läufer hier im Park in Richtung eines entgegenkommenden Läufers freundlich zwei Finger zum Gruße hebt wie sich begegnende Motorradfahrer. Das ist nett. Natürlich machen das nur die Männer. Wichtig dabei: Grüßen Sie keine Frauen. Die kucken Sie an wie einen Triebtäter.

8. Um in den Volkspark Kleinzschocher zu kommen, muss ich Plagwitzens Bürgersteige überleben. Es ist quasi eine Mondlandschaft, es sind die schlimmsten Bürgersteige, die ich jemals gesehen habe, selbst in Usbekistan, Transnistrien und sogar in Berlin haben die Bürgersteige weniger Schlaglöcher, dicke Rillen oder wie tektonische Erdplatten übereinander geschichtete Asphaltblöcke. Irre. Was ich da mache ist quasi ein Crosslauf.

9. Auf dem Wave-Gotik-Treffen sind viele alte Leute Ü60 da. Das hat so was Makaberes, so kurz vor der Kiste noch eine Runde über ein Gothicfestival zu drehen.

10. Habe ich mich beschwert, dass Pissen in Deutschland 50 Cent kostet und dass die Deutschen so blöd sind, dass man eigentlich auch einen Euro verlangen kann? Kann man. Macht einer. Im Leipziger Hauptbahnhof. Ein Euro. Das ist dann auch der Moment, an dem Wildpissen ein Akt des Widerstands wird. Am Besten gegen das Auto von Pisslochabzockbetreibern.

Zwei Arschlöcher habe ich getroffen:

1. Ein Taxifahrer: „Jalla, fahr doch! Scheiß Frauen wieder! Fahr, jalla jalla, scheiß Frau. Ach gugg, die mit die schwarzen Klamotten, immer so traurig, so traurig, müssen mal richtig gefickt werden.“

2. Ein wurstbratender Sachse, der die billigste Kauflandkackbratwurst der Welt auf einen völlig verkeimten Grill geknallt und für unfassbare drei Euro vertickt hat. Auf dem alten Messegelände. In dessen Umkreis von vier Kilometern es nichts anderes zu essen gab. Du hässlicher Bastard. Ich habe dir eine abgekauft. Innen kalt und außen verbrannt, das schäbige geschmacklose Ding. Ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen und Hunger. Und du wusstest, dass das so sein wird. Du dreckiger Grillmonopolist mit deiner Sägespänebratwurst. Drei Euro. Brenne in der Hölle.

Essen. Ich habe, wenn es asiatisch war, immer sehr gut und günstig gegessen. Das war hier:

Mam Mam
Zschochersche Str. 25, Plagwitz
https://maps.app.goo.gl/XW1D1x9LZycxsBib6

Fam Tran Phat
Karl-Heine-Straße 38, Lindenau
https://maps.app.goo.gl/YN3WkwkS67HxvizR8

Und den Big Vegan TS von McDonalds habe ich gegessen. Der war zum Kotzen. Da hätte die Pappe der Verpackung vermutlich besser geschmeckt. Geschmacklos, furztrocken, ein lukullisches Trauerspiel. Ich musste es mit dem Ketchup der Pommes zuschütten, um das Ding überhaupt den Hals runter zu kriegen. Ein ekliger Scheißdreck. War ja klar. Vegan. Und McDonalds. In Kombination. Muss ja kacke schmecken und tut es auch. Und weil das nicht reicht, habe ich übelste Blähungen aus der Hölle davon bekommen und das ganze Fehlfarben-Konzert vollgefurzt.

Doch auch einen richtigen Burger einzuwerfen, kann eine falsche Entscheidung sein, zumindest wenn man es im Täubchenthal tut. Die haben draußen einen Foodtruck stehen, der den teuersten schlechten Burger der Welt macht. Acht Euro. Mieses Tiefkühlpaddy, eine Tomatenscheibe mit Strunk, einen Gurkenschnitz, eine Zwiebel, kaum Soße und trotzdem fällt das Ding komplett auseinander, weil der Typ zu blöd ist, das Fleisch abzutupfen und es – weil es so scheiße ist – Wasser verliert wie Hulle. Ein ekelhaftes Ding.

Das war das WGT. Mehr war nicht.


Durch Zufall auf diesen Text hier aus dem Jahr 2017 gestoßen. Gut. Liest sich gut.


Zugabe I: Diese ängstlichen Blicke, wenn Sie in einen Flixbus zusteigen und es keine freien zwei Sitze mehr gibt, sondern Sie sich zwangsläufig zu jemandem dazusetzen müssen. Alle diese Blicke sagen „Bitte bitte bitte lass den sich nicht neben mich setzen, ich möchte meine zwei Sitze behalten.“ Manche stellen sich tot und fläzen auf halb elf über zwei Sitze und spekulieren darauf, dass sie um 22 Uhr doch niemand wecken wird. Andere haben eine Burgwehr aus Rucksäcken, Tüten, Taschen und einer alten Unterbuxe gebaut als beabsichtigen sie, den Nachtkönig abzuwehren. Nur Frauen sind safe, weil sie wissen, dass jeder Kerl, der sich neben sie setzt, sich damit quasi gleich „Vergewaltiger“ auf die Stirn schreiben könnte. Ich wähle einen Typen um die 40, Bart, mit einem Buch aus Papier in der Hand. Weil ich weiß: Der stinkt noch nicht und macht im Zweifel kein Leuchteinferno mit dem Smartphone.

Zugabe II: Ich bin so introvertiert, dass ich die Frau, die mich in Leipzig am Flixbusterminal angesprochen und zugetextet hat, erst im Flixbus durch die Wahl eines vereinzelten freien Platzes und später am Alexanderplatz fast schon gekonnt geheimdienstlike abgehängt habe. Tasche gekrallt, als sie noch ihren Koffer im Buskofferkabuff suchte, rüber zur S-Bahn, kurz ein paar Budenpommes geschossen und dann durch den Untergrund zur M4, an deren Haltestelle ich sie von Weitem sah. Worauf ich sie in sicherer Entfernung mit den Pommes in der Hand in die erste Bahn einsteigen ließ und auf die nächste wartete. Alles das nur, um nicht noch einmal mit ihr reden zu müssen.