Bretagne

Bretagne. Was mir immer wieder auffällt, ist, dass es Franzosen offensichtlich widerstrebt, fürs Pissen Geld zu verlangen. Oder es ist verboten wegen Grundbedürfnis und so. Das ehrt sie. Sie können hier in der Bretagne überall auf jedem Klo strullern, nirgendwo sitzt jemand davor und knöpft Ihnen 50 Cent für sein stinkendes Kackloch ab oder installiert aufwändige Automaten mit Drehkreuz, in die Sie sogar eine Geldkarte reinstecken können, nur um pissen gehen zu dürfen. In Deutschland kommen zwei Dinge zusammen, die es möglich machen, den Menschen 50 Cent fürs Pissen gehen abzuknöpfen: Strikte Analfixierung und unbedingtes Obrigkeitsdenken. Mit den Deutschen können Sie alles machen. Wäre ich Pisslochbesitzer, würde ich an der Autobahnraststätte, im Club oder auf Jahrmärkten, an denen ich das Monopol aufs Pissengehen habe, einen Euro verlangen. Weil auch das keinen Widerstand geben und auch nicht vom Gesetzgeber reguliert werden würde.

Würden Sie in Frankreich damit anfangen, von den Menschen 50 Cent für jedes Pissen zu verlangen, würden die Bauern mit Treckern wahrscheinlich die Autobahn blockieren, die Lastkraftfahrer die Bundesstraßen und die Studenten würden die Pariser Innenstadt anzünden.

Ich habe gelesen, dass die deutsche Regierung sich gegen eine CO2-Steuer sträubt, um keine Gelbwestenbewegung zu provozieren. Bitte? In Deutschland? Eine Gelbwestenbewegung? In dem Land, in dem die Leute für das Tragen einer Gelbweste außerhalb einer Havarie erst einmal eine Genehmigung beantragen und eine Bahnsteigkarte kaufen würden. Weil das bestimmt verboten ist. Weil nirgendwo steht, dass das ausdrücklich erlaubt ist. Denn wenn es nicht ausdrücklich erlaubt ist, dann ist es sicherlich verboten. Da kann man nix machen.

Elegant sind die Franzosen. Männer wie Frauen. Erst im Ausland realisiere ich immer so schmerzhaft, wie schlumpfig viele Deutsche gekleidet sind. Batik. Birkenstock. Zottelkopf. Weiße Socken in Trekkingsandalen. Der Deutsche ist Naturbursche und vernachlässigt sein Erscheinungsbild über jede Schmerzgrenze hinaus. Frankreich ist in diesem Segment sensationell. Beide Geschlechter. Fahren Sie Richtung Osten, sind es, sobald Sie die Oder überqueren, nur die Frauen, die blendend aussehen, während die Männer aussehen wie Deutsche. Polen, Ukraine, Ungarn, Tschechien. Frau top, Männer Schlumpf. Doch niemand in Europa sieht selbst in legerer Klamotte immer so gut aus wie der normale Querschnitt der Franzosen. Tut mir leid, Deutschland, ja, ich weiß, immer vorne, immer oben, aber bei der Optik abgeschlagen. Und das war immer schon so.

Das war ja klar, dass ich mitten in der 20 km-Laufrunde über Feldwege, Stock, Stein und ewige Weiten exakt am Wendepunkt mitten im Nichts kacken muss. Und nein, ich kacke nicht im Feld. Lieber kneife ich zehn Kilometer lang die Arschbacken zusammen und laufe wie ein Gehbehinderter, um mich nicht einzuscheißen. Nein. Kein Feld. Auch kein Strauch. Ich kacke nicht im Freien.

Aber ich habe ein Runners High von Rammsteins Waidmannsheil bekommen. Mehrmals. Leichte Beine, unendliche Luft und Geschwindigkeitsrausch. Ich und die Musik. Empfindung jagt Empfindung. Mein Hirn ist sehr freigiebig und schüttet all die Dinge aus, die es hat, wenn Musik läuft. Und Rammstein ist immer gut für so etwas. Ich wäre vermutlich auch mit Begeisterung zu Wagnerklängen im Ohr und mit Speed in der Nase aus Flugzeugen gesprungen.

Mit Vodafone sind Sie in der Bretagne in den Arsch gefickt. Selbst mit O2, dem nichtsnutzigen Ghul aller Provider, kommen Sie in der Bretagne mit LTE in der Fläche bis weit auf den Strand hinaus gut an den Start. Ich mit Vodafone habe fast durchgehend Edge. Oder nichts. Außer in St. Malo, der größeren Stadt der Gegend. Ansonsten digitale Trockenwüste. Vodafone ist ein britisches Unternehmen und ich bin in der Bretagne. Ich kann mir keinen Reim auf diesen üblen Zustand der Dinge machen.

Der Mont St. Michel (der, glaube ich, ganz knapp in der Normandie und nicht mehr in der Bretagne ist) ist die absolute Abzocke. Sagt mir ein Restaurantinhaber in Cherrueix. Man zahle dort für ein Omelette 30 Euro. Als ich da bin, sehe ich, dass das nicht stimmt. Ein Omelette hier kostet 9 Euro. Auch nicht gerade günstig und mir egal, weil ich Omelettes hasse. Doch die Aussage des Restaurantinhabers stimmt schlicht nicht. Warum macht er das? Ich vermute, er ist nicht zum Zug gekommen bei der Lizenzvergabe für die Touristennepprestaurants, von denen ich kein einziges besucht habe, weil ich nie an Touristenhotspots esse. Nie. Bis auf das Jules Verne auf dem Eiffelturm sind die immer schlechter als der Preis, den Sie dafür hinlegen. Ich checke inzwischen die Google Rezensionen. Alles über 4,5 bei über 100 Bewertungen ist immer gut, weil sich 4,5 bei dieser Bewertungenanzahl nicht zurecktfaken lassen. Ich habe auf die Art schon versteckte Geheimtipps in irgendwelchen pfälzischen Bauerndörfern entdeckt, die, wenn das alle so machen, sicherlich nicht mehr lange Geheimtipps sind. Neid. Enttäuschtes Bedürfnis. Das wird der Grund sein, warum der Restaurantinhaber in Cherrueix den Mont St. Michel in Grund und Boden redet. Er wäre gerne dort, ist es aber nicht. Es menschelt in der Bretagne.

Ich bin ein toller Fotobomber. Ich latsche bräsigen Touristen durch die Bilder, zeigte versteckte Stinkefinger oder ziehe eine Grimasse. Es gibt im Internet Sammlungen von Fotobombingbildern. Ich bin bestimmt auch irgendwo drauf, weil ich das so gerne mache. Ich finde mich gar nicht so hübsch, dass ich auf irgendwelchen Bildern für die Nachwelt, die sich für die Trilliarden geschossenen Wegwerfknipsereien sowieso nicht interessieren wird, drauf sein muss, aber das sehen Touristen immer anders. Immer wenn ich sehe, dass ich von irgendwem mitgeknipst werde, mache ich Gesten. Wacken-Pommesgabel. Stinkefinger. Halte mir den Daumen vor den Puller. Stecke mir den Finger in den Hals. Kneife in meine Brustwarzen. Oder mir fällt einfach die Zunge aus dem Mund während ich die Augen schließe. Die Welt ist ein Irrenhaus und ich surfe auch nur auf der Welle.

Sowieso Selfiesticks. Ein eitleres Gerät kann es nicht mehr geben. Ich glaube, ich habe das letzte Mal vor zwei Jahren ein Selfie gemacht. Das war mit Mark Benecke. Weil Mark Benecke so cool ist, das ich auch mal übermütig geworden bin. Huhu. Mein Buddy Mark und ich auf einem Bild. Kuck mal kuck mal da. Gulp. Es war mein erstes. Und bisher einziges. Ich habe mich danach sehr geschämt und wollte duschen. Der Lustgewinn, den die Horden von Touristen hier im Mont St. Michel beim Ablichten der eigenen Hackfresse empfinden, ist mir fremd. Wem nutzt das? Die Dinger landen auf einem Datenträger und dort bleiben sie, bis die Erben den Scheiß irgendwann zusammen mit alten Decken und Blusen entsorgen. Oder er verschwindet beim nächsten Umzug und keiner vermisst die Selfies. Selbst in irgendwelchen sozialen Medien landen die Fotos innerhalb von Tagen ganz unten im Feed, von einer digitalen Rosette wahllos in ein digitales Kackloch geschissen, in dem all die nichtsnutzigen dreizehntausendmillionen Selbstdarstellerfotos aller Datenmüller dieser Erde landen. Kein Mehrwert. Geknipst für das Vergessen.

Es sind wenige Deutsche hier, sagt mir der Einlasser eines Krokodilgeheges, das das Kind unbedingt besuchen wollte und für das ich irgendwas um die 30 Euro hinblättere. Wenige Deutsche hier im Moment. Und ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll. Sollen wir wieder einmarschieren? Und wenn ja, mit welcher Armee? En fait, je suis polonais, sage ich wahrheitsgemäß, worauf er mir sagt, dass es wenige Polen hier gibt im Moment. Und darauf fällt mir beim besten Willen keine unpassende Antwort ein. Außer vielleicht Waidmannsheil. Aber das würde er nicht verstehen.

Nirgendwo in Frankreich habe ich schlechtere Straßen gesehen als wir sie in Berlin haben. Selbst auf den Dörfern, in denen ich das Gefühl habe, seit Wochen der erste zu sein, der die Straße nutzt: Perfekt geteert. Kein Schlagloch. Auch die vielgenutzten Landstraßen. Perfekt geteert. Kein Schlagloch. Frankreich ist in einem guten Zustand, was die Infrastruktur betrifft. Deutschland ist es offensichtlich nicht. Vermutlich können die französischen Abiturienten sogar rechnen statt nur singen und klatschen.

Es ist eine Premiere: Niemand hat mich auf Hitler angesprochen. Nicht einer. Früher immer. Jetzt keiner. Vermutlich sind alle tot, die der Typ noch interessiert hat. Merkel ist das Thema hier im Moment, wenn sich Franzosen mit Deutschen unterhalten. Merkel. Wie lange sie noch bleibt. Keine Ahnung, sage ich. Noch ein Jahrzehnt möglicherweise. Zwei Jahrzehnte. Für immer. Ich weiß es nicht. Theoretisch könnte man Merkel, wenn sie stirbt, ja auch ausstopfen und mit der Luftwaffe ständig um den Globus schicken, wobei ein Handpuppensprecher die Reden der Redenschreiber vorliest. Harvard. Gambia. Tunesien. D-Day. Brüssel. Egal. Blablabla. Und die Hauptstadtpresse könnte dann noch viele Jahrzehnte die ausgestopfte Handpuppe und ihre Sprechblasen feiern. Win Win Win quasi. Nein. Im Ernst. Sage ich den Franzosen. Ich weiß nicht wie lange Merkel noch da sein wird. Das weiß in Deutschland keiner.

Gut gegessen habe ich natürlich. Falls das irgendwen interessiert, es war hier:

L’abri Des Grèves
2 Bis Rue de la Plage, 35120 Cherrueix
https://maps.app.goo.gl/mhuS6pvTYrxNz13x7

Millesime
11 Rue des Cordiers, 35400 Saint-Malo
https://maps.app.goo.gl/5RZoCHQBruWHKm5h6

Beides uneingeschränkt zu empfehlende Lokale. Falls Sie mal in der Gegend sind und ein Restaurant suchen: Nicht teuer, dafür sehr gut.

Das war die Bretagne. Mehr war nicht.

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