Esotheke

Es folgt ein mustergültiger Dialog mit einer Apothekenfachverkäuferin in Prenzlauer Berg:

„Guten Tag, ich hätte gerne was gegen Kopf- und Gliederschmerzen. Wetterumschwung, Sie wissen schon.“

„Gerne, nehmen Sie das hier.“

„Mmmh. Ist das homöpathisch?“

„Ja.“

„Sorry, ich bin nicht religiös. Geben Sie mir was anderes bitte?“

„Es ist aber sanfter als Schulmedizin.“

„Ich möchte es aber nicht. Homöopathie ist eine Glaubensfrage und ich glaube grundsätzlich nicht. An nichts.“

„Wenn Sie meinen. Es ist ja Ihr Körper.“

Na klar. Auch hier wieder: Sie hat das letzte Wort. Schießt doch ein Ding ab. Zündet noch einen. Es ist ja mein Körper. Selbst schuld wenn ich elendig blutend mit brennenden Gedärmen verrecke, nur weil ich Gottloser keine Homöopathie nehme, so wie all die anderen verstrahlten Bewohner Prenzlauer Bergs, die viel Geld für gezuckerte Placebos für alle möglichen Dinge hinblättern, Stirnhöhlenkatarrh, Arschpickel, eingewachsene Zehennägel, Blut im Urin, gar kein Problem, denn kleine dumme Zuckerkügelchen helfen immer und das glauben die alle hier. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch Aspirin im Regal haben. Ein Wunder, dass es hier noch Lefax gibt. Immodium. Thomapyrin. Gute alte Chemie. Tablette rein. Schmerz weg. Glücklich sein. Haben sie noch. Klar. Aber sie verkaufen es mir nicht ohne den Hinweis auf ihren Esoterikhokuspokus.

So ist das hier. Es ist ein Ritual geworden. Prenzlauer Berg möchte mir Homöopathie verkaufen und ich möchte es nicht haben. Ich komme nur an diesen ewigen Diskussionen vorbei, wenn ich ein Rezept habe und sie nicht anders können als mir die teuflischen von einem menschenverachtenden Naziarzt verschriebenen Pharmamafiapillen zu verkaufen, die sie so sehr verabscheuen, dass sie in den Schaufenstern fast gar nicht mehr beworben werden. Sie müssen hier froh sein, dass sie die Chemiebomben überhaupt noch im Sortiment haben und nicht ausschließlich 50.000-fach verdünntes Lurchsperma. Mit eigenem Gedächtnis.

Aber nein, hallo, ich bin doch tolerant. Ich nehme das alles hin, ihr Geseier, ihr Belehre, ihre superalternative esoterische Monokultur, die sie hier etablieren, und freue mich, wenn die Beseelten und Beladenen um mich herum glücklich sind. Sollen sie bitte auf jeden Fall zu ihren Gurus gehen, Sri Chinmoy, Baghwan, irgendeinen fetten bärtigen Inder mit Pusteln im Gesicht, der debil von den Plakaten hier grinst und Seminare zum Glücklichsein anbietet, sie sollen Räucherstäbchen anzünden, sich mit Heilsteinen behängen, Bachblüten besingen, Schüssler Salze beklatschen, Mariananda all das schöne Geld hinterher werfen und die Homöopathieauslagen der hiesigen Apotheken leerkaufen, bitte, das geht alles klar, wenn sie nur nicht … ach wenn sie nur nicht jedes Mal wieder … das tun, was Beseelte immer tun: Missionieren. Diskutieren. Insistieren. Immer wieder davon anfangen auf dass ich konvertiere. Und mir – dem Exponenten einer inzwischen schützenswerten Minderheit dessen, was noch bis in die Nullerjahre hinein als normal galt und heute von der Mehrheitsgesellschaft meines Bezirks immer weniger geduldet wird – dabei immer wieder so fürchterlich auf den Sack gehen.

Und wenn ich für eine richtige Apotheke bald rüber machen muss nach Wedding, an die Ostsee, nach Polen oder auf den Kometen Hyakutake: Ich will eure Homöopathie nicht. Ich kaufe das nicht. Mich zu nerven bringt nix. Behaltet den Scheiß. Verkauft das meiner zotteligen Nachbarin für ihre prekäre Heilpraktikerinnenpraxis. Ich will das nicht. Ich kaufe das nicht.