Meine Freunde, die Taxifahrer

Warum können eigentlich immer weniger Menschen einfach mal das Maul halten? Die von mir stets als Freunde, Kollegen, Mitmenschen bevorzugten Schweiger sterben offenbar aus, denn immer mehr Zeitgenossen müssen ihre Umwelt, die mich immer mit einschließt, mit Erzählungen über Nichtigkeiten aus ihren belanglosen Leben quälen.

Der Trainer aus meinem Fitnessstudio lässt mich ungefragt wissen, dass sein Auto Öl verliert. Mein bis weit über die Stufe seiner Unfähigkeit beförderte Kollege, der mit der Tochter vom Vorstand schläft, hält mir seinen Gehaltszettel unter die Nase und gibt einen Monolog über die Tatsache zum Besten, dass er für seine Ansprüche viel zu wenig verdient. Mein Hausmeister informiert mich darüber, dass er jetzt einen 600 Millionen Zoll-Flatscreen hat, den er an sein WiFi angeschlossen hat, was ihn zwei Stunden für die Installation gekostet hat, deren Schritte er mit mir einzeln durchgeht. Die Kassiererin bei DM klärt mich über die Vorteile einer Payback-Karte auf, während mich ein Telefonanbieter anruft, der mir mitteilt, dass ich blödes altmodisches lineares Asozialenfernsehen jetzt auch über meine DSL-Leitung schauen könnte, wenn ich will, ganz so als ob es Netflix gar nicht gäbe.

Und nicht zuletzt setzt mich meine dämliche, trotz ihres vollkommen fehlenden Führungstalents auf eine absurde Hierarchieebene hochgehievte Kompetenzattrappe von Vorgesetzte voller Inbrust über die Tatsache in Kenntnis, dass der Stuhlgang ihres windelvollscheißenden Säuglings nun von butterkeksbraun auf grünbeige gewechselt hat, was wahrscheinlich an der Umstellung von Mutter- auf Folgemilch liegt, wonach die von ihr protegierte rosettenschnüffelnde Kollegin dazustößt und kundtut, dass sie in letzter Zeit schlecht schläft, weil sich ihr nichtsnutziger Ehemann vor der Nasenscheidewandoperation drückt.

Wen interessiert das? Ich möchte euch alle in Fässern verklappt in die Neiße schmeißen. Ihr elenden Sabbelhonks. Nie steht die Fresse still. Wer will das alles wissen? Was soll ich mit dieser Masse an täglicher sinnloser Information über traurige Leben, sinnlose Geldausgaben und unmaßgebliche Meinungen über Kinofilme, Haustiere und die Wochenangebote bei Lidl? Ganz klar: Wenn mal einer von diesen Sabbelköpfen stirbt, muss der Abdecker das Maul mit dem Bunsenbrenner einäschern, weil es sonst im Sarg bis in alle Ewigkeit weiterplappert und die Würmer in den Suizid treibt.

Manche behaupten, Frauen plappern 25.000 Wörter am Tag und Männer 3.000. Ich glaube das nicht, ich glaube vielmehr, dass beide Geschlechter locker fünf Millionen Wörter am Tag plappern oder sogar noch mehr. Doch was kann ich kleiner schweigender Wichser dagegen schon tun? Soll ich auf irgendeinem Fickmichportal im Internet lauter Knebel zu bestellen, die ich jedem Babbler einfach in den nie stillstehenden Sabbel stecken kann, bevor mir ein Krebsgeschwür im Innenohr wächst? Zu krass. Das geht ins Geld wie Sau. Jeden Tag locker zehn Knebel. Bei zehn Euro pro Knebel (es muss ja was wirksames sein, Leder oder so, kein importierter Plastikmist) sind das 100 Ocken am Tag. Ganz abgesehen von den strafrechtlichen Folgen, weil auch das bestimmt schon wieder verboten ist, wie alles Sinnvolle dieser Welt. Meine Güte. Sabbelfresse folgt den ganzen Tag auf Sabbelfresse. Was wollen die alle von mir? Warum soll das alles erfahren? Und warum gehen die nicht alle einfach ins gute alte Web 2.0 und schreiben Blogs über ihre sinnlosen Leben oder geben ihre uninteressanten Meinungen zu Kinofilmen, Büchern oder Windelsorten in noch sinnloseren Facebookposts zum Besten, die zwar kein Schwein liest, aber Mama Petruschke, Mofa-Rocko und Familie Höfelstiel aus Leinfelden-Echterdingen wenigstens das fiktive Gefühl einer imaginären Wichtigkeit simulieren, ohne die heute offenbar gar nichts mehr geht. Oder – hey, der neueste Scheiß – macht doch einfach alle YouTube-Videos über euren ganzen Tagesablauf, Schäfchenwolken oder euren Darmverschluss, ihr blöden Honks. Die kuckt zwar auch keiner, aber dann seid ihr wenigstens beschäftigt. Meine Güte. Mein Therapeut sagt, ich soll mich nicht immer so aufregen, aber wie soll das gehen? Bei diesen ganzen Menschen jeden Tag? Die mich zuseiern als sei ich ihr Therapeut, den sie dafür bezahlen, dass der sich ihren ganzen Berg an Alltagsmüll mit Nullmehrwert reinzieht und dazu auch noch interessiert nickt.

Ganz schlimm sind Fahrstühle mit Arbeitskollegen drin:

„Super Wetter heute was?“

„Mmmh. Jaja.“

„War ja auch lange genug kalt.“

„Mmmh. Jaja.“

„Mal sehen ob es am Wochenende auch so bleibt.“

„Mmmh. Jaja.“

„Ich habe heute auch schon eine Schäfchenwolke gesehen. Vielleicht kommt ja bald noch eine.“

Ja. Vielleicht. Und mein Hirn ist völlig leergesaugt vor lauter Sabbelei. Keine Energie mehr. Und das schon am frühen Morgen auf der ersten Fahrt im Fahrstuhl.

Besonders mitteilungsfreudig sind Taxifahrer. Irgendwer muss denen mal erzählt haben, dass die Höhe des Trinkgelds proportional zur Anzahl der während der Fahrt gesprochenen Worte steigt. Seitdem plappern sie unmittelbar nach Fahrtantritt los bis die spröden Lippen in Fetzen hängen und mir blutige Fisteln in der Ohrmuschel wachsen.

„Wa? Jeht’s uffe Piste, wa? Wohin? Friedelhain? Also ick war ja früher och immer m uffa Piste, Neukölln, haha, inner Eckkneipe ‚Zum Tönnchen‘, kennta dit? Da steppt der Bär kann ick euch sajen. Bis morjens um drei hamma jefeiert, de janze Nacht. Brohoho, aber da war ja noch nüscht mit Familie un so, heute jeht dit ja nich mehr, ick hab nämlich zwee kleene Töchta, die eene jeht schon zur Schule, die annere …“

„Aaaaaaaaaah! Schnauze! Du Fotzenpeter! Stirb! Stirb! Stirb! (aber fahr‘ vorher rechts ran.)“

Taxifahrer. Abgründe. Elend hinter Lenkrad. Bla Bla mehr Bla. Ich wünsche mir ein paar mehr Extra-Filterfunktionen zum Anklicken für meine Bestellungen via Taxiapp. Hier, diese Optionen wären schön:

– Student: ja/nein

(nein, bloß nicht)

Studenten sind schlimmer als diese dicken vergilbten altberliner Zum-Tönnchen-Schmerbäuche, deren Sabbel wenigstens zum Teeren ihrer kommenden Krebslunge still steht. Studenten rauchen nicht mehr, weil die alle so hässlich gesund sind, und deshalb können sie mehr reden. Und sie kommen immer auf diese wanzige kumpelhafte Art und haben alle diesen ostwestfälischen Undialekt. Menschgewordenes Paderborn. Mit Zweitwohnsitz Detmold. Und ihre Themen sind immer die gleichen in einer unerträglichen Endlosschleife: Der Bachelor. Oder der Master. Der Tutor. Der Prof. Der Hiwi. Oder Genderfluidveganscheiße. Bla Bla. Sie quatschen so viel, dass sie vergessen, zügig zu fahren und mich Minute für Minute Lebenszeit und jede Menge Energie dafür kosten, meine Aufmerksamkeit im Rahmen der allgemein konsentierten Höflichkeit zu halten, die es mir nicht erlaubt, einem dieser dämlichen Mutanten, deren Selbstverwirklichung an den heruntergewirtschafteten deutschen Universitäten ich auch noch bezahlen muss, mit Gaffertape das Maul zuzukleben.

Doch irgendwann nach fünfunddreißig Semestern ist es soweit und die Abschlussarbeit ist fertig. Dann kann der Student bald als Akademiker Taxi fahren. Und deshalb brauche ich noch folgende Option zum Anklicken in der Taxiapp:

– Akademiker: ja/nein

(nein, auf gar keinen Fall)

Als Akademiker reden die vormaligen Studenten noch geschwollener und noch mehr Detmold füllt den Raum. Unausgesprochene Vorwürfe ob des falsch gewählten Studiengangs (Soziologie, Gender Studies oder Singen und Klatschen) und seichte Rechtfertigungen für die fehlende Weiterentwicklung nach dem Abschluss geben sich die Klinke in die Hand. Akademiker fahren tatsächlich noch langsamer als Studenten und halten sich sklavisch an wirklich jede blöde Verkehrsregel, womit Sie als Autofahrer in Berlin bekanntermaßen völlig untergehen. Sie bremsen bei Gelb statt durchzuziehen, schleichen mit 40 statt 50 als Kopf einer langen Blechschlange und blinken devot in der Hoffnung, dass sie jemand auf die linke Spur lässt (macht niemand), weil sie auf der rechten Spur (Rechtsfahrgebot!) alle paar Meter immer wieder aufs Neue hilflos hinter einem Zweite-Reihe-Parker festsitzen. Akademiker sind ein fahrtechnischer Offenbarungseid. Selbst in Brandenburg fahren die Menschen besser.

Türke: ja/nein

(ja, unbedingt)

Heulen Sie meinetwegen wie ein Wolf oder schlagen Sie Purzelbäume, mir egal, aber ich mag nicht nur türkische Supermärkte, Restaurants und Barbiere, sondern auch türkische Taxifahrer. Sie sind die Besten. Schnell, effizient und das Allerbeste: Sie halten die Fresse. Ein türkischer Taxifahrer hat mich zur Geburt meines Kindes gebracht. Schweigend. Nur um mir ganz am Schluss alles Gute für die kommende Vaterschaft zu wünschen, für die ich ihn beim Einsteigen bat, schneller zu fahren. Ein Traum. Ich hätte mir keinen besseren Fahrer für diesen besonderen Tag wünschen können. Behütet und schnell zum Ziel. Durch Sturm, Schnee, Eis. An allen Staus vorbei auf den Schleichwegen der Stadt. Wie immer. So machen die das. Immer, wenn ich sehe, dass ein Türke hinter dem Steuer sitzt, weiß ich: Die Dinge werden gut. Ich werde schnell am Ziel sein. Und wir werden maximal zehn Wörter gewechselt haben.

Kokser: ja/nein

(call me maybe)

Ich hatte erst drei Mal einen Kokser. So ein Kokser fährt wie ein Henker und ist somit ideal, wenn Sie es eilig haben. Der Fahrstil ist halsbrecherisch, Verkehrsregeln haben keine Gültigkeit und manchmal frage ich mich, was er wem zahlt, damit er immer noch einen Führerschein im Besitz haben darf. Rechts Links Rechts Rechts bringt er hollywoodreife Fahrspurwechsel, es werden zur Seite springende Passanten gegeben, traumatisierte Fahrradnazis und Free Adrenalin im GTA-Style. Busted!

Eine der drei Kokserfahrten war für mich dazu noch kostenlos, weil die Cops den durchgeknallten Verkehrsrowdy kurz vor meinem Ziel rausgezogen haben, ich deshalb nicht abkassiert wurde und die letzten paar Restmeter zu Fuß gelaufen bin.

Dafür quasselt der Kokser so schnell, dass mein Gehirn nicht mit der Wortfetzengeschwindigkeit Schritt halten kann und einen Kokon aus schummriger Watte um meinen Schädel webt. Aber das ist egal, weil Sie, konfrontiert mit derlei Katjushabatterie von Monolog, sowieso nicht zu Wort kommen. Einfach Durchzug und gut. Eine Antwort oder zumindest ein zustimmendes Brummen zu ihrem Sermon erwartet sowieso keiner von denen.

Toll. Berlin. Meine Stadt. Wir haben sie alle. Jeder Spacko fährt Taxi. Ich hatte schon einen, der während der Fahrt einen Spliff durchgezogen hat, eine elektroautofahrende Frau (!), die sich mit Schritttempo (!) und Navi (!) in Hermsdorf (!) heillos verfahren hat, und einen Pakistani, der sich mit mir auf irgendwas, das wie Pidgin-Englisch klang, verständigte und weder wusste, wo der Nollendorfplatz noch wo Schöneberg überhaupt ist, bis er mir zuletzt empfahl, ein neues Taxi zu bestellen.

Mein Berlin. Ich fahre viel Taxi, seit brüllende, qualmende, pissende und kotzende Sauftouristen aus ganz Europa mit Kackmucke aus der Bluetoothbox nachts die Ringbahn übernommen haben. Taxifahren ist toll. Hier habe ich alle. Alle Abgründe. Und es ist fast nie langweilig.

Nur das Maul halten, nun gut, das können die wenigsten, aber vielleicht klappt es ja noch mit meinen App-Funktionen. Türke ja. Akademiker nein. Mehr brauche ich nicht.