Der alte Furz der Verwesung

Der alte Wichser hat wieder gefurzt.

Im Fahrstuhl.

Es ist nicht das erste Mal. Ich kenne den. Der blöde Penner trainiert in meinem Fitnessstudio. Das, zu dem auch der Fahrstuhl gehört. Und der alte Bastard furzt den voll. Wieder.

Ping. Die Fahrstuhltür geht auf, er raus, ich rein, die Fahrstuhltür geht zu und dann rieche ich ihn. Den Koffer. Er hat es wieder getan. Er hat wieder gekoffert. Einen stehenlassen. Geknattert. Und es war wieder derselbe alte Wichser, der es immer ist. Ich habe ihn noch gesehen, doch zu spät geschalten, dabei war es offensichtlich, denn er schaute so … fast … ja … schuldbewusst. Ging raus. Kopf gesenkt. Ich dachte schon, nee, das wird er doch nicht wieder getan haben, das was er letzte Woche getan hat, doch hat er. Hat er. Ja, hat er.

Ich weiß noch genau wie das letzte Woche war als er im Fahrstuhl gefurzt hat und ich wieder der Horst war, der den ganzen Dunst wegatmen durfte. Buargh. Wieder der. Und wieder ich. Flach atmen, kurz atmen, dennoch: Ich rieche Knoblauch, zartes Bouquet nach Dünnem, ein wenig säuerlich, eine leichte Rizinusnote, Essignuance, im Abgang fortschreitende Verwesung. Was für ein Arsch. Und wieso atme ich die Arschluft anderer eigentlich weg anstatt die Luft anzuhalten? Damit die weg ist? Damit die mir nicht zugerechnet wird? Ein. Aus. Ein. Aus. Doch es funktioniert nicht. Es stinkt immer noch nach Darm.

Ping. Die Fahrstuhltür geht auf. Draußen steht eine Brünette. Hübsch. Will trainieren. Ich raus. Schuldbewusst. Sie rein. Und denkt natürlich, dass ich im Fahrstuhl gefurzt habe. Wer soll das sonst gewesen sein? War ja keiner da drin außer mir. Dabei war das der Alte. Der alte Wichser. Der stinkende Greis. Von der Fahrstuhlfahrt vor mir. Aber erklären Sie das mal. Die Brünette denkt jetzt natürlich, dass ich das bin, der so elendig nach Tod, Krebs und Verwesung riecht. Dabei ist das der Alte, der innerlich verfault. Aber das spielt schon keine Rolle mehr, denn die Fahrstuhltür geht zu und ich sehe sie vor mir wie sie flach atmet, weil es immer noch ganz grauenhaft stinkt in dem Kabuff.

Tage später sehe ich sie wieder. Sie sieht mich nicht an. Demonstrativ. Würde ich auch nicht. Ich schaue ja auch den alten Furz nicht mehr an, wenn ich ihn sehe – aus Angst, dass das abfärbt und ich auch irgendwann so einer werde, dessen einzige Freude im Leben darin besteht, in Fahrstühle zu knattern und dann auszusteigen. Sich zu spüren. Den jungen Menschen zumindest eine Sache auf dieser Welt zu hinterlassen. Um überhaupt zu wissen, dass man noch lebt. Der Furz als Signal. Lebenszeichen. Hallo. Winke Winke. Ich bin noch da. Still not dead yet.

Ich nehme jetzt die Treppe. Ich möchte das Geknatter irgendwelcher alter Wichser nicht mehr zugerechnet bekommen. Dann lieber Treppen. Drei Etagen. Ist sowieso gesünder.


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