Was hier so stinkt ist mein Karma

Ich bin im Bioladen. Das erste Mal in meinem Leben. Normalerweise meide ich diese sich wie der Schimmel in meinen Badezimmerfugen ausbreitenden Sammelstellen für degenerierte Upperclass-Ökoschnösel wie die Begegnungen im Treppenhaus mit meinen hässlichen mülltrennenden Birkenstocknachbarn, von denen einer tatsächlich inzwischen einen Greta Thunberg-Button am Revers trägt, doch heute brauche ich Bärlauch, den nur selten ein normaler Supermarkt hat – wahrscheinlich nur, wenn Schütze im Aszendenten der Jungfrau bei abnehmenden Halbmond zufällig mit der Menstruation der Rewe-Disponentin zusammenfällt. Also nie. Egal. Und nun? Wo bekomme ich in Berlin-Prenzlauer Berg in Zeiten des um sich greifenden hysterischen selbstpürierten Bärlauchpesto-Kults auf jeden Fall Bärlauch? Na klar, bei den Biohanseln im Biosphärenreservat. In einem ihrer fünftausend dämlichen Bioläden, von denen es hier inzwischen an jeder verdammten Ecke mindestens einen, gerne auch mal zwei, gibt.

Meine Güte. Ich weiß es ja. Ich habe da nichts verloren. Im Bioladen kauft die neue gehobene Mittel- bis Oberschicht, die sich den Scheiß da drin leisten kann und die sich in jeder Beziehung so verhält wie jeder es von denen da oben erwartet.

Wenn Sie hier in unserem Lilalaune-Heititei-Müttergenesungsökoreservat wohnen, wird eine Sache jeden Tag von neuem deutlich: Der normale superkorrekte Bioapologet Prenzlauer Bergs geriert sich mittlerweile so rücksichtslos und asozial wie früher in den Nullerjahren ein FDP-Wähler, als die FDP noch nicht von den kein Stück weniger blasiert daherkommenden Grünen abgelöst wurde.

Was hier in meiner Nachbarschaft wohnt, propagiert gerne mal die heruntergewirtschaftete gesetzliche Krankenversicherung für alle, außer für das eigene Balg, mit dem sie in der in warmen Farbtönen gestrichenen Privatpraxis am Kollwitzplatz mit DeLonghi-Kaffeevollautomat und Ledersesseln nicht wie der Normalkranke wochenlang auf Dritte-Wahl-Behandlung warten müssen.

Sie trompeten auch sehr gerne und bei allen Gelegenheiten in das Horn der Multikultigesellschaft, melden aber den eigenen Nachwuchs schon Jahre vorher bei Privatschulen an, auf dass er gar nicht erst in Kontakt komme mit den Kopftuchmädchen muselmanischer Migranten aus dem Wedding, die sie total gut finden, aber nur, wenn die gemeinsam mit den anderen Fragmenten der Unterschicht weit weg in der Suppe unterprivilegierter Bezirke bleiben und nicht neben dem eigenen immer hochbegabtem Kind in einer Schulklasse sitzen. Soll er bitte bleiben wo er ist. Der Pöbel. Just not in my neighborhood. Please.

Oder hier. Sie fahren so stolz und CO2-neutral Fahrrad und geben sich betont pazifistisch mit peinlichem quietschbunten Pace-Aufkleber auf dem Rahmen, fahren aber mitnichten auf der Straße oder dem Radweg, sondern fegen die Fußgänger mit der Macht des Alulenkers vom Bürgersteig, weil das so schön bequem ist und der Stärkere sowieso immer im Recht ist. Fahrradlenker trifft Unterarm macht blauen Fleck gilt dabei nicht als Gewalt, wenn sie von den richtigen Personen – meinen tollen Biohanseln aus dem Biosphärenreservat, die mir und meinem Kind in ganzer Familienstärke mit Viererabwehrkette auf dem Bürgersteig entgegenheizen – ausgeübt wird.

Und nicht zuletzt benehmen sie sich mit ihren Einkaufswagen heute im Biosupermarkt wie das Abziehbild eines Immobilienwichsers mit seinem SLK im Berliner Straßenverkehr: Platz da, hier entfalte ich mich. Wenn ich Bock habe zu blockieren, dann darf ich das, weil ich ich bin. Deshalb herrscht hier im Biosupermarkt der Ego-GAU, alle Mercedes, alle Fahrradnazis, alle haben Vorfahrt, Ellenbogen olé. Ein übler Ort. So schlimm ist nicht einmal Netto.

Dumm di dumm. Da stehe ich minutenlang neben dem Muttertier und ihren lebensmittelunverträglichen Bioblagen und schaue ihr beim Vergleichen verschiedenener Weizenkeim-Sorten zu, ohne dass sie auf die Idee kommt, dass es auch andere Einkäufer gibt, die etwas aus dem Regal wollen. Und über dem Kopf wabert ihre Gedankenblase: Huhu, seht her, ich bin Mutter und hier kreise ich um mich selbst und meinen kleinen Kosmos. Und was hier so leuchtet, ist mein Ego. Und was hier so stinkt ist mein Karma.

Zack. Da fährt mir von hinten mir die verhärmte Biooma – eingehüllt in filzige braune Teppiche (ähnlich den keimigen Vorwendeveteranen, die ich letztens von Ratten vollgeschissen aus meinem Keller entsorgt habe) – in die Hacken, bittet das natürlich nicht zu entschuldigen, sondern glotzt mich an als hätte ich mir gerade die Hosen runtergezogen, den Puller rausgeholt und ihren Einkaufswagen von hinten penetriert.

Und besonders bemerkenswert: An der Theke drängeln sich nicht wie sonst nur die blöden Rentner vor, sondern alle, die da sind. Alle. Jeder, der da steht. Ein Gewusel. Und wer am lautesten ist, kommt zuerst dran. Wer leise ist, nie. Ein Irrenhaus.

Und weil das immer noch nicht reicht, lässt diese spaghettihaarige Eule dort in ihrer orangen Batikhose mit ihren fünf Jutesäcken voller Bioscheiße und ihrem vor Weizenkeimen, Sojasprossen und Sellerie fast zusammenbrechenden Einkaufswagen mich und meinen blöden traurigen Biobärlauchstrauch in meiner Hand an der Kasse nicht vor, sondern räumt und räumt und räumt, bevor auch sie glotzt wie eine Kuh.

Natürlich lässt sie mich nicht vor, denn es ist Prenzlauer Berg hier, sie sind sich alle selbst genug, sie merken nix oder wahrscheinlich liegt es einfach an meiner Lederjacke – die ist nämlich aus sehr vielen kleinen süßen neuseeländischen Lämmern hergestellt, deren Fleisch ich – nachdem ich sie lebendig gehäutet habe – roh gefressen habe. Bratzen. Alle. Wenn ich die hier so sehe, habe ich große Lust zu rufen: „Ich esse außerdem gerne Foie Gras, ihr Vetteln! Aber nur wenn die Gans mehr als fünfmal am Tag mit einem möglichst dickem Bestenstiel gestopft wurde. Sonst schmeckt es mir nicht!“

Ich wollte noch Pinienkerne zum Bärlauch kaufen. Weil das gut zu Bärlauch passt, wenn man das mit Nudeln kombiniert. Doch sie kosten 9,49 Euro die 80 Gramm. Haha, jaha, ihr könnt mich mal, Biohansel, was sind das für Dinger? Sind die Kerne durch die Därme irgendwelcher freilaufenden Perserkatzen gewandert und wurden von heilsteinbehangenen Schamaninnen aus Spiekeroog bei Ebbe nackt aus den Katzenrosetten gepult und danach auf der mit Gebetsmühlen dekorierten glutenfreien Veranda der nachhaltig gebauten peruanischen Finnholzhütte fermentiert oder sind sie einfach nur mit Seltenen Erden gefüllt? Nee. Nix. Bitte leckt mich. Ihr seid ja wohl wahnsinnig. Wer zahlt das? Nix wie raus hier. Ich zahle gerne viel für jeden möglichen Scheißdreck, nur nicht hier. Aus Prinzip nicht hier. Ich bin nur hier im Bioladen weil keine andere Sau in diesem Kackbezirk Bärlauch verkauft, aber das nächste Mal bestelle ich lieber Bärlauch bei Amazon mit drei Euro Versandkosten im Internet, was mir dann ein dieselbetriebener Bulli mit kosovarischem Billiglöhner am Steuer vor die Haustüre fährt, bevor ich noch einmal hierher komme in diese Sammelstelle verhärmter egomaner Bleichgesichter, die mir das Karma innerhalb von Millisekunden verfaulen und verrotten lassen.

Als ich den Bürgersteig vor dem Bioladen betrete, fährt mir ein Fahrrad in die Seite.

Lenker trifft Unterarm. Faust will Auge treffen.

Ich wünsche mich in den Wedding. Da sind die Leute netter.