Nur Idioten in der Kiezsauna

Saunen in Berlin sind schlimm. Viel zu kleine Saunen meets fürchterliche Menschen meets uralte Armaturen.

Wir hier in Berlin-Prenzlauer Berg haben auch eine. Mal sehen ob ich bekomme was zu erwarten steht.

Zuerst betrete ich den Ruheraum, freue mich, dass die Liegen noch nicht seit 5.45 Uhr von Handtuchnazis besetzt sind und beginne, mich leicht zu entspannen. Opa und Oma Kowalke jedoch, die sich kurz darauf direkt neben mich legen, haben irgendetwas an dem Wort „Ruhebereich“ falsch verstanden. Wahrscheinlich denken sie, dass alle anderen Ruhe bewahren sollen während sie die gesammelten Nichtigkeiten ihrer bedeutungslosen Leben zum Besten geben.

Sabbel Sabbel Bla Bla. Ich erfahre, dass in der Plattenbauwohnung in der Landsberger Allee bald renoviert werden wird. Man ist sich allerdings nicht einig, ob die Lichtschalter nun elektroweiß-rund oder doch malerweiß-eckig sein sollen. Spannung pur. Darüber hinaus stellt sich das Problem, dass die Betondecke ungeeignet für den Ikea-Strahler ist, den Oma Kowalke haben möchte. Sie ist mies verspachtelt und die Lampe wäre mithin schief. Ich leide mit. Das Problem brennt in der Tat so sehr unter den Nägeln, dass es in einem Ruheraum besprochen werden muss. Ich suche in allen letzten Winkeln meines verkalkten Hirns ein wenig Verständnis, finde aber heute leider keines. Die Pest. Die Pest sitzt mit mir hier drin. Da würde ich mir lieber einen dieser maschinengewehrplappernden YouTuber und ihre Dauerwerbesendungen für die Grünen reinziehen. Wenn schon hirntötend, dann richtig.

Ich frage beide, ob sie wissen, dass sie in einem Ruheraum sind und wie lange sie noch weiterreden wollen, doch sie glotzen nur wie Kühe und machen nach einer kurzen Pause tatsächlich genau so weiter. Aber hallo. So ist Berlin. Nett führt hier zu nichts. Ich sollte sie beide vermutlich einfach wortlos packen und auf den nächsten Saunaofen werfen. Ohne Reden. Weil was anderes sowieso nicht funktioniert. Freundliches Bitten schon gleich gar nicht. Ich hatte ähnliches kürzlich in einem kleinen Off-Kino. Zwei alte weinsaufende Wichser, die geklönt haben als wäre das eine Kneipe und kein Kino gewesen. Auch hier hat die freundliche Ansprache zu nichts geführt. Nur zu hirnlosem Glotzen, nur um genau so weiter zu machen. Es ist eben Berlin. Hier hilft nichts. Hier müsste man solchen Gestalten, um überhaupt Wirkung zu erzielen, wahrscheinlich über Wochen immer wieder aufs Maul hauen, wenn sie sich daneben benehmen, aber leider ist das auch wieder nicht legal. Bedauerlich. Manchmal. Doch. Schon.

Ich sehe also ein: Einfach ein wenig rumdösen geht so nicht, natürlich nicht, mein Hirn rattert mit im Dunstbereich von Oma und Opa Kowalkes Elektroweiß, sattfaulen Handwerkern und der übel gespachelten Betondecke, also gehe ich vom Ruheraum in die Sauna. Doch dort sind zu meinem Leidwesen bereits die abschreckendsten Beispiele aller Großmäuler dieser Stadt versammelt, die zuerst lautstark nach der doppelten Portion Eukalyptus im Aufguss verlangen, um dann eine halbe Minute später die Sauna fluchtartig zu verlassen und mich alleine mit tränenden Augen zurücklassen.

Ja. Ganz groß. Ihr Affen.

Der zweite Saunagang eine Stunde später verläuft leicht variiert, wenn auch nicht minder verstörend. Die Kodderschnauzen, die natürlich wieder pünktlich zum Aufguss hier drin sitzen, verlangen dröhnend eine fünfte Runde Aufguss mit Handtuchschwenken, verlassen jedoch wieder einige Sekunden danach fluchtartig die Sauna und lassen mich mit brennenden Fingerkuppen und glühenden Nasenhaaren zurück.

Nochmal: Ein irrer Auftritt. Nochmal: Es sind blöde Affen. Alle. Echt. Wem nutzt das? Und was ist hier los? Wieso haben die ausgerechnet heute Ausgang? Wo kommen diese Freaks jetzt wieder her? Oder sind das Stammkunden? Das wäre plausibel. So wie die mit dem Personal sprechen, haben die eine Jahreskarte und sind öfter hier. Und das Personal tut mir leid. Sie haben solche Sabbelköpfe als Stammkunden, zu denen sie auch noch nett sein müssen. Wäre ich hier angestellt, würde ich als nächstes Essigessenz, Diesel oder Kuhdung als Aufgussaroma nehmen, aber ich habe ja auch eine niedrigere Reizschwelle, was Berliner Vollidioten an öffentlichen Orten angeht. Mein ganzes Leben schon nervt mich diese Berliner Mischung aus schrankenloser Dummheit gepaart mit Lautstärke, der hier niemand auch nur irgendetwas entgegen setzt. Irgendwann hat man in Berlin ob der ganzen Arschgeigen resigniert, lässt die Dinge einfach laufen und nennt das Toleranz, akzeptierende Sozialarbeit oder ganz einfach Be Berlin, keine Ahnung, aber die optische Verwahrlosung im öffentlichen Raum gekoppelt mit der gemütsmäßigen Verwahrlosung in den Köpfen einer lauten Minderheit, die jeden Raum für sich beansprucht, wird ihnen allen, je enger und voller die Stadt wird und sobald die Anzahl der Vollidioten eine noch abzuwartende Schwelle überschritten hat, irgendwann um die Ohren fliegen und da helfen dann auch die üblichen budgetmäßigen Gießkannenwohltaten für das städtische Wohlfühloberklassenklientel, mit denen sie die Dinge sonst immer befrieden, nicht mehr.

Boom. Sauna. Hier sitze ich und enwerfe eine Gegenstrategie. Den nächsten Saunagang plane ich generalstabsartig, indem ich die postaufgussene Flucht der aufgeblasenen Aufschneider gelassen abwarte und erst danach ganz alleine meinen Saunagang antrete. Und das klappt. Keine tränenden Augen, keine brennenden Fingerkuppen. Husch husch, da rennen sie in die Dusche und ich bin endlich alleine. Was sind Menschen blöd. Und so berechenbar. Eine Kuhherde ist dagegen eine Intelligenzbastion voller Doktoranten.

Ich erkenne also, dass ich hier ein wenig tricksen muss, wenn ich angesichts dieses Publikums zumindest zu ein wenig Ruhe kommen will und so lasse ich nach dem ungewohnt ruhigen Saunagang den vorgeblichen Ruheraum einen vorgeblichen Ruheraum sein, weil es in ihm sowieso keine Ruhe gibt, und gehe nach draußen.

Mutterseelenalleine auf der Sonnenterrasse liege ich auf dem Rücken und blicke in den Himmel. Ich bin tatsächlich der einzige hier, allen anderen ist es wohl zu kalt, auch den Krebskandidaten, die hier zwar rauchen dürfen, es aber gerade nicht tun.

Ich denke an die Lackaffen drinnen, mit denen ich heute die unfassbare Freude habe hier zu sein. Eine Wolke am Himmel sieht aus wie ein Schimpansenkopf. Ich muss lachen, freue mich, dass der Himmel heute mit mir einer Meinung ist und denke, dass mir das mal wieder kein Mensch glauben wird.

Weil ich heute mit dem Himmel ausnahmsweise einer Meinung und deswegen guter Dinge bin, lasse ich mich massieren. Die Massage ist gut, sehr gut, sensationell. Der Masseur trifft punktgenau die Stelle, von der ich gehofft habe, dass er sie nicht bemerkt – es ist die unter dem Schulterblatt. Autsch. Ah. Oh. Raaaah, nein, nein, lass die Finger von meinen Füßen, ich hasse es, wenn sie auch die Füße massieren, weil ich wieder von mir auf andere schließe und ich es entwürdigend finden würde, anderen Menschen die Füße massieren zu müssen, also will ich auch nicht, dass das jemand bei mir machen muss, bah, ich würde für keine Million Euro die schwieligen Käsemauken anderer Menschen anfassen und komme nicht darauf klar, dass das jemand bei mir macht. Ich weiß sowieso nicht was das soll. Ich spüre bei sowas kein Klicken oder Glücksgefühl in Hirn, Rückenmark oder Arschritze, nix, nie, noch nie passiert, aber gut, es ist vorbei, hinter mich gebracht, jetzt sind die Waden dran, die Läuferwaden, gut, gut, schön tief rein, massier mir die harten Fasern weg, da kann der Halbmarathon kommen. „Gute Muskeln, schön trainiert“ sagt der freundliche polnische Masseur und ich freue mich, obwohl ich genau weiß, dass er das auch den speckigen Elektroweißmettigeln vom Ruheraum sagen würde, weil er ein netter Mensch ist, den die Arschköpfe, die sich hier einkaufen, gar nicht verdient haben. Aber ich freue mich trotzdem. Komplimente werden ja mit zunehmendem Alter immer rarer, da nehme ich zur Not auch bezahlte.

So. Die Kiezsauna. Ein komischer Ort. Mir ist das hier abgesehen von der Zumutung von Publikum zu wenig, mir ist das hier zu oll, zu sparsam, zu doof auch, ich merke das an der Dampfsauna, die immer ausgeschalten ist und man jemanden holen muss, der sie anmacht, jemand, der oft mal nicht da ist, das dauert alles und dann geht sie irgendwann wieder aus, was dann doch nur eine abschreckende Effizienzmaßnahme ist, die darauf schließen lässt, dass der Laden nicht allzu gut läuft und man sich das Geld für den Dauerbetrieb sparen möchte. Und dann diese ewigen Wiener Würstchen, prekären Bouletten und die blöden Berliner Knacker, die sie hier an der Theke anbieten und mit denen die Mettigelgesichter natürlich irgendwann auch den Ruheraum vollstinken als wäre hier ein ordinärer S-Bahn-Wagen, und ich frage mich, warum sie zur Vervollständigung nicht auch noch Hackepeterbrötchen und Soljanka auf die Karte bringen, was die Sauna-Dröhner sicherlich lautstark goutieren würden.

Ach egal. Raus hier. Nee. Nix für mich. Ich werde wieder woanders hingehen. Nach Moabit. Das kostet zwar mehr, aber die Leute sind besser, das Essen ist besser, das Ambiente ist besser, einfach alles ist besser. Mir ist es immer lieber, wenn ich mehr Raum habe, mehr Abstand von anderen Menschen, ich mag es nicht, wenn sie mir so nah kommen wie in diesen kleinen Kiezsaunen, wenn sie mich unvermittelt fragen, ob ich denn Elektroweiß oder Beige für die Lichtschalter nehmen würde und mir dabei ihr Wienerwürstchenatem in die Nase mockert, weil sie sich immer so nah zu mir rüberbeugen müssen, dass ich fast damit rechne, dass sie mich abknutschen werden, was sie natürlich nicht tun, jedoch alleine die Vorstellung, dass sie es tun könnten, andere Menschen, bah, nervig, und überhaupt bitte nicht mehr diese ewige Konversation, nach der ich nie nachfrage, sie aber zuverlässig bekomme, auch wenn ich sie nicht will, das alles, alles das kann ich nicht haben, will ich nicht mehr sehen, ich will da nicht mehr sein müssen, ist mir zu eng, zu wanzig, zu ungewollt kumpelig von anderen, die ich gar nicht leiden kann, mit denen ich aber trotzdem auf so engem Raum sitze, auf dass sie mich einbeziehen in ihre Leben, die mich nicht interessieren und zu denen ich nichts sagen müssen will. Nein. Nicht mehr. Ich muss die Zumutung, dass alle möglichen Leute mir jeden Tag immer wieder und immer wieder unverlangt nutzlose Dinge erzählen, vermeiden wo ich kann. Ich bin introvertiert. Sie merken das an meinem desinteressierten Blick, den Sie nicht bemerken, weil Sie alle keine Antennen mehr für sowas haben, sondern immer nur Ihren Mist irgendwo abladen wollen. Nix. Ich mag Ihren Mist nicht. Ich mag Abstand. Ich bin introvertiert und mag es, Menschen auf Distanz zu halten, die ich weniger als, sagen wir mal, 20 Jahre kenne. Ich brauche Platz. Raum. Luft. Ich will nicht mit Ihnen allen reden. Deshalb ist das hier für mich nichts. Kiezsauna. Ich gehe da auf keinen Fall mehr hin. Sie ist zwar um die Ecke, ich könnte hinlaufen, und sie ist billig wie sie nur billig sein kann und wird sich spätestens nach der nächsten zweiten oder dritten Mietpreisschraubendrehung in Luft auflösen, aber nein, ich mag hier nicht mehr hingehen, viel Spaß noch ein paar Monate euch Elektroweißern, Spanplattenschraubern und Betondeckenstreichern und dann eröffnet auch hier bald für Sie:

Ihr neuer Bioladen.

Regen. Traufe. Und so weiter.