Shithole Theme oder Der Netto der Verdammten

Immer wenn ich einkaufe gehe, haben die Egoratten gerade Freigang. Und sie treffen sich am liebsten bei Netto im Mühlenbergcenter.

Der provoziert das aber auch. Unten am S-Bahnhof Greifswalder bei Edeka, bei dem ich nicht mehr einkaufen mag, weil deren Werbeverantwortlichen es eine gute Idee fanden, einem nicht unerheblichen Teil ihrer Stammkundschaft aufmerksamkeitswirksam für den Clickbait ins Gesicht zu scheißen, ist viel Platz, da können sich die Egoratten nicht ausleben und fühlen sich instinktiv unwohl, hier bei Netto ist der Zustand ein enger, die Gänge sind schlauchartig dünn gehalten und für Klaustrophobe völlig ungeeignet (außer der Therapeut fordert die ersten Schritte im Rahmen der Konfrontationstherapie ein, bevor es eine Woche später nach der nächsten Sitzung in einen Abwasserkanal gehen soll) und weil das noch nicht reicht, hat Netto seine Gänge auch noch zugestellt mit unübersichtlichem Gerümpel, Gitterwagen, Paletten und sinnlosen Kartonagenstapeln, die immer genau dann gerade zufällig nicht ausgeräumt werden, wenn ich hier einkaufe. Verschwörung. Ich werde verfolgt und glaube inzwischen, Netto hat auf Höhe des S-Bahnhofs Greifswalder Straße in diesem räudigen Dönerladen Ecke Grellstraße einen Spähposten eingerichtet, der jedes Mal, wenn ich mit alten Plastiktüten in der Hand auf dem Weg zu Netto bin, das Kommando gibt, genau jetzt das Gerümpel, die Kartonagen und die Paletten in die Gänge zu räumen, auf dass ich irgendwann vor lauter Platznot wahnsinnig werde, mich nackt mit Ahornsirup einreibe und mit dem Inhalt eines Netto-Sofakissens vom Grabbeltisch auf den Kopf netto-gardinenstangenschwenkend „Gna Gna Gna!“ krakeelend Richtung Landsberger Allee renne und schließlich eingeliefert werde in die scheußliche Irrenanstalt oben in Reinickendorf, in der die übrigen Bekloppten und Bescheuerten der Stadt schon auf mich warten, um mich in ihre Mitte zu nehmen und ganz doll zu knuddeln, weil sie wissen, dass ich schon immer einer von ihnen war.

Doch, schon. Darwin hätte seine Freude in meinem Ghettonetto, denn schon kurz hinter den keimigen Plastikkörben mit dem prekären Gemüse legen sie los, die Nahkämpfer, die Einkaufswagenrambos, die Rempel- und Drängelnazis, die unbedingt zuerst an der Nutella sein und unbedingt zuerst das Instantnudelsuppenregal blockieren müssen. Und überhaupt die Blockadefanatiker. Da steht einer der dämlichen Pleppos wie hirntot minutenlang vor dem in der Ecke eingequetschten Milchregal, registriert nicht, dass sich hinter ihm bereits eine Schlange wie in einer durchschnittlichen Postfiliale gebildet hat, in deren drittem Glied ich mich befinde, und vergleicht in aller Seelenruhe den Calciumgehalt der fettarmen mit der vollfetten Milch, kann sich aber ganz offenbar nicht entscheiden und wägt völlig überfordert seine weiteren Schritte ab. Ich stelle mir einen Sabberfaden vor, der langsam aus seinem dümmlichen kleinen offenen Maul mitten in seinem debilen Kuhgesicht auf den speckigen Boden tropft.

Ich möchte mir das nicht mehr länger anschauen und ihn in diesem Moment gerne von seinem Leid erlösen, doch nie ist ein Betäubungblasrohr zur Hand, wenn ich eines brauche. Wobei das schon Sinn ergibt, dass es Narkotika nur für ausgebildetes und zugelassenes Personal gibt, denn sonst wäre ich den ganzen Tag in Berlin unterwegs, nur um einen Idioten nach dem anderen auszuknipsen und endlich daran zu hindern, anderen Menschen auf den Sack zu gehen.

Es würde ja auch nix bringen, denn es wachsen immer wieder neue Idioten, immer wieder neue Kuhgesichter und immer wieder neue hirntote Pleppos nach, die überall im Weg herumstehen, es bringt einfach nix, denn das machen alle so: Den Einkaufswagen längs zum Milchregal, den Gemüsekisten oder dem Tiefkühlsarg verkeilen, sich selber danebenstellend, auf dass sie für Minuten die einzigen bleiben, die darauf zugreifen können. Ihren Wagen während der Betrachtung der Dinge in einer der wenigen Ecken zu parken, in denen hier bei Netto noch Platz dafür ist, wäre ja sinnvoll, sozial angemessen und damit völlig unzumutbar für eine Stadt wie Berlin. Und für Netto sowieso. Würde nicht passen. Netto. Berlin. Doppelte Verneinung. Hier ist ein Netto in Berlin und das bedeutet: Sie können es nicht. Sie können gar nichts.

Das gleiche Spiel vom Kühlregal, den Gemüsekisten oder dem Tiefkühlpuff wiederholt sich auch zwischendrin in den engen Gängen. Wie ferngesteuerte Zombies stellen sie ihre Einkaufswagen quer zur Laufrichtung während sie mit unglaublicher Gemütsruhe minutenlang den Vorteil von Duplo gegenüber Kinderschokolade abwägen (es ist die Waffel) und wenn man nicht anders kann als ihren Einkaufswagen zu touchieren oder ihn einfach brachial wegzuschieben, weil die versammelten Pleppos es einfach nicht schaffen, sozial adäquat einkaufen zu gehen, fangen sie in RTL-2-gestähltem Gossenjargon an zu krakeelen: „Solldnditte? Fingä wech vomeim Wagenä! Muööööh!“

(Menschen. Grässlich. Wo bleibt der Meteorit? Bum. Großes Loch. Alle rein. Und ihren Einkaufswagen hinterher. Ich wünsche mir Drohnen, die mir die Lebensmittel endlich auf den Balkon liefern. Dann muss ich keine Menschen beim Einkaufen ertragen.)

Und nein, damit endet es immer noch nicht. Not und Elend herrscht nämlich auch an der Kasse und zwar in potenzierter Form. Es sind analog zur Postfiliale (gibt es hier gar ein Joint Venture zwischen Deutscher Post und Netto?) immer zu wenig Schalter… pardon… Kassen geöffnet, so dass Glück bedeutet, die Wartezeit bis zum Fließband unter zehn Minuten halten zu können. Für diesen personaldisponentischen Komplettuntergang können die bemitleidenswerten Kassenkräfte nichts, sie sind fleißig, schnell und tun mir leid, sie trifft der Fluch der Discounter, denn was im Preiskampf an Profit verloren geht, holen sich die kühlen Kalkulierer beim Personal wieder. Wo sonst? Optimierung ahoi. Kalt und eklig. BWLer müssen auch von was leben. Und wenn es nur von dem Talent ist, den Aufenthalt in so einem Netto-Straflager so unangenehm wie möglich zu machen.

Die langen Kassenschlangen bringen es aufgrund der äußerst unglücklichen Regalanordnung unter Ausnutzung auch nur jeden möglichen Zentimeters an Raum mit sich, dass sich zwei Schlangen aus verschiedenen Gängen kurz vor der Kasse zu einer zusammenfinden müssen. Was schon auf auf der Autobahn nicht funktioniert, funktioniert hier auch nicht: Das Reißverschlusssystem. Geht nicht. Funktioniert nirgendwo. Weil Menschen immer bei allen Anlässen, bei denen es um effektives Zusammenwirken geht, doof wie Stulle sind. Ja. Sie. Ich. Alle. Können wir nicht. Tut mir ja auch leid, aber nein. Funktioniert nicht.

Und so spielen sich wahre Dramen ab, wenn sich drängelnde Rentnerinnen, die spüren, dass ihnen akut die Restlebenszeit wegläuft, mit den unerzogenen Jugendlichen, die noch schnell einen Wodka für den Schulhof kaufen müssen und die Pausenklingel im Nacken haben, um die besten Plätze in der Schlange streiten.

Und der Idiot, von dessen Sorte immer einer hinter mir in der Schlange steht, versucht sein Fortkommen dadurch zu beschleunigen, dass er mir von hinten immer wieder mit seinem Einkaufswagen in die Hacken fährt. Sein Vorhaben gelingt ihm aber nicht, denn die Dinge gehen dadurch nicht schneller, was ihn sehr stört, denn er schimpft: „Sollnditte? Mama hinne hia!“. Wahrscheinlich boxt der auf der Autobahn auch immer mit der Stoßstange seines versifften Fiats gegen den Schrottcorsa vor ihm, wenn dieser sinnloserweise als einziger versucht, sich an das Reißverschlusssystem zu halten.

(Menschen. Nochmal. Alle schlimm. Ich mag die alle nicht. Meteorit anyone?)

Als ich darüber nachdenke, wann sich denn die Erde endlich nah genug an die Sonne herankrebst, dass menschliches Leben auf diesem Planeten unmöglich wird, und kurz nicht aufpasse, nutzt eine Oma meinen kleinen Moment der Unachtsamkeit und schert von der Seite kommend vor mir in die Kassenschlange ein. Und neben mir steht plötzlich einer, der so riecht, als habe er gerade eine frische dampfende Kackwurst in seine speckige Joggingbuchse gedrückt, jedoch weit gefehlt, die Kloake weht jedes Mal herüber, wenn er anfängt, mit sich selbst zu sprechen: Er hat Maulgünther aus der Hölle und der weht direkt zu mir. Als ich noch denke, dass damit der Gipfel der sozialen Inkompatibilität erreicht ist, schmeißt einer der Schulhofwodkajugendlichen sein plärrendes Smartphone an. Natürlich spielt er gepitchte Kackmucke mit schlechten Samples. Was sonst? Es gibt ja keine andere Musik mehr als gepitchte Kacke mit schlechten Samples.

(Ich hasse die Welt. Menschen sind schlecht. Und die Pest. Und zwar alle. Wo bleiben Amazons Drohnen? Oder der Meteorit?)

Natürlich, ich weiß es doch, die Menschheit ist ein Haifischbecken. Auch hier. Gerade hier. Mein Netto ist ein Straflager, ein Experiment, das beweisen soll, dass die Menschen sich gegenseitig in die Scheiße drücken, nur um ein paar Zentimeter Boden zu gewinnen. Survival of the fittest. Sozialkrüppel im Freigehege, sich gegenseitig aus dem Weg rempelnd für zwei Minuten, die sie schneller an der Kasse sein könnten. Darwin hatte Recht und hier ist auch der Beweis für das Versagen der Verelendungstheorie: Not schweißt nicht zusammen, oh nein, gar nicht, die Not führt nur dazu, dass die Elenden sich gegenseitig auffressen.

Und so ist es des Nettos momentanes ganz persönliches Glück, dass er der einzige Discounter auf weiter Flur ist, sonst würde keiner, der seine dreiundzwanzig Sinne beisammen hat, hier freiwillig einkaufen gehen. Macht der nächste Lidl irgendwann um die Ecke auf (ich habe begonnen, indianische Beschwörungstänze aufzuführen, mit Heilsteinen zu wedeln und mir jeden Abend zu Ehren Buddhas brennende Räucherstäbchen in die Ohren zu stecken), ist diese Sammelstelle voller zusammengepferchter Sozialkrüppel fällig und stirbt ab. Der Netto. Der Olle. Und mich würde das freuen, denn nichts ginge an Lebensqualität verloren im Viertel, nichts. Wenn dann noch der Edeka hinterher stirbt, weil es zu viele Väter im Kiez gibt, die seine Verantwortlichen verprellt haben, dann kann es was werden hier. Dann geht es aufwärts mit der Gegend.