Gedankensudelei 05/19

Gestern früh sah ich einen Typen in der S-Bahn ohne Smartphone vor sich. Was stimmt mit dem nicht?

Dafür fuhr ich am nächsten Tag in der U8 Richtung Hermannplatz und hatte keinen Stinker im Wagen. Normalerweise habe ich in diesen Zeiten immer einen. Oft auch zwei.

Große Aufregung in den traurigen Resten des Blätterwalds: Twitter hat Sawsan Chebli für einen Tag gesperrt, weil sie irgendwas getwittert hat. Lesen Sie nächsten Monat: Sawsan Chebli hat sich beim Aufstehen aus dem Himmelbett den kleinen Zeh am Bettpfosten geprellt. Und im Juli die große Serie über die heißesten Tweets nach der Restauration des gesperrten Accounts unter anderem mit folgenden Unglaublichkeiten: Ihr brach der Absatz vom Schuh, weil die dämlichen Männer den Bürgersteig hinter dem roten Teppich mit voller Absicht nicht stolperfrei gehalten haben. Und: Ein von der Opposition dressierter Vogel hat ihr auf den Lederkoffer geschissen. Und sowieso ist der Sommer in diesem Naziland einfach zu warm und die Klimaanlage in der scheiß Senatslimousine zu kalt. Fuck Patriarchy.

Ich finde es toll, dass die Partei des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes in letzter Zeit bevorzugt in den Genuss ihrer eigenen Medizin kommt.

Einen Schriftzug an einer Häuserwand gesehen: Vergessen frei zu sein.

Am meisten geklickt in den letzten Wochen auf diesem belanglosen Ding hier: Der Trip nach Strasbourg mit unfassbaren 16 Klicks.

Wider Willen geärgert: Edeka hat im Mai einen vulgärfeministischen Werbespot veröffentlicht, der allen Vätern pauschal in guter alter männerfeindlicher Werbetradition mal eben als Komplettversager voll vor den Koffer kackt. Gut, das ist nichts Neues und insofern kein Stück innovativ, jedoch ist die Qualität der offenen Verachtung inzwischen eine ganz neue und dass mich hier einfach mal so ein markbeherrschender Konzern verhöhnt, dem ich immer schon jede Woche für 70 bis 90 Euro Dinge abgekauft habe, ist auch neu. Gut, Edeka ist eh zu teuer, deswegen nutzt der nutzlose Vater die Gelegenheit und fährt in Zukunft ein paar Straßenbahnstationen zu Rewe.

Raaaaaah. Die Hölle tut sich auf. Die Temperaturen steigen auf über 20 Grad und die Prenzlauer Berg-Mütter kramen sofort ihre zerfaserten Birkenstockpantoffeln aus dem Schuhschrank und ziehen die Dinger auch noch an. Und ich könnte wieder im Minutentakt reihern ob der ganzen hässlichen Füße, mit denen sie die Optik der Welt verpesten.

By the way: Es gibt Birkenstockpantoffelfetischisten. Doch doch. Gehen Sie mal auf Pornhub und tippen Birkenstock in das Suchfenster. Sie werden überrascht sein.

Berlins Verelendung im Mai: Ich traf eine zerrissene Frau, die in einem Mülleimer kramte und die Flüssigkeitenreste aus Flaschen und einem Pappbecher soff. Ich habe ihr einen Schein gegeben, den sie nahm und von dem ich hoffte, dass sie sich ein ordentliches Getränk dafür kaufen würde. Nur Stunden später habe ich einen zerrissenen Typen gesehen, der Kippenreste aufsammelte. Ich habe angeboten, ihm Tabak zu kaufen. Er wollte nicht. Sammelt lieber Kippen. Ich habe das Gefühl, dass meine Stadt schleichend noch mehr verwahrlost als sie immer schon war.

Wenn Sie mit einem Geschäftspartner im Brauhaus Lemke am Alexanderplatz essen und trinken wollen und für den englischsprachigen Gast freundlich auf deutsch um eine englischsprachige Menükarte bitten, kann es sein, dass Sie von der Frau, die Ihren Tisch betreut, übellaunig und toxisch angekoddert werden: „Ach so, ja, mein Fehler, dass ich in der deutschen Hauptstadt eine deutsche Menükarte bringen wollte.“ Wer stellt sowas ein? Steht es so schlimm im Gastrogewerbe? Muss man jetzt schon solche Menschen dort anheuern?

Von Freunden gesagt bekommen: Ich sei Wirkungstrinker. Das stimmt.

Pop Pop Pop Pop Pop Pop Pop Pop. Klonk. Schepper. Flutsch. Puk. Was ist das für eine Geräuschfolge? Völlig klar: Eine Frau beim Sex, die mit dem Fuß eine Vase vom Nachttisch wirft, unvermittelt aufsteht und die Vase wieder hinstellt. Versteh ick nich, sowas.

Schönen Gruß an den Typen, der an der Fischbude vor Kaufland an der Storkower Straße einen „Brassering“ bestellte. Also einen Brathering. Mit Tea-Age. Lustig? Nein. Nicht lustig. Weil er noch viel mehr gelabert hat. Über seinen Hund. Die deutsche Polizei. Den Namen des Fischbutzeninhabers (Andy). Und ich hatte Hunger und konnte nicht bestellen. Wegen des Lallers.

Es ist offenbar Europawahl und die hässlichsten Menschen auf Wahlplakaten hat heuer die SPD. Das überrascht. Sonst sind es immer die Grünen, die so unfassbar hässliche Menschen aufbieten, dass ich fast Mitleid bekomme. Nicht dass wir uns falsch verstehen, die Menschen auf Plakaten der Grünen sind natürlich auch alle wie gewohnt unfassbar hässlich, aber die SPD hat offenbar ein Gruselkabinett geplündert und die Politplakathässlichkeit in ganz neue Sphären geschossen. Egal. Wir kriegen auch die alimentiert. Ist kein Ding. Zahlen wir. Alle, die da bald sitzen werden.

DJ Ötzi hat den Partisanenhit „Bella Ciao“ geschändet. Gibt es so etwas wie Stimmbänderkrebs? Und kommt der, wenn man sich den sehr wünscht?

Phil Collins ist immer noch nicht tot.

Bei Netflix gesehen habe ich die sechste und finale Staffel House of Cards, nachdem der Gendermob Kevin Spacey in den Orkus und Robin Wright auf den Thron gespült hat. Furchtbar. Durch die ganze Staffel zieht sich das bierernste Genderthema so subtil wie ein Flammenwerfer. Es sind acht quälende Folgen vulgärster Brachialfeminismus, quasi als gesellschaftstheoretischer Fistfuck. Worum es geht? Frauen Frauen Frauen Frauen. Und Frauen. Sind die Besten. Aber trotzdem die Unterdrücktesten, selbst wenn sie Präsidentin sind. Und überall diese widerlichen alten weißen Penisse als das übliche Böse. Was sie da aufgeboten haben, war ein Schatten der ersten fünf großartigen Staffeln. Nur noch ein Heuler. Und langweilig auch. Ich habe nebenher ein Buch gelesen und Netflix das Ding zuende laufen lassen, damit es aus meiner Timeline verschwindet.

Beim Konzert gewesen: Lacrimosa. Emopathos. Und so Emozeug mag ich eigentlich. Ich bin so suizidal, dass mich alleine diese Musik davon abhält, endlich mal von irgendeinem Dach oder vor irgendeinen Zug zu springen. Was mich irgendwann doch noch zum Suizid treibt, ist der Geruch dieser Gestalten auf diesen Konzerten. Pachouli. Warg. Stirbt wohl nie aus. Baden die hochtoupierten Sekretärinnengesichter, die sich für den Abend mal schnell ins Lederkorsett gequetscht haben, immer noch alle in dem Zeug? Mir wird davon so schlecht wie von der unfassbar grottigen Vorband namens Kartagon. Das klingt nicht nur wie ein Epilepsiemittel, das fühlt sich auch so an. Auf der Bühne tanzte ein übergewichtes Sparkassenangestelltengesicht ekstatisch zu billigen Synthiebeats und forderte das weißgesichtige Publikum zum Mitklatschen auf, was die auch noch taten. Ich musste rausgehen, um mich zu ritzen, denn es war schlimm.

Noch ein Konzert: The Movement im Cassiopeia. The Movement sind astreine Kommunisten und ich bewundere das. Die erhobenen Fäuste und die Fidel Castro-Sequenzen zwischen den Songs wirken ein wenig aus der Zeit gefallen, aber die Jungs stehen zumindest für etwas und ich erkenne das an. 14 Euro kam das Konzert für drei Bands und das war mir so unangenehm billig, dass ich ein Poster mit Widmung gekauft habe, für das die Jungs kein Geld wollten, was ich ihnen aber trotzdem gegeben habe, damit das Kommunistenposter jetzt in meinem Büro in meinem erzreaktionären Borgwürfel hängt, was aber die Welt auch nicht besser machen wird. Die Jungs sind persönlich beeindruckend nett und integer. Sie sammeln seit 20 Monaten Geld für einen Tourbus und haben noch nicht mal ein Viertel der popeligen 6.500 Euro zusammen. Ja, nun, es tut mir ja leid, aber Kommunismus funktioniert eben nicht. Das finde ich ja auch schade, aber es ist so.

Mampf. Gegessen habe ich wie folgt:

Sushi Circle, Mitte: Fress Fress Fress Fress läuft das Sushi auf Tellern das Laufband entlang. Mampf Mampf Mampf Mampf 120 Euro. What? So viel? Öhm, kann ich umswitchen auf drei Mal den All you can eat-Preis? Ja. Kann ich. Sehr nett. Sind dann nur 80 Euro statt 120 für drei. Und gutes Zeugs machen sie hier. Nur ist ein Laufband mit Essen ohne Ende nichts für einen Menschen ohne Maß und Sinn für Selbstdisziplin. Für mich ist das nix. Es artet immer aus.

Kreuzberger Himmel, arabisch, Kreuzberg: Ein Lokal, in dem sie syrische Flüchtlinge (nein, ich lasse mir kein neues Vokabular diktieren) beschäftigen. Das läuft gut. Sehr gut sogar. So kann es klappen. 5 Personen, 100 Euro.

Burgers Burgers, Prenzlauer Berg: Eine der fünfhundettausend Burgerbutzen. Wie immer schwarz gehalten, wie immer Biofleisch, wie immer Fritz Kola, Vollbärte, Dutts, Holzfellerhemden und so weiter. Null Innovation, dafür kein Können. Der Cheeseburger fällt, da hier auch wieder das Fleisch nicht ordentlich abgetupft wird, in sich zusammen und ich sehe danach aus wie ein Schlächter, der gerade einen Kopf vom Rumpf getrennt hat. Auf dem Teller versammeln sich neben den grausigen, labberigen und nicht gut frittierten Pommes die Inhalte des Burgers, Tomaten, Gurken, Stücke von Käse, Soßen, ein haptisches Elend. Derdiedas Blog da hält das für den besten Burger der Stadt. Nein. Isser nich. Bitte wieder zumachen. Euch braucht es nicht. 2 Personen, 25 Euro.

Sardinen Bar, Schöneberg: Tjo. Eine Bar, in der sie Sardinen aus der Dose servieren. Endlich mal Innovation. Für sowas mag ich Berlin fast schon wieder. Das Ganze war überraschend okay. Teuer, aber okay. Vermutlich komme ich billiger, wenn ich mir das Zeug aus Portugal einfach kartonweise im Internet bestelle. Der Laden wird betrieben von einem netten Typen, von dem ich überzeugt bin, dass er damit nicht durchkommt. So ein Ding trägt nicht dauerhaft und irgendwann hat jeder Neugierige das Gimmick mal durch. Ich muss es auch nicht zwingend noch einmal haben. Dann lieber – sorry – im Internet bestellen. Für viel weniger als die 120 Euro für vier Personen.

Zum Würfel II, Currywurst, Tegel: Es ist Frank Zanders Currybutze. Gut. Ja. Gut. Nur am Arsch der Welt. Null Lage. Null Laufkundschaft. Und zu teuer. 1 Person, 12 Euro. Pommes, Currywurst, Bolätte. Cola. Naja. Weddingweiser dazu.

La bonne franquette, französisch, Mitte: Mittekack. Gelangweilte reiche Werbeschnepfen, großmäulige US-Amerikaner, die breitbeinig auf den Stühlen fläzen und durch den Raum brüllen. Wo ich hinschaue blöder internationaler Jet Set, der sich mit einem Schnippen die 50-Euro-Flasche auf den Tisch bestellt. Ich will eine Currywurst. Mitte ist ein von Berlin längst abgekoppeltes Raumschiff und hoffentlich kommen irgendwann mal die Romulaner und schießen das Ding ab. Essen gut, Personal gestresst, aber nett, Publikum eine Zumutung. 2 Personen, 90 Euro. Bloß nicht nochmal.

Hindi, indisch, Treptow: Endlich mal ein guter Inder. Suppe, zwei Lassi, Brot, Hauptgang, satt. 2 Personen, 20 Euro. Wie rechnet sich das? Versteh ick nich.

Poke Pelelina, hawaiianisch, Prenzlauer Berg: Hyper Hyper Hawaiianisch. Empfohlen mal wieder von dort. Ich hasse ja die Vokabel „überbewertet“, aber dieser neue ganz heiße Scheiß ist überbewertet. 2 Personen, 25 Euro.

Bei Lydia, russisch, Mitte: Wer Geheimtipps weitererzählt ist doof. Recherchieren Sie selber wo das Ding ist. Lydias Butze sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Späti, doch sie kochen dort. Und wie. Besser als Fedora am Ring Center Frankfurter Allee, bei dem ich sonst mittags gerne russisch esse. Und günstiger. 6,90 Euro pro Person = satt.

Restaurant Tim Raue, asiatisch, Kreuzberg: Okay. Der Gipfel ist erreicht. Besser als dort werde ich wohl nie wieder essen. Es ist Kunst. Kompositionskunst. Meister kochen dort. Ich hatte schon die Befürchtung, wir wären die ersten Gäste, die bei Tim Raue rausfliegen, da wir ob der fünf Flaschen Wein so gesellig wurden, dass verschrumpelte russische Oiligarchengattinnen an ihren Fensterplätzen schon ganz schief kuckten. Doch wir blieben bis sie zugemacht haben und die letzte russische Oligarchengattin in ihr dummes Taxi gestackst ist. 9 Gänge + diverse Überraschungen, Wein, Sake, Schnaps. Vier Personen, 1.390 Euro. Ja, ich weiß, ich weiß ja, ich weiß es doch selber. Sagen Sie jetzt nichts.

Amici Amici, italienisch, Kreuzberg: Ich mag den kleinen Ableger „Amici Amici to go“, hier empfohlen und herausragend beschrieben, mit diesen kleinen frisch im Ofen gebackenen Focacciateilen perfekt für die Mittagspause. Wenn der kleine gut ist, ist der große nebenan vielleicht auch gut, dachte ich mir. Isser nicht. Verschlumpft und zu teuer. Wenn Sie zu zweit essen, kann es sein, dass zwischen dem Servieren der beiden Hauptgänge zwanzig Minuten liegen. Schwach. Und zu teuer für mittelmäßige Pizza und Nudeln. Zwei Personen, Pizza, Nudeln, Wasser, Wein, 90 Euro.

Streetfoodscheiß gab es auch. Ein Truck namens „O&Bamaas“ auf dem Biohöllenparadieswochenmarkt am Kollwitzplatz. Können sie vergessen, das Ding. Nicht weniger zu doof, das Fleisch abzutropfen, so dass sich das neun Euro teure Angusfleischburgermachwerk komplett in kleine Teile zerlegt und ich vom Kinn bis zu den Händen vollgematscht bin. Teuer und furchtbar. Kollwitzplatz eben. Passt da gut hin. Und braucht kein Mensch.

Gesoffen habe ich auch. Ich hatte so die Schnauze voll von den ganzen berlinmittigen Flammkuchen-Craftbier-Vollbart-Müttergenesungspuffs hier in der Gegend und bin in Höhers Gaststube in der Rhinower Straße versumpft. Kein Link, da keine Webseite. Es ist eine gute alte Bierschwemme wie früher. Kein Rucola. Kein Kirschbier. Keine Vollbärte und keine Dutts. Sechs Bier. Vier Whisky Cola. Die ich später alle vor den Biomarkt neben dem Colosseum Kino gekotzt habe. Groß.

Das war der Mai. Mehr war nicht.