Scheißhausguerilla

Sie können im Borgwürfel, meinem fantastischen Arbeitgeber und Füllhorn voller Liebe und Zuneigung, natürlich nicht offen opponieren. Opposition ist Mist. Wenn Sie Opposition sind, sind Sie auf der Abschussliste. Wie im echten Leben werden Sie erst systematisch separiert und dann kleingemacht. Zuletzt aussortiert. Wenn Sie nicht vorher entnervt und seelisch ruiniert das Feld räumen. Nein. Das ist keine Option.

Ich bin der große Schweiger. Ich beziehe keine Position. Für nichts. Gegen nichts. Ich bin glatter als die Merkel. Und das System Merkel funktoniert. Ich weiß das, denn ich habe es adaptiert. Niemand weiß, was hinter mir steckt. Was ich denke. Meine. Vorhabe. Wer wenig sagt, wirkt geheimnisvoll, interessant, unberechenbar. Und immer besser als er ist. Bei so einem sind die Leute lieber vorsichtig. Besser nicht anlegen mit dem Typen, wer weiß wen der kennt. Was der kann. Wen der wo in die Spur schicken kann, um mir zu schaden. Man weiß so wenig. Weißt du was? Über den Zimmermann? Nein? Warum nicht? Warum weiß man nichts über den? Weiß der Pawlowski vielleicht irgendwas? Frag den mal.

Sowieso: Den ganzen Tag lang werden Gerüchte gestreut. Geschichten erzählt. Privates unter dem Siegel der brüderlichen Verschwiegenheit weitererzählt. Vorwiegend in der Teeküche. Tasse in der Hand. Lästereien am Fließband. Die fickt mit dem. Und kriegt den Extrabonus fürs Ficken, nicht fürs Können. Der Vorstandsassistent ist latent schwul und fickt den Praktikanten. Müller hat ein behindertes Kind (gebräuchlicher Terminus: Mongo, aber nur wenn Müller nicht da ist. Ist er da, setzen Leute, die eben noch Mongo sagten, sehr gekonnt ein betroffenes Gesicht auf und heucheln Beistand). Schäfer ist ein heimlicher Säufer. Funke hat zuhause eine nutzlose drogensüchtige Ehefrau auf dem Sofa vor sich hin vegetieren. Außerdem vebreitet sein Sohn rechtsradikale Verschwörungstheorien auf YouTube. Bam Bam. Ein Ding jagt das nächste. Skandale. Intrigen. Kreuz-und-Quer-Fickereien. Alles dabei. Und nein, ich separiere mich nicht, ich nehme teil, nehme zur Kenntnis, sauge die Dinge auf, registriere, dass sie eine Positionierung erwarten. Dass ich mich einreihe. Doch ich schaue nur. Nehme die Dinge zur Kenntnis. Das irritiert. Und dann erzählen sie vor lauter Verunsicherung noch mehr solche Dinge.

Es ist ein Irrtum, dass die Herde Sie meidet, wenn Sie nicht mitsabbeln. Stimmt nicht. Im Gegenteil findet ein Wettbewerb statt, wer Ihnen am meisten erzählt. Ihre Meinung hat Gewicht, weil Sie sie so selten äußern. Der Respekt steigt kurioserweise, je schweigsamer Sie sind, wenn auch nur bis zu dem Punkt, an dem Sie zum Freak werden. Zum Sonderling. Das sollten Sie vermeiden, also sind gelegentliche Meinungsäußerungen notwendig. Hierfür bietet es sich an, irgendetwas Banales zu verstärken, der Nieselregen heute morgen war unangenehm, die Umstrukturierung wird zu Verwerfungen führen, neue Schuhe können Blasen nach sich ziehen, oh was bin ich müde heute.

Heute fahndet die Teeküchenclique nach dem Typen, der auf dem Scheißhaus das Klopapier verkehrt rum hängt. Seit Jahren macht der das. Und seit Jahren nervt es die Teeküche, dass der das macht. Manche lässt das komplett wahnsinnig werden. Besonders die Pedanten aus der Buchhaltung, die fünf Wochen für eine räudige Spesenabrechnung brauchen. Diese Korinthenpuler sortieren die Kugelschreiber auf ihren Schreibtischen in rechten Winkeln nach dem Alphabet der Vertriebsdrücker, die hier ein und aus gehen und ernsthaft denken, ihre Kugelschreiber würden zu mehr Aufträgen führen. Tun sie nicht. Sie führen zu einer rechtwinklichen Anordnung auf den Schreibtischen der Buchhaltung. Und diese Pedanten leiden wie Hunde unter dem Klopapierspuk.

Ich nahm das bisher wie alles andere stoisch zur Kenntnis. Jeder hat seinen schwachen Punkt. Der eine leidet unter schmutzigem Geschirr im Spülbecken, der andere unter der dauernd abgelaufenen Kaffeesahne im Kühlschrank, wieder ein anderer darunter, dass ihm ständig einer den Joghurt klaut und die Schlümpfe aus der Buchhaltung haben eben ihr Klopapierproblem. So trägt jeder sein Päckchen. Ich zum Beispiel mag stundenlange Meetings nicht. Trotzdem finden sie statt.

Als der großmäulige Marketingsprallo, der König der Teeküchengerüchte, der sich für Gottes Geschenk an die Chefetagen von Oberbaumcity hält und den ich einmal sogar mit Bommelslippern (Bommelslipper! Wir haben 2019, meine Güte…) im Borgwürfel gesehen habe, fallenlässt, dass ihn das mit dem verkehrten Klopapier total ankotzt, weil er es jedes Mal mühsam aus dem Abroller holen und umdrehen muss, wird mir klar, dass das mit dem Klopapier eine tolle Guerillataktik ist, um Leute zu nerven, die ich nicht mag.

Deshalb mache ich jetzt mit. Wir sind jetzt zwei. Die das Klopapier falsch herum in den Abroller hängen, um Leute in den Wahnsinn zu treiben, die ich nicht leiden kann. Und ab nächste Woche lasse ich zuhause Kaffeesahne ablaufen und stelle sie in den Kühlschrank. Neben der Plastikschale mit dem Thai Curry vom U-Bahnhof, auf dem ich mit viel Liebe seit April drei verschiedene Schimmelkulturen gezüchtet habe. Ich bin der Guerillamann. Euch krieg‘ ich. Euch stress‘ ich. Und dann schaue ich auf dem Zenit der Empörungswelle mit der Kaffeetasse in der Hand wieder ganz wertneutral. Und ihr kriegt mich nicht. Nein. Ihr kriegt mich nicht. Ich bin so glatt. Ich bin Telfon. Ich bin die Merkel vom Borgwürfel.